Deutschland: reale Einzelhandelsumsätze September 2014

von am 31. Oktober 2014 in Allgemein

Das Statistische Bundesamt (Destatis) berichtete heute die Einzelhandelsumsätze für den Monat September 2014. Die Einzelhandelsumsätze bei den unbereinigten nominalen Originaldaten stiegen um +2,3% zum Vorjahresmonat und die unbereinigten realen (preisbereinigten) Umsätze um +2,9% zum Vorjahresmonat. Der September 2014 hatte allerdings mit 26 Verkaufstagen einen Verkaufstag mehr als der Vorjahresmonat. Unter der Berücksichtigung der Saison- und Kalendereffekte sanken die nominalen Einzelhandelsumsätze um -2,9% zum Vormonat und real ging es sogar um -3,2% zum Vormonat abwärts, der stärkste saisonbereinigte und reale Einbruch zum Vormonat seit sieben Jahren! Der Langfristchart zu den realen Einzelhandelsumsätzen zeichnet weiter ein absolutes Dilemma, über zwei Jahrzehnte reale Stagnation!

A583Die Entwicklung der Saison- und kalenderbereinigten realen Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) seit Januar 1994 im Chart. Die bereinigten realen Einzelhandelsumsätze sanken im September 2014 um -3,2% zum Vormonat, auf 100,5 Indexpunkte.

Auch im September 2014 lagen die saisonbereinigten realen Einzelhandelsumsätze noch unter dem durchschnittlichen Niveau aus dem Jahr 2000 (-2,5%) und auch unter dem des Jahres 1994 (-2,7%).

Faktisch geht seit über zwei Jahrzehnten real im Einzelhandel nichts voran:

A584Die Entwicklung der saisonbereinigten realen Einzelhandelsumsätze seit Januar 1955 (Index 2010=100) im Chart. Bis Dezember 1990 für die alten Bundesländer, ab Januar 1991 für ganz Deutschland, laut den Daten aus der Datenbank der Deutschen Bundesbank. Dynamisches Wachstum bei den realen Einzelhandelsumsätzen gab es nur in der alten Bundesrepublik.

Bei den realen Einzelhandelsumsätzen gilt es zusätzlich zu berücksichtigen, dass die Bereinigung der Daten nur um den geschönten offiziellen Anstieg der Einzelhandelspreise stattfindet. Weiterhin trüben seit Jahren eine Reihe zu beobachtender kräftiger Revisionen und Veränderungen des Berichtskreises die Datenqualität bzw. die Vergleichbarkeit der Datenreihe.

Die Indizes zu den Einzelhandelsumsätzen zeichnen die Umsatzentwicklung nach. Da der Einzelhandelsumsatz starken saisonalen Schwankungen unterliegt, werden mit Hilfe des Census-X12-Arima Verfahrens Saison- und Kalendereffekte bereinigt, so dass man eine aussagefähige Datenreihe zur Trendbeurteilung erhält. Unbereinigt stellen sich die Daten im Chart seit Januar 1994 so dar:

A585Die Indizes mit den monatlichen unbereinigten Originalwerten bei den nominalen (blau) und realen (rot) Einzelhandelsumsätzen in Deutschland seit Januar 1994 laut den Daten von Destatis im Chart. Im September 2014 stieg der unbereinigte nominale Umsatz um +2,9% und real um +2,3%, jeweils gegenüber dem Vorjahresmonat. Selbst dieser Chart verdeutlicht das immer noch schwache Niveau, denn de facto geht es unter starken monatlichen Schwankungen seit 1994 nur seitwärts mit leicht abnehmenden Ausschlägen.

Herrlich arbeitet die langanhaltende Stagnation bei den realen Einzelhandelsumsätzen, der Langfristchart der unbereinigten Originaldaten auf Quartalsbasis heraus:

A586Die Entwicklung der unbereinigten realen Einzelhandelsumsätze (Originaldaten) seit Q1 1955 bis Q3 2014 (Index 2010=100) im Chart. In Q3 2014 stiegen die realen Einzelhandelsumsätze um +0,9% zum Vorjahresquartal. In den ersten 9 Monaten 2014 stieg der reale Umsatz um +1,2% zum Vorjahreszeitraum. In der Perspektive der letzten 2 Jahrzehnte geht aber nichts! Reales Wachstum gab es nur in der alten Bundesrepublik!

