Details zum deutschen BIP in Q2 2011

von am 1. September 2011 in Allgemein

Heute berichtete das Statistische Bundesamt (Destatis) in der 2. Schätzung die Daten zum BIP in Q2 2011 und auch die detaillierten Daten zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR). Zunächst wurde das schwache Wachstum des realen (preis-, saison- und kalenderbereinigten) Bruttoinlandsprodukts (BIP) von nur +0,1% zum Vorquartal bestätigt, zum Vorjahresquartal ging es unbereinigt noch um real +2,8% aufwärts. Die detaillierten Daten entlarven auf ein Neues die gerne verbreitete Mär vom deutschen Konsumwunder, die privaten Konsumausgaben sanken kräftig, um real -0,7% zum Vorquartal und stiegen nur noch +1,4% zum Vorjahresquartal.

Die realen saison- und kalenderbereinigte Konsumausgaben der privaten Haushalte seit Q1 2000 bis Q2 2011 (2005=100) im Chart. In Q2 2011 sanken die realen Konsumausgaben um -0,7% zum Vorquartal. Was zeigen uns diese Daten, seit dem Jahr 2000 bis Q2 2011, der reale private Konsum ist um “sagenhafte” +4,31% gestiegen.

Wie schief das deutsche Wirtschaftsmodell grundsätzlich aufgestellt ist, zeigen nicht Vergleiche zum Vorquartal oder zu den Vorjahresquartalen, sondern die lange Datenreihe, wie in diesem Chart:

Die Entwicklung der realen Arbeitnehmerentgelte (grün), des realen Exportvolumens (rot) und der realen privaten Konsumausgaben der privaten Haushalte (blau) von Q1 2000 bis Q2 2011, alle Daten saisonbereinigt (Jahr 2000=100). Während die realen Exporte seit 2000 bis Q2 2011 um +79,49% stiegen, gab es bei den realen privaten Konsumausgaben einen lauen Anstieg von +4,31% und die realen Arbeitnehmerentgelten lagen sogar immer noch um -0,36% unter dem Niveau von 2000! Ein XXL-Aufschwung-Made in Germany!

Kräftig revidiert bzw. gefummelt wurde von Destatis an der langen Datenreihe bei den Arbeitnehmerentgelten, der Gesamtbruttosumme aller Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer, Angestellten, Beamten, inkl. aller in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis stehenden, inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber. Im Durchschnitt wurden bei der saisonbereinigten Reihe die Arbeitnehmerentgelte um +2,7 Mrd. Euro pro Quartal seit Q1 1991 bis Q1 2011 angehoben. Passend dazu wurden die Unternehmens- und Vermögenseinkommen in den letzten 5 Quartalen abwärts revidiert, in Q1 2011 sogar um kräftige  -9,02 Mrd. Euro. Die Revisionen trüben etwas das Chartbild ein, welches immer sehr deutlich den Unterschied bei der Entwicklung der Arbeitnehmerentgelte und der Unternehmens- und Vermögenseinkommen herausarbeitete:

Die Entwicklung der saisonbereinigten Summe aller nominalen Arbeitnehmerentgelte in Deutschland und der Summe der saisonbereinigten nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen von Q1 2000 bis Q2 2011 (Jahr 1991=100). Für Q1 2011 wurden die nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen von 173,77 Mrd. Euro auf 164,75 Mrd. Euro abwärtsrevidiert, in Q2 2011 ging es weiter abwärts auf 157,72 Mrd. Euro. Die nominalen Arbeitnehmerentgelte wurden für Q1 2011 von 323,31 Mrd. Euro auf 325,19 Mrd. Euro aufwärts revidiert und stiegen in Q2 2011 weiter auf 330,12 Mrd. Euro. Trotzdem liegen die realen (preisbereinigten) Arbeitnehmerentgelte immer noch um -0,36% unter dem Niveau des Jahres 2000.

Diese Datensätze sind richtig spannend, denn entweder wurden sie so ausgewiesen, dass sie die offensichtliche Divergenz von Unternehmens- und Vermögenseinkommen zu den Arbeitnehmerentgelten wenigstens etwas nivellieren, oder seit nun 2 Quartalen partizipieren Unternehmens- und Vermögenseinkommen nicht mehr entsprechend am Exporterfolg!

Die Entwicklung beim saisonbereinigten nominalen Exportvolumen und den nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen verlief in der Vergangenheit relativ synchron. Blau (linke vertikale Achse) das Exportvolumen, rot (rechte vertikale Achse) die Entwicklung der Unternehmens- und Vermögenseinkommen, jeweils in Mrd. Euro auf Quartalsbasis von Q1 1991 bis Q2 2011. Die saisonbereinigten nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen sanken in Q2 2011 auf 157,72 Mrd. Euro, während das nominale Exportvolumen von Waren, Gütern und Dienstleistungen auch in Q2 2011, ein neues Allzeithoch mit 319,60 Mrd. Euro markierte!

