Crash-Training 2013: Blasen sind Krisen, die niemand sieht

von am 28. Januar 2013 in Allgemein

Charles Dallara, seit vielen Jahren Leiter des Institute of International Finance (IIF), sieht an den Finanzmärkten die nächste Krise aufziehen. Er hat keinen einzelnen spezifischen Grund dafür, sondern ein ganzes Set von Gründen:

Ob europäische Schuldenkrise, US-Schuldenkrise, Japan-Krise oder die wackelige Weltwirtschaft – all diese Probleme seien nach wie vor ungelöst und die Regierungen der führenden Industriestaaten erwiesen sich zunehmend als inkompetent, passende Antworten darauf zu finden. Über die Folgen der US-Geldschwemme und des europäischen Durchwurstelns für den Rest der Welt mache sich dabei kaum jemand Gedanken. Mit ihrer historisch wohl einmalig lockeren Geldpolitik würden die Notenbanken derzeit dafür sorgen, dass es an den Märkten ruhig bleibe. Damit verdeckten sie die Probleme nur und so könne das nicht ewig weitergehen. “Die Märkte bleiben lange Zeit zu entspannt, um dann überzureagieren“, so Dallara. Doch die unsicheren Aussichten angesichts der vielen ungelösten Probleme “werden sehr wahrscheinlich bald ein Grund zur Sorge für die Finanzmärkte werden“. (1)

Bill Gross von Pacific Investment Management Co. (Pimco) bleibt nicht bei der Analyse der aktuellen Situation stehen, sondern zieht daraus seine Schlüsse. Aus seiner Sicht befinden sich die großen Wirtschaftsnationen in einem Abwertungswettlauf, um ihre Wirtschaft in Schwung zu bringen. Er nennt es Währungskrieg. Deswegen erinnert ihn die gegenwärtige Situation an die in den 1930er Jahren, andererseits aber wohl auch wieder nicht: “Der allzu großzügige Umgang der Notenbanken mit ihrem Scheckbuch wird unweigerlich zu Preissteigerungen und einer Abwertung der Währungen führen“, meint er. (2)

Und dann flackern gerade jetzt auch wieder Probleme auf, die fatal an die Zuspitzung der US-Hypothekenkrise und den Finanzmarkt-Crash nach der Lehman-Pleite erinnern. Italiens drittgrößte und zugleich die weltweit älteste Bank, die Bank Monte dei Paschi (BMPS), hat mit auf italienische Staatsanleihen bezogenen Derivaten 720 Millionen Euro Verlust gemacht, woraufhin die Anleger in Scharen aus den Aktien der Bank flohen, weil sie weitere Belastungen, eine zur Rettung notwendig werdende Verstaatlichung befürchten sowie außerdem ähnliche Probleme bei anderen italienischen Banken. (3) Ein ähnliches Problem mit Derivaten – allerdings verbunden mit Milliardenverlusten – hatte vor einigen Monaten auch schon JP Morgan Chase. (4)

Das sind alles Nachrichten aus der vergangenen Woche. Sie können als Zeichen dafür genommen werden, dass man sich auch an anhaltende Instabilität und Krisentendenzen gewöhnen kann und wir mit der Zeit lediglich das Bewusstsein für die Nähe und Ernsthaftigkeit der damit verbundenen Gefahren aus den Augen verlieren. Wir haben es verloren.

Für eine längere Zeit gab es durchaus viele Parallelen zu der Krise in den 1930er Jahren und wir meinten deswegen die Gefahren relativ gut verorten zu können, auch wenn es unterschiedliche Bewertungen gab und gibt. Doch mittlerweile bewegen wir uns auf unbekanntem Terrain. Denn das Krisengebräu hat sich aufgrund der ergriffenen Maßnahmen der Notenbanken, der Banken- und Staatsrettungen sowie voluminöser Konjunkturpakete zu etwas weiterentwickelt, für das es keine historische Entsprechung mehr gibt – auch wenn beispielsweise Harvard-Professor Kenneth Rogoff solche Entsprechungen erkennen zu können meint (5) – und auch keine passende wirtschaftstheoretische Erklärung mehr, schon lange nicht mehr.

Mit anderen Worten hat diese multiple Krise, die noch nicht einmal in allen Volkswirtschaften überhaupt als solche wahrzunehmen ist (z.B. in Deutschland), ihr „Gesicht“ verloren oder besser gesagt hat sie schon ein „Gesicht“, aber das kommt uns immer weniger bekannt vor.

Das ist besonders irritierend für all jene, die sich der Gefahren nach wie vor bewusst sind und auch der Tatsache, dass sie sich vergrößern – z.B. Charles Dallara und Bill Gross und viele andere: Für sie ist das wie ein Blinde-Kuh-Spiel irgendwo in der Nähe eines Abgrunds: Man weiß, dass er irgendwo sein muss, aber wie weit man davon noch entfernt ist, weiß man nicht. Die Tatsache, dass es so lange gut gegangen, das heißt, ein Crash ausgeblieben ist, kann für sie nur bedeuten, dass wir ihm sehr nahe gekommen sein müssen.

Dass es so lange gut gegangen ist und die Krise kein bekanntes „Gesicht“ mehr hat, erklärt die Stimmung an den Märkten. Der Aufwärtstrend entwickelt seine Zugkraft. Aber es ist zunehmend mehr eine Eigendynamik als eine auf einer realistischen Bewertung der Zukunftsperspektiven beruhende Dynamik. Doch diese Unterscheidung ist im Zuge der halb zur Normalität gewordenen, halb übertünchten Krise für die Märkte irrelevant geworden.

Fragen Sie sich einmal selbst: Ähnelt die aktuelle Situation an den Märkten vielleicht irgendwie der vor dem Platzen der New-Economy-Blase?

Wir glauben das nicht. Die New Economy war schließlich ein „Fake“, ein Schwindel. Wir wollen es nicht glauben, weil wir uns nicht vorstellen können, dass es eine Old-Economy-Blase geben könnte oder besser gesagt, was passiert, wenn sich die als „Fake“ entpuppt und platzt.

Fangen Sie damit an – nur zur Sicherheit. Denn genau das könnte der Auslöser für den nächsten Crash sein, die Old Economy, die an den Börsen notierte Realwirtschaft und nicht die seitens der Notenbanken und Politik vollversicherten Banken (wir haben ja schließlich aus der Finanzkrise gelernt). Die Kurse spiegeln deren Zukunftsperspektiven – angesichts der zahlreichen ungelösten Probleme – nicht mehr wider. Sie haben sich wahrscheinlich schon sehr weit von jener Realität entfernt, die uns tatsächlich erwartet – den Notenbanken sei´s gedankt.

von Stefan L. Eichner
Kontakt: eichner@web.de

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53 KommentareKommentieren

  • Andres Müller - 29. Januar 2013

    Herr Eicher, wiederum ein hervorragender Artikel -nur schade dass für den Fall dass Ihre Analyse stimmt, kaum viele dabei Glücklich werden können.

    Kann es stimmen dass dem Binnenmarkt durch die Abwertung bei gleichzeitigem Sparzwang sogar Geld entzogen wird, das heisst trotz Geldflutung an die Banken die Menschen sogar weniger in der Tasche haben als zuvor? Das würde etwa die Deflation in Japan erklären, und auch die seltsam niedrigen Inflationswerte in den USA und Europa. Das würde eine Art Todesspirale erzeugen -je mehr QE desto weniger Geld haben die Leute.

