Drohende Weltwirtschaftskrise: Phase 4 der Krisenbekämpfung

von am 4. November 2014 in Allgemein

Die Krisenbekämpfung in den Industrieländern seit der Finanzmarktkrise lässt sich in Phasen unterteilen. Drei Phasen wurden bisher durchlaufen. Der Eintritt in eine neue, vierte Phase scheint sich gerade zu vollziehen.

Die ersten drei Phasen der Krisenbekämpfung nach der Lehman-Pleite

Die erste Phase, die unmittelbar nach der Lehman-Pleite startete, war die des Schocks und der Ratlosigkeit. Angesichts dieser Ratlosigkeit bei gleichzeitig dringender Handlungsnotwendigkeit aufgrund der sich verschärfenden Talfahrt begann die zweite Phase, nämlich die der Notmaßnahmen zur Verhinderung des Schlimmsten und damit zugleich auch die des Experimentierens. Das Quantitative Easing, Bankenrettungen und Konjunkturprogramme (wie z.B. die „Abwrackprämie“ in Deutschland), alles, was der Instrumentenkasten hergab, wurde in die Waagschale geworfen.

Die dritte Phase war die des Streits der Politiker und Ökonomen über die geeigneten Maßnahmen, um das primär infolge der teuren Krisenpolitik und des Wirtschaftsabsturzes in der ersten Phase entstandene Problem rasant gestiegener Staatsschulden in den Griff zu bekommen und zugleich für stabiles Wirtschaftswachstum zu sorgen. Dieser Streit setzte sich in Europa über die europäische Schuldenkrise hinaus bis heute fort.

Das gilt aber nicht nur für Europa. Es trifft ebenso für Japan zu, wo aus diesem Grund Regierungschefs stürzten und der amtierende Premier Shinzo Abe zuletzt auf den riskanten Kurs einer ultralockeren Geldpolitik, kombiniert mit Konjunkturprogrammen und Strukturreformen, umschwenkte. Und es gilt natürlich gleichfalls für die USA, wo der Streit über den richtigen Kurs zwischen keynesianisch und sozial denkenden Demokraten und konservativ-wirtschaftsliberal eingestellten sowie auf Einsparungen fixierten Republikanern bis heute anhält. Bei den heutigen Kongresswahlen in den USA wird es im Kern um diesen Streit gehen.

Endlosstreit um zwei konkurrierende ökonomische Auffassungen

Im Wesentlichen dreht sich dieser Streit in allen Industriestaaten immer wieder nur um die beiden dominierenden wirtschaftstheoretischen Lehrmeinungen und die jeweils daraus abgeleiteten politischen Konzeptionen. Das heißt, Verfechter einer nicht-interventionistischen, auf deregulierte Märkte und einen sparsamen, schlanken Staat ausgerichteten Politik (liberal-konservative Parteien) streiten mit Befürwortern des Sozialstaates und einer interventionistischen, mithin schuldenfinanzierten Politik der Stimulierung der Wirtschaft (sozialdemokratische Parteien).

Während sich die erstgenannte Gruppe dabei auf die herrschende liberal-neoklassische Wirtschaftstheorie stützt, rekurriert die andere nach wie vor auf keynesianisches Gedankengut. Ein dritte oder generell gesprochen andere ökonomische Lehrauffassung hat – soweit andere, in Fragekommende tatsächlich existieren – bis heute jedenfalls keinen Eingang in die politische Diskussion über die nachhaltige Krisenbewältigung gefunden. Das Resultat sind ungelöste und deswegen immer wieder aufflammende Probleme, Instabilitäten und Dauerinterventionen – ob von Notenbanken, der Politik oder von beiden.

Das keine anderen ökonomischen Auffassungen diskutiert werden, ist nicht wirklich erstaunlich. Denn einerseits ist es der Politik sowie in erster Linie den Notenbanken in der Tat gelungen, die akute Phase der Krise von 2008 zu beenden – wenn man einmal die Frage außer Acht lässt, wie hoch am Ende der Preis dafür sein wird. Es gab also bis jetzt – oberflächlich betrachtet – keinen Handlungsdruck mehr für die Politik, die die Krisenbewältigung ohnehin lieber auf die Notenbanken abwälzt. Es lief ja – zumindest irgendwie.

Parteien in der Wirtschaftsideologie-Falle

Zum anderen sind, was für alle Industriestaaten gilt, die beiden führenden politischen Parteien traditionell ideologisch sehr stark mit jeweils einer der beiden angesprochenen ökonomischen Schulen und Wirtschaftsauffassungen verbunden. Das ist ein gravierendes Hemmnis für die Öffnung der Diskussion über die richtige Krisenpolitik. Denn das ökonomische Dogma ist immer noch, selbst wenn sich die großen Parteien in einigen Bereichen zunehmend „Pragmatismus“ auf die Fahnen geschrieben haben, ein wesentlicher Teil der Sinn und Zusammenhalt stiftenden Identität dieser Parteien.

Das gilt insbesondere in Krisenzeiten wie heute, weil dann wirtschaftspolitische Fragen im Vordergrund stehen und diese auch wahlentscheidend sind. Ein Bruch damit wird nicht ohne große innerparteiliche Verwerfungen über die Bühne gehen und stellt im Extrem ein Existenzrisiko dar, wenn dadurch die Zustimmung in der jeweiligen Wählerschaft verloren geht.

Wie wichtig die wirtschaftspolitische Identität ist, zeigt in Deutschland das Beispiel der FDP, die diese in der Regierungsverantwortung buchstäblich verlor oder besser gesagt über Bord warf. Die Partei ist heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. Das hat aber daneben auch damit zu tun, dass die wirtschaftsliberal bzw. neoliberal geprägte Politik, für die die FDP einst stand, heute angesichts der Kritik am Raubtierkapitalismus und der Krisenfolgen in vielen europäischen Ländern umstritten ist.