Zuletzt im Gesamtjahr 2013 stiegen die realen Einzelhandelsumsätze um nur +0,06% zum Vorjahr, nach nur +0,1% im Jahr 2012.

Die Einzelhandelsstatistik ist eine Stichprobenstatistik. 26’000 Unternehmen von rund 423’000 Einzelhandelsunternehmen in Deutschland berichten ihre monatlichen Umsätze an die Statistischen Ämter der Bundesländer und 700 Großunternehmen berichten direkt an das Statistische Bundesamt. Die berichteten Länderergebnisse und die der Großunternehmen werden zusammengefasst und von Destatis veröffentlicht.

Die Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) inklusive dem Versand- und Internet-Einzelhandel machten zuletzt im Jahr 2013 immerhin 33,9% der Ausgaben der privaten Haushalte im Inland aus und zeichnen am verlässlichsten das aktuelle Konsumverhalten der privaten Haushalte nach. Mit 24,3% der Ausgaben der privaten Haushalte folgten 2013 die Ausgaben für Mieten von Wohnungen und Häusern, sowie dem Miet-Äquivalent von Eigentümern, inklusive den Ausgaben für Wasser, Strom, Gas und Fernwärme, diese Ausgaben sind aber nicht wirklich aussagefähig in Punkto Konsumverhalten. Der KFZ-Handel, Instandhaltung, Reparatur sowie die Ausgaben für Kraftstoffe an den Tankstellen trugen zu 13,4% zu den Ausgaben der privaten Haushalte bei.

Käufe von Immobilien und Grundstücken werden in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht unter private Konsumausgaben erfasst, sondern dies sind Investitionen.

Diese Daten zeigen den Malus an der deutschen wirtschaftlichen Entwicklung, die reale Nachfrage im Einzelhandel zeigt kein Wachstum, nichts anderes zeichnet auch der KFZ-Handel und damit nahezu 50% der privaten Konsumausgaben. Nichts wovon sich die deutsche Volkswirtschaft am eigenen Schopf nach oben hieven könnte, nichts wovon die Nachfrageausfälle aus der Südperipherie in der Eurozone auch nur ansatzweise gepuffert, gar überkompensiert werden könnte.

Alle Sektoren der inländischen Volkswirtschaft zeichnen Finanzierungsüberschüsse, die ganze Last eines Erfolges hängt somit in Deutschland an den Nettoexportüberschüssen und den damit verbundenen Finanzierungsdefiziten der übrigen Welt (Verschuldung des Auslands). Die schwarze Null im Staatshaushalt ist primär ein Nullnummer, denn Investoren und Konsumenten scheinen das angeblich höhere Vertrauen in den soliden wirtschafteten Staat nicht in Investitionen und Konsum umzusetzen und damit nicht zu honorieren. Nicht verwunderlich, denn letztlich zählen dafür ganz andere Dinge, Einkommenserwartungen (primär die Reallohnentwicklung), Konjunkturerwartungen und die Geschäftserwartungen der Unternehmen. Die schwarze Null zeichnet sogar eine schwere Hypothek, eine vergammelte Infrastruktur durch unterlassene Investitionen und Ersatzinvestitionen in Straßen, Brücken, Schienen usw. Eine Realität, die sich auch wie Mehltau auf die Privatwirtschaft und deren Investitionen legt.

A588Die Entwicklung der Nettoanlageinvestitionen des deutschen Staates (Bruttoanlageinvestitionen minus Abschreibungen) seit 1960 im Chart und für 2014* mit einer Schätzung von AMECO. Negative Nettoanlageinvestitionen mindern den Kapitalstock, im besten Fall bekommen unsere Kinder und Enkel weniger Staatsschulden von uns vererbt, aber eben auch einen geminderten Kapitalstock (akkumuliertes Nettoanlagevermögen), was sich u.a. in einer in Teilen maroden Infrastruktur dokumentiert.

