Deutschland: hohe Unternehmensgewinne und niedrige Nettoinvestitionen

von am 16. Oktober 2014 in Allgemein

Einen bezeichnenden Blick, auf einen in Teilen bizarren Beitrag der Gemeinschaftsdiagnose “Herbst 2014″ der führenden Wirtschaftsinstitute und der kolportierenden Medien, in Hinblick auf die zu niedrigen Investitionen von Unternehmen in Deutschland, zeichnen die Sektorkonten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Denn das Sektorkonto für nichtfinanzielle Unternehmen (Kapitalgesellschaften) der Realwirtschaft zeigt hohe Unternehmensgewinne und trotzdem immer niedrigere Nettoinvestitionen. Die Gemeinschaftsdiagnose verlautbart künftiger Mindestlohn und das Rentenpaket wirken wachstumshemmend und schränken die Investitionsbereitschaft der Unternehmen ein. Dies mag isoliert betrachtet auf einzelne Firmen vielleicht so wirken, für die Gesamtheit aller Unternehmen in Deutschland ist dies sicher als Analyse falsch, denn der Trend zu sinkenden Investitionen ist längst ein Alter, auch schon intakt zu Zeiten ohne “drohenden” Mindestlohn und Rente mit 63 für letztlich wenige. Insofern ist auch der Ruf nach einer Minderung der Abgabenbelastung für Unternehmen verräterisch, denn im Zweifel erhöht dieser nur die Unternehmensgewinne, führt aber nicht zwingend zu höheren Investitionen.

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“Die Aussichten für die Konjunktur sind auch deshalb gedämpft, weil Gegenwind von der Wirtschaftspolitik kommt. Zwar gehen von der Finanzpolitik, gemessen an den diskretionären Maßnahmen, expansive Impulse aus, doch wirken das Rentenpaket und die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns wachstumshemmend. Auch nutzt die Bundesregierung ihren finanziellen Spielraum zu wenig für investive Zwecke. All dies wirkt sich wohl negativ auf die private Investitionsneigung aus. Dass die Bundesregierung der Konsolidierung des Staatshaushaltes eine herausgehobene Bedeutung zukommen lässt, ist zu begrüßen. Angesichts erwarteter öffentlicher Finanzierungsüberschüsse in Höhe von 0,3 Prozent und 0,1 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt für die Jahre 2014 und 2015 wäre eine Minderung der Abgabenbelastung allerdings durchaus möglich.” …..Was für ein widersprüchliches Geschwurbel, soll der Staat nun besser investieren oder begrüßt man die Konsolidierung des Staatshaushaltes, was auch zu Lasten von Investitionen geht, hilft nun ein solider Staatshaushalt der privaten Investitionsneigung oder bedarf es einem wachstumsorientierten Anschub (kein Überschuss, gar Defizit) auch durch den Staat?

Fakt ist, in den letzten Jahren gingen hohe Unternehmensgewinne mit sinkenden Nettoinvestitionen einher:

A520Die Entwicklung der Unternehmensgewinne der nichtfinanziellen Unternehmen der Realwirtschaft (blau) in Mrd. Euro, der Nettoinvestitionen (Bruttoinvestitionen minus Abschreibungen) in Mrd. Euro (rot) und der Nettoinvestitionsquote (grün) in Prozent, also die Nettoinvestitionen gemessen an den Gewinnen der nichtfinanziellen Unternehmen.

Unternehmensgewinnen der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften von 475,194 Mrd. Euro im Jahr 2013 standen Nettoinvestitionen von armseligen 11,738 Mrd. Euro gegenüber. 2013 betrug die Nettoinvestitionsquote, gemessen an den Gewinnen nur noch 2,5%, noch 1991 waren es 48,5%!

Die Unternehmensgewinne sind ja bereits um die Abschreibungen gemindert, so wie auch nur die positive Nettoinvestitionen in den Erhalt oder die Steigerung des Kapitalstocks fließen.

Der Sektor nichtfinanzielle Unternehmen ist eigentlich ein klassischer Sektor für Finanzierungsdefizite, die Unternehmen verschulden sich, um zu investieren und auf der anderen Seite steigt der Kapitalstock (akkumuliertes Nettoanlagevermögen). Unternehmen müssen Teile ihrer Investitionen mit Fremdkapital finanzieren, denn nur so hat der Sektor private Haushalte die Möglichkeit, seine Nettoersparnisse produktiv in Deutschland anzulegen.

