Deutschland: “Märchenland” der Erwerbstätigen

von am 30. November 2014 in Allgemein

Erstmals im Oktober 2014 über 43 Millionen Erwerbstätige, meldete Destatis, dies sogar während einer relativen Konjunkturflaute und nur noch 2,716852 Millionen Arbeitslose, laut der Bundesagentur für Arbeit im November 2014, klingt eigentlich TOLL, das Märchen vom deutschen Arbeitsmarkt, aber die Details und die Methodik der Erhebungen verraten eine miese zu Grunde liegende Qualität der Daten und des Märchens. Dies gilt es anhand auch neuer Datenreihen und Informationen von Querschuesse aufzuzeigen.

A907Die Entwicklung der unbereinigten Zahl der Erwerbstätigen (blau) und der saisonbereinigten Erwerbstätigen (rot) von Januar 1991 bis Oktober 2014 im Chart. Zuletzt im Oktober stieg die unbereinigte Zahl der Erwerbstätigen auf 43,006 Millionen!

Allerdings ist diese Hausnummer von Hause aus bereits weichgespült, denn die Erwerbstätigenzahl wird nach dem Labour-Force-Konzept der International Labour Organization (ILO) ermittelt. Als erwerbstätig gilt bereits jede Person im erwerbsfähigen Alter, die in einem einwöchigen Berichtszeitraum mindestens eine Stunde lang gegen Entgelt oder im Rahmen einer abhängigen, selbstständigen oder mithelfenden Tätigkeit gearbeitet hat.

Nicht ganz umsonst weist Destatis auch in einem jährlichen Bericht die atypischen Beschäftigung aus, dessen Kernbetrachtung von den Kernerwerbstätigen ausgeht, also nur Personen im Alter von 15 bis 64 Jahren, die sich nicht in Bildung oder Ausbildung befinden oder bereits im rentenfähigen Alter. Mit dieser Betrachtung zeichnen sich laut Pressemitteilung vom 26.11.2014, Stand Jahr 2013 35,631 Millionen Kernerwerbstätige und auch wenn am äußeren Rand die atypische Beschäftigung sich leicht abschwächt, die lange Datenreihe zeigt, atypische Beschäftigte und Solo-Selbständige (faktisch auch oft nur verdeckte prekäre Malocher) trieben die Zahl der Kernerwerbstätigen, während die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse auch 2013 deutlich unterhalb des Niveaus von 1991 lag:

A908Die Entwicklung von Normalarbeitnehmern (unbefristete sozialversicherungspflichtige Stellen, aus Vollzeit oder Teilzeit mit mehr als 20 Stunden die Woche Arbeitszeit (blau)), von atypisch Beschäftigten (geringfügig Beschäftigte, befristete Beschäftigte, Beschäftigte in Teilzeit unter 20 Stunden Wochenarbeitszeit und Beschäftigten in Zeitarbeit (rot)), von Einzel(Solo)-Selbstständigen (grün) und Selbständigen mit Angestellten (lila) von 1991 bis 2013 als Index 1991=100 im Chart. 

Hier zeigt sich die häßliche Fratze des tollen Aufschwunges am deutschen Arbeitsmarkt, prekäre, atypisch Beschäftigte – Billigmalocher und viele Solo-Selbstständige, die kaum von ihrer eigenen Hände Arbeit leben können, treiben die Erwerbstätigenzahlen, während Normalarbeitsverhältnisse immer noch um -10,7% unter dem Niveau von 1991 darben, TOLL :)

Die deutschen Nettoexportüberschüsse sind immer auch das Ergebnis von Unterkonsum und Unterinvestition in Deutschland, ein gewichtiger Baustein dafür und für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes als Ganzes, sind Millionen prekär Beschäftigter mit miesen Löhnen, die keine wirkliche heimische Nachfragesteigerungen zulassen und Unternehmen die wegen unterlasteten Produktionskapazitäten, bei bereits brummenden Export, nicht investieren.