  • Holly01 - 29. Januar 2013

    Es ist eine Abschreibungskrise / Sicherheitenkrise.
    Das Geld zwischen Zentralbanken und Geschäftsbanken ist kein Problem.
    Das Geld zwischen Geschäftsbanken und Endkunden ist auch kein Problem.
    Das Bargeld ist ebenfalls kein Problem.
    Aber die Zinsen stehen ausserhalb aller Regulierungen.
    Bei den Zinserwartungen werden durch pures Volumen inzwischen Summen fällig, welche jede reale Vermögensbasis übersteigt.
    Da Zinsen nicht geschöpft werden, kann man sie per Bilanzverkürzung nicht verschwinden lassen.
    Es gibt nur fällig stellen und pfänden oder verzichten.
    Die USA mit ihrem Anhang plant weder noch.
    Die “Märkte” haben keine Möglichkeiten, ausser verschieben in die Zukunft und Volumen, Volumen, Volumen pumpen.
    Leider zerstören die Zinserwartungen die reale Wirtschaft.
    Ein Durchschnittsverdiener mit 30k Einkommen zahlt :
    20% Sozialabgaben,
    15% Steuern,
    42% Zinsen über Konsumzinsen, welche in den Produkten stecken,
    sind in Summe 7/9 Systemverlust.
    Viel Luft ist da nicht mehr und auch Produktivität macht da kaum noch Tätigkeiten in den “entwickelten” Volkswirtschaften möglich.
    Eigentumsbildung ist so ein schlechter Witz.
    Das System frißt sich selbst auf.
    Entweder die Zinsen werden abgeschrieben oder die Realwirtschaft wird unmöglich.
    .
    Der größte Truppenaufmarsch seit dem WK II in Arabien dort und europäischer Zugriff auf afrikanische Rohstofflieferanten hier, zeigen wo abgeschrieben werden soll.
    Damit entwickelt sich das System USA nach den Angriffen auf Japan, die Tigerstaaten, die Euroländer und das nicht Herauslassen Lateinamerikas und Afrikas aus der Schuldenfalle zu einer Willkürherrschaft, vor der niemand sicher ist.
    Ob auf dieser Basis jemand dazu bereit ist in das System per Exportüberschuss oder via Rohstoffexport noch einzuzahlen ist eher fraglich.
    .
    Deutschland hat zusammengerechnet seit dem WK II Exportüberschüsse von annähernd 3 Billionen angehäuft und auch zu erheblichen Teilen im Ausland angelegt.
    Sieht aus, als ob wir ganz ganz nah an der Entwicklung dran sind.

  • Basisdemokrat - 29. Januar 2013

    Mitten in der Nacht, sitze ich hier vor meinem Rechner und habe gerade gelesen, dass für das “Human Brain Project (HBP)” 1.000.000.000 € an Fördergeldern ausgegeben werden sollen. Eigentlich eine faszinierende Idee, das menschliche Gehirn verstehen zu wollen. bei schätzungsweise 100 Mrd. Neuronen sind das pro Neuron ziemlich genau 1 Cent.

    Im nebulösen Schwarm meiner eigenen neuronalen Existenz vermisse ich allerdings eine Athene, die mir die Gnade der Kohärenz meiner angedachten Ideen schenkt. Es sind zu viele Grenzüberschreitungen, die ihrem zum vorläufigen Ende gedacht werden müssen nötig.

    Kurz vor einer tödlichen Gefahr soll das ganze leben im Zeitraffer vor dem inneren Auge noch einmal abgespielt werden, evolutionär darin begründet, im eigenen Fundus auf eine Erfahrung zurückgreifen zu können, die eben diesen Tod verhindert.

    Sollte es ein Jenseits geben, so rufe ich großen Geister der Aufklärung herbei, mir bei der Vollendung der Geschichte zu helfen. Allen voran Leon:

    Ich sterbe als proletarischer Revolutionär, als Marxist, als dialektischer Materialist und – folglich – als unversöhnlicher Atheist. Mein Glaube an die kommunistische Zukunft der Menschheit hat an Glut nichts eingebüßt.

    Dieser Glaube an den Menschen und seine Zukunft gibt mir auch jetzt eine Widerstandskraft, wie sie keine Religion jemals geben könnte.

    Ich sehe den breiten Streifen Grün unter der Mauer, den klaren, blauen Himmel darüber und das Sonnenlicht überall. Das Leben ist schön. Mögen es die kommenden Generationen von allem Übel, aller Unterdrückung, aller Gewalt befreien und es in vollem Maße genießen.” (1940)

    Diesem Wunsch schließe ich mich aus ganzem Herzen an.

    Manchmal wird es für ein paar wenige Sekunden klar und deutlich. Wer sind diejenigen, die unterdrückt werden?

    Sie sind die gesellschaftliche Kraft die die eine neue Welt erbaut.

    Und wie wird das Wissen geschaffen, das zu ihrer Befreiung führt?

    Durch Wissenschaft eben. So werden proletarische Revolutionäre, dialektische Materialisten auferstehen. Auferstehen von den tot geglaubten.

    Solche, die sich für Marxisten halten, gibt es schon zu viele.

    Von deinen heißen Küssen habe ich genug. Es werde Licht!

  • klaus - 29. Januar 2013

    Es dreht sich nicht mehr nur um Blasen.

    Die Dimension wird größer.

    1. Der französische Minister für Arbeit meint Frankreich
    sei total bankrott. Daher die ruppige Reichenbesteuerung
    und die Flucht der Reichen.

    http://www.telegraph.co.uk/finance/financialcrisis/9832845/France-totally-bankrupt-says-labour-minister-Michel-Sapin.html

    2. England hat einen 2.3 Mrd -Korb vom Gericht in Luxemburg bekommen,
    was die Island – Icesave-Geschichte angeht.
    Die werden wohl bei EU-Zahlungen darauf verweisen.
    4 1/2 Jahre haben die mit Reykjavik rumgestritten über Steuerzahlergeld.
    Dementsprechend wird man wohl 2017 beim Referendum abstimmen.

    http://www.guardian.co.uk/business/2013/jan/28/court-rules-against-uk-icesave

    http://www.telegraph.co.uk/finance/newsbysector/banksandfinance/9831785/Iceland-wins-Icesave-case-at-European-court.html

    3. Der schwedische Präsident will sich auch nicht mittellos machen lassen
    und zu allem was Brüssel sagt, Ja und Amen sagen.
    Der will sein eigener Herr sein.

    4. Schäuble hält Zypern für nicht systemrelevant. Draghi doch !

    4 Punkte mit verhärteter Front.

    Harmlos ist eine gaaanz andere Situation.

    Achso, – Italien hat Anleihen an den Mann gebracht.
    Wer die wohl gekauft hat?

    Grüße klaus

    P.S Und die Ahnungslosen feiern Fastnacht.

    • SLE - 29. Januar 2013

      Danke für die Links zu den sehr interessanten Artikeln. Ich möchte auch noch einen solchen beisteuern:

      http://www.telegraph.co.uk/finance/comment/9828614/Is-it-time-to-grasp-the-debt-restructuring-nettle.html

      Die im Artikel beschriebene Analyse von Vincent Reinhart trifft m.E. den Nagel auf den Kopf – nicht nur bezüglich UK, sondern hinsichtlich des ganzen QE-Zirkus, egal wo er nun betrieben wird – und passt sehr gut zu dem in meinem obigen Post behandelten Thema.

      Viele Grüße
      SLE

      • klaus - 29. Januar 2013

        Hab noch den Entscheidenden, der bitter zum
        Nachdenken anregt und wirklich auch auf deutsche
        Verhältnisse in vielleicht einem Jahr übertragbar ist.

        http://www.zerohedge.com/news/2013-01-28/icelands-icesave-deposit-victory-slams-door-european-deposit-insurance-hopes

        Also Augen auf, bei der Wahl der Tagesgeld-Depots.

        Gut sieht alles Andere aus.

        Gruß klaus

        • Holly01 - 29. Januar 2013

          Geld, also Giralgeld, welches zwischen Kunden und Geschäftsbanken benuzt, wird ist kein Zahlungsmittel.
          Um das wieder einmal zu betonen :
          Dieses Geld gehört der Bank. Auch positive Werte auf dem Konto bedeuten keinen Besitz.
          Der Endkunde ist Nutzer, nicht Besitzer. Der Endkunde kann keinen Besitz an Geld erwerben.
          Die weichere Ausnahme ist das Bargeld. Da erwirbt man zwar auch keinen Besitz, sondern nur Nutzungsrechte, aber die Zentralbank garantiert den Eintausch gegen gültige Zahlungsmittel.

