Bernanke’s Märchenstunde

von am 10. Februar 2011 in Allgemein

Gestern gab US-Notenbankchef Ben S. Bernanke vor dem Haushaltsausschuss des Repräsentantenhauses einen Ausblick auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Geldpolitik. Teil der Märchenstunde war, dass die Inflation niedrig ist und die längerfristigen Inflationserwartungen stabil geblieben sind. Natürlich bemühte er auch die berühmte Kerninflation (die aus dem richtigen Leben – ohne Nahrungsmittel und Energie) von nur +0,7% im Jahr 2010. Im “bemerkenswerten” Rückgang der Arbeitslosenquote im Dezember und Januar sah er gar einen Grund für Optimismus am Arbeitsmarkt.

In der Realität zeigte der Arbeitsmarktbericht nur eine sinkende Arbeitslosenquote durch die Saisonbereinigung an. Einer saisonbereinigten Arbeitslosenquote von 9,0% (-0,4% zum Vormonat), stand ein Anstieg der unbereinigten Arbeitslosenquote von +0,7% zum Vormonat auf 9,8% gegenüber! Bernanke beruft sich bei seinem Optimismus auf die bekannten statistischen Spielereien des Bureau of Labor Statistics (BLS). Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote U-3 wird aus dem Verhältnis der saisonbereinigten Daten, der Arbeitskräfte die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen (Civilian Labor Force Level) und den Beschäftigtenzahlen (Employment Level) errechnet. Diese Zahl lässt sich ganz einfach beschönigen, in dem man Millionen Arbeitsfähige ab 16 Jahre in Not in Labor Force schiebt, weil sie angeblich nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Einen sehr “glaubwürdigen” Posten von Not in Labor Force (Allzeithoch), lieferte der Januar mit saisonbereinigten mit 85,518 Millionen Arbeitskräften, die dem Arbeitsmarkt angeblich nicht zur Verfügung standen, darunter 53,684 Millionen Arbeitsfähige in einem Alter zwischen 16 und 64 Jahren.

Nimmt man die Arbeitskräfte, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen (Civilian Labor Force Level) und setzt diese in Verhältnis zu allen Arbeitsfähigen ab 16 Jahre (Civilian Noninstitutional Population) erhält man die Erwerbsquote (Civilian Participation Rate). Die Erwerbsquote markierte im Januar 2010 jedoch ganz im Gegensatz zu Bernanke’s vermeintlichen Optimismus ein 26-Jahrestief:

Die saisonbereinigte Erwerbsquote (Civilian Participation Rate) seit Januar 1980 im Chart. Sie markierte im Januar 2011 mit 64,2% den tiefsten Stand seit März 1984! Im Chart die Daten seit Januar 1980. Bei der unbereinigten Erwerbsquote ging es sogar auf 63,9% abwärts!

Schaut man die puren Beschäftigtenzahlen an, kann einem schlecht werden, angesichts der Billionen Dollar die Notenbank und Staat ins System gepresst haben und dem erbärmlichen Beschäftigungseffekt der damit erzielt wurde:

Im Januar 2011 stiegen die saisonbereinigten Beschäftigtenzahlen (rot) um +117’000 auf saisonbereinigte 139,323 Millionen. Beim Hoch im November 2007 waren 146,484 Millionen beschäftigt! Die Zahl der unbereinigten Beschäftigten (blau) betrug im Januar 137,599 Millionen, ein Rückgang von -1,465 Millionen, wohlgemerkt zum Vormonat! Zum Beschäftigungstief im Januar 2010 mit unbereinigten 136,809 Millionen beträgt der Abstand nur +790’000!

In der breiter gefassten Arbeitslosenquote U-6 erscheinen zusätzlich die Arbeitnehmer in Teilzeit, welche aber einen Vollzeitarbeitsplatz suchen, die marginal und geringfügig beschäftigten Arbeitnehmer und die sogenannten entmutigten Arbeitnehmer, welche nicht nachgewiesener Weise einen Arbeitsplatz im 1-Monats-Erhebungszeitraum suchten! Spannend wird es, wenn man sich hier die unbereinigten Daten der Arbeitslosen und Erwerbsfähigen ohne adäquaten Job in U-6 ansieht:

Die unbereinigte Zahl der Arbeitslosen und Erwerbsfähigen ohne adäquaten Job, stieg im Januar 2011 laut BLS auf 27,917 Millionen und damit auf den höchsten Stand seit März 2010, nach 27,129 Millionen im Dezember 2010, nach 26,765 Millionen im November, nach 26,132 Millionen im Oktober und nach 26,525 Millionen im September! Optimismus?