A909Die Entwicklung der Normalarbeitsverhältnisse in Deutschland seit 1991 bis 2013 im Chart.

A910Die Entwicklung der Zahl der atypisch Beschäftigten (geringfügig Beschäftigte, befristete Beschäftigte, Beschäftigte in Teilzeit unter 20 Stunden Wochenarbeitszeit und Beschäftigte in Zeitarbeit) seit 1991 bis 2013 im Chart.

Die Zahl der atypisch Beschäftigten sank im Verhältnis zur Zahl der Erwerbstätigen im Jahr 2013 laut Destatis auf 21,4%, nach 21,7% 2012. Allerdings ist diese Sicht bereits fragwürdig, die atypisch Beschäftigten (Arbeitnehmer) in Relation zu allen Erwerbstätigen (Arbeitnehmern inklusive Selbstständigen) zu setzen. Schon auch deswegen, weil innerhalb der Gruppe der Selbstständigen genügend unterwegs sind, deren Status in Punkto Erwerbseinkommen kaum von dem eines atypischen Arbeitnehmers abweicht. 

Die kritische Sicht auf den deutschen Arbeitsmarkt wird auch klar durch die Erwerbstätigenrechnung der VGR gestützt, denn es steigen zwar kräftig die Erwerbstätigenzahlen, aber eben nicht die Summe aller von ihnen geleisteten Arbeitsstunden, wie es bei einem vorhandenen Meer aus prekärer Beschäftigung auch nicht anders zu erwarten ist:

A912Die Entwicklung der saisonbereinigten Zahl der Erwerbstätigen (blau) und der von ihnen insgesamt geleisteten saisonbereinigten Arbeitsstunden (rot). Von 1991 (=100) = 38,790 Millionen Erwerbstätigen stieg bis Q3 2014 die Zahl der Erwerbstätigen um +10,1%, auf saisonbereinigte 42,705 Millionen Erwerbstätige. Trotz +3,917 Millionen mehr an Erwerbstätigen seit 1991, liegt die gesamte geleistete Zahl der Arbeitsstunden unter dem Niveau von 1991! Die gesamte Zahl der geleisteten saisonbereinigten Arbeitsstunden sank seit 1991 (15,092 Mrd. Stunden) um -2,9% bis Q3 2014, auf 14,650 Mrd. Arbeitsstunden.

Denselben Sachverhalt nur anders dargestellt und durch die lange Reihe noch aussagefähiger:

A913Die Entwicklung der saisonbereinigten, geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen und je Quartal im Chart. In Q3 2014 lagen die saisonbereinigten geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen 343,05 Stunden, zum Hoch seit der deutschen Einheit in Q1 1992 waren es aber noch 392,2 Stunden und zum Allzeithoch in der alten Bundesrepublik aus Q2 1970 sogar 494,1 Stunden, je Erwerbstätigen und je Quartal!

Ein Paradies mögen manche einwerfen, in Deutschland muss immer weniger gearbeitet werden, nur ist dies wirklich überwiegend freiwillig, oder verbergen sich dahinter auch Millionen, die nicht entsprechend ihrer Fähigkeiten und eigenen Bedürfnisse adäquate Jobs haben, entsprechende Arbeitsstunden leisten können und dem entsprechend auch keine steigende Löhne generieren können:

A914Die realen (preis- ,saison- und kalenderbereinigten) durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat seit Q1 1970 bis Q3 2014 (2010=100). In Q3 2014 stiegen die durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat um +1,23 Euro zum Vorquartal, auf preisbereinigte durchschnittliche 1647 Euro (2010=100)! Von durchschnittlich preisbereinigten 1647 Euro Netto kann man keine großen Sprünge machen, der Median dürfte noch deutlich drunter liegen und selbst das durchschnittliche Niveau, ist nicht nur unter dem, wie vor und kurz nach der deutschen Einheit, sondern auch unter dem Niveau von Ende der 70er in der alten Bundesrepublik. 