    • Frankenfurter - 29. Januar 2013

      Und was passiert nach dem Urteil mit den britischen Anlegern, die den gecrashten isländischen Banken ihr Geld anvertraut hatten? Der Britische Staat ging ja damals in Vorleistung mit einem “£2.35bn bail-out”. Eigentlich müsste jetzt das vorschnelle Bail-Out wieder rückgängig gemacht werden und die Anleger ihre Verluste realisieren, denkt man.

  • Ert - 29. Januar 2013

    Zu der ganzen Thematik ein aktueller Vortrag von Prof. Dr. Bontrup (Kritische Vorlesungsreihe): http://www.youtube.com/watch?v=YWVE0uwJues

    Geld, Verschuldung, Wachstum, Wirtschaft, Fiskalpaktirrsinn, etc. pp. Fand ich eine sehr gute Zusammenfassung von dem hier bekannten und diskutierten. Mit vielen Spitzen damit der ganze systemische Wahn auch sitzt.

    • Frankenfurter - 29. Januar 2013

      Der Marxist Bontrup sieht das Problem als eine Vermögensblase an, die gemeinhin als Schuldenkrise bezeichnet wird. Ein immer größer werdender Strom an Geld sucht weltweit nach Anlagemöglichkeiten. Das Problem ist aber, dass die solventen Schuldner immer weniger werden, weil der Faktor Arbeit systematisch gegenüber dem Faktor Kapital entwertet wurde. Die volkwirtschaftliche Saldenmechanik sei so massiv ins Ungleichgewicht gekommen.

  • HalloWach - 29. Januar 2013

    @ Klaus
    >>>P.S Und die Ahnungslosen feiern Fastnacht.

    vielleicht nicht die schlechteste Lösung (denke ich manchmal). Denn bis auf die Ausarbeitung eines eigenen Notfallplanes kann ich sowieso nichts tun. Und dazu muss man sich erst mal aufraffen.

    Hand hoch, wer ist dahingehend aktiv????

    Viele Grüße

  • Andy - 29. Januar 2013

    Lieber Stefan,

    Ich gebe Dir vollkommen recht, dass das voreilige Ausrufen eines Endes der Krise (Schäuble) ebenso daneben liegt wie das Handeln vieler Marktakteure. Es ist erstaunlich (wenn auch erklärbar), dass ein Abschmieren der Finanzmärkte stets als Ausdruck von Irrationalität und Unverantwortlichkeit gebrandmarkt wird (“Die Märkte honorieren nicht, was wir alles schon geleistet haben”, wieder Schäuble), wärend man Assetblasen bis zu ihrem Platzen vorbehaltlos bejubelt.

    Aber: Ich habe zwei Kritikpunkte an Deinem Text:

    Erstens ist es nicht unbedingt konsistent, die (richtige) Irrationalität der Marktteilnehmer zu beklagen, dann aber als Zeugen für deren Verhalten gerade Institutionen in Anspruch zu nehmen, die selbst in den letzten Jahren nicht gerade durch eine sonderlich treffende Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung aufgefallen sind, z.B. Pimco (vgl. z.B. http://krugman.blogs.nytimes.com/2011/06/10/the-decline-of-pimco-macro/)

    Zweitens halte ich es für nicht zielführend, in den Chor der Untergangspropheten einzustimmen (“Wir haben keine Erklärung mehr”, “Wir haben keine Theorie mehr”, “Wir haben eins, zwei, drei, ganz viele Krisen”, etc.). Ja, QE allein wird nicht reichen und QE allein birgt – wenn sie nicht sehr bald von einer vernünftigen Makropolitik begleitet wird, große Risiken. Aber diese vernünftige Makropolitik existiert ja, nur haben sich die maßgeblichen Wirtschaftsnationen seit 2010 dazu entschlossen, die wirtschaftstheoretischen Erkenntnisse der letzten 70 Jahre über Bord zu werfen und stattdessen auf das Märchen der expansiven Austerität und die Magie der Strukturreformen gesetzt. Dieser Aberglauben muss beendet werden – aber nicht durch einen neuen Aberglauben an eine irgendwie “andere” Wirtschaftstheorie, die freilich noch niemand erdacht hat.

    • Frankenfurter - 29. Januar 2013

      Pimco glaubt, lt. Krugman, dass die Zinsen wieder steigen werden. Und wo sind die solventen Schuldner, die es dafür braucht, wo kommen die her?

    • SLE - 29. Januar 2013

      Hallo Andy,

      vielen Dank für die kritischen Anmerkungen, denen ich nichts Wesentliches entgegenzusetzen habe.

      Ich bin sicher kein Untergangsprophet, sondern tatsächlich einer der optimistischeren Vertreter – wie man hier im Blog in meinen früheren Posts sicher immer wieder wird feststellen können.

      Es ist auch nicht so, als stünden wir, was die Krisenerklärung und -bekämpfung anbelangt, mit Nichts da. Ich habe ja auch selbst einen ökonomisch Erklärungsansatz beigesteuert, der einen Teilbereich des größeren Krisenzusammenhangs besser zu verstehen hilft – so hoffe ich wenigstens.

      Was ich hier gemacht habe, ist eine Gratwanderung. Es ist immer schwierig, auf dem schmalen Grat zwischen realistischem und unrealistischem Szenario zu balancieren. Worum es mir dabei geht, sind folgende Fragen: Was ist vorstellbar? Was kann geschehen, was nicht? Was kann getan werden?

      Was ich damit sagen will, ist dies: Für die Beantwortung dieser Fragen muss man sich auf diesen Grat begeben. Man muss sein Vorstellungsvermögen an die Grenzen treiben. Tut man es nicht, läuft man Gefahr, Wesentliches außer Acht oder aus unserem Blickfeld verschwinden zu lassen.

      Viele Grüße
      SLE

  • Bubblegum - 29. Januar 2013

    @SLE

    “Bill Gross von Pacific Investment Management Co. (Pimco) bleibt nicht bei der Analyse der aktuellen Situation stehen, sondern zieht daraus seine Schlüsse. Aus seiner Sicht befinden sich die großen Wirtschaftsnationen in einem Abwertungswettlauf, um ihre Wirtschaft in Schwung zu bringen. Er nennt es Währungskrieg. Deswegen erinnert ihn die gegenwärtige Situation an die in den 1930er Jahren, andererseits aber wohl auch wieder nicht: “Der allzu großzügige Umgang der Notenbanken mit ihrem Scheckbuch wird unweigerlich zu Preissteigerungen und einer Abwertung der Währungen führen“, meint er. (2)”

    Als ich diesen Satz las, bin ich zutiefst erschrocken! Ich frage deshalb zunächst einmal nach,
    ob dieses Zitat so stimmt wie es hier wiedergegeben wurde! Wenn ja, zeigt es nur wie gedankenlos dieses “Wirtschaftsexperten”, die Milliardensummen an Anlegegeldern verwalten
    dürfen – u.a. für Pensionsfonds – absoluten Nonsens plappern. Denn, wenn es zu einem Abwertungswettlauf wie in den 30gern vor der Aufgabe des Goldstandards kommt, dann ändert
    sich im Verhältnis der Außenwerte der einzelnen Währungen zueinander erstmal gar nichts. Sofern die jeweiligen Abwertungssätze annähernd gleich bleiben! Das bedeutet in der logischen Konsequenz es entstehen weder Wettbewerbs – vor oder Nachteile weil, die alle wieder eingeebnet werden.
    Außerdem soll dieser “Experte” einmal erklären wie bei frei konvertierbaren Währungen überhaupt ein Abwerungswettlauf durch die Notenbanken bewirkt werden kann, wenn die
    Wechselkurse inzwischen von den Spekulanten gemacht werden, die mit billigem Fiat Geld
    pro Tag ein Vielfaches dessen – an Dollar beispielsweise – hin – und her verkaufen als die USA an BIP in Dollar gerechnet produzieren.
    Es zeigt nur wie verkleistert die Gehirne und das Denken derjenigen ist, die als maßgebliche Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik das Schicksal von Milliarden von Menschen bestimmen!
    Viele Grüße Bubblegum

    • Thorsten Eckau - 29. Januar 2013

      Hallo Bubblegum,

      ich als Nichtökonom und Unbedarfter stelle mir folgendes vor: Die “großen” Nationen bzw. Währungsräume fluten die Finanzmärkte zusehends mit frischem oder billigem Geld (in dem Staatsschulden, von denen genug da sind, direkt monetisiert werden). Dies erzeugt Druck auf die Währung und sie fällt, während diese Inflation vor allem dort (Finanzmärkte) wo sie hingepumpt wird zu Assetpreisinflationen führt. Die Aktienindizes steigen, unabhängig von der Realwirtschaft.
      Wenn nun alle Nationen die tun, passiert dies aber nicht zeitgleich und nicht synchronisiert, daher kann jeder Nation oder jeder Währungsraum immer kurz mal Luft holen, bevor es wieder zurück geht auf Null oder schlechter wird. Es entsteht so ein Treffeneffekt, welcher ggf. sogar relativ gut oder gewünscht ist: Statt in einem “Knall” in die 30er Jahre zu fallen, verteilt sich das ganze auf ein ewiges “besser”, “schlechter”, “besser”, “schlechter”, wobei besser nie absolut ist, schlechter ab immer. Gefühlte Phasen von Verbesserung durch nachlassenden Schmerz für kurze Zeit…

      Kann kompletter Unsinn sein, ich wollte diesen Gedanken einfach mal in den Raum stellen.