Bernanke sollte sich zur Einschätzung der Lage, die Entwicklung der Arbeitskräfte in Not in Labor Force, die bei der Ermittlung von Arbeitslosenquote und Arbeitslosenzahl praktischerweise keine Rolle spielen (Dank der BLS-Münchhausen-Statistiken) ansehen:

Die Zahl der saisonbereinigten, dem Arbeitsmarkt nicht zu Verfügung stehenden Arbeitskräfte (Not in Labor Force) seit Januar 1990 im Chart! Im Januar 2011 wurde ein neues Allzeithoch mit 85,518 Millionen Arbeitskräften erreicht, die dem Arbeitsmarkt angeblich nicht zur Verfügung standen, ein Anstieg von +319’000 zum Vormonat und von +2,039 Millionen zum Vorjahresmonat! Unbereinigt (not seasonally adjusted) waren sogar 86,168 Millionen in Not in Labor Force, ein Anstieg zum Vorjahresmonat von +2,292 Millionen! Seit Juli 2009 verschwanden mehr Arbeitsfähige in Not in Labor Force, als die Bevölkerungszahl zunahm.

Anstelle von Wertschöpfung und Jobs und den wichtigen Einkommen daraus, generiert die Geldpolitik der niedrigen Zinsen (der Leitzins liegt immer noch bei historisch niedrigen 0,0-0,25%) und von Quantitative Easing I und II (Aufkauf von Vermögenswerten durch die Notenbank) neue Spekulationsblasen und leider nicht nur an den Aktienmärkten. Angetrieben von ausufernder Liquidität der Finanzmarktteilnehmer (Banken, Investmenthäuser, Hedgefonds usw.) schießen auch die Rohstoffe nach oben, besonders verwerflich auch die der Agrarrohstoffe. Vom akademisch abgehobenen Standpunkt der Kerninflationsrate mag dies kein Problem sein, aus Sicht hunderter Millionen armer Menschen auf der Welt, ist es ein Verbrechen.

Der CRB Spot Index mit den Monatsdaten seit Januar 1948 bestehend aus 22 Rohstoffen, wie Kupfer, Blei, Stahl, Zinn, Zink, Jute, Baumwolle, bedruckte Stoffe, Wolloberseite, Kolophonium, Häute, Schweine, Schmalz, Rinder, Talg, Butter, Sojaöl, Gummi, Kakao, Mais, Weizen (Kansas City),  Weizen (Minneapolis) und Zucker. Gestern schloss der CRB Spot Index auf einem neuen Allzeithoch mit 564,94 Punkten!

Der CRB Foodstuff Subindex bestehend aus Mais, Weizen (Kansas City), Weizen (Minneapolis), Zucker, Sojabohnenoil, Butter, Schmalz, Schweinen und Rindern. Gestern schloss der Index mit 499,31 Punkten auf Allzeithoch!

Der nominale monatliche FAO Food Price Index seit Januar 1990 im Chart. Im Januar 2011 stieg der Index um +3,4% zum Vormonat und um +28,3% zum Vorjahresmonat! Die Food and Agriculture Organization of the United Nations ermittelt den FAO Food Price Index aus 5 Sub-Indizes (für Getreide, Pflanzenöle und -fette, Milchprodukte, Zucker und Fleisch), welche insgesamt 55 einzelne Nahrungsmittel abbilden.

Die Entwicklung des Mais Future in US-Cent. Der Future (Endloskontrakt) schloss gestern bei 6,97 Dollar je Scheffel (1 Scheffel=25,4 kg).

Die Entwicklung des Sojabohnen Future in US-Cent. Der Future (Endloskontrakt) schloss gestern bei 14,52 Dollar je Scheffel (1 Scheffel=27,2 kg).

Die Entwicklung des Weizen Future in US-Cent. Der Future (Endloskontrakt) schloss gestern bei 8,875 Dollar je Scheffel (1 Scheffel=27,2 kg).

Der Rohreis Future (Endloskontrakt CBOT), besonders relevant als Grundnahrungsmittel Nr. 1 in Asien mit rund 150 kg Verbrauch pro Kopf der Bevölkerung im Jahr! Gestern notierte der Reis Future bei 16,30 Dollar je 100 amerikanischen Pfund (45,359 kg).

Die Entwicklung des Zucker Future in US-Dollar. Der Future (Endloskontrakt) schloss gestern bei 31,78 Dollar je Pfund (1 Pfund=0,45 kg).