Noch gröber kann es die Bundesagentur für Arbeit treiben, im November 2014 beglückt sie das staunende Publikum, nicht nur mit einem erneuten Rückgang der Arbeitslosenzahlen von -89’291 Arbeitslosen zum Vorjahresmonat und damit von nur noch 2,716852 Millionen Arbeitslosen, was im Chart durchaus beeindruckend wirkt:

A915Die Entwicklung der offiziellen Arbeitslosenzahlen (unbereinigte Daten) seit Januar 1955 im Chart. Im November 2014 sank die unbereinigte Zahl der Arbeitslosen in Deutschland um -89’291 zum Vorjahresmonat, auf 2,716852 Millionen. 

Die Bundesagentur beglückt auch mit einem neuen Rekord an 30,673 Millionen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten, dazu gleich mehr….

Zunächst, im November 2014 zählten nur noch 52,9% der 5,130041 Millionen Leistungsempfänger von ALG 1 und ALG 2 auch als Arbeitslose :)

A916Die Entwicklung der offiziellen Arbeitslosen im Verhältnis zu den Arbeitslosengeldempfängern (Erwerbsfähige mit ALG 1 und ALG 2). Diesen Chart seit Januar 2002 kann man 1:1 auch als Gradmesser der vollzogenen statistischen Beschönigungen mittels der “Arbeitsmarktreformen” nehmen. Noch im Januar 2005 betrug das Ratio über 77,4%, also 5,086847 Arbeitslose bei insgesamt 6,571226 Leistungsempfängern. Im November 2014 wurden 2,716852 Millionen Arbeitslose, bei 5,130041 Millionen Leistungsempfängern verbucht, ein Ratio von 52,9%.

Zusätzlich zu den 5,130041 Millionen Leistungsempfängern aus ALG 1 und ALG 2 erhielten im November 2014 auch noch 1,703273 Millionen Nicht-Erwerbsfähige Sozialgeld.

Die Arbeitslosenquote bei der BA errechnet sich aus dem Verhältnis von der Zahl der Arbeitslosen zur Zahl der gesamten Erwerbstätigen (6,3% im November 2014), umso wichtiger alles als Erwerbstätige mitzuzählen was irgendwie geht, denn dies drückt die Quote und dies wird mit deutsche Gründlichkeit getan. Zuletzt im August 2014 wurde die Statistik gerade wieder aufgehübscht, diesmal um einen Personenkreis von neuen 413’939 sozialversicherten Beschäftigten:

A877Quelle: Statistik.arbeitsagentur.de/PDF Seite 12, Methodenbericht Beschaeftigungsstatistik Revision 2014 U.a 298’663 in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), zählen nun als sozialversicherte Beschäftigte, obwohl sie selbst allesamt Sozialhilfe beziehen, TOLL, so geht Aufschwung :)

Die dort Beschäftigten Behinderten bekommen keinen Lohn im herkömmlichen Sinne, sondern nur ein Entgelt, welches zurzeit nur 75 Euro beträgt. Dieser Betrag ist gesetzlich vorgeschrieben. Hinzu kommt ein Arbeitsförderungsgeld in Höhe von 26 Euro monatlich. Siehe § 125 SGB III, § 138 Abs. 2 SGB IX und § 43 SGB IX. Die Werkstätten müssen den Behinderten dazu noch einen leistungsabhängigen Betrag zahlen, aber im Durchschnitt liegt das gesamte Entgelt bei nur 200 Euro im Monat! Und ja, der Mindestlohn wird für die Behinderten nicht gelten, denn der gilt nicht für den zweiten Arbeitsmarkt!

Auch bei den Freiwilligendiensten FSJ, FÖJ und BFD handelt es sich um keine klassischen Beschäftigungsverhältnisse mit einem für Lohn und Gehalt. Beim Bundesfreiwilligendienst wird beispielsweise nur eine Art “Taschengeld” gezahlt – und zwar maximal 6 Prozent der Beitragsbemessungsgrenze der Rentenversicherung. Das sind aktuell 357 Euro im Westen und 300 Euro im Osten.

