Deutschland: VGR-Daten schärfen den kritischen Blick

von am 26. Mai 2013 in Allgemein

Ein Blick auf die Erwerbstätigenrechnung (ETR) im Rahmen der für Q1 2013 vorliegenden detaillierten Daten zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung macht klar, wie auch aus der Sicht der VGR, die Genese des “Jobwunders” in Deutschland aussieht und warum sich dieses “Wunder” nicht wesentlich besser auf die erzielten Einkommen und auf den Konsum in Deutschland auswirkt.

In Q1 2013 stieg die Zahl der Erwerbstätigen (unbereinigt) in Deutschland um +293’000 bzw. um +0,7% zum Vorjahresquartal auf 41,461 Millionen, aber zugleich sank die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden um -235 Millionen Stunden bzw. um -1,57% zum Vorjahresquartal, auf 14,717 Mrd. Arbeitsstunden im 1. Quartal 2013.

Im Chart mit den saisonbereinigten Daten, als Index 1991=100 dargestellt, offenbart sich die gravierende Diskrepanz:

1aDie Entwicklung der saisonbereinigten Zahl der Erwerbstätigen (blau) und der von ihnen insgesamt geleisteten Arbeitsstunden (rot). Seit 1991 (=100) mit 38,712 Millionen Erwerbstätigen stieg bis Q1 2013 die Zahl der Erwerbstätigen um +7,99%, auf 41,809 Millionen Erwerbstätige. Währenddessen sank trotz deutlich höherer Erwerbstätigenzahl, die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden um -3,56% seit 1991, auf 14,513 Mrd. Arbeitsstunden in Q1 2013.

Die geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen sanken unbereinigt um -2,26% bzw. um -8,2 Arbeitsstunden zum Vorjahresquartal, auf 355 Arbeitsstunden in Q1 2013. Im Chart seit Q1 2013 mit den saisonbereinigten Daten der geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen wird klar, wo der Trend hinging, diametral entgegengesetzt zum Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen:

2aDie Entwicklung der saisonbereinigten, geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen und je Quartal im Chart . In Q1 2013 sanken die geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen um -0,1% zum Vorquartal auf 347,13 Stunden. Zum Hoch in Q1 1992 waren es noch 392,95 Stunden.

Was zeigen die Daten aus der VGR, mehr Erwerbstätigen stehen immer weniger geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen gegenüber, was klar eine kritische Sicht auf die Qualität des deutschen Arbeitsmarktes stärkt. Primär zeichnet das deutsche Arbeitsmarktwunder prekäre, atypische Beschäftigung aus, Millionen von Unterbeschäftigten in Leiharbeit, Teilzeit oder geringfügiger Beschäftigung.

Eine größere Zahl von Erwerbstätigen bei einer relativ schwachen BIP-Entwicklung schlägt auch auf die Produktivität durch. Die Arbeitsproduktivität (unbereinigt), als reales BIP gemessen je Erwerbstätigen sank in Q1 2013 um -2,1% zum Vorjahresquartal. Da aber die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen um -2,3% sank, stieg die Arbeitsproduktivität nur betrachtet je geleisteter Arbeitsstunde noch um +0,2% zum Vorjahresquartal. Gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen sinkt also die Produktivität bereits deutlich, während sie gemessen je geleisteter Arbeitsstunde noch leicht steigt.

Anhand der sinkenden Zahl der geleisteten Arbeitsstunden erschließt sich auch, warum das deutsche “Jobwunder” NICHT zu höheren Arbeitnehmerentgelten, Reallöhnen und in der Rückkopplung zu höheren Konsum führt. Die miese Lohnentwicklung ist auch Spiegelbild der geleisteten Arbeitsstunden je Arbeitnehmer (prekäre Beschäftigung), dies zeigt auch der Reallohnindex mit zwei Jahrzehnten ohne nennenswerten Anstieg:

1aDie Entwicklung der Reallöhne als Index (Nominallöhne/VPI 2010=100) seit Q1 1991 bis Q4 2012 laut der Datenreihe von Destatis im Chart. In Q4 2012 stieg der Reallohnindex um +0,7% zum Vorjahresquartal auf 110,0 Indexpunkte. Die durchschnittlichen Reallöhne liegen aber damit immer noch unter dem Hoch aus Q4 1992 mit 116,9 Indexpunkten (-5,9%)!