Quellen Daten: Destatis.de/Pressemitteilung Nr. 381 vom 31.10.2014: Einzelhandels­umsatz im Septem­ber 2014 real um 2,3 % höher als im September 2013Genesis.destatis.de/Datenbank

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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9 KommentareKommentieren

  • Tappy - 31. Oktober 2014

    Sollte das “Dilemma” nicht ein “Desaster” sein?

    • Querschuss - 31. Oktober 2014

      Hallo Tappy,
      das Dilemma ist weiter unten beschrieben, dass eine schwarze Null im Staatshaushalt und das angeblich damit in Zusammenhang stehende Vertrauen von Investoren und Konsumenten, eben bisher nicht zu mehr privaten Investitionen und Konsum führt. Wie es um die staatlichen Nettoanlageinvestitionen bestellt ist, zeigt der Chart. Zusammen führt dies zu Unterinvestition und Unterkonsum der inländischen volkswirtschaftlichen Sektoren und einer Abhängigkeit von den Nettoexportüberschüssen, welche in Einheit mit deutschen Nettokapitalexporten stehen, also einer Defizitfinanzierung für das Ausland, eben das deutsche einseitige Geschäftsmodell, Wohl und Wehe hängen von der Nachfrage des Auslands ab, letztendlich von deren aggregierten Kreditwachstum.

      Gruß Steffen

  • Storm - 31. Oktober 2014

    Vielleicht habe ja einen Denkfehler, aber warum (bzw. wie) sollten die Einzelhandelsumsätze auch steigen (können), wenn sich an den Reallöhnen und an der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland nichts ändert?

    • Querschuss - 31. Oktober 2014

      Hallo Storm,
      ich meine, du machst keinen Denkfehler, siehe hier:

      http://www.querschuesse.de/deutschland-reallohnindex-q2-2014/

      Gruß Steffen

    • Klaus - 1. November 2014

      Gutern Morgen lieber “Storm”,

      falsche Denkweise wie man im Wirtschaftsblatt ” Der Postillion” nachlesen kann :-).

      Hamburg (dpo) – Schon lange haben Wirtschaftsverbände gewarnt, jetzt bestätigt eine unabhängige Studie den Verdacht: Lohnzahlungen an Arbeitnehmer fügen deutschen Unternehmen jährlich Schäden in Milliardenhöhe zu. Zu dieser Feststellung kam das Institut für Wirtschaftsökonomie in einer großangelegten Studie, in deren Zuge mehr als 3000 hiesige Betriebe und Unternehmen unter die Lupe genommen wurden.

      Schwächen die Wirtschaft mit ihrer Gier: Arbeitnehmer
      “Die Zahlen sind alarmierend”, erklärt Ökonom Harald Glockner. “In den letzten Jahren machten Lohnkosten im Schnitt zwei Drittel aller Unternehmensausgaben aus. Kaum vorzustellen, was für gigantische Gewinne gemacht werden könnten, wenn dieser lästige Posten nicht wäre.”
      Vielen Beschäftigten sei weder bewusst, welchen enormen finanziellen Schaden sie ihrem Arbeitgeber durch ihre Löhne und Bezüge monatlich zufügen noch dass sie damit letztlich gar ihren eigenen Arbeitsplatz gefährden. In diesem Klima des Egoismus sei es für viele Firmen schwer geworden, auch nur die allernötigsten Rekordrenditen an ihre Aktionäre auszuschütten.

      Angesichts der erschreckenden Ergebnisse der Studie fordert der Arbeitgeberverband nun einen flächendeckenden Höchstlohn für abhängig Beschäftigte.

      http://www.der-postillon.com/2014/08/studie-lohnzahlungen-verursachen.html

  • Basisdemokrat - 31. Oktober 2014

    “Um aus dem Tal der Arbeitslosigkeit aufzusteigen, bedarf es aber der Einsicht, dass Lohn-, Geld- und Fiskalpolitik für die Stabilisierung der Rahmenbedingungen im Bereich der realen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und der nominalen Entwicklung zuständig sind. Denn ohne diese Stabilisierung gibt es nicht systematisch ausreichende Sachinvestitionen, und ohne die gibt es nicht systematisch mehr Arbeitsplätze – so paradox das in den Ohren aller Produktivitätsskeptiker auch klingen mag. Ein Staat, der sich aus dieser Steuerungsverantwortung verabschiedet hat, wird die Arbeitslosigkeit nie oder nur kurzfristig auf Kosten anderer Staaten und damit des Friedens überwinden.”
    http://www.flassbeck-economics.de/welche-lohnpolitik-hilft-gegen-arbeitslosigkeit-teil-iii/