Mit ähnlichen Problemen kämpft allerdings z. B. auch die SPD schon seit Jahren. Ausgangspunkt war, dass Gerhard Schröder die traditionell keynesianisch geprägte Konzeption zugunsten einer klassischen Industriepolitik mit teils neoliberalen Zügen aufgegeben hatte. Unter Parteichef Sigmar Gabriel scheint die SPD inzwischen so etwas wie ein Mittelding zu probieren. Anders ausgedrückt versucht sie, die eher sozial und keynesianisch geprägten Mitglieder und Wähler des linken Flügels ebenso wie die des eher industriepolitisch bis neoliberal denkenden Wirtschaftsflügels zu bedienen. Den Umfragewerten hat das bisher allerdings nicht geholfen. Das war allerdings vorhersehbar. (1) (siehe dazu vertiefend mit weiterführenden Links hier (2)) Denn eine echte wirtschaftspolitische Identität kommt dabei nicht heraus. Die SPD wirkt mithin wie eine etwas weniger wirtschaftsliberale CDU, die sich zugleich auf ihre keynesianischen Wurzeln zu besinnen versucht, was schwer vermittelbar ist.

Das scheint indes ein Trend in der Sozialdemokratie in Europa zu sein. Auch in Frankreich und Italien versuchen sich die sozialdemokratischen Regierungen an diesem Spagat der Versöhnung von Wirtschaftsliberalismus und Keynesianismus oder anders ausgedrückt an einer teilweisen Aufgabe ihre traditionellen wirtschaftspolitischen Identität. Sie wollen einerseits verstärkt sparen und reformieren, andererseits Wachstum und Beschäftigung aktiv fördern, stimulieren. Überzeugend wirkt das offensichtlich nicht. Kein Wunder, wenn es deswegen innerparteilich zu schweren Auseinandersetzungen kommt, wie etwa bei Frankreichs Sozialisten.

In Japan versucht der konservativ-liberale Premier Shinzo Abe mit seinen „Abenomics“ im Grunde dasselbe – eben nur im anderen, gegnerischen politischen Lager. In den USA wiederum stehen die politischen Mühlen in den USA seit vielen Monaten praktisch still, weil ein solcher Mix in keinem der beiden großen politischen Lager gewollt ist und es zu den beiden Parteien auch keine Alternative gibt, die einen entsprechenden Anpassungs- oder Veränderungsdruck erzeugen könnte.

Phase 4 der Krisenbekämpfung

Der Streit um den wirtschaftspolitischen Kurs wird verstärkt angefacht werden, wenn sich die Weltwirtschaft weiter eintrübt. Er findet dann in den davon betroffenen Industrieländern nicht nur zwischen den beiden großen politischen Lagern statt, sondern verstärkt auch innerhalb dieser Lager. Für Parteien die den Weg gewählt haben, beide wirtschaftspolitischen Lehrmeinungen irgendwie in einer Konzeption miteinander zu vereinen, werden die Auseinandersetzungen besonders heftig sein. Das gilt vor allem dann, wenn dieser Versuch in den Augen der Wählerschaft als gescheitert gewertet wird und sie in der Wählergunst deswegen deutliche Einbußen hinnehmen müssen. Das könnte beispielsweise bald in Japan geschehen, wo die „Abenomics“ genannte Krisenpolitik des Premiers Shinzo Abe, die die Deflation beenden und die Wirtschaft zu Wachstum führen soll, auf des Messers Schneide steht.

Damit zeichnet sich der Eintritt in eine neue, vierte Phase der Krisenbekämpfung ab. Sie beginnt, wenn es den beiden etablierten großen Parteien in den Industriestaaten nicht gelingt, das Abgleiten in eine neue, tiefe Wirtschaftskrise zu verhindern. Die vierte Phase ähnelt stark der ersten Phase, die 2008 begann. Doch dieses Mal ist angesichts der generell sehr hohen Staatsverschuldung in den Industriestaaten der Weg versperrt, die Probleme genauso wie in der zweiten Phase der Krisenbewältigung nach 2008 mit viel Geld temporär zu entschärfen. Auch der Manövrierspielraum der Notenbanken zur wirksamen Beeinflussung der Wirtschaft ist inzwischen weitestgehend ausgereizt.

Eine dritte Weltwirtschaftskrise wird die politischen Systeme in den Industrieländern erschüttern

Die Folge dessen wird sein, dass speziell die beiden großen Parteien in den Industrieländern massiv unter Druck geraten werden, nach anderen Lösungen zu suchen.

Einen Bedarf für einen anderen Problemlösungsweg wird in einer in vielen Industrieländern wachsenden Wählergruppe längst gesehen. Sichtbarer Beleg dafür ist der teils rapide Aufstieg neuer oder bisher unbedeutender Parteien. Dazu gehören etwa Nigel Farages´ Unabhängigkeitspartei (Ukip) in Großbritannien, die „Fünf-Sterne-Bewegung“ Beppe Grillos in Italien oder auch der rechtsextreme Front National in Frankreich. Allerdings gibt es mit Blick auf die Gesamtheit der Industrieländer einen bedeutenden Unterschied zur ersten Weltwirtschaftskrise und speziell zur Weimarer Republik: Nationalismus ist dabei nicht die alles dominierende Kraft, auch wenn es ganz klar verbreitet nationalistische Tendenzen gibt. Denn es gibt in allen Industrieländern eine große Gruppe Unzufriedener, die eine komplexere Problemwahrnehmung hat.