Es ist peinlich, was deutsche Statistikakrobaten für Verrenkungen hinlegen, um Erfolge für Headlines zu generieren, die keine sind!

Aber die Bundesagentur für Arbeit liefert auch Daten, die letztlich die Daten der Erwerbstätigenrechnung und die zur atypischen Beschäftigung bestätigen, insbesondere die Datenreihe zu den sozialversicherten Vollzeitbeschäftigten, wenn auch am äußeren Rand mit dem einen oder anderen Mitarbeiter der Werkstätten für Behinderte aufgehübscht:

A917Die Entwicklung der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Vollzeit in Deutschland seit 1992 bis 2013 und für Q1, Q2 und Q3 2014 im Chart. Zuletzt in Q3 2014 waren 22,510100 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Vollzeit, siehe PDF Seite 14 Im Jahr 1992 waren es aber noch 25,807 Millionen, siehe PDF Seite 26.

A918Die Entwicklung der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Vollzeit (blau) und in Teilzeit (rot) seit 1992 bis 2013 und für Q3 2014 im Chart. Seit 1992 bis Q3 2014 ging es bei der Vollzeit um -12,8% abwärts, auf 22,510100 Millionen und die Teilzeit bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten stieg dagegen um +122,0%, auf 7,810000 Millionen.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mein Bedarf an Informationen von dem deutschen Märchen ist mehr als gedeckt :)

Quellen: Destatis.de/Pressemitteilung Nr. 420 vom 27.11.2014: Erstmals 43 Millionen Erwerbstätige im Oktober 2014, Destatis.de/Pressemitteilung Nr. 418 vom 26.11.2014: Atypische Be­schäf­tigung 2013 weiter leicht rück­läufig, Statistik.arbeitsagentur.de/PDF Arbeitsmarkt November 2014

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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17 KommentareKommentieren

  • Hartwig - 30. November 2014

    Leicht andere Sicht:
    Die Schrödersche Neujustierung der Sozialsysteme ( deren Abschwaffung) und die Agenda 2010 waren bereits eine verspätete Reaktion. In der Tat hat sich die Situation gefangen.

    Davon unbenommen ist die Frage, ob das auf so niedrigem Niveau sein muß aus meiner Sicht noch gar nicht angegangen. Denn möglicherweise sind hier die Lebenshaltungskosten strukturell viel zu hoch.

    Davon unbenommen, ob das extensive Exportmodel richtig gehebelt wird. In der Tat, ich kenne keinen mehr, der nicht die hohe Strassenqualität in ex DDR anpreist, so schlecht sind die Strassen im Westen bereits. Und allgemein habe ich das Gefühl, dieser Staat ist nicht voran gekommen. Er hebelt sein Exportmodell nicht. Die Leute bleiben arm und werden ausgenommen….

    • Rolmag - 1. Dezember 2014

      “so schlecht sind die Strassen im Westen bereits”

      Das ist ein deutlich sichtbares Zeichen des Niedergangs. Als ich 1990 das erste Mal bei Verwandten in NRW war, da war es nach der Grenze ein Fahren wie auf einem Spiegel, man wurde beinah schon misstrauisch, irgendetwas stimmt doch hier nicht. Heute macht es in der selben Gegend keinen Spaß mehr Motorrad zu fahren, man eiert um Schlaglöcher und Risse in der Fahrbahn herum.

      Aber die Mehrheit will es leider nicht sehen, vertrauen nach wie vor blind unseren Politverbrechern.

  • JL - 30. November 2014

    Offensichtlich ist rein Statistisch alles Wünschenswerte möglich. Das währe natürlich eine tolle Sache, wenn sich auch die Realität daran orientieren würde.

    Wenn nicht- nun ja- dann werden eben Realitäten ausgeblendet, Hauptsache man kann dem geneigtem Publikum eine erfolgreiche Geschichte erzählen.