      P.S.: Die Begründung für den letzten Teil sehe ich übrigens in dem Umstand, dass die Gelder eben nicht ausreichend in die Realwirtschaft gelangen und daher sich am oben im Thread genannten Umstand der Entwertung der Arbeit nichts ändert: Assetpreisinflation kann super einhergehen mit Konsumproduktdeflation oder -stagnation. Wobei ich mich gerade daran erinnere, dass bei einer Analyse der derzeitigen Inflationsraten gerade die Konsumpreis (Brot, Milch, etc) die großen Ausreißer waren, also das Gegenteil von dem was ich gerade schrieb.

    • SLE - 29. Januar 2013

      Hallo Bubblegum,

      die Ziffer (2) hinter dem Zitat führt zu dem Artikel, in dem Gross Position dargelegt wird. Ob sie exakt wiedergegeben/übersetzt wurde, vermag ich natürlich nicht zu sagen.

      Grüße
      SLE

  • Rolmag - 29. Januar 2013

    “Denn das Krisengebräu hat sich aufgrund der ergriffenen Maßnahmen der Notenbanken, der Banken- und Staatsrettungen sowie voluminöser Konjunkturpakete zu etwas weiterentwickelt, für das es keine historische Entsprechung mehr gibt”

    Und damit wird die gesamte Eurorettung zu einem gigantischen Experiment, dem mit Abstand größten dass es jemals im Finanzsektor gab. Auch wenn die Politiker sich ständig mühen, Gelassenheit zu verbreiten, sowie den Anschein zu erwecken, dass sie wenigstens wissen, wohin die Reise geht, bin ich umso überzeugter, dass deren Hauptmittel im möglichst häufigen Gebet besteht und ganz viel Hoffnung. Schäuble: “Momentan fahren wir nach Sicht.” Oh Gott.

    Der Euro wurde dermaßen schlampig, stümperhaft und voller naivem Vertrauen eingeführt, dass sich schon niemand hemmungslos überschuldet, dass ich mich langsam frage, was die damals überhaupt getrieben haben und wer die Verträge gemacht hat. Die Politiker waren feiern und die Verträge hat Goldman Sachs gemacht, dann wird ein Schuh draus. Wie krank die Verträge sind, erkennt man ganz leicht daran, dass eine Bail Out Klausel Einzug fand, aber es gleichzeitig nicht möglich ist, dass Sünder, die das Ganze gefährden ausgeschlossen werden können. Entweder die haben uns von vornherein eiskalt angelogen oder sich schlicht zu und einfach blöde, beides zusammen geht bei einer Währungsunion ohne Entlassungsoption nicht. Jeder Rosshändler und Zündhölzchenverkäufer ist dagegen ein Geschäftsgenie.

    Wenn Deutschland den Euro retten soll, wie es unsere Politiker wollen, dann kann das am Ende darauf hinauslaufen, dass wir sie alle einigermaßen gerettet haben und dann selbst bis zum Hals in großen Problemen stecken. Schon aufgefallen, dass dem Land der Dichter und Denker neben den Dichtern und Denkern, Musikanten, Komikern und Politikern auch die Techniker ausgehen? Halb so wild, Hauptsache die Sozialgeisteswissenschaften blühen! Da wo sich die Grundsätze alle 20 Jahre ändern muss immer der allergrößte Batzen investiert werden.

  • Andy - 29. Januar 2013

    @SLE

    Hallo Stefan,

    Danke für die Erläuterung, jetzt ist mir klarer, was Du meinst. Ich interpretiere “die Vorstellung an die Grenzen treiben” mal als: Die Möglichkeit von Tailevents nicht, wie in der Vergangenheit, zu verdrängen. Leider setzt man weiterhin auf stets zu optimistische Prognosen und das Zurechtbiegen von Modellannahmen – die Farce um die viel zu niedrig angesetzten Multiplikatoreffekte in den IWF-Prognosen sind ja ein schönes Beispiel dafür. Nichts untergräbt das Vertrauen in Ökonomen und ihr Instrumentarium mehr als das.

  • Huthmann - 29. Januar 2013

    Hallo SLE und verehrte Mitdiskutierer,

    ich habe immer wieder versucht anzumerken, daß in einer Wirtschaft Preise nicht immer nur steigen können. Wäre dem so, dann wäre Investieren die einfachste Sache der Welt und jeder würde es risikolos machen. Leider beherrscht diese Vorstellung von Wirtschaft unsere Eliten seit Keynes vereinfacht gesagt.

    Preise müssen also auch fallen dürfen! Nur schreien dann die auf, die sagen: fallen einmal die Preise, dann gibt es einen selbstverstärkenden Teufelskreis nach unten, ohne Ende. Dieses wurde im Rahmen der Euro-Krise bisher auch so behauptet, habe ich nie verstanden und niemand hat es mir bisher nachvollziehbar erläutern können.

    Das ist die zugrundeliegende Problematik, einfach ausgedrückt.

    MFG

  • Bubblegum - 29. Januar 2013

    @ Thorsten,

    an sich keine schlechte Erklärung, der nur die folgenden Gründe entgegenstehen:

    1. Die QE Maßnahmen sind im Vergleich zu den ausstehenden Derivaten Peanuts, also mehr
    ein psychologisches Pflaster und eine wirtschaftspolitische Dosis homöopathischer Art.
    Machen Sie sich bitte klar, dass allein der CDS Markt bei fast 70.000 Billionen US-Dollar
    liegen dürfte.

    2. Die Vernetzung der Banken untereinander und das Recht per Kredit Fiat Geld zu schaffen,
    macht das Instrument der Geldversorgung einzig durch NZB-Maßnahmen praktisch
    wirkungslos. Verstärkt wird dieser Effekt durch die von den Finanz”ingenieuren”
    geschaffenen Derivate wie MBO, MBS, CDOs u.ä.

    3. Währungsab- bzw. aufwertungen wirken immer nur extrem kurzfristig, die Wiederherstellung
    der Wettbewerbsfähigkeit einer Nation ist aber immer ein extrem langfristiges Projekt!
    Klassisch USA/Deutschland. 1948 betrug der Wechselkurs der Mark 1:20. Die Vielzahl der
    Abwertungen des Dollar hat die Wettbewerbsfähigkeit der US- Wirtschaft im Vergleich zur
    deutschen nicht entscheidend verbessert. Im Gegenteil! Trotz der riesigen Kapitalimporte u,a,
    auch aus Deutschland liegt der Wert des US- Dollar bei pi mal Daumen nur noch 1,32 DM!

    Viele Grüße Bubblegum

    • SLE - 29. Januar 2013

      70.000 Billionen USD ? Nur für CDS? Der gesamte OTC Derivatehandel liegt gemäß BIZ-Daten bei nur knapp 600 Billionen USD. Ist das ein Tippfehler oder, wenn nicht, gibt es dafür eine Quelle?

      Grüße
      SLE

      • Frankenfurter - 29. Januar 2013

        Frage: Derivate sind doch Hebelprodukte. Inwiefern wird das bei den Volumenangaben berücksichtigt?