Die Entwicklung des Baumwolle Future in US-Cent. Der ICE-Future (Endloskontrakt) schloss gestern bei 181,89 Cent  Dollar je amerikanischen Pfund Baumwolle (1 Pfund 0,45 kg).

Im Chart der Palm Oil Future seit 2006, gehandelt in Malaysia. Gestern notierte der Future bei 3967 Ringgit (MYR), dies entspricht 1304 Dollar je Tonne Palmöl. In Indonesien und Malaysia werden ca. 85% der Weltproduktion an Palmöl erzeugt.

“Die Inflation ist in den USA sehr, sehr gering”, bestätigte Bernanke noch mal seinen Ausblick aus dem “The Economic Outlook and Monetary and Fiscal Policy”, in der anschließenden Fragestunde des Haushaltsauschuss. Angesichts der Preisentwicklungen bei den Rohstoffen und einer grassierenden Assetpreisinflation an den Aktienmärkten, eine doch sehr fragwürdige Sichtweise. Die FED bleibt der verfehlten Geldpolitik eines Alan Greenspan treu, den vermeintlichen Wealth Effekt (Vermögenseffekt) durch eine laxe Geldpolitik anzufeuern. Dabei war die laxe Geldpolitik selber eine der Ursachen die zur Finanz- und Wirtschaftskrise führte. Weiter gießt man Benzin ins Feuer und versorgt die spekulativen Marktteilnehmer mit Kredit nahezu zum Nulltarif, die wiederum mit dem billigen Geld die Preise an Aktien- und Rohstoffmärkten nach oben treiben. So ergibt sich ein gewisses Déjà-vu zu 2008, sehr wahrscheinlich wird dieses Spiel solange getrieben, bis es zu einem abrupten Nachfrageeinbruch in Folge der hohen Preise kommt und damit zu rezessiven Folgen für die Wirtschaft.

Es steht außer Frage, dass der spekulative Future-Handel die Preise an den Spotmärkten für Agrarrohstoffe nach oben treibt. Die Funktion von Terminkontrakten als Absicherung für Produzenten ist schon lange in den Hintergrund getreten. Nahezu 97% aller Transaktionen im Future-Handel werden vor Fälligkeitsende glattgestellt bzw. in den nächsten Kontrakt gerollt und damit wird keine Ware ausgeliefert. Auch der hohe Hebel bei den Termingeschäften macht  den Handel als reines “Geld”-Geschäft attraktiv. Niemand muss heutzutage die Nahrungsmittel in Lagern zurückhalten um die Preise zu treiben, dies geschieht über den Terminmarkt und löst dann die Arbitrage zum Spotmarkt aus.

“Spekulanten bilden die Blase, die über allem liegt. Mit ihren Erwartungen, ihren Wetten auf die Zukunft treiben sie die Preise, und ihre Geschäfte verzerren die Preise, vor allem im Rohstoffbereich. Und das ist so, als ob man in einer Hungerkrise heimlich Lebensmittel hortete, um mit den steigenden Preisen Profite zu machen.” George Soros

Eine unverantwortliche Liquiditätsausstattung der Finanzmarktakteure durch die FED trifft auf ein sich verknappende Angebot bei Agrarrohstoffen, ausgelöst durch eine höhere Nachfrage (weltweites Bevölkerungswachstum) und schlechteren Ernten durch extreme Wetterunbilden.

Die Geldpolitik der FED ist ganz auf den dominierenden Finanzsektor ausgerichtet, Ziele einer sozialen Marktwirtschaft hat man schon lange aus dem Auge verloren!

Aktuell heute 17:30 Uhr: Zucker +4,2%, Baumwolle +3,9%, Kakao +3,8%, Mastschweine +2,5%, Lebende Rinder +1,0%, Mais: +0,8%.

„Wir brauchen eine strenge Aufsicht des ganzen Bankenwesens, der Kredite und der Investitionen, so dass die Spekulation mit dem Geld anderer ein Ende hat und wir brauchen Vorkehrungen für eine adäquate und solide Währung…Die Maßnahmen der Wiederherstellung hängen davon ab, in welchem Maße wir soziale Werte anwenden, die edler sind als monetärer Profit…Die Wiederherstellung jedoch verlangt mehr als nur eine veränderte Ethik. Diese Nation fordert Taten und sofortige Taten. Unsere größte Hauptaufgabe ist es, die Menschen in Arbeit zu bringen…“
Franklin Delano Roosevelt, in seiner ersten Rede als 32. Präsident der USA am 4. März 1933

Quellen Daten: Federalreserve.gov/Newsevents/Bernanke vor dem Haushaltsausschuss, Crbtrader.com/crbdata, Eoddata.com

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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