Das ist zum Beispiel gerade auch das Problem des US-Präsidenten Barack Obama, der ursprünglich ins Amt gewählt worden war, weil er Veränderung, Wandel versprach, aber dieses Versprechen nicht eingelöst hat. Im Gegenteil. Das Wirtschaftswachstum und die offiziell gesunkene Arbeitslosigkeit in den USA werden zwar von den Märkten honoriert, aber von den Wählern offenbar nicht. Das spricht für sich. Vor demselben Problem wie Obama stehen aber prinzipiell alle Parteien in Krisenzeiten. Spürbarer wirtschaftspolitischer Erfolg ist letztlich ausschlaggebend.

Der Druck zum Paradigmenwechsel steigt

Die vierte Phase der Krisenbekämpfung läuft deswegen im Falle einer dritten Weltwirtschaftskrise für die Gruppe der Industrieländer mit einiger Wahrscheinlichkeit wie in den 1930er Jahren, als die Keynes´sche Theorie die liberale Wirtschaftsauffassung in der Krisenpolitik ablöste, auf einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik hinaus. Während und unmittelbar nach der Krise von 2008/2009 war das sogar schon ein Thema gewesen. Doch nach dem Abflauen der akuten Krise ist das Interesse daran wieder verloren gegangen. Das wird sich ändern.

Es mag sein, dass es jetzt noch vereinzelte Versuche geben wird, die Krise im wirtschaftsliberalen oder keynesianischen Sinne in den Griff zu bekommen. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass jetzt gelingen könnte, was auf Basis beider Ansätze seit 2008 nicht gelungen ist. Die Erklärung dafür ist simpel: Die Krise von 2008/2009 sowie die drohende dritte Weltwirtschaftskrise haben primär markt- und wirtschaftsstrukturelle Ursachen, die weder mit einer wirtschaftsliberalen noch mit einer keynesianischen Politik wirksam adressiert und behoben werden können, weil die entsprechenden ökonomischen Erklärungsansätze diese nicht oder nicht zutreffend erklären können. Das ist wie ein blinder Fleck und eine letztlich fatale Unvollkommenheit in der Ursachenanalyse.

Die Ukraine-Krise als Katalysator

Die durch die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers ausgelöste Finanzmarktkrise hat als Katalysator für die unabhängig davon bestehenden gravierenden Probleme der Weltwirtschaft gewirkt. Das ist aus den gerade dargelegten Gründen von Experten und Politikern damals mehrheitlich nicht in dieser Weise wahrgenommen worden, was entscheidend für den krisenpolitischen Kurs war.

In ähnlicher Weise wirkt heute die Ukraine-Krise als mächtiger Katalysator für die Verschärfung der politischen und wirtschaftlichen Krise, insbesondere, aber eben nicht nur in der Europäischen Union. Nach dem heutigen Vorstoß der neuen Regierung in Kiew und auch der NATO zeigt sich das einmal mehr. Kiew hat einen Strategiewechsel angekündigt und will offensichtlich die von Separatisten gehaltenen Gebiete der Ostukraine zurückerobern. Die ukrainische Regierung hat darüber hinaus den Westen aufgefordert, seine Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu verschärfen. (3)

Sollte die EU auf die Forderung der Ukraine eingehen, wäre dies ein mächtiger Schritt voran in Richtung Wirtschaftskrise und ebenso in der vierten Phase der Krisenbekämpfung, in der zunehmend erkennbar wird, dass den beiden großen, etablierten Parteiblöcken in Europa die Problemlösungskompetenz oder –bereitschaft fehlt – was im Resultat auf dasselbe hinausläuft.

Am grundsätzlichen, hier dargelegten Problem Europas und generell der Industrieländer ändert der Ukraine-Konflikt selbst jedoch nichts. Die USA und Japan, die von der Ukraine-Krise weniger bzw. praktisch gar nicht betroffen sind, stehen mit Blick auf die grundsätzlichen markt-, wirtschaftsstrukturellen und politischen Probleme nicht besser da. Die USA wären, sollten die Demokraten heute auch im Senat ihre Mehrheit verlieren, was erwartet wird, wirtschaftspolitisch de facto gelähmt. Für Japans Premier Shinzo Abe wiederum sind die Wirtschaftswachstumsdaten für das dritte Quartal der Markstein für seine „Abenomics“ genannte Krisenpolitik. Je schwächer sie sind, desto stärker wird er politisch unter Druck geraten.

Die Ukraine-Krise lenkt so betrachtet lediglich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von den Problemen der Regierungen in den USA und in Japan ab.

Explosive Krisenmischung

Nur in der Gesamtschau der skizzierten Entwicklungen in den Industriestaaten wird letztlich klar, wie viel Zündstoff die aktuelle Lage für das Wirtschaftssystem des Westens inzwischen tatsächlich birgt. Das ist vor allem auch ein wesentliches Resultat der bisherigen Wirtschafts-, Finanzmarkt- und Krisenpolitik der Industrieländer. Es sind Dominosteinketten entstanden, die alle miteinander verbunden sind und es gibt eine ganze Reihe von Steinen, die wackeln.
Es gibt eine potenziell explosive, in jedem Fall aber eine den politischen Lösungsdruck massiv erhöhende Anhäufung und Mischung von Problemen. Deren Folgen lassen sich zunehmend schlechter verleugnen und verschleiern. In der vierten Phase wird deswegen im Unterschied zur zweiten Phase der Krisenbekämpfung vor allem in der Bevölkerung verstärkt die Erkenntnis reifen, dass andere Lösungen gefordert sind und es wird aus Sicht der Wähler immer weniger ausschlaggebend sein welche Partei diese anbietet, je stärker sich ihre eigene wirtschaftliche Lage verschlechtert. Das kann je nach Entwicklung der Wirtschaft schneller oder langsamer geschehen.