        • SLE - 29. Januar 2013

          Wie meinen Sie das? Meines Wissens sind Derivate Termingeschäfte, werden aber auch oft als Wetten bezeichnet.

          Gruß
          SLE

        • Holly01 - 29. Januar 2013

          Derivat werden (nach meinem angelesen Wissen) über Nominalwert erfaßt, es gilt also nicht das erwartete Volumen (incl. Hebel) sondern die eingesetzte (Kapital-) Größe.

          • Querschuss - 29. Januar 2013

            Hallo Holly01,
            das nominale Derivatevolumen erfasst den Nennwert des Wettvolumens, also das Volumen auf was die Wette, Absicherung abgeschlossen wurde. Der Bruttomarktwert (Gross Market Value) ist die Wettprämie und deren Entwicklung, auch der Wiederbeschaffungswert bzw. die Wertänderung der Wettprämie, nur diese zählt.
            Weiterhin wird das sogenannte Netting verwendet, was die Summe weiter reduziert, durch das gegenseitige Aufrechnen der Positionen, mittels Bruttomarktwert (positiver und negativer Marktwert der eingegangenen Derivatepositionen.

            Der nominale Wert aller ausstehenden OTC-Derivate betrug zum 1. Halbjahr 2012 639 Billionen Dollar, darunter 494 Billionen Dollar Zins-Derivate und 27 Billionen Dollar an Kreditderivaten.

            Der Bruttomarktwert aller OTC Derivate betrug 25 Billionen Dollar, nachdem Verrechnen der Positionen das Netting 3,7 Billionen Dollar.

            Quelle Daten: http://www.bis.org/publ/otc_hy1211.htm

            Relevant ist nur die Nettingposition, solange keine Gegenpartei ausfällt. In Zeiten von Liquiditätssicherung durch die Notenbanken und Bailouts durch die Staaten, fällt auch keine Gegenpartei aus, also beschränkt sich das “reale” Casino nur auf die Nettingposition von weltweit 3,7 Billionen Dollar.

            Gruß Steffen

          • Holly01 - 29. Januar 2013

            Ich danke für die Richtigstellung / Präzisierung.
            Ich denke diese Größenordnungen machen eine gewisse Exaktheit notwendig.

          • Frankenfurter - 30. Januar 2013

            …..wenn ich Steffens Ausführungen unten richtig verstanden habe, stellen die Angaben über den Nominalwert von allen Derivaten – die 600 Billionen USD – NICHT das reale Kapital dar, das in den Börsen-Casinos auf den Tischen liegt. Real wird dort “nur” mit 25 Billionen Dollar gezockt! Diese Summe dürften die realen Sicherheiten (engl, Margin) darstellen, die die Spieler aufbringen müssen, um an den Derivatenwetten teilzunehmen. .

      • Bubblegum - 29. Januar 2013

        @SLE

        “70.000 Billionen USD ? Nur für CDS? Der gesamte OTC Derivatehandel liegt gemäß BIZ-Daten bei nur knapp 600 Billionen USD. Ist das ein Tippfehler oder, wenn nicht, gibt es dafür eine Quelle?”

        Hatte beim Schreiben die folgende Grafik im Kopf mit den Werten für 2007 und 2008:

        http://www.querschuesse.de/wp-content/uploads/2011/12/1a52.jpg

        Habe aber versehentlich 10 Billionen dazu getan!! Was ja nun keine Peanuts sind, um mit Kopper zu reden!

        Viele Grüße
        Bubblegum

      • Reffke - 30. Januar 2013

        Hier wird das sehr anschaulich dargestellt:
        http://demonocracy.info/infographics/usa/derivatives/bank_exposure.html

  • Bubblegum - 29. Januar 2013

    @Huthmann

    ich habe immer wieder versucht anzumerken, daß in einer Wirtschaft Preise nicht immer nur steigen können. Wäre dem so, dann wäre Investieren die einfachste Sache der Welt und jeder würde es risikolos machen. Leider beherrscht diese Vorstellung von Wirtschaft unsere Eliten seit Keynes vereinfacht gesagt. ”

    Wieder so eine typische VWL Denke, bei der die betriebswirtschaftlichen Faktoren vollkommen ausgeblendet werden.
    Schon mal davon gehört dass häufig nicht der Preis sondern der Standort, die Qualität eines Produktes und sein Alleinstellungsmerkmal über seinen Verkaufserfolg entscheiden?

    Beipielsweise Apple, völlig überteuert seine Produkte, aber lange Jahre hipp, weil ihre Bedienerfreundlichkeit und technische Neuerungen sowie geschickte Werbung ein Alleinstellungsmerkmal schufen, dass die Kunden sogar dahingehend akzeptierten,
    dass sie tagelang vor den Läden anstanden!
    Alles das hat massive volkswirtschaftliche Auswirkungen!

    Viele Grüße Bubblegum

    • SLE - 29. Januar 2013

      In der neoklassichen Theorie geht´s aber nun mal nur um den Preis. Dass das falsch ist, moniere ich auch immer, aber so wird die Debatte um die Wettbewerbsfähigkeit geführt – insb. seitens Troika.

      Grüße
      SLE

  • zykliker - 29. Januar 2013

    “ihr „Gesicht“ verloren oder besser gesagt hat sie schon ein „Gesicht“, aber das kommt uns immer weniger bekannt vor.” …… “Auslöser für den nächsten Crash sein, die Old Economy,…”

    Ist die Realwirtschaft selbst in einer Blase? Nein.
    Sind die Aktien der Old Economy in einer Blase? Eher nicht. Warum?

    Kursüber- und untertreibungen sind normal, dabei jedesmal gleich von Blasen oder Weltuntergängen zu reden, würde die Begriffe inflationär entwerten; die Bewertungen sind immer noch moderat, und solange die Notenbanken jedes tatsächliche oder vermeintliche Problem mit QE-Geld zuschütten, verdeckt der Anlagenotstand zwischenzeitliche Überbewertungen. Man erinnere sich nur an die aberwitzigen Überbewertungen, die japanische Aktien bis 1989 erreichen konnten.

    Aber kann das immer so weiter gehen; gibt es einen Punkt, an dem selbst QE-10hoch x die Börsen nicht mehr stützen kann?

    Ich vermute, dass die QE-Politik durchaus noch einige Zeit nicht nur das Finanzsystem am Leben erhält, sondern indirekt auch der Realwirtschaft zugute kommt: Nicht nur aus der primären Intention heraus: den Absturz in die eigentlich unvermeidliche zyklische Depression zu verhindern. Sondern das Geld frisst sich auch durch die “Reichtumseffekte” bei Rohstoffen und Börsenwerten in die Realwirtschaft hinein, wenn auch womöglich mit abnehmender Effektivität.

    Trotzdem interessiert mich brennend: Gibt es einen Punkt, an dem wichtige Finanzmarkt-Akteure (z.B. Staatsfondsmanager in China…) die aufgeblasene Scheinwelt der Staatsanleihen verlassen und dabei selbst in Panik geraten?

    Es sieht ja einerseits so aus, dass z.B. die chinesischen Devisenreserven sich durchaus in einem “Gefangenendilemma” fühlen dürfen (gehen wir mit einer ersten grösseren Tranche raus, zerstören wir den großen Rest des noch nicht verkauften, bleiben wir drin, müssen wir noch viele Jahre lang zumindest erhebliche negative Realzinsen akzeptieren oder ein anderer zerstört mit seiner Panik unsere assets).

    Andererseits werden wir in nicht allzu ferner Zukunft sehen, dass die Notenbanken den größten Teil der Staatsanleihen halten (auch in Europa und entgegen ewig gestrigem deutschem Verbal-Trotz). Da sie ihre Erträge an ihre staatlichen Eigentümer abführen, zahlen die staatlichen Schuldner die Zinsen also letztlich an sich selbst, mit dem für moderne Gesellschaften unvermeidlichen Reibungsverlust der Bürokratie (ja ich weis: die FED gehört privaten Banken, aber die bekommen nur eine Festverzinsung, der große Rest der Erträge geht m.W. auch nach Washington, bitte ggf um Korrektur, falls ich irre).