Noch ein weiterer Blick auf Daten aus der VGR, auf die Entwicklung der durchschnittlichen realen Nettolöhne und -gehälter je Monat und je Arbeitnehmer:

3aDie realen (preis-, saison- und kalenderbereinigten) durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat seit Q1 1991 bis Q1 2013 (preisbereinigt um den VPI 2005=100). In Q1 2013 ging es zwar leicht aufwärts, um +3,31 Euro zum Vorquartal, auf preisbereinigte durchschnittliche 1539,77 Euro, dies ist aber immer noch unter dem Niveau von Anfang der 90er Jahre.

4aDie saisonbereinigte Entwicklung der Summe aller realen Arbeitnehmerentgelte von Q1 2000 bis Q1 2013, als Index (Jahr 2000=100). Die Summe aller realen Arbeitnehmerentgelte erzielte einen Minianstieg seit 2000 von +2,64% bis Q1 2013. Eine armselige Entwicklung für Arbeitnehmer, gerade weil diese Summe aller Arbeitnehmerentgelte den vergleichsweisen hohen Beschäftigungsgrad widerspiegelt und nur die Preisbereinigung um den Anstieg der offiziellen Verbraucherpreise reflektiert.

Die Arbeitnehmerentgelte sind die Gesamtbruttosumme aller Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer, Angestellten, Beamten, inkl. aller in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis stehenden, inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber.

Relaoded: Deutschland: Dreiklang bei Löhnen, Renten und medianen NettovermögenDeutschland: Vermögen – für viele unerreichbar!Deutschland: Reallohnsteigerungen(?) – den Nebel gelüftet!

Quelle Daten: Destatis.de/Datenbank/VGR

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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18 KommentareKommentieren

  • M.E. - 26. Mai 2013

    Brilliante Analyse!

  • Conney - 26. Mai 2013

    Ein klarer Blick darauf, dass der beschworene Konsumboom Chimäre ist und auch bleiben wird.
    Und eine weitere Entzauberung des Hartz IV-Wunders, mit dem sich die Mainstream-Medien immer noch besoffen reden.

  • Frank Bell - 26. Mai 2013

    Vielen Dank für den Beitrag!

  • Chotschen - 26. Mai 2013

    Sehr schön, dass die geleisteten Arbeitsstunden der verganenen Jahre hier in einer Statistik seit 1991 abgebildet werden. Dieser Vergleich ist insbesondere sehr schön, da die Vollzeitarbeitszeiten seit diesem Zeitraum ungefähr konstant geblieben sind. Sie lagen 2012 sogar noch 1-2% über dem Wert von 1991, so dass das Arbeitsvolumen dadurch sogar heute noch besser aussieht, obwohl viele Erwersbspersonen davon gar nichts abbekommen.

    Ich habe vor kurzem selbst einen direkten Vergleich von 2012 mit 1991 gezogen und dabei auch noch festgestellt, dass das Arbeitsvolumen 1991 nicht nur um 4% höher, sondern die Zahl der Erwerbspersonen um 6% niedriger war. Die Arbeitslosenquote war jedoch ungefähr gleich hoch. Das sagt einiges über die Aussagekraft der Quote aus.

  • Frankenfurter - 26. Mai 2013

    Offenbar ist der Zielkonfllikt zwischen Effizienssteigerung und Vollbeschäftigung nur durch Arbeitszeitverkürzung bzw. Jobsharing befriedigend zu lösen.

    NICHT In Stein gemeiselt ist, dass dieser Zielkonflikt durch den Ausbau des “besten Niedriglohnsektor Europas” (Gerhard Schröder) zu geschehen habe.

    • Frankenfurter - 26. Mai 2013

      Ergänzung: Heiner Flassbeck steht einer solidarischen Arbeitszeitverkürzung (AZV) skeptisch gegenüber, wenn sie unter falschen Vorzeichen betrieben wird.