Bedrohliche wirtschaftliche Aussichten und mehr noch eine Wirtschaftskrise werden Wähler den jeweiligen Regierungen in den Industriestaaten anlasten. Für Regierungsparteien gibt es nichts Bedrohlicheres. Sollten die etablierten großen Parteien nicht dazu in der Lage sein, überzeugende Lösungen zu liefern und umzusetzen, gegebenenfalls auch mit anderen Köpfen an der Spitze, dann werden sie in der vierten Phase ihren Rückhalt in der Wählerschaft immer stärker verlieren.

Griechenland als Vorläufer

In Griechenland dürfte es im Frühjahr angesichts der für einen Großteil der Bevölkerung katastrophalen Lage so weit sein. Die Regierungskoalition der liberal-konservativen Nea Dimokratia und der sozialdemokratischen PASOK wird die erforderliche Mehrheit im Parlament für einen Nachfolgekandidaten für den scheidenden Staatspräsidenten Karolos Papoulias nicht bekommen. Das haben die Oppositionsparteien bereits angekündigt. In diesem Fall muss es Neuwahlen geben und es ist sehr wahrscheinlich, dass die linksgerichtete Syriza als stärkste Kraft daraus hervorgehen und mit der Regierungsbildung beauftragt werden wird. Das wäre ein politischer Umbruch.
Griechenland sollte nicht als europäischer Sonderfall abgetan werden. Das ist schon einmal schief gegangen.

Als Griechenland Anfang 2010 in die Schuldenkrise schlitterte, hatten die Staats- und Regierungschefs der führenden Euro-Länder auch behauptet, Griechenland wäre ein Sonderfall und kein weiteres Mitglied der Euro-Gruppe werde in eine Krise rutschen. Wenig später traf es jedoch Portugal, Spanien drohte ebenfalls abzustürzen und selbst Italien galt als potenzieller Notfallkandidat. Mario Draghi hat die Situation im Sommer 2012 mit seinem Versprechen gerettet, alles für den Erhalt des Euro zu tun. Doch inzwischen kriselt es seit vielen Monaten auch in Frankreich, was mittlerweile mehrfach gravierende politische Turbulenzen ausgelöst hat und die zuletzt von der EZB ergriffenen Maßnahmen haben der europäischen Wirtschaft und speziell der in den Krisenländern bisher keine Impulse geben können.

Es ist insofern keineswegs unwahrscheinlich, dass auch die politischen Systeme anderer europäischer Staaten den griechischen Weg gehen, sofern sich die wirtschaftliche Lage für die Bevölkerung nicht spürbar verbessert.

Überzeugende wirtschaftspolitische Konzepte und Pläne gibt es in Europa, aber auch in anderen Industrieländern immer noch nicht und eine „pragmatische“, experimentelle Herangehensweise ist lediglich eine Fahrkarte ins Desaster, wenn man keinen Plan hat. Können wir uns das noch leisten?

von Stefan L. Eichner
Kontakt: info.sle@web.de

 

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19 KommentareKommentieren

  • martin - 4. November 2014

    Es wird auch leider keine Konzepte und Pläne von der politischen Elite (sein es nun die Politiker oder Notenbanken) geben. Es gibt von denen nur noch ein weiter so wie gehabt bis zum bitteren Ende, so traurig dies auch ist – wobei an sich natürlich, welches System in der Natur (Pflanze, Tiere, Menschen, etc.) hat bisher ewig gehalten? Manchmal braucht es vll. Zerstörung, damit etwas neues gedeihen kann.

    Ich persönlich habe da jeden Glauben ans System, Politik und Rechtsstaat verloren. Nicht nur wegen den globalen Themen, auch aus ganz persönlichen Willkürakten von verschiedenen Behörden.

    Aber dennoch kein Grund frustiert zu sein und sich nur mit den Gedanken an das alte, vergange zu binden, was man eh nicht mehr ändern kann. Lieber gucken, wie man die Zukunft besser gestalten kann.

    • Thoha - 5. November 2014

      Hallo martin,

      „Lieber gucken, wie man die Zukunft besser gestalten kann.“

      Sehr gut. Hast Du vielleicht eine oder mehrere Ideen, wie? Vielleicht nicht gleich für die ganze Welt, aber für eine überschaubare Volkswirtschaft wie unsere?

      Viele Grüsse
      Thomas

  • Jost Wunderlich - 5. November 2014

    Hallo Stefan,

    vielen Dank für die ausgezeichnete Ursachenanalyse.

    Auch hier zeigt sich, daß die meisten Menschen/Politiker ihre Standpunkte/Erkenntnisse nicht durch Nachdenken gewinnen, sondern durch Übernahme anderer Standpunkte/Erkenntnisse. Deshalb auch immer wieder ein “Weiter so!”

    Auf Arte gab es gestern einen interessanten Beitrag dazu: “Wachstum, was nun?”, der noch an zwei folgenden Terminen wiederholt wird.

    Jost.

    • SLE - 5. November 2014

      Hallo Jost,

      Danke für den Hinweis auf die Arte-Sendung. Die war mir entgangen.

      Viele Grüße
      SLE

    • MartinR - 5. November 2014

      Die Sendung habe ich auch gesehen und ist empfehlenswert.

      Es tut sich in verschiedensten Ländern schon einiges, hauptsächlich in Richtung lokalem Wirtschaften. Der Trend wird wohl zunehmen, der Druck auf Lokalpolitiker steigen.

      Wie schnell und inwieweit sich die 99% dem herrschenden Ausbeutungssystem entziehen können, ist wohl eine zukunftsweisende Frage.

  • Roland - 5. November 2014

    Was haben Waldsterben, Peak-Oil und die finale Weltwirtschaftskrise gemeinsam ?
    Und dann fällt auch noch die Klimaerwärmung aus.