    Wo ist also der Punkt und gibt es ihn überhaupt, an dem das Ganze dann doch implodieren könnte? Kommt irgendwann doch die Inflation ins Galoppieren, und die Panik treibt die Leute raus aus den Finanzwerten in Richtung Sachwerte, und zwar eben nicht mehr so ruhig wie jetzt noch, sondern mit Getöse?

    Oder gewinnt am Ende doch die Depression, weil das Schuldenkartenhaus in sich zusammenfällt??

  • JL - 29. Januar 2013

    Sehr geehrter Stefan L. Eichner

    Sie haben vollkommen Recht.

    Man kann heute- mit Ausnahme von nationalen Immobilienblasen- krisenhafte Entwicklungen kaum mehr greifen oder erkennen. Während in Griechenland und Spanien die „Lichter“ ausgehen oder gutbetuchte Franzosen die Landesfarben wechseln, sitzen wir in Deutschland wohl auf einer Insel der „Seligen“. Noch verwirrender wird es, wenn man sich das weltweite Geschehen anschaut. Dort gibt es Regionen deren Wirtschaften fast schon abheben (BRIC- Staaten), während die meisten „alten“ Industrienationen- einschließlich Japan- immer mehr in die Knie gehen.

    Meiner Meinung nach ist dies alles Ergebnis der Globalisierung.

    Während man einst Entwicklungen an nationalen Wirtschafts- und Fiskaldaten „festmachen“ konnte ist dies heute fast unmöglich, da es keine nationale Wirtschafts- und Finanzpolitik mehr gibt. Der Abbau von nationalen Zollbeschränkungen ist da nur ein Beispiel der seit 20 Jahren durchgeführten weltweiten Liberalisierung von Wirtschafts- und Finanzmärkten. Und genau deshalb sieht man Blasen nur noch im Immobiliensektor- weder die Immobilie an sich, noch deren Kreditnehmer kann nun mal „globalisiert“ werden.

    Das Wohl oder Wehe ganzer Regionen hängt dabei von den zwischenzeitlich entstandenen transnationalen Wirtschafts- und Finanzkonglomeraten ab, Siehe „Rostgürtel“ der USA, oder auch Bochum. Die nationale Wirtschaftspolitik eines Staates beschränkt sich doch mittlerweile nur noch darauf möglich „günstige Rahmenbedingungen“ für Investoren zu schaffen. Möchte man aber mal deren Bilanzen bewerten wird es auch nicht einfacher. Wie soll man den nun ein Unternehmen bewerten, wenn es nicht nur global, sondern auch noch mit jeder Menge legaler Bilanztricks arbeitet- Siehe den „Streßtest“ bei Banken. Die angeblich vor Kraft strotzenden Finanzinstitute fielen 2009 der Reihe nach um noch bevor man das Wort „Krise“ zu Ende gesprochen hatte.

    Es fällt aber auch zunehmend auf, daß- zum Unterschied der wöchentlichen politischen „Harmoniegipfel“ Anfang 2009- neuerdings nationale Eigeninteressen eine immer wichtigere Rolle spielen. Die Ankündigung Japans könnte unter Umständen ein wichtiger Meilenstein hierzu sein.
    Einen Crash wird es aber wohl erst geben, wenn große nationale Realwirtschaften nur noch mit protektionistischen Maßnahmen vor einem Zusammenbruch geschützt werden können- schließlich ist das Hemd näher als der Rock. Dies wäre dann auch das Ende von Rettungsschirm, Fiskalpakt, Europäische Union u. s. w.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

    • Frankenfurter - 29. Januar 2013

      “Die nationale Wirtschaftspolitik eines Staates beschränkt sich doch mittlerweile nur noch darauf möglich „günstige Rahmenbedingungen“ für Investoren zu schaffen.”

      Die Doktrin vom schlanken Staat passt da wie der Schlüssel ins Schloss. Das “Schloss” ist die`Privatisierung von bisher hoheitlich besorgten Aufgaben. Alles soll privatisiert werden: Straßen, Gefängnisse, Schulen, Wasserbetriebe, Stromversorgung, Medien…..

      .War das von der dt. Politik so gewollt, als sie im Grundgesetz 2008 die SCHULDENBREMSE verankert hatte, was meinen Sie?

      • JL - 29. Januar 2013

        Hallo Frankenfurter

        Papier ist geduldig.

        Bei dem Papier in Maastrich wurden Schuldenobergrenzen von maximal 60% des BIP festgelegt, neben einer jährlichen Verschuldung von maximal 3% des BIP. Dieses Papier haben zwar alle unterschrieben, nur daran gehalten hat sich keiner. Gegenwärtig wird man hierzu höchstens noch mitleidig belächelt wenn man diesen Vertrag erwähnt.
        Dem Papier für die Schuldengrenze wird es wahrscheinlich ähnlich ergehen. Außerordentliche Umstände erfordern dann halt auch außerordentliche Reaktionen.

        Dem Papier ist es wohl egal- es bleibt geduldig.

        Mit freundlichen Grüßen

        JL

        • Frankenfurter - 30. Januar 2013

          Hallo JL, dass Austeritätspolitik und diese Schuldenbremsen sogenanntes. “public private partnership” (PPP) erzwingen, liegt mMn auf der Hand. Meine Frage war, ob diese Konsequenz von den Volksvertretern auch wirklich gewollt war, als sie 2008 die Verpflichtung zum Schuldenabbau ins Grundgesetz geschrieben hatten. Wahrscheinlich nicht, denn ein Wille zur Verbesserung der Einnahmeseite des Staates war und ist ausdrücklich nicht mit dem Schuldenabbau verbunden.

          Die Tatsache, dass Maastricht in der Vergangenheit von keinem Staat eingehalten wurde, sollte mMn dazu führen, die Kriterien noch einmal auf den Prüfstand zu stellen, statt sie wie eine Monstranz auf ewig vor sich herzutragen. Vielleicht wurden in Maastricht von Anfang an die Leitplanken falsch gesetzt? Auf dem Acker, weit neben der Straße sozusagen……

          • JL - 30. Januar 2013

            Hallo Frankenfurter,
            Von den Volksvertretern war- meiner Ansicht nach- vor allen eine Beruhigung der aufgebrachten öffentlichen Meinung gewollt. Im Zeitraum 2008/ 2009 wurden die Banken schließlich mit 500 Mrd. Euro Steuergelder gestützt, 400 Mrd. Euro wurden an staatlichen Garantien für den Interbankenverkehr gegeben, die Schrottpapiere der neu geschaffenen staatlichen Bad Bank umfaßten noch mal 430 Mrd. Euro. Dem Gegenüber stand damals- nach monatelangen Streit- eine Hartz IV Erhöhung von 8 Euro.
            Also verspricht man Hoch und Heilig Besserung und einen ausgeglichenen Bundeshaushalt. Und weil dies alles auch noch Mitte 2009 in das Grundgesetz aufgenommen wurde sollte wohl alles klar sein.
            Nur steht dort aber auch, daß die Bundeswehr nur bei einem äußeren Angriff auf das deutsche Staatsgebiet aktiv werden darf- ein klar festgelegter Verteidigungsfall also. Und was bitte machen wir dann eigentlich in Afghanistan oder neuerdings in Mali?
            Nur weil irgendwo irgendetwas steht bedeutet dies noch lange nicht das man sich daran auch hält- leider.