Das die Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsinstitute nicht sauber die Fakten sprechen lässt, sondern Interessen gesteuert argumentiert, zeigt auch die eigene Prognose zum Finanzierungssaldo, denn auch in der Prognose für 2014 und 2015 steht bei den Unternehmen ein Finanzierungsüberschuss, also per Saldo sind in der Gesamtheit aller Unternehmen die Einnahmen weiter höher als die Ausgaben und Mindestlohn und Rentenpaket haben darauf wenig Einfluss.

A521Die Entwicklung des Finanzierungssaldo der Unternehmen (nichtfinanzielle und finanzielle Kapitalgesellschaften) seit 1980 bis 2013 laut Destatis und für 2014* und 2015* laut Gemeinschaftsdiagnose, die ihre Prognose für die Sektorkonten nur für nichtfinanzielle und finanzielle Unternehmen zusammengefasst veröffentlicht.

A522Die Entwicklung des Finanzierungssaldo der privaten Haushalte (blau), der nichtfinanziellen Unternehmen (grün), der finanziellen Unternehmen (lila), des Staates (türkis) und der übrigen Welt (rot) von 1980 bis 2013 im Chart. Für 2014* und 2015% laut Gemeinschaftsdiagnose und für die nichtfinanziellen und finanziellen Unternehmen für 2014* und 2015* geschätzt von Querschuesse.

Alle inländischen volkswirtschaftlichen Sektoren erzielen Finanzierungsüberschüsse, die ganze Last der Finanzierungsdefizite wird dem Ausland auferlegt und ist primär Folge des deutschen Geschäftsmodells, der exzessiven Nettoexportüberschüsse.

Der Finanzierungssaldo der nichtfinanziellen Unternehmen ist immer viel niedriger als die Unternehmensgewinne, da natürlich Ausschüttungen, Dividenden und Entnahmen, als Ausgaben zählen. Die Gewinnausschüttungen und Entnahmen (358,286 Mrd. Euro) lagen auch 2013 deutlich höher als die Bruttoinvestitionen (292,539 Mrd. Euro) und die Bruttoinvestitionen lagen nur noch knapp über den Abschreibungen (280,801 Mrd. Euro).

Die Bruttowertschöpfung (Produktionswert minus Vorleistungen) im Sektor nichtfinanzielle Unternehmen betrug 2013 1595,326 Mrd. Euro, nach Abschreibungen die Nettowertschöpfung 1314,435 Mrd. Euro.

Zum Kern einer redlichen Analyse gehört, die schiefe Einkommensverteilung in Deutschland, die Schwächung der Masseneinkommen und damit auch, warum die Unternehmen nicht stärker in Deutschland investieren. Der Export läuft längst auf Anschlag und potentiell droht eher ein latenter Rückgang, die Binnennachfrage bleibt schwach und die Produktionskapazitäten sind klar unterlastet:

A523Die Entwicklung der Kapazitätsauslastung der deutschen Industrie im Verarbeitenden Gewerbe von Q1 1960 bis Q3 2014 im Chart. In Q3 2014 lag die Kapazitätsauslastung bei 84,0%. Nichts wo man zwingend investieren müsste, schon mal gar nicht, wenn man als Unternehmen auf die aktuellen Stimmungsindikatoren, den Zustand der Finanzmärkte und die letzten negativ überzeichneten Wirtschaftsdaten zu Auftragseingang, Industrieproduktion und Exportvolumen im August 2014 sieht. Wahrscheinlich wird die Kapazitätsauslastung sogar noch leicht sinken.

Ohne eine aggregierte Nachfragesteigerung wird es keine großen zusätzlichen Investitionen der Unternehmen geben und den wichtigsten Beitrag dazu müsste/könnte nur die Binnennachfrage leisten, doch dafür müsste das deutsche Geschäftsmodell erstmal in Frage gestellt werden. Nur unter der herrschenden Agenda wird dies nicht geschehen, also gehts weiter wie bisher, das Wohl und Wehe der deutschen Volkswirtschaft hängt von der Nachfrage aus dem Ausland ab und deren Nettokreditwachstum (Verschuldung), nichts was noch ewig andauern kann.