    Son nen Sh…

  • MFK - 5. November 2014

    Die Ursache der derzeitigen Krise liegt im Geldsystem begründet und kann nur durch einen Schuldenschnitt gelöst werden. Dass hierdurch auch die Guthaben betroffen werden, dürften einige Illusionisten noch schmerzhaft zu spüren bekommen.

  • dank - 5. November 2014

    Big Picture, schön – Nachdem Wirtschaft und Politik über die letzten Jahrzehnte immer weiter untrennbar verwachsen, ja ineinander verwucherten wird weder die eine noch die andere Seite eine einfache plakative Lösung bieten können. Zusammen gegeneinander arbeiten hört sich wie sparende Investitionen an, die fortwährend gepredigt werden. Als bleibt nur ein weiter so, während die Verzahnungen der beiden vormals versucht getrennt gehaltenen Strukturen immer weiter zunehmen. Ein weiterer Widerspruch stellten die liberalen Regulierungsversuche der sich selbst regulierenden Märkte dar, die unter den beratenden, gesetzt- und schriftsatzvorgebenden Instanzen niemals kannibalisierend wirken konnten und sehr wahrscheinlich auch nicht sollten. Die Disparitäten nehmen in ihrer Intensität immer weiter zu und unterbewusst polarisieren diese die bewussten Wähler und lässt diese mit neuen Parteien und deren Ideen liebäugeln um überhaupt noch mit Wahlen einen vermeintlich anderen Weg einschlagen zu können um nicht auch zu den Stimmverweigerern wechseln zu müssen.
    Ja eine Crux, aber anscheinend scheint dem aktuellen System doch genetisch ein Selbstzerstörungsmechanismus inne zu wohnen, dessen nach aktueller Lesart die Anerkennung verweigert wird. Da wird das Genom des Menschen entschlüsselt, was einem Blick durch die Brille einer höheren Macht ähnelt, doch ungleich leichtere von Menschhand geschaffene Strukturen verweigern sich scheinbar der tiefgreifenden Analyse und Änderungsmöglichkeit.

  • Andres Müller - 5. November 2014

    Leider eine treffende Analyse Herr Eichner

    “Es ist insofern keineswegs unwahrscheinlich, dass auch die politischen Systeme anderer europäischer Staaten den griechischen Weg gehen”.

    Aber eher rechts als links rum.

    Neben Obama ist auch Yellen in Bedrängnis, die Wahlen werden auch das Verhalten der Notenbank Abgeordneten beeinflussen. Gut möglich dass nun mit der Schwächung des Euro der erstarkende US$ für die USA zur Deflationsfalle wird. Die Konstellation erinnert irgendwie an den schwarzen Donnerstag 1929, nur dass die Deflation damals aus zum Teil anderen Gründen gebraut worden ist.

  • Holly01 - 5. November 2014

    Hallo,
    Zitat:
    “Im Wesentlichen dreht sich dieser Streit in allen Industriestaaten immer wieder nur um die beiden dominierenden wirtschaftstheoretischen Lehrmeinungen und die jeweils daraus abgeleiteten politischen Konzeptionen. Das heißt, Verfechter einer nicht-interventionistischen, auf deregulierte Märkte und einen sparsamen, schlanken Staat ausgerichteten Politik (liberal-konservative Parteien) streiten mit Befürwortern des Sozialstaates und einer interventionistischen, mithin schuldenfinanzierten Politik der Stimulierung der Wirtschaft (sozialdemokratische Parteien).”
    Zitatende

    Das sind nicht zwei Lehrmeinungen, es ist die Auslegung einer Lehrmeinung bzw. eines einzigen Grundkonzeptes.
    Die Gewinnmaximierung der Eigentumsinhaber.

    Eigentum wird durch das Recht garantiert und dient als Grundlage der Geldschöpfung. Eigentum macht kreditfähig.
    Eigentum ist nicht das Gleiche wie Kapital oder Besitz. Jeder einzelne dieser Ausdrücke hat einen eigenen Sinn und einen eigenen Hintergrund.

    Das Hauptproblem ist der ständige Verlust an Kaufkraft, welche auch als Konsum bei den Produzenten ankommt.
    Der Verlust hat viele Ursachen.
    In der Tendenz ist es aber so, daß einer immer effizienteren Produktion die immer höhere Investitionen erfordert ein immer kleinerer Konsum gegenüber steht.
    Investitionne lohnen in der Tendenz immer weniger.
    Selbst das Gutbürgertum mit seinen etwa 3% Bevölkerungsanteil in Deutschland und seinem Konsum von Luxuxgütern stellt keinerlei Ausgleich dar.
    Fakt sind die 70% Bevölkerung (wie in der SOEP des DIW beschrieben), die keinerlei Vermögen haben, dafür aber verschuldet sind.
    Das deutsche Bild läßt sich problemlos übertragen.
    Der trickel down effect wurde so oft als Märchen enttarnt, daß ich mir den ausführlichen Hinweis spare.

    Schroeder/Fischer haben den deutschen Konsum um 63 Mrd. pro Jahr gekürzt und wurden von den neolibs gefeiert.
    H4 und die gesamte Sozialgesetzgebung seit dem sind nichts anderes als Konsumkürzungen in der Masse.

    Japan zeigt beeindruckend, das Geld ohne Realwirtschaft nicht funktioniert.
    Die Briten zeigen beeindruckend, daß Gemeinwesen ohne Mittel nicht funktioniert.
    Die Deutschen zeigen, daß Reichtum in wenigen Händen immer schneller den Massenmarkt ruiniert.
    Es gibt nur wenige Staaten in denen der Massenmarkt sinkt und Hand in Hand mit der Umverteilung schneller von statten geht und schneller seine Folgen zeigt.

    Es gibt nur einen Ansatz: Gewinnmaximierung.

    Das wird nicht funktionieren.