            Mit freundlichen Grüßen

            JL

  • Holly01 - 30. Januar 2013

    Ich quäle mich mit der recherche zu 3 Themen, die grob auch dieses Thema betreffen. Mir geht es dabei um die Rechtssicherheit und damit verbunden mit der Durchsetzungsfähigkeit von Verträgen.
    Vielleicht hat einer der Kommentatoren eine gute Quelle oder direkt eine Antwort.
    .
    – nach meiner Recherche ist das Recht auf Pfändung abgeleitet von der eingegangenen Pflicht zur Rückzahlung. Damit ist es rechtlich egal, ob Geld verliehen wurde, welches als realer Bestand der Bank vorhanden war oder ob Geld verliehen wurde, welches geschöpft wurde.
    Die Zahlungsverpflichtung ist ebenso handelbar, wie die Sicherheit, welche angeboten und angenommen wurde, jedenfalls solange es um Größenordnungen geht.
    Nun meine Frage zu diesem Thema : Ist die Selbstverpflichtung des Kreditnehmers gegenüber einer Bank handelbar?
    Diese Verpflichtung ist ja explizit an den Vertrag gebunden und damit an die Vertragspartei.
    Hintegrund dieses Frage ist die Abwägung vom verfassungsmäßigen Schutz von Heim und Familie vs. Vertragsrecht und Handelsrecht.
    Mir würden da Urteile sehr helfen, bzw. Bezüge zum EVV.
    .
    - Der zweite Teil, mit dem ich Probleme habe, ist die Geldschöpfung.
    Ich weiss (relativ sicher) das dieser Teil gesetzlich nicht festgelegt ist. Ich habe auch in den Onlineauftritten der Banken und der Bundesbank keine Grundlage gefunden, aber auch keinen Ausschluß.
    Issing beschreibt den Vorgang in einem seiner Bücher.
    Mich interessiert aber weniger die Vergangenheit und mehr die Jetztzeit bzw. Zukunft.
    Weiss jemand wie der Vorgang im Rahmen der EVV bzw. in Rahmen der EZB-Statuten festgelegt ist oder muß ich davon ausgehen, daß es weiterhin eine Grauzone bleibt.
    Wichtig ist es, weil ein Gericht nur nach “Recht und Gestz” urteilen kann. Geldschöpfung ist bis dato vor deutschen Gerichten nicht existent.
    Auch da wären AKZ von Urteilen sehr schön, weil ich da Rechtsgründe ableiten kann.
    .
    - Der dritte Teil ist der Gerichtsstand.
    Nach meiner Recherche kann ich seit der Ratifizierung der EVV praktisch jedes Gericht innerhalb der EU bemühen. Im Extremfall könnte ich auch Kronkollonien mit Sonderrecht oder fr. Kolonien mit Sonderrecht wie zum St. Martin wählen, weil die über die Zugehörigkeit zu GB und FR auch Teil der EU sind.
    Die ältere Wohnsitzregelung ist nach meinen Ergebnissen nur noch eine “Kann”-Regelung.
    Weiss da jemand genaueres?
    -> werte querschiesser wenn dies zu weit führt, dann löscht den Eintrag einfach <-

    • Thorsten Eckau - 30. Januar 2013

      Hallo Holly01,

      ist mit EVV die EuGVVO gemeint? Wenn ja, dann hilft ggf. dieser Link hier:

      http://www.fifoost.de/produkte/export_buch-html/node148.php

      Nach meinem Verständnis gibt es keine Verordnung und kein Gesetz, welches grundsätzlich regeln würde dass man EGAL WO in der EU seinen Gerichtsstand eröffnen kann. Vielmehr – so wie auch im zitierten Link – ist es meiner Meinung nach eine Frage des Erfüllungsortes eines Vertrags. Und da in Verträgen Parteien beteiligt sind, gibt es demnach mindestens eine Einschränkung auf die beiden “Wohnsitze” der Vertragsparteien, sollte es keinen Gerichtsstand per Vertrag geben. Kann mich natürlich auch irren, just my 2 Cents.

    • JL - 30. Januar 2013

      Hallo Holly01
      Die Geldschöpfung der Banken ist in „Basel II“ und neuerdings „Basel III“ geregelt, bei Staatsanleihen z. B. müssen keine Sicherheiten hinterlegt werden.
      Einen etwas lockeren aber grundsätzlichen Einblick gibt es bei:

      http://www.weltverschwoerung.de/zeitgeschehen-politik-gesellschaft/21115-gib-mir-welt-plus-5-prozent-warum-gibt-es-schulden.html

      Bei der Wechselbeziehung zwischen Bankforderung (Kredit) und Zentralbankgeld (Lombard) kann man sich hier belesen.

      http://www.dasgelbeforum.de.org/sammlung/htm/71531.htm

      JL

      • JL - 30. Januar 2013

        Entschuldigung, der erste Link sollte der sein: http://www.videogold.de/fabian-gib-mir-die-welt-plus-5-prozent/
        JL

        • Holly01 - 31. Januar 2013

          @ JL : Vielen Dank für den Link. Ich tendiere eher zu :
          http://www.youtube.com/watch?v=5KjUfxIRCYc
          zumindest bis zum Zuschauerteil.
          .
          genau genommen suche ich die Rechtsgrundlage für Geldschöpfung “ex nihilo”.
          Bisher habe ich nur die Bilanzvorschriften, welche Bilanzverlängerungen nicht explizit verbieten.
          Laut $14 Bundesbankgesetz ist im Übrigen nur das Bargeld auf Euro gesetzliches Zahlungsmittel.
          Wie sich das mit dem Nutzen von Giralgeld vereinbaren läßt ist mir ebenfalls ein Rätsel.

  • Holly01 - 30. Januar 2013

    @ Thorsten Eckau :
    Ist in den Kommentaren hinreichend geklärt, ich danke Ihnen für den Link, der mich hierher geführt hat :
    http://www.anwalt24.de/rund-ums-recht/BGH__28_02_2012__XI_ZR_9_11-d4894729.html
    .
    Damit ist die Frage zum Gerichtsstand für mich geklärt.

  • Roland M - 30. Januar 2013

    “Blasen sind Krisen, die niemand sieht”

    Da diese Behauptung ein gerüttelt Maß an Dummheit bei Finanz-Profis voraussetzt, würde ich eher dazu tendieren zu sagen: “Blasen sind Krisen, die niemand sehen will (von denen, die sie verhindern könnten)”.

    In der Art der Walfänger im vorletzten und letzten Jahrhundert, die wussten ebenfalls ganz genau, dass die Walfängerei am Ende ist, wenn die keine Quoten einführen, keine Schutzgebiete einrichten usw. Und was hat sich getan, trotz dieser frühen Einsicht getan? Der kommerzielle Walfang ist aufgrund extremer Überfischung und zwar sehenden Auges zugrunde gegangen.

    Das ist meine Definition von Blase die keiner sehen will.
    Und wer hat im Endeffekt versagt? Nicht die Banker, die nutzen nur aus was geht, es ist die Politik, welche sich wie heute üblich unfähig zeugt, ein Problem zu lösen oder auch nur unbegrenzter Spekulation auf Kosten ganzer Nationen zugunsten Einzelner einen Riegel vorzuschieben. Ganz im Gegenteil entwinden diese Regierungen, speziell die deutsche, ihren ehrlich arbeitenden Bürgern jeden Cent der sich denen abpressen lässt, um ihn ins Ausland verschenkend drohende Verluste der Spekulanten abzuwenden.

    Das hört auch erst dann auf, wenn bei uns nichts mehr zu holen ist.

    Wir befinden uns imho in einer Situation, in welcher das Volk dringend aufstehen müsste, um sich selbst und auch die Politik vor sich selbst zu schützen, die haben jedes Maß verloren. Aber das weiß die Politik mit dem fortgesetzten Schüren von Existenzangst, einer Überdosis an schlechten Nachrichten sowie dem Streuen hemmungsloser propagandistischer Fehlinformation geschickt zu verhindern.

    Ich bewundere ein ganz klein wenig die Bürger die das durchschauen und dabei noch ruhig bleiben können.

    Roland M. der Zornige

    • Andres Müller - 30. Januar 2013

      Blasen entstehen aus Bereicherungsstrategien der Finanz-Eliten, daher werden sie auch kaum bekämpft, vielmehr aktiv gepflegt. Sobald die Eliten sich unbeobachtet fühlen stürzen sie sich in die Spekulationsmärkte und setzen auf “to big to fail”.

    • SLE - 30. Januar 2013

      Hallo Roland M.

      ich hatte tatsächlich überlegt, am Ende der Überschrift in Klammern oder nach einem Schrägstrich “sehen will” zu setzen. Aber einmal ist das nicht grundsätzlich richtig, wenn man die Vielzahl der Verlierer geplatzter Blasen sieht, zum anderen sieht man etwas ja auch dann nicht, wenn man es nicht sehen will.