    Selbstbetrug gibt es übrigens auch im Märchen, z. B. wenn es um die neuen Kleider eines Kaisers geht.

    Macht aber nichts, Märchen sind solange wahr wie man auch daran glaubt.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

  • Eurelios - 30. November 2014

    Danke für diesen Artikel.

    Ja es ist so man kann die Realität mit Hilfe von Schönrechnungen so umdrehen das
    diese im Selbstbetrug endet. Sehr gut von JL bemerkt:

    Selbstbetrug gibt es übrigens auch im Märchen, z. B. wenn es um die neuen Kleider eines Kaisers geht.

    Eigentlich wie in dem Film Matrix wo den Menschen eine heile Welt vorgegaugelt wird.

    Die Wirklichkeit sieht anders aus. Aber sarkastisch gesagt:

    Das Publikum ist doch glücklich wenn der Zauberer ein Häschen nach dem anderen
    aus dem Zylinder holt ob wohl es weis das dies nicht möglich ist.
    Nach der Aufführung wird begeistert dem Zauberer zugejubelt.
    Am Morgen danach geht man wieder brav zu seiner Sklavenarbeit.

    Brot und Spiele eben für die Menschen.

    Gabs schon vor langer Zeit im römischen Reich nichts daran hat sich daran geändert.

  • Rolmag - 1. Dezember 2014

    Die Zahl der Erwerbstätigen ist ein Witz. Würde man diejenigen abziehen, die zusätzlich staatliche Leistungen erhalten um zu überleben und in erster Linie davon leben, dann würden die Zahlen viel schlimmer aussehen.

    Aus meinem früheren Freundeskreis arbeitet wenigstens ein halbes Dutzend als Tätowierer, alle zusammen in einem kleinen Laden von nicht einmal 20m². Davon ist allerhöchstens einer talentiert, wenn man beide Augen zudrückt. Der Staat bringt die dann dank meiner Arbeitsleistung annähernd auf Facherbeiterniveau beim Einkommen. So kann man leicht die Statistiken schönen, auf Kosten der Zukunft.

    Noch geht das gut aber nicht mehr lange, egal wie die Politiker im Ausland um Fachkräfte buhlen. Denn mit einer hochwertigen und gefragten Ausbildung muss man ein Idiot sein um in Deutschland zu arbeiten (außer beim Staat) und das passt nicht so recht zusammen.

  • Rolmag - 1. Dezember 2014

    Tja, wenn die Leute sich einmal für dumm verkaufen lassen wie bei der Eurorettung, dann brechen alle Dämme.

    Und ich weiß jetzt schon, wer ganz und gar unschuldig ist, wenn der Staat bei uns finanziell in die Knie geht und ich weiß jetzt schon wer so blöde sein wird, das erneut zu glauben.

    Selbst die dritte Welt lacht bereits über unsere Naivität.

  • Moep - 1. Dezember 2014

    Vielen Dank Steffen für die gute Arbeit.

    Um mal ein ganz heißes Eisen anzufassen.. Ich würde ganz gerne mal dem Chart “Geleistete Arbeitsstunden pro Arbeitnehmer auf Quartalsbasis” den Chart “Anteil der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen an den erwerbsfähigen Frauen” ebenfalls ab 1970 sehen.
    Kann es sein, dass ein guter Teil der rückläufigen Arbeitsstunden pro Quartal und Arbeitnehmer auch darauf zurückzuführen ist, dass im Zuge der Gleichstellung etc. immer mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt drängten und damit zwangsläufig auch die Löhne drückten?

