Deutschland: Erwerbstätigenrechnung (ETR) Q3 2013

von am 19. November 2013 in Allgemein

Das Statistische Bundesamt (Destatis) berichtete heute Daten zur Erwerbstätigenrechnung (ETR) im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für das 3. Quartal 2013. In Q3 1013 wurde erneut ein neues Hoch bei der unbereinigten Zahl der Erwerbstätigen erzielt, mit 42,032 Millionen (+0,6% zum Vorjahresquartal). Das klingt super, allerdings der Blick auf die Entwicklung der Summe aller geleisteten Arbeitsstunden und der geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen im langfristigen Kontext relativiert den Erfolg erheblich bzw. zeigt eindeutig die Genese des deutschen “Jobwunders”.

Zwar stieg auch die unbereinigte Summe aller geleisteten Arbeitsstunden, um +1,2% zum Vorjahresquartal, auf 14,938 Mrd. Arbeitsstunden und ebenso stiegen die unbereinigten geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen, um +0,6% zum Vorjahresquartal, auf 355,4 Arbeitsstunden im 3. Quartal 2013. Aber die Summe aller geleisteten Arbeitsstunden sind gerade im langfristigen Kontext ausgesprochen schwach und das Gap zu den steigenden Erwerbstätigenzahlen erheblich. Der Chart mit den saisonbereinigten Daten, als Index 1991=100 dargestellt, offenbart eine gravierende Diskrepanz:

1aDie Entwicklung der saisonbereinigten Zahl der Erwerbstätigen (blau) und der von ihnen insgesamt geleisteten saisonbereinigten Arbeitsstunden (rot). Seit 1991 (=100) mit 38,712 Millionen Erwerbstätigen stieg bis Q3 2013 die Zahl der Erwerbstätigen um +8,23%, auf saisonbereinigte 41,900 Millionen Erwerbstätige. Währenddessen sank trotz deutlich höherer Erwerbstätigenzahl, die Zahl der geleisteten saisonbereinigten Arbeitsstunden um -2,61% seit 1991 (15,048 Mrd.), auf 14,656 Mrd. Arbeitsstunden in Q3 2013.

Noch schlimmer sieht es bei den geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen aus:

1aDie Entwicklung der saisonbereinigten, geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen und je Quartal im Chart. In Q3 2013 stiegen zwar die saisonbereinigten geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen um +0,4% zum Vorquartal auf 349,79 Stunden. Zum Hoch in Q1 1992 waren es aber noch 392,95 Stunden.

Was zeigen die Daten aus der VGR, mehr Erwerbstätigen stehen tendenziell immer weniger geleistete Arbeitsstunden je Erwerbstätigen gegenüber, was klar die kritische Sicht auf die Qualität des deutschen Arbeitsmarktes bestätigt. Denn ganz klar geht der Zuwachs der Erwerbstätigen nicht mit einem adäquaten Anstieg der geleisteten Arbeitsstunden einher. Primär zeichnet also das deutsche Arbeitsmarktwunder prekäre, atypische Beschäftigung aus, Millionen von Unterbeschäftigten, in Leiharbeit, Teilzeit oder geringfügiger Beschäftigung.

Noch klarer wird der Befund mit den Jahresdaten von Destatis, welche bis 1970 zurückreichen:

1aDie Entwicklung der geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen und Jahr seit 1970 bis 2012 (bis 1990 nur alte Bundesländer). Im Jahr 2012 sank die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen -0,9% zum Vorjahr, auf 1393 Arbeitsstunden. 1970 waren es 1966 Stunden. Im langfristigen Kontext ging es nur bergab, was vor allem die schwindende Zahl der Vollzeitarbeitsplätze und die Explosion der prekären Beschäftigung reflektiert. Daran ändert auch nichts wesentlich der kleine Anstieg 2013*, mit auf Basis der ersten 3 Quartale hochgerechneten 1396 Arbeitsstunden je Erwerbstätigen.

1aDie Entwicklung der Zahl der Erwerbstätigen und die Entwicklung der geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen, jeweils Originaldaten auf Jahresbasis, seit 1970 bis 2012 und für 2013*, auf Basis der ersten 3 Quartale hochgerechnet, im Chart.

Für die Staatskasse ist ein hoher Beschäftigungsstand ein Segen, denn die schlecht entlohnten Teilzeitjobs und prekären Jobs belasten die Staatskasse wesentlich geringer als hohe Arbeitslosenzahlen. Den Unternehmen sichert diese Entwicklung ein Heer an variablen Teilzeitmalochern in prekären Modellen und mit in Teilen miesen Löhnen.

Aber für den Binnenkonsum sind diese Daten weiter schlecht, letztlich auch für die Investitionen, denn bei unterlasteten Produktionskapazitäten ist kein relevanter Schub der Binnennachfrage in Sicht, die Geschäftserwartungen der Unternehmen bleiben verhalten, denn der Export läuft ja bereits auf Anschlag, ergo wird nur das nötigste investiert. Die geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen zeigen die Genese des deutschen “Arbeitsmarktwunders”, nichts worauf man wirklich stolz sein muss und nichts was wirklich die Masseneinkommen stärkt.

Quellen Daten: Destatis.de/Pressemitteilung Nr. 387 vom 19.11.2013: Erwerbs­tätigkeit im 3. Quar­tal 2013 weiter gewachsen

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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4 KommentareKommentieren

  • Joergli - 20. November 2013

    Sehr “schöne” Darstellung!

    Das deutsche “Jobwunder” ist also nichts anderes als die Verteilung von weniger Arbeit auf mehr Schultern zu niedrigeren Löhnen bezahlt vom Sozialstaat.

    Ach ja, apropos Sozialstaat: Die Sozialleistungsquote, also die Summe aller Sozialleistungen in Prozent des BIP, lag 2012 bei 30 %, also ähnlich hoch wie z. B. 2002 und 2003 oder auch 1996/1997.

    Wirklich gespart wurde da auch nicht.

    • Holly01 - 20. November 2013

      Hallo Joergli,
      klar wurde gespart. Ein immer größerer Teil dieser so genannten Sozialleistungen geht an gut und spitzen Verdiener.
      Man verteilt auch dort radikal um.
      Die im sozialen System sowieso stark bevorteiligten holen sich das bischen auch noch zurück. …….

  • Achim23 - 20. November 2013

    Naja weniger Arbeitszeit bei gleichem Lohn wäre ja nicht so schlimm

    Freizeit hat schließlich den höchsten Wert.

    Das vermisse ich in dem Chart noch…das Durchschnittsgehalt / h / Erwerbstätigem

  • Chotschen - 20. November 2013

    Die deutlichen Anstiege beim Arbeitsvolumen in den letzten beiden Quartalen gehen vor allem auf zusätzliche Arbeitstage gegenüber den Vorjahresquartalen zurück, was auch an der gestiegenen Arbeitszeit pro Erwerbstätigen zu sehen ist. Vermutlich wird es in der nächsten Zeit wieder einen Ruck nach unten geben.