      “Erhöht man die Stun­den­löhne etwas weni­ger, als es der gol­de­nen Lohn­re­gel ent­spricht, um einen Teil des Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schritts für die Ver­kür­zung der Arbeits­zeit und auf die­sem Wege für die Ver­rin­ge­rung der Arbeits­lo­sig­keit zu nut­zen, steigt die Güter­nach­frage der Arbeit­neh­mer weni­ger stark, als es bei Ein­hal­tung der Regel mög­lich wäre, und damit zu wenig gemes­sen am Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schritt. Die Kom­pen­sa­tion der durch die Ratio­na­li­sie­rung ver­lo­re­nen Arbeits­plätze gelingt nicht mehr und die Hoff­nung, es werde einen auto­ma­ti­schen Aus­gleich durch Mehr­ein­stel­lun­gen der Unter­neh­men geben, trügt, weil es ja nicht mehr die nötige Nach­fra­ge­aus­wei­tung gibt, um die Mehr­ein­stel­lun­gen zu rechtfertigen.

      • Vandermonde - 29. Mai 2013

        Ich glaube, dass Flassbeck da etwas zu mechanistisch argumentiert. Wie das konkret ablaufen würde ist schwer vorherzusehen. Unterstellt man aber, die dazu nötige Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik, würden Unternehmen vielleicht anders reagieren als sie es heute tun würden.

        Aber wir würden vor allem neue Methoden in der Ökonomie benötigen, um so etwas besser einschätzen zu könne.

    • Ert - 26. Mai 2013

      Deswegen ggf. das gesetzliche Recht auf Teilzeit – aber wenn dann in Teilzeit, kein (gesetzliches) Recht mehr wieder auf Vollzeit zurück zu wechseln.

      Nichts desto trotz – Teilzeit ist eine Variante die oft überlegenswert ist. In vielen Lebenslagen ist es sogar ökonomisch sinnvoller bestimmte Arbeiten selber zu erledigen als andere dafür zu bezahlen und das Geld zur Bezahlung dann wieder per (abhängiger) Erwerbsarbeit zu verdienen.

  • Eurelios - 26. Mai 2013

    Sehr gute Analyse!

    Ich hab da mal für den deutschen Michel eine Vision.

    Um den deutschen Export weiter zu steigern wird der Niedriglohnbereich weiter ausgebaut.
    Es wird angestrebt alle Arbeitsplätze soweit zu zerstückeln das es nur noch 450 Euro Arbeitsplätze gibt.

    Die sehen in etwa so aus nur ein Beispiel:

    http://www.inhofer.de/index.php?id=220

    Da man von diesem Hungerlohn nicht leben kann wird von unseren Politikkasper
    ein Gesetzt eingeführt :

    Bei Gründung einer 5 köpfgien 450 Euro Einkommenswohngemeinschaft wird
    ein Zuschuss von 1000 Euro gewährt.

    Man kann dann gut überleben wird nicht verhungern und hat ein Dach über den Kopf.

    Der Michel wird dann denken das unsere “ Oberen“ nur das Beste füt uns tun.

  • Freiberufler - 27. Mai 2013

    1991 befand sich die DDR-Wirtschaft in Abwicklung und im Westen loderte das Strohfeuer. Mein VWL-Dozent bezeichnete den “Aufbau Ost” damals als das größte Konjunkturprogramm aller Zeiten.
    Das konnte so nicht weiter gehen und das tat es auch nicht. Die Zahlen beruhen insoweit auf einem nicht nachhaltigen Wirtschaftsmodell. Eigentlich kann man nur die alten Länder mit den alten Ländern vergleichen.

  • commonman - 27. Mai 2013

    der drops “vollbeschäftigung” ist (auch global) gelutscht.

    grösstes thema der diesjährigen hannovermesse war automatisierung. auch der letzte handgriff wird maschinisiert. die nächste branche ist die globale textilindustrie. es gab faszinierende beispiele von nährobotern zu sehen.

    ich begrüsse diese entwicklung ausdrücklich, genauso wie ich das beharren in alten macht- und denkstrukturen der ausbeutung der menschlichen arbeitskraft verurteile.

    ob die zukunft bge, maschinensteuer, zeitkonten oder recht auf faulheit heisst > http://commonman.de/wp/?page_id=4880 spielt dabei keine rolle. der zwang zur teilnahme an der “wertschöpfung” muss und wird sich überleben. die frage ist nur, ob wir es überleben oder ob der wachstumskrebs real existierender kapitalismus uns vorher in die endgültige verschleuderung und damit zerstörung unserer ressourcen (materiell und mental) treibt.