Wenn man sich der zweiten These zuwendet, dass die Unternehmens- und Vermögenseinkommen nicht mehr am Exporterfolg partizipieren, kündigt sich eine Zeitenwende an. Sehr wahrscheinlich liegt dies an den sinkenden Vermögenseinkommen, da die Erträge aus Festgeldern, Schuldtiteln, und Aktien enorm unter Druck sind. Dies kann allerdings nicht mit Daten belegt werden, da Destatis die Unternehmens- und Vermögenseinkommen im Rahmen der VGR nicht getrennt angibt. Die These, dass sich nun die einseitige Exportausrichtung Deutschlands, welche die Ungleichgewichte vor allem in der Eurozone befeuerte und zur Banken- und Staatsverschuldungskrise vor allem der Südperipherie führte und im globaleren Blickwinkel auch Teil der Krise in UK und den USA ist und sich dies nun auch gegen die bisherigen Gewinner der Fehlentwicklung richtet, dürfte sicher nicht ganz unschlüssig sein.

Nimmt man die Daten von Destatis als gegeben bzw. als Fakt, muss man in den letzten Quartalen eine positive Entwicklung bei der Gesamtsumme der Arbeitnehmerentgelte konstatieren, welche sich deutlich positiv von der in den von Austeritätsmaßnahmen geplagten Ländern abhebt:

Die Entwicklung der realen unbereinigten Arbeitnehmerentgelte jeweils im Vergleich zum Vorjahresquartal seit Q1 2000 bis Q2 2011 im Chart. In Q2 2011 ging es bei den Arbeitnehmerentgelten nach Abzug der Verbraucherpreise, real um +2,74% zum Vorjahresquartal aufwärts.

Während die Summe der Arbeitnehmerentgelte saisonbereinigt nominal um +1,52% zum Vorquartal anstieg, betrug der Anstieg der realen saisonbereinigten Arbeitnehmerentgelte +0,85% zum Vorquartal. Zieht man die Sozialbeiträge der Arbeitnehmer ab, erhält man die Summe aller Bruttolöhne und -gehälter und bricht man diese Summe dann auf die Anzahl der Beschäftigten im 2. Quartal 2011 und je Monat herunter, erhält man die durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat. Diese betrug dann Brutto (nominal) 2’464 Euro, ein Anstieg von noch +1,36% bzw. von +33 Euro je Arbeitnehmer und je Monat zum Vorquartal. Real (preisbereinigt) stiegen die Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat im 2. Quartal 2011 um +0,69% bzw. um +15,23 Euro!

Zieht man weiter den Arbeitnehmeranteil für die Sozialbeiträge und die Lohnsteuer ab, erhält man dann die durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat. Preisbereinigt, nach offizieller Lesart um den Anstieg der Verbraucherpreise, offenbaren die Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat nach Steuern und Abgaben als lange Datenreihe seit Q1 1991, die miese Partizipation der Arbeitnehmer am “Erfolgsmodell” Deutschland, immer noch deutlich sichtbar, trotz der revidierten Ausgangsdatenbasis der Arbeitnehmerentgelte:

Die realen (preis- ,saison- und kalenderbereinigten) durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat seit Q1 1991 bis Q2 2011 (2005=100). In Q2 2011 ging es aufwärts, um +19,22 Euro, auf preisbereinigte durchschnittliche 1’492,81 Euro (2005=100), dies ist aber immer noch -3,44% unter dem Niveau des Jahres 1991 und -3,85% unter dem Niveau des Jahres 2000! 

Deutschland hat in Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise die verstrichene Zeit kaum genutzt um seine Exportlastigkeit abzubauen, damit einen Beitrag zum Abbau der Ungleichgewichte im Handel mit der Welt, als eine der tiefer zugrunde liegenden Ursachen der Krise zu leisten und vor allem ist es nicht gelungen eine Binnennachfrage zu organisieren. Zwar steigen die Arbeitnehmerentgelte, dies reflektiert auch den Anstieg der Beschäftigung in Deutschland, nur die Mehrzahl der geschaffenen Jobs sind von minderer Qualität und miesen Entgelt, so das aus ihnen heraus kein großer Stimulus für die Binnennachfrage entsteht, der den Nachfrageeffekt wesentlich übersteigt, als diese in Jobs gekommene Arbeitnehmer noch vollständig zu Lasten der Sozialsysteme ihren nötigsten Konsum deckten. Festhaltenswert bleibt, dass nun die Unternehmens- und Vermögenseinkommen nicht mehr entsprechend am Zuwachs des Exportvolumens partizipieren und das potentielle positive Interpretationen der BIP-Daten eine müßige Makulatur sein werden, wenn sich wie absehbar, die weltwirtschaftlichen Aussichten weiter eintrüben und damit das einzige Standbein des deutschen Erfolgsmodells, der Export einbrechen wird…. und er wird einbrechen.

Quelle Daten: Destatis.de/Pressemitteilung: Ausführliche Ergebnisse zur Wirtschaftsleistung im 2. Quartal 2011, Genesis.destatis.de/Datenbank VGR

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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