    Herzliche Grüße

    Moep

    • Holly01 - 1. Dezember 2014

      Hallo Moep,
      Gleichstellung :-) …..
      Wie viele Einrichtungen für KInder und Jugendliche kennen Sie, wo ein Einstellungsstop für Frauen besteht, damit eine Männerquote erreicht wird?
      Wie viele Ärzte, Krankenhäuser und Einzelhandelsbetriebe haben einen Einstellungsstop für Frauen, um eine “ausgewogenere” Beschäftigungsstruktur zu bekommen?
      In 2013 haben sich 59% der Frauen, die eine Ausbildung begonnen haben in 5 Berufen konzentriert.
      Alles Berufe um reiche und erfolgreich zu werden.
      Gender dient der Industrialisierung/Ökonomisierung/Kapitalisierung der Gesellschaft.
      Gender wird eingesetzt wo man es gebrauchen kann und ausgeblendet, wo es nicht dienlich wäre.
      Ganz übel für die Frauen. Wenig vorteilhaft für die Gesellschaft, aber Vollzeitschule mit Schulkost und ökonomisierter Kindergesellschaft als Kundengruppe rechnet sich einfach viel zu gut.
      Das Kompetenzzentrum in der Familie ist weg, da kann man Müll als Essen verkaufen und Konsum als “man muss sich selbst auch einmal etwas gönnen” propagieren.
      Das rechnet sich. So lange alle hübsch für eine kleine Menge Geld jeden Tag ein Leben führen, welches niergends hin führt und keinen inhaltlichen Sinn ergibt, ohne das man zu überdenken, braucht sich das Gutbürgertum keine Sorgen zu machen.
      Da reicht auch die Propaganda der Massenmedien.

      • Moep - 1. Dezember 2014

        Hallo Holly,

        ich denke mal wir uns dahingehend einig wenn ich sage, die sog. Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen der Gesellschaft hat für alle Beteiligten, also Männer und Frauen sicher einige gravierende Vor- wie auch Nachteile ;-) Über manche Aspekte wird viel und oft geredet, anderes wird nie erwähnt..

        Mich persönlich würde trotzdem der Chart interessieren, der wie oben dargestellt die Arbeitsstunden im Quartal pro Arbeitnehmer darstellt und auf der rechten Abszisse die Quote der erwerbstätigen an den erwerbsfähigen Frauen in Deutschland.

        Steffen – kommst Du an diese Daten ran?

        MFG

        Moep

        • Querschuss - 1. Dezember 2014

          Hallo Moep,
          ich finde keine lange Datenreihe, die Erwerbsquote wird ja mittels Arbeitskräfteerhebung (Mikrozensus) ermittelt, die Datenreihe monatlich bei Destatis geht nur 2 Jahre zurück und die auf Jahresbasis bis 2004. Dies reicht nicht um zu zeigen, was du sehen möchtest.

          Generell ist in einigen Ländern die Datenerhebung, Verfügbarkeit und Länge der Datenreihen und deren Aussagekraft erheblich besser als in Deutschland.

          Gruß Steffen

          • Moep - 1. Dezember 2014

            Alles klar. Schade eigentlich..

            Trotzdem danke für Deine Mühen!

        • Holly01 - 1. Dezember 2014

          Da sind wir und einig.
          Ich wollte nur einer gewissen Enttäuschung ausdruck verleihen, denn in dem Thema wäre mehr drin gewesen für alle, jedenfalls mehr als nur mehr Kommerz.

    • Asetzer - 1. Dezember 2014

      Hmmm, ich habe nach ein bisschen Googeln diese Grafik gefunden, leider nur ab 1990 und nur für Bayern, trotzdem denke ich, dass daraus hervorgeht, dass es zwar einen weiteren Trend zu mehr Frauenbeschäftigung gab, aber dass die Teilzeitbeschäftigten, und seit kurzem auch die ausländischen Beschäftigten ehr für den Anstieg der absoluten Beschäftigtenzahlen verantwortlich sind https://www.statistik.bayern.de/medien/statistik/gebietbevoelkerung/0106_entw-geschl_ausl_teilzeit_2013_780px.png

  • Vogel - 2. Dezember 2014

    Was noch fehlt – oder ich hab’s überlesen – sind die Strafgefangenen. Die dürfen rabotten für Kleines und kriegen nüscht auf die Rente angerechnet! Noch ein Skandal!