    Ein Idealbild, bei dem alle Rohstoffe in einem Arbeitsschritt in waren verwandelt werde, ohne das Menschen daran beteiligt sind, hat keine Zukunft.
    Selbst die Annäherung ist extrem gefährlich. Denn Produktion ohne Kunden ist doppelt zerstörerisch: Ressourccenverbrauch + Umweltverbrauch = Lebensraumverdrängung.

    Die pure Gier zerstört die westlichen Gesellschaften. Die Grundfrage wird nicht gestellt:
    Wem dient das Alles?
    Die Topmanager antworten : Wir haben keine soziale Funktion, wie dienen dem Gewinn.
    Die Politiker sollten die Gesellschaft vor diesem Irrsinn schützen, das tun sie aber nicht. Die Politiker maximieren den Wahnsinn noch.

    So gibt es keinen Ausweg.
    Dabei wäre es so einfach. Wenn man nur wirklich wollte.
    Man wird den karren laufen lassen, bis nur noch Krieg als Lösung bleibt.
    Dann wird man Krieg führen. Egal gegen wen, Hauptsache der Gegner ist groß und hält lange durch.
    Erst wenn alles in Schutt und Asche liegt und die Politiker die das alles zu verantworten haben als den Ämtern gefegt wurden, erst dann wird man nach Alternativen suchen und die sind …. einfach.

    Bis dahin ist alles TINA.

    • Basisdemokrat - 5. November 2014

      “In der Tendenz ist es aber so, daß einer immer effizienteren Produktion die immer höhere Investitionen erfordert ein immer kleinerer Konsum gegenüber steht.
      Investitionne lohnen in der Tendenz immer weniger.”

      “Investitionen brauchen Nachfrage. Nachfrage aber gibt es in ausreichendem Maße nur, wenn die Einkommen der Masse der Bevölkerung so stark steigen, dass mit ihnen die Produktion, die sich aus den Investitionen ergeben könnte, auch tatsächlich gekauft werden kann. Das gelingt genau dann, wenn die Realeinkommen regelmäßig so stark steigen wie die Produktivität. Das Wort regelmäßig ist hier sehr wichtig. Nur wenn die Masse der Arbeitnehmer erwarten kann, dass ihre Einkommen zulegen, werden sie insgesamt genügend Güter kaufen, um – quasi nebenbei – gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Es geht also gerade nicht darum, in Sachen Arbeit einen Markt zu simulieren, auf dem die Gewerkschaften und die Arbeitgeber versuchen, je nach der Lage am Gütermarkt einen gleichgewichtigen Lohn zu finden. Den gibt es in einer dynamischen Wirtschaft nicht.”

      Leider nur im Abo:
      http://www.flassbeck-economics.de/abo-artikel-unser-geldsystem-xxix-warum-braucht-man-entwicklung-und-geld-fuer-die-entwicklung/

  • Thoha - 5. November 2014

    “Im Wesentlichen dreht sich dieser Streit in allen Industriestaaten immer wieder nur um die beiden dominierenden wirtschaftstheoretischen Lehrmeinungen und die jeweils daraus abgeleiteten politischen Konzeptionen.”
    Die Tatsache, dass zwei Lehrmeinungen eine politische Diskussion dominieren, heisst natürlich nicht, dass es keine anderen “Expertenmeinungen” gibt.
    Hier nur ein paar alternative Denkansätze, die eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätten:

    http://blog.postwachstum.de/
    http://blog.postwachstum.de/author/helge-peukert
    hierzu: Prof.Dr. Dr. Helge Peukert “Das Geld- & Finanzsystem – notwendige, radikalere Reformvorschläge” (langer, aber inhaltlich lohnender Vortrag)
    http://www.youtube.com/watch?v=Sm5G9syebeU
    (bisher 558 Aufrufe)

    http://www.denkwerkzukunft.de
    http://www.denkwerkzukunft.de/index.php/inspiration/index/leuchttuerme
    hierzu: Meinhard Miegel “Die ökonomische Realität in Europa”
    http://www.youtube.com/watch?v=5MuHVmMb8hQ
    (bisher 3.108 Aufrufe)

    http://www.solidarische-moderne.de/
    hierzu: “Was ist das ISM?”
    http://www.youtube.com/watch?v=WhbGRX7rhVw
    (bisher 5.531 Aufrufe)

    https://www.plurale-oekonomik.de/
    hierzu: “Gibt es noch den Mainstream? Brauchen wir eine heterodoxe Ökonomie?”
    http://www.youtube.com/watch?v=2gWor998pO0
    (bisher 2.419 Aufrufe)

    Hierzu: Prof. M. Kennedy (mittlerweile verstorben), Dirk Müller, Prof. H. Peukert, Prof. H. Spehl “Wirtschaft ohne Wachstum”
    http://www.youtube.com/watch?v=_jeWd4SF35s (Teil 1)
    http://www.youtube.com/watch?v=_cnxVUxcg1A (Teil 2)

    http://www.attac.de/
    hierzu: attac-Düsseldorf “Der Selbstbetrug der Mittelschichten” (Vortrag von Ulrike Herrmann, Achtung, Dauer: 1:41 !):
    http://www.youtube.com/watch?v=aW39MZF8YiQ
    (bisher 8.855 Aufrufe)

    http://www.monetative.de
    hierzu: Joseph Huber: “Giralgeld ist außer Kontrolle”
    http://www.youtube.com/watch?v=MErciGlWXdE
    (bisher 1.516 Aufrufe)

    Alle Foristen sind gerne aufgerufen, die Liste ihrerseits fortzusetzen.