  • Thoha - 31. Oktober 2014

    Hin und wieder lohnt sich doch der regelmässige Besuch auf  deutsche-wirtschafts-nachrichten.de - trotz oft reisserischem Stils und Dauer-Alarmismus.
    So wurde dort vor kurzem in einem Artikel auf diese Studie über die deutschen Automobilbanken verlinkt: http://www.deutsches-institut-bankwirtschaft.de/Juenigk%20Automobilbanken%20Deutschland.pdf
    Danach betrug der Anteil von Fahrzeugen mit Finanzdienstleistungsvertrag (also Leasing und Finanzierung) im Jahr 2008 in Deutschland über 46% des Gesamtumsatzes – Tendenz steigend. Das hieße, nur jedes zweite Neufahrzeug gehört seinem Halter.

    • Frank Bell - 3. November 2014

      @ Thoha

      UND? Offensichtlich ist das Leasing-Modell der Autofirmen sehr, sehr gut. Sonst wäre die Akzeptanz nicht so gross.

      • Thoha - 4. November 2014

        Hallo Frank Bell,

        traditionell besteht die Mehrheit der Leasingkunden immer noch aus größeren Unternehmen, die dieses Angebot im Rahmen ihres Fuhrparkmanagements wahrnehmen. Der Anteil der Privatkunden wächst zwar, bildet aber immer noch die Minderheit. Natürlich spricht nichts dagegen, dass individuelle Fahrzeugnutzer auch Autos fahren, ohne sie zu besitzen. Carsharing oder lokale On-demand-Mietmodelle sind gerade für Singles in Grossstädten eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Alternative (daneben natürlich auch der ÖPNV).

        Da es in diesem Thread um Hinweise auf eine allgemeine Konsumschwäche in Deutschland geht, ist die Intention hinter meinem Posting aber vor allem in diesem Kontext zu sehen, nicht in einem Plädoyer gegen das Leasing an sich. Neben den Leasingkunden gibt es auch eine wachsende Zahl derer, die ihren Fahrzeugkauf über die Autobanken finanzieren – laut der verlinkten Studie beträgt ihr Anteil an den abgesetzten Stückzahlen immerhin 57% gegenüber 43% geleasten Fahrzeugen. Offensichtlich können sie es aus der eigenen Tasche nicht mehr bezahlen, denn sonst bräuchten sie hierfür keinen Kredit. Das ist nur die Zahl der Finanzierungen durch die Autobanken, Autofinanzierungen durch andere Kreditgeber sind hierin noch nicht berücksichtigt. Laut der Studie gehen Schätzungen der Deutschen Automobil Treuhand GmbH davon aus, dass insgesamt 75% (!) aller zugelassenen Fahrzeuge in Deutschland in irgendeiner Form anteilig finanziert sind.

        Wenn Hersteller ihre Produkte nur noch loswerden, indem sie den Käufern das Geld für den Kauf vorstrecken, scheint mir ein Geschäftsmodell – bzw. eine Volkswirtschaft – doch arg aus dem Ruder zu laufen. Wie problematisch Autoverbriefungen darüber hinaus für die Refinanzierung der herstellergebundenen Autobanken werden können, wenn die Käufer als Schuldner ausfallen, kann man aktuell an der Diskussion um den Aufkauf von “Asset Backed Securities” durch die EZB beobachten.

        Der Wandel der Autoindustrie vom Produktverkäufer zum Mobilitätsdienstleister scheint mir jedenfalls eher von einer gesellschaftlichen Entwicklung getrieben zu sein, deren Ursache in der zunehmend auseinander klaffenden Vermögensschere besteht.

        Grüsse
        Thomas