Quelle: Destatis.de/Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung/Sektorkonten, Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2014/Sektorkonten für institutionelle Sektoren, Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2014/ PDF: “Deutsche Wirtschaft stagniert – Jetzt Wachstumskräfte stärken”

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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10 KommentareKommentieren

  • Erino - 16. Oktober 2014

    Da sind aber die Investitionen der deutschen Unternehmen im Ausand noch nicht drin? Ich vermute mal, die investieren eher dort, weil da noch Wachstum ist. In einer Rentnergesellschaft (ähnlich wie in Japan auch) kann man eben nicht mehr viel Wachstum erwarten.

    Rentner neigen eher dazu, mit dem zufrieden zu sein, was man hat. Vielleicht ist das ja auch besser als ewiges Wachstum.

    • Querschuss - 16. Oktober 2014

      Hallo Erino,
      natürlich sind die Investitionen ins Ausland, da nicht drin, es geht ja in der Gemeinschaftdiagnose Herbst 2014 um Deutschland und die Investitionen ins Ausland fließen nicht ins deutsche BIP.

      Der Artikel soll ja zeigen, wie Unternehmensgewinne und Nettoinvestitionen in Deutschland auseinanderlaufen.

      Der Finanzierungssaldo der inländischen volkswirtschaftlichen Sektoren entspricht dem deutschen Leistungsbilanzüberschuss und dem umgekehrten Vorzeichen beim Finanzierungssaldo der übrigen Welt.

      Der Nettokapitalexport aus Deutschland ist aktuell Januar bis August 2014 sogar noch deutlich höher, als der Leistungsbilanzüberschuss, ein Wahnsinn.

      https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/BBK/2014/2014_10_13_zahlungsbilanz_anlage.pdf?__blob=publicationFile

      Gruß Steffen

  • M.E. - 16. Oktober 2014

    Heute wieder panikartige Verkäufe an der Börse.
    Mittlerweile kann man durchaus von einem Börsencrash reden.

    • Querschuss - 16. Oktober 2014

      Hallo M.E.,
      die Aktienmärkte sind ein völlig verrückter Trendverstärker, in jede Richtung, deshalb besteht ja auch schon lange Bedarf diese Exzesse zu begrenzen. Stichworte (High Frequency Trading, Leerverkäufe begrenzen/eindampfen, z.B. eine Börsenumsatzsteuer, eine Finanzmarkttransaktionssteuer usw.). Kurz gefasst, man sollte diesen Irrweg an “Investitionen” (Spekulatuion) etwas unattraktiver gestalten, dann klappt es vielleicht auch mit richtigen Investitionen wieder besser :)

      Gruß Steffen

  • Rolmag - 16. Oktober 2014

    “Auch nutzt die Bundesregierung ihren finanziellen Spielraum zu wenig für investive Zwecke”

    Die Bureg investiert schon, aber nicht in Deutschland, sondern sorgt mit aller Kraft und unserem Steuergeld dafür, dass auch die privaten Investitionen ins europäische Ausland gehen denn die brauchen es in den Augen der klügsten Bureg aller Zeiten weitaus dringender als wir.

  • JL - 16. Oktober 2014

    Wenn ich Aktionär wäre, sollte ein Unternehmen die höchstmögliche Rendite erzielen. Dem entsprechend hat ein Unternehmen sich um mein- und nicht um das unternehmerische Wohl zu kümmern. Gut, wenn man innovative Neuerungen braucht, dann kauft man sie halt ein.

    Unternehmen werden zunehmend als Gelddruckmaschinen betrachtet. Wer, wo, wie Gewinne macht ist zunehmend unerheblich. Interessant wird es bei Gewinnstagnationen oder gar Einbrüchen derselben.

    Genau dann rufen die Unternehmen die nichts unternehmen, den Staat auf, endlich was zu unternehmen.