  • Stepe - 5. November 2014

    Hallo,
    ich fand den Artikel “auch” gut. Mich störte lediglich “Das keine anderen ökonomischen Auffassungen diskutiert werden, ist nicht wirklich erstaunlich. Denn einerseits ist es der Politik sowie in erster Linie den Notenbanken in der Tat gelungen, die akute Phase der Krise von 2008 zu beenden – wenn man einmal die Frage außer Acht lässt, wie hoch am Ende der Preis dafür sein wird. Es gab also bis jetzt – oberflächlich betrachtet – keinen Handlungsdruck mehr für die Politik, die die Krisenbewältigung ohnehin lieber auf die Notenbanken abwälzt. Es lief ja – zumindest irgendwie.”
    Nein nicht irgendwie, es lief gut für die, die Kapital akkumulieren müssen. Deshalb gibt es auch keinen diskussions bedarf.
    Ich meine das es eben nicht gelungen ist die akute Krise zu beenden, sie ist lediglich mit Schulden in die Zukunft verlegt. Das wird einmal gebucht werden müssen.
    Zu dem Komplex würde ich gerne das Büchlein, Apologie von Links empfehlen ( http://www.guenther-sandleben.de/finanzkapital.html) und einen älteres Büchlein Der Grund der Finanzkrise von Lueer Hermann.
    ansonsten das Programm: “Mediathekview” ( http://sourceforge.net/projects/zdfmediathk/ ) läuft auf Windows und Linux. Da können die genannten Dokus heruntergeladen werden.
    Danke

    • SLE - 5. November 2014

      Hallo Stepe,

      vielen Dank für die Buch-Hinweise. Der Satz “Es lief ja – zumindest irgendwie” war natürlich schon ironisch gemeint. Denn genau genommen wurde lediglich alles getan, um den Eindruck zu erwecken, es liefe alles gut. Die Phase der akuten Krise – nach dem Lehman-Desaster, später auch in der Euro-Krise – wurde beendet, wenn man die Turbulenzen an den Finanzmärkten zum Maßstab nimmt. Aber Ihr Einwand ist absolut berechtigt. Es ist eine Frage davon, wie man “akute Krise” definieren will und das habe ich nicht deutlich gemacht.

      Viele Grüße
      SLE

  • JL - 5. November 2014

    “Geld regiert die Welt” dies war so und das bleibt sicher auch so.
    Nun hat man etwas mehr als 100 Jahre gebraucht, um dieses Geldsystem- so wie wir es heute haben- zu “formen”.

    1.
    Die Wandlung von wertgedeckten Geld (etwa 40% bis 50% im Jahr 1900) zu wertlosen, jederzeit vermehrbaren bunten Scheinchen, konnte nur durch die Abschaffung von zwei zentralen,, bis Anfang des 20- Jahrhunderts, gültigen Standards erfolgen. Die Begrenzung der Geldvermehrung durch Wertdeckung und damit der moralische Zwang auf dem Boden der Tatsachen- also der Realwirtschaft- bleiben zu müssen.

    Die Änderungen der Bilanzierungen im Geldsystem an sich und den Banken im Besonderen. Luca Pacioli (1450-1509)- ein Italiener- entwickelte die doppelte Buchführung. Diese Bilanzierung ermöglichte Einnahmen und Ausgaben gegenüberzustellen und damit Erträge oder Risiken aufzuzeigen. Heutzutage muß man für Griechenland aber noch nicht mal Rücklagen bilden, wenn man Staatsanleihen erwirbt. Damit schlummern Risiken im Finanzsektor, die noch nicht mal bankintern erkannt werden können. Die eigenmächtige Festlegung von Immobilenwerten, unabhängig vom tatsächlichen Marktwert, kommt noch oben drauf.

    2.
    Auch die Realwirtschaft hängt natürlich am Geld. Einerseits braucht man Kredite, andererseits Rendite. Und das wiederum geht nur bei einer “Verschlankung” der Produktion, schließlich sind nach ökonomischen Schätzungen etwa 20% bis 40% des NETTO- Endpreises eines Produktes anteilige Kreditkostenumlagen. Und da auf Grund der Globalisierung neue und konkurrenzfähige Marktteilnehmer auftauchten, wurde der Preisdruck entsprechend größer. Dies läßt Firmen abwandern oder nach staatlichen Hilfen schreien. Dies ist natürlich bei Staaten, aber auch Städten und Gemeinden am Verschuldungslimit schwer zu schultern. Entsprechend werden Steuern und Abgaben erhöht, oder- wie bei der TV- Zwangsabgabe- einfach mal eingeführt.

    3.
    Mit der Einstellung der amerikanischen QE- Programme ändern sich langsam aber sicher die Gegebenheiten am internationalen Anleihemarkt. laut ING Economics lagen die weltweiten Gesamtschulden bei 223,3 Bio. $ in 2013. Das sind öffentliche Schulden, Unternehmensschulden und Schulden privater Haushalte. Mit der Einstellung von diesen QE- Programmen wurde letztlich der Liquiditätsstrom in diesen Markt gekappt. Damit dürften sich langfristig die Zinsen auf Anleihen nach Norden bewegen. Das wiederum ist schlecht für Länder wie Venezuela oder Argentinien, die ganz vorne in der Staatsbankrott- Schlange stehen. Das wiederum ist noch schlechter für die Anleihehalter.

    All dem stehen Politiker hoffnungs- und ratlos gegenüber. Man findet hierzu auf dem internationalen Parkett noch nicht mal eine gemeinsame Sprache, da kann man dann auch auf tiefgreifende Ergebnisse lange warten.

    Sachlich betrachtet muß Geld wieder werthaltig werden. Dies begrenzt einerseits dessen ungehemmte Vermehrung und führt zurück auf den Boden der Realität. Andererseits bremst dies Politiker beim Schuldenmachen erheblich ein. Der angenehme Nebeneffekt dabei: Ist der Geldwert mit realen Werten hinterlegt, wird man diesen realen Wert (Markt) auch schützen wollen, zum Beispiel mit Zöllen.