      Grüße
      SLE

  • Freiberufler - 30. Januar 2013

    Die Krise wurde “überwunden”, indem die Notenbanken das Emittentenrisiko abgeschafft haben. Deshalb können es sich die Märkte leisten, alle realwirtschaftlichen Fakten zu ignorieren: Sie sind bedeutungslos.

    Natürlich wissen alle, dass die schöne neue Welt irgendwann zusammen brechen wird. Aber nicht jetzt, nicht in diesem Jahr, und damit interessiert es niemanden mehr.

    Der schwarze Schwan sind politische Verwerfungen, an die niemand denkt und die sich der Kontrolle der Notenbanken entziehen.

    • SLE - 31. Januar 2013

      Die Prognose, in diesem Jahr würde nichts crashen, würde ich nicht unterschreiben wollen. Aber ansonsten sehe ich das genauso wie Sie. Sie haben Recht.

      Grüße
      SLE

  • klaus - 30. Januar 2013

    Es bleibt weiter neoliberal und austeritär bis
    2017 die Bombe mit EU-Austritt Englands platzt.

    Warum?

    PlusMinus stänkert gegen die kalte Progression.

    Und anstelle den Unternehmen mehr Personaleinstellung
    zu empfehlen, will man die kalte Progression weghaben.

    Die Überstunden pro Unternehmen auswerten und es zu
    Einstellungen bei evtl. teilsubventionierten Arbeitsplätzen
    mit vollen Sozialbeiträgen und Steuern zu bewegen ist
    wohl verpönt bei den Schwarzen. Nicht den Gelben.

    Also ist Arbeitsplatzabbau,Überstunden wohl das einzige
    Mittel mit Austerität auch noch den Rest umzuverteilen.

    Eine tolle Perspektive, die noch etliche Insolvenzen in
    diesem Jahr nach sich ziehen wird.

    *kopfschüttel*

  • Johann Haupt - 31. Januar 2013

    Wen jucken noch die Finanzmärkte? Mich nicht! Mögen sie alle untergehen, mögen die Massen endlich aufstehen und sich schütteln, damit diese Schmarotzer abfallen.

    Bei TP gibts heute einen guten Artikel dazu:
    http://www.heise.de/tp/blogs/8/153643

    “Aus dem Kollaps der Banken haben wir etwas wichtiges gelernt”, so Grímsson. “Wenn man will, dass die Wirtschaft in den innovativen Branchen des 21. Jahrhunderts wettbewerbsfähig ist, in der IT oder in der Hightech, dann ist ein starker Finanzsektor eine schlechte Nachricht. Selbst wenn er erfolgreich ist. [...] Banken seien mittlerweile Hightech-Unternehmen, die den anderen Bereichen einer Volkswirtschaft Ingenieure, Informatiker und Mathematiker entziehen, erklärte der Präsident [...] Seitdem die isländischen Banken vor drei Jahren kollabiert sind, erblühten die technologischen Branchen. “Es geht ihnen besser, als jemals zuvor.”

    In der Tat, ich kenne allein zwei überdurchschnittlich technisch-mathematisch Begabte, die mittlerweile bei der deutschen Bank arbeiten. Früher Jugend forscht, heute Derivate berechnen. Wie schnell gesellschaftlich nützliche Perspektiven sterben können, wenn die Bank mit dem Geldbündel winkt…

    Und wo wir schon beim Thema sind: die Banken hat man auf unser aller Kosten saniert und abgesichert, mit Direktdurchgriff aufs Steuergeld (ESM). Schutzschirmen, Bürgschaften, Notaktionen der EZB etc. Den asozialen Finanzmärkte huldigt man nach wie vor, nach wie vor lässt man sich lieber von privaten Gläubigern demütigen, anstatt Geld zu drucken. Und tut man es doch, erreicht es nicht das Volk, sondern dient wieder nur den Gläubigern und der Absicherung ihres gigantischen Schneeballsystems.

    Ich nehme jede Wette an, dass aus dieser Ecke derzeit kaum akute Gefahr droht, die wirkliche Gefahr und die wirkliche Schande sind die sozialen Zustände die sich in Europa immer mehr ausbreiten. Die Menschen sind in Merkel-Schäubles-Logik schliesslich vernachlässigbar, aber sie lassen sich nicht beliebig vernachlässigen. Sie mögen einfach nicht so richtig einsehen, dass sie künftig arm und arbeitslos bleiben sollen, weil eine spinnerte “Elite”, mit Pudding im Kopf, das als alternativlos ansieht. Das letztemal als man das versucht hat, endete das in einem verheerenden Weltkrieg. Die Deutschen haben daraus leider NICHTS gelernt, sie machen wieder einen auf Brüningschen Sparwahn.

    Im Übrigen glaube ich, dass Cameron weiß, dass die Euro-Zone (hoffentlich auch die EU) bald politisch platzen wird, oder sollte man kollabieren sagen? Er will nur nicht schuld daran sein, daher ist die Abstimmung erst 2017. Außerdem kann er auf diesem Wege vielleicht noch Sonderkonditionen rausschlagen, denn einer Sache kann er sicher sein: Bankenfreundin Merkel hat ein vitales Interesse daran, dass die Londoner City im Boot bleibt, schliesslich beherbergt die Zweigstellen aller großen EU-Banken und ist eine Steueroase. Und Merkel nutzt die Chance Camerons Gemaule als Aufhänger zu benutzen um “Reformen” zu fordern.

    • SLE - 31. Januar 2013

      Hallo Johann Haupt,

      Ihr Zitat von Grimsson aus Telpolis, “… [...] Banken seien mittlerweile Hightech-Unternehmen, die den anderen Bereichen einer Volkswirtschaft Ingenieure, Informatiker und Mathematiker entziehen, erklärte der Präsident [...] .. trifft einen wichtigen Punkt, den ich hier auch schon einmal auf der Grundlage einer Studie zum Finanzsektor thematisiert habe. Allerdings kann er duchausals ein Indikator für die hohe Crash-Anfälligkeit des Sektors gesehen werden, wie auch die Grafiken in meinem Aufsatz veranschaulichen. Hier der Link:

      http://www.querschuesse.de/einkommens-und-vermogenskonzentration-%E2%80%93-teil-5-2-entwicklung-und-begrundung-des-drastischen-anstiegs-der-einkommen-im-us-finanzsektor/

      Dass mit Cameron sehe ich anders. Er steckt bis zur Halskrause in Problemen, das Austeritätskonzept, an das er so fest geglaubt hat, bringt nicht den von ihm erhofften Effekt für die britische Wirtschaft – was uns alle hier im Blog nicht überrascht – und er steht innerparteilich immens unter Druck. Es gibt sogar schon Spekulationen, er könnte womöglich als Premier vorzeitig abgelöst werden. Dass Frau Merkel zu ihm hält, hat vor allem auch etwas damit zu tun, dass er wie sie selbst ein Konservatver ist und dieselben wirtschaftsliberalen Grundüberzeugungen teilt. Die Euro-Zone ist einem Kollaps sicherlich nicht näher als andere Industrienationen, einschließlich Großbritannien.

      Ich werde diese Zusammenhänge hier noch einmal separat in einem Post aufgreifen.

      In allem anderen stimme ich Ihnen jedoch zu.

      Viele Grüße
      SLE

    • Frankenfurter - 31. Januar 2013

      Ihnen und anderen hier, die das Wort von den “asozialen Finanzmärkten” gebrauchen sei widersprochen. Das Wort hat Berechtigung, wenn von kriminellen Machenschaften die Rede ist, wie Teilnahme am Steuerbetrug oder etwa an Zinskartellen. Aber dafür sind bestimmte Bankiers, nicht die Finanzmärkte an sich verantwortlich.

      Wenn Leute auf ihre Bankberater sauer sind, weil sie mit ihren Investitionen Schiffbruch erlitten haben, dann sind das nicht selten Krokodilstränen der “betrogenen” Anleger. Wer hohe Verzinsung will, muss halt auch hohe Risiken eingehen. Klinkt trivial, aber man muss es scheinbar immer wieder sagen,

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