Depression pur!

von am 9. Juni 2011 in Allgemein

Das griechische Statistikamt (ELSTAT) berichtete heute in der zweiten Schätzung zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) die detaillierten Daten zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR). Das saisonbereinigte reale  BIP wurde für das 1. Quartal 2011 im Vergleich zum Vorquartal, nicht wirklich überraschend, abwärts revidiert, auf +0,2% nach ursprünglich +0,8%. Im Vergleich zum Vorjahresquartal wurde saisonbereinigt das reale BIP auf -5,5% abwärts revidiert, nach ursprünglich -4,8%. Saisonbereinigt schrumpften die privaten Konsumausgaben um -6,9% zum Vorjahresquartal und die Bruttoinvestitionen sanken um satte -19,2%.

Beim unbereinigten realen BIP, wie es herkömmlich von Destatis in Deutschland, im Vergleich zum Vorjahresquartal verwendet wird, ging es Q1 2011 um satte -8,1% abwärts, nach ursprünglich gemeldeten -7,7%:

Das unbereinigte reale griechische BIP in Prozent zum Vorjahresquartal seit Q1 2005 bis Q1 2011 im Chart.

Die Arbeitnehmerentgelte schrumpften mit neuen Rekordraten, nominal ging es im Vergleich zum Vorjahresquartal um -10,8% abwärts, real (verbraucherpreisbereinigt) um unglaubliche -14,8%! Die Arbeitnehmerentgelte spiegeln die Gesamtbruttosumme aller Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer, Angestellten, Beamten, inkl. aller in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis stehenden, inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber wider und reflektieren die immer weiter steigende Arbeitslosigkeit und die Lohnsenkungen auf breiter Front.

Die Entwicklung der realen Arbeitnehmerentgelte in Griechenland im Vergleich zum Vorjahresquartal. In Q1 2011 ging es um -14,8% abwärts, nach -13,7% in Q4 2010.

Zum saisonbereinigten Hoch bei den Arbeitnehmerentgelten in Q1 2009 ging es bis Q1 2011 um real -17,2% abwärts. Aber nicht nur die Löhne schrumpften, auch die Bruttowertschöpfung der breit gefassten Industrie sank weiter, obwohl sie grundsätzlich auf einem armseligen Niveau lag:

Die saisonbereinigte Bruttowertschöpfung der breit gefassten Industrie (Bergbau, Energieversorgung, Verarbeitendes Gewerbe) nominal (blau) und real (rot) im Chart. Nominal sank die Bruttowertschöpfung (Produktionswert-Vorleistungen) der Industrie um -3,5% zum Vorquartal auf 6,904 Mrd. Euro, der tiefste Stand seit Q2 2009. Real wurde mit 3,946 Mrd. Euro in Q1 2011 (-2,7% zum Vorquartal), der tiefste Stand der verfügbaren Datenreihe seit Q1 2000 markiert. Die nominale Bruttowertschöpfung der Industrie erzielte nur 12,4% des nominalen BIPs, real waren es sogar nur 9,5% des realen BIPs in Q1 2011!

Die saisonbereinigte reale Bruttowertschöpfung in Griechenland brach auch in Q1 2011 auf breiter Front zum Vorquartal ein, so die des Baugewerbes um -7,4% und die der Dienstleistungsbranche, wie Tourismus, Handel, Transport und Kommunikation um -0,7%.

Wie angesichts dieser Daten überhaupt ein Anstieg des saisonbereinigten realen BIPs von +0,2% zum Vorquartal zustande kommt, erklärt sich durch die Differenz aus Exporten – Importen die in das BIP mit einfließt:

Die Entwicklung je Quartal aus der VGR der saisonbereinigten realen Exporte und Importe in Mrd. Euro von Waren, Gütern und Dienstleistungen. Im Vergleich zum Vorquartal sanken die realen Exporte in Q1 2011 um -4,38% auf 9,154 Mrd. Euro, während die Importe stärker um -6,12% auf 12,111 Mrd. Euro sanken. Zwar ist es grundsätzlich positiv wenn das Handelsbilanzdefizit bei den zusammengefassten Waren und Dienstleistungen sinkt und die geschrumpfte negative Differenz aus Exporten – Importen das BIP steigen lässt, allerdings steht dies nicht für ein Wachstum der wirtschaftlichen Aktivität, sondern ist ein statistischer Effekt aus dem schneller schrumpfenden Importvolumen. Zum Vorjahresquartal waren die realen saisonbereinigten Exporte um -2,0% gefallen und die realen Importe um kräftige -15,5%.

Griechenland ist mittlerweile ein hoffnungsloser Fall und wurde von ökonomischen Dilettanten in die Depression gespart und es ist ein Faktum, das Griechenland weder seine Staatsschulden von 354,5 Mrd. Euro, noch die Auslandschulden in Höhe von 420 Mrd. Euro (aller griechischen Wirtschaftssubjekte), aus eigener wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit wird bedienen noch zurückzahlen können! Gestern gab ELSTAT eine Rekordschrumpfung des Outputs der Industrieproduktion für April 2011 bekannt, von erstaunlichen -11% zum Vorjahresmonat. Solch eine rabiate Entwicklung überrascht selbst Querschuesse, denn dieser Einbruch erfolgt von einer sehr niedrigen Ausgangsbasis:

Der saisonbereinigte breit gefasste Industrieproduktionsindex (Bergbau, Energieversorgung und Verarbeitendes Gewerbe/Herstellung von Waren) seit Januar 1995 bis April 2011 im Chart. Der Output der griechischen Industrieproduktion bricht zum lang zurückliegenden Hoch aus August 2000 um -29,83% ein und selbst zum monatlichen Durchschnitt des Jahres 1995 schrumpft der Output im April 2011 um -9,2%.

Allen potentiellen Schönrednern sei ins Stammbuch geschrieben, diese Daten zeigen die unglaubliche Dynamik der organisierten Abwärtsspirale. Da die selben Methoden zur “Behebung” der Schuldenkrise durch EU, IWF und EZB auch in anderen Südperipherie-Ländern der Eurozone angewandt wird, dürfte dies die “Chance” eines sich gegenseitig verstärkenden Abwärtssogs enorm in die Höhe treiben und schließlich auch den Exportvizeweltmeister Deutschland nachhaltig in die Bredouille bringen.

Quelle Daten: Statistics.gr/PDF: Quarterly national Accounts Q1 2011, Statistics.gr/XLS: detaillierte Excel-Tabellen zur griechischen VGR, Statistics.gr/PDF: Griechische Industrieproduktion im April 2011, Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

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