  • Stefan Siewert - 27. Mai 2013

    Toll! Danke!

  • Chrischieeee - 28. Mai 2013

    Ich glaube das auch ein klein wenig die deutsche Steuerprogression mit dem Thema zu tun hat, viele Arbeitnehmer in Jobs ab 45k Brutto, die in den letzen Jahren immer arbeiten waren, haben am ende doch lieber 1 bis 1.5 Tag in der Woche frei, und verzichten auf ein paar 100 Euro. Das ist was ich meinem Umfeld beobachten konnte seit dem Jahr 2000.
    Was bringen die ganzen Sozialabgaben wenn der Michel die Rente aufgrund von Stress und Burn-out nicht erreicht. Die Nachrückende Generation Praktikum ist in Jobs angekommen, die Nachfolgenden Jahrgänge sehen in ihrem Umfeld und Vorbildern keinen Grund mehr so reinzupowern. Das Prinzip Mittelschicht und Mittelstand wurde Systematisch in Deutschland marode geschossen. Die Hoffnungen das es den Leuten mal besser geht als ihren Eltern wurde zersetzt. Mit Subventionen und Konzern Banken mit EZB Zugang wurden keine Nachhaltigen Wirtschaftszweige geschaffen die den Binnenmarkt beleben. Die Mensch werden sich immer Rational verhalten.

    • dank - 28. Mai 2013

      “Konzern Banken mit EZB Zugang”

      Danke, schönes Ding! Bei mir entsteht ebenfalls schon länger der Eindruck, dass jeder National Champion doch mittlerweile selbst oder über sehr kurze Umwege die Lizenz zum Gelddrucken via eigener Bank hat…

    • Chotschen - 28. Mai 2013

      Ihrem Kommentar sollte allerdings hinzugefügt werden, dass sich nicht die Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten oder die der Teilzeitbeschäftigten selbst großartig geändert hat. Die Vollzeitarbeit dauert genau so lange wie im Jahr 2000. Vollzeitstellen wurden in mehrere Teilzeitstellen aufgesplittet, so dass dadurch die durchschnittliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer gesunken ist.

  • Klaus - 28. Mai 2013

    Ein Jobwunder haben wir wahrlich nicht. Schön wäre noch eine Graphik zur Entwicklung der Vollzeitstellen im langfristigen Bereich gewesen. Aber wie die vorherigen Diskutanten schreiben, ein wirklich guter Beitrag.
    Vielleicht sollte man noch anmerken, dass die Schaffung der vielen Teilzeitstellen auch mit einer Kontrollfunktion des Staates zu tun hat.
    Der Staat hat über die “Fk Schwarzarbeit” und der aufgerüsteten Steuerverwaltung in den letzten Jahren eine nicht zu unterschätzende Kontrolle über den Arbeitsmarkt bekommen. Was vorher in der “Schattenwirtschaft” ablief, wurde in Teilen in den geregelten Arbeitsmarkt übergeleitet. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.
    Wenn man auch teilweise diese Entwicklung auf der einen Seite begrüßen kann, hat sie auf der anderen Seite auch zu dem bekannten Lohndumping beigetragen.
    Dramatisch wird dieser Vorgang, wenn der gesamte persönliche Lebensraum total überwacht ist, der bürger gläsern geworden ist, und wir in eine sich verschäfende Krise münden.

  • Nobody - 3. Juni 2013

    In voller Pracht die Sache noch viel schlimmer aus. Auch in der alten BRD sanken die Löhne schon..

    http://www.wirtschaftsblog.info/archiv/2013/wenn-das-die-nachbarn-wuessten/

  • lebowski - 4. Juni 2013

    Man könnte schon mal den Eindruck bekommen, unser ganzes Wirtschaftssystem wird nur noch durch statistische Lügen zusammengehalten.