    Nur, wer von den Beteiligten will das schon.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

  • Habakuk Afternoon - 7. November 2014

    Hallo,
    mir hat da etwas gefehlt.
    Die Betrachtungsweise des Gesamtproblems fährt den alten Ansatz, wir lebten alle
    in freien Ländern mit ebensolchen Wirtschaften. Nationales Denken und Handeln ist möglich,
    Politik und Wirtschaft sind hübsch getrennt.
    Wenn Rockefeller 1890 schon 70% des weltweiten Ölmarktes kontrolliert hat, was kontrolliert er
    dann jetzt, da man ihn nie wirklich packen konnte ? Hier bitte die Hochrechnung auf die sogenannten “Superreichen”. Wenn die Macher in Europa hauptsächlich Abkömmlinge von Goldman-Sachs sind, also eine Bank Politik in jeder Nation treibt, wie weit existiert dann noch
    “Politik” als eigenständiger Begriff, welcher Lebensräume gestaltet, Grenzen setzt, und Ausgleich schafft ? Dieses Wort ist zum Zynismus verkommen. In den 70er Jahren gab es den Begriff “Grenzen des Wachstums” des Club of Rome. Jeder konnte wissen wohin die Reise gehen wird. Die im Hintergrund lösten ihre Fahrkarte längst. Ein Sprichwort sagt: “Reichtum ist scheu.” Die Reichen die wir sehen, sind nicht “die” Reichen, die Politik ist nicht “die” Politik,
    und eben die Handlungsoptionen der Wirtschaftspolitik sind eben auch nicht die, die wirklich herrschen. Wir haben die Welt wieder -wie von George Orwell vorhergesehen- in Blöcken unterteilt, die sich in Zukunft für die Bevölkerung nicht groß unterscheiden werden. Vermische die Völker, halte sie in Angst, terrorisiere sie – und du kannst machen was du willst. Ukraine:
    ich lese von “Demokratiedefizit” u.ä. . Wieso nicht von der SOZ (engl. SCO) als Gegenpol zu EU/NATO. Die Ukraine liegt an der Schnittkante. Seltsamerweise auch die Türkei und die arabischen Staaten. Der “Frühling” dieser Länder findet also immer in der Pufferzone der Blöcke statt.
    Im westlichen Block wird systematisch Vermögen, Bildung, Recht, Freizügigkeit, etc. zerstört.
    Mit “Keynes” und “Neoliberalen” kommt man nicht wirklich weit. Lange vorher konnte man sich an zwei Fingern abzählen das kommt, was 2007/2008 gekommen ist: Entrechtung der Völker,
    de-facto-Auflösung der Nationalstaaten, Vermögensumverteilung von unten nach oben.
    Die interessante Frage ist: wie geht es weiter, wenn es so weiter geht ?
    Zudem: da im eigentlichen nur noch die nationalen Notenbanken den Aktienmarkt am (Zombie-)Leben erhalten, macht die klasssische Volkswirtschaftslehre schon hier keinen Sinn mehr.
    Leben

  • Vandermonde - 12. November 2014

    Es sind zwar konkurrierende Ansätze jedoch basieren sie auf demselben “klassischen” Konzept Geld im Wesentlichen als Gut zu definieren – in diesem Zusammenhang unterscheiden sich Smith, Marx, und Keynes nicht. Die vergebliche Suche nach dem “Wert” verdeutlicht dies. Die Neoklassik hat das Problem über die Nutzentheorie gelöst und ein konsistentes Modell entworfen. Natürlich ist der Anspruch der Konsistenz zu wenig und es muss einen Anspruch nach empirischer Methodik mit einem induktiven Schwerpunkt geben.

    Denn in der gegenwärtigen Form mit dem Schwerpunkt auf deduktiver Methodik ist die “Lösung” um Abweichungen zwischen dem ökonomischen Modell und den realen Verhältnissen zu erklären die seltsame Schlußfolgerung, dass die Realität primär den Modellen anzupassen wäre, anstatt umgekehrt.

    Da die Modelle jedoch die Realität nur sehr schlecht und sehr simplifizierend abbilden und viele systematische blinde Flecken besitzen ist das natürlich katastrophal.

    Eine gute Analyse der Problemstellungen findet sich z.B. hier:
    http://soffisticated.wordpress.com/42-das-grose-ganze-und-so/

    “Aus diesem Grund ist auch heutzutage immer wieder die “unsichtbare Hand des Marktes” oder der “Marktprozess” gefragt, wenn es darum geht zu übertünchen, daß die Theorie der Marktwirtschaft keine Aussage darüber bereithält, wie sich denn nun Preise einstellen.”

    “Diese Klammer macht Geld auf einmal zu einem “relativen Maß der Produktion”, so daß der Konnex zwischen Arbeitsergebnis und Lohnsumme auch dann einstellt, wenn sich sowohl die Arbeiter ihres Arbeitsergebnisses entäußert haben, ebenso wie sich die Unternehmer des Geldes entäußern, indem sie durch ihre Investitionsausgaben das Eigentum daran verlieren.”

    “Mit einer derartigen Sozialtechnologie wird der Zusammenhang von Geld und Gütern jedoch unwiderruflich zerschnitten, weil sich das Interesse von risikoaffinen und risikoaversen Akteuren nicht wieder vereinheitlichen läßt. ”

    “Im Gegensatz zum “Auktionator” der Theorie des allgemeinen Gleichgewichts ist der Koordinationsmechanismus, der über Geld vermittelt ist, nicht kostenlos. Dennoch ist die separate Beschäftigung mit der “Software” des gesellschaftlichen Produktionsprozesses notwendig, schon um dem Mißverständnis zu entgehen, die Eigenschaft von Geld als soziales Verhältnis zu übersehen. “

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