  • Jenny - 3. Dezember 2014

    Danke für die tollen Daten!! Im Focus steht auch heute ein Artikel, die Daten liefert das DIW dazu:

    heutige Geringverdiener verdienen weniger als die Elterngeneration anno 1970, es wird mit einer Zunahme der Vermögensungleichheit gerechnet, am unteren Rand wird weniger zu vererben sein, da kein Vermögensaufbau mehr möglich ist. Einkommens- und Vermmögensschere wird künftig immer weiter auseinandergehen. Ich finde, die Gewerkschaften sollten auch nicht prozentual, sondern Festbeiträge fordern, um die Schere zu verringern, zumindest bei Einigen.

    interessant auch das heute in der Zeitung stand, die Mittelschicht beginnt bei 1640 NETTO. Das ist mehr als ich dachte, um zur Mittelschicht zu gehören. Leider bin ich dann doch schon Unterschicht.

    ich gehöre auch zu den Unterbeschäftigten übrigens, ist schwer was zu finden, weil zu wenig Stellen ausgeschrieben sind.

  • Jenny - 3. Dezember 2014

    In 2013 haben sich 59% der Frauen, die eine Ausbildung begonnen haben in 5 Berufen konzentriert.
    Alles Berufe um reiche und erfolgreich zu werden.

    Ich rate mal:

    Einzelhandelskauffrau (wird der Automatisierung zum Opfer fallen)
    Verkäuferin (dito)
    Bürokauffrau (voll überlaufen, oft direkter Weg in Arbeitslosigkeit)
    Friseurin (willkommen im Niedriglohn- und Aufstockersektor
    Arzt/Zahnarzthelferin (ein Job für Zuverdienerinnen)

  • Thoha - 3. Dezember 2014

    Hallo Jenny,

    endlich mal eine Frauenstimme in diesem Männerverein ☺

    Hier noch einmal für alle der direkte Link auf die DIW-Veröffentlichung zur Vermögensungleichheit:
    http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.438708.de/14-9.pdf

    Die zunehmend verloren gehende Möglichkeit zum Vermögensaufbau wird auch in dieser Veröffentlichung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes festgestellt:
    http://www.dsgv.de/de/presse/pressemitteilungen/141023_PM_Weltspartag_Erosion_der_Sparkultur_78.html

    Wenn die durchschnittliche Höhe der Konsumausgaben je Haushalt bei monatlich 2.300 Euro liegt ( http://de.statista.com/statistik/daten/studie/164774/umfrage/konsumausgaben-private-haushalte/ ) und das arbeitgebernahe Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bereits monatliche Netto-Verdiener von durchschnittlich 4300 Euro in der Gruppe der zehn Prozent (!) mit den höchsten Einkommen in Deutschland verortet (http://www.focus.de/finanzen/news/studie-zum-einkommen-der-reichsten-zehn-prozent-mit-4300-euro-netto-sind-sie-in-deutschland-schon-top-verdiener_aid_1018163.html , wie es zu dieser statistischen Einteilung kommt, wäre einen eigenen Artikel wert ), verwundert es nicht, dass selbst wir „reichen“ Mittelschichtler in unserem Land kein weiteres Vermögen mehr bilden können ;-)

    Wenn die „soziale Mobilität“ und selbst der lebensnotwendige Konsum für einen stetig wachsenden Teil der Bevölkerung nur noch über Verschuldung möglich ist ( http://de.statista.com/statistik/daten/studie/150565/umfrage/privatinsolvenzen-in-deutschland-seit-2000/ ), wird dies in einen modernen Feudalismus (Gläubiger = Lehnsherr, Schuldner = Vasall) führen und sich das System seiner eigenen Konsumentenbasis berauben. Das Ganze spielt sich bereits mit – aus historischer Sicht – rapider Geschwindigkeit vor unser aller Augen ab und wird, wenn wir nichts dagegen unternehmen, bereits innerhalb der nächsten Generation Realität werden.

    Viele Grüsse
    Thomas