    Hatten wir aber auch schon mal- als Steuerzahler.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

  • Georg Trappe - 17. Oktober 2014

    Hier eine nette Idee, um den Geldstau bei dem einen oder anderen Oligarchen etwas aufzuloesen:

    http://www.thrillist.com/travel/nation/the-star-superyacht-this-star-shaped-boat-has-a-submarine-deck

    http://www.lobanovdesign.com/

  • C.G.BRANDSTETTER - 18. Oktober 2014

    Hallo Steffen, zu den tendenziell steigenden Finanzinvestitionen und den sinkenden Realinvestitionen der Unternehmen hat Schulmeister mal was geschrieben. Eine Kurzfassung – Der neoliberale Wechselschritt – findet sich hier: http://www.saldenmechanik.info/files/saldenmechanik/Schulmeister_-_Der_neoliberale_Wechselschritt.pdf
    Herzlichen Gruß
    Christoph

  • Michael - 26. Oktober 2014

    Leerverkäufe Eindampfen ist das Falscheste, was man machen kann. Das führt dazu, dass alle aufwärts wetten und die Blasen extreme Ausmaße annehmen. Wenn sie platzen gibt es keine Bären, die eindecken möchten und die Abstürze dieser Art sind dann, wie 2008 und 2011 senkrecht. Viel sinnvoller wären teurere Wertpapierkredite. DAX&co. vollziehen letztlich nur das irre Treiben der US-Indizes nach. Die sind im Höhenrausch. Was bedeuten denn teure Übernahmen, Neuemissionen von Schnulli-Papieren zu Mondpreisen und sinkende Liquidität? Der nächste Crash naht und hoffentlich gibt es genug Bären.

    Die Ursachen für die zu geringen Investitionen sind wohl mit Aussenhandelsbilanzüberschüssen und somit Kapitalexport hinreichend bekannt. Das war eine Folge der Euroeinführung und die Dollarstärke dürfte deutschen Unternehmen mit ihren kreditfinanzierten Auslandsinvestitionen und höheren Kosten mehr auf die Hühneraugen fallen, als Mindestlohn und Rente mit 63 für wenige Arbeitnehmer. Man hat ja gesehen, wie mit Agenda 2010 die Firmengewinne hochschossen, aber die Löhne nicht. Womit die Einzelhandelsdaten, somit die Binnenkonjunktur lausig blieben. Sicher dürfte die deutsche Konjunktur mit einer Dollarstärke, ebenso wie die US-amerikanische, ziemliche Blessuren einstecken. Somit sind Mindestlohn und Rente mit 63 nicht genug um die krassen Widersprüche zwischen den Euroländern auszubügeln. Zweifellos folgt daraus, dass der Euro eine Weichwährung Typ italienische Lira wird. Das würde den Amis, Deutschen und Asiaten garantiert schlecht bekommen. Die Signale sind schon heute nicht zu übersehen.

  • Michael - 26. Oktober 2014

    Die US – BIP-Daten kommen nächste Woche, erwartet werden wohl 3% Wachtum, die Hälfte davon sollte aber bis zur 3. Revision dem starken Dollar zum Opfer gefallen sein. Das deutsche BIP wird selbstverständlich auch durch die fragwürdige Russland-Politik geschädigt. Viel stärker, als durch Mindestlohn. Was kann man als $-Investor mit haufenweise €-Papieren machen, wenn der € abtrudelt ? Absichern und ein Risiko eingehen ? Nö, einfach Verkaufen und sich über die Dummheit insbesondere der EZB todlachen. Sowohl Anleihen, als auch andere Festverzinsliche und Aktien sind bei einem starken Dollar aus dem Blickwinkel des $-Investoren (Ami, Asiat und Ölscheich) höchst unattraktiv. Wenn Draghi dann noch speziell BlackRock die Gewinne garantiert, zeigt sich, dass der Kerl gestürzt werden muss, bevor das Irrenhaus über der Eurozone total zusammenbricht. Das begründet recht gut die jüngsten Kursbewegungen. Ein paar Schlafmützen wollen dann mit der Jahresendralleye aussteigen. Fakt ist, dass mit Ende QE3 1 Bill. $ pro Jahr weniger zum Verfeiern in der Freibierparty da sind, die Aktienrückkäufe schwinden und die Wertpapierkredite nächste Woche wohl gerupft werden.

    Es ist schon irre, was wir seit Jahren über uns ergehen lassen müssen. Murksel und DruckerDraghi sind die größtmögliche Katastrophe, so verschieden sie auch sind.