Euro- und Dollar-Krise: Wo ist der “Ludwig Erhard” der Schuldenstaaten?

von am 27. August 2011 in Allgemein

Seit Winter 2008/2009 gibt es Streit unter Ökonomen und Politikern in der Frage, wie die Schuldenmisere überwunden und die Wirtschaft wieder in Schwung gebracht werden kann. Abgesehen davon, dass die Politik den Notenbanken die Hauptlast der Problemlösung vor die Füße gekippt hat, sieht der Disput verkürzt dargestellt folgendermaßen aus:

Konservativ-liberale Vertreter votieren für Gesundsparen – der Staat bzw. die staat-lichen Schulden und sozialen Programme werden als das zentrale Problem ausgemacht, das die Wirtschaft erstickt.

Keynesianer wünschen sich eine staatlich über Schulden finanzierte Ankurbelung der Wirtschaft – dass der bisherige Schwung an milliardenschweren Stimuluspro-grammen die Wirtschaft nicht zurück auf den Wachstumspfad geführt hat, begründen sie gerne mit dem zu geringen finanziellen Umfang der Maßnahmen.

Seit der Lehman-Pleite wird die Wirtschaft einem Wechselbad aus staatlicher Stimulie­rung und Ausgabenreduzierung ausgesetzt. Jetzt wird gerade das Austeritäts-konzept ausgetestet, als hätte man das noch nie getan. Es ist gerade so, als säße ein infantiler Erwachsener am Steuer eines schweren Autos, der mit äußerst wenig Feingefühl experi­mentell die Funktion der verschiedenen Pedale im Fußraum zu ergründen suchte.

Einmal abgesehen davon, dass die Politik sich außerdem nicht selten viel stärker auf den Rat von Lobbyisten verlässt respektive dem Charme ihrer Drohungen erliegt, darf sich deswegen im Grunde niemand mehr wundern, warum jeder Bürger sowie Studierende der Volkswirtschaftslehre mit gesundem Menschenverstand am krisen-politischen Kurs verzweifeln muss.

Woran liegt das?

Es liegt sicher auch am Bedeutungsverlust der Volkswirtschaftslehre. Aber der kommt ja nicht von ungefähr. Seit Dekaden werden die dramatischen Schwächen der herrschenden neoklassischen Lehre aufgezeigt, die ihren Wert für die Bewältigung realer ökonomischer Fragen und Probleme sowie generell ihren Orientierungswert für Entscheider in der Politik und in den Notenbanken ganz erheblich einschränken.

Das war, um es noch einmal zu betonen, schon immer so. Allein mit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise, den die führenden Ökonomen nicht haben kommen sehen und der ihnen die Sprache verschlug, weil sie ihn nicht erklären konnten, ist dies einer breiteren Öffentlichkeit erstmals wirklich bewusst geworden.

In der Hochphase der Krise, ab Herbst 2008 und in 2009, wurde das Theoriedefizit von einer Reihe von Ökonomen sogar öffentlich zugegeben. Zwischenzeitlich ist jedoch Gras über die Geschichte gewachsen und seit der EU-, der US- und der japanischen Schuldenkrise malträtieren genau dieselben Ökonomen und Politiker auf der Basis genau derselben gescheiterten ökonomischen Theorien die “erkrankten“ Volkswirt-schaften. Man fühlt sich unweigerlich an die Ärzte im alten Rom erinnert. Niemand sagt: „Moment mal! Wieso das?“ Gut, das ist nicht ganz richtig. Es gibt natürlich viele, die das sagen, aber quasi unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit, weil Presse und Medien – Murdoch & Co. lassen grüßen – es so wollen.

Nun wird ja immer gerne gesagt: „Ach, die Ökonomen mit ihren Theorien! Die verstehen doch nichts von der Realität!“ Darin steckt natürlich ein wahrer Kern und das erklärt, warum mathematisch-empirische Wirtschaftsforschung und Statistik heute so bedeutsam sind. Das Problem ist nur: Alles, was daraus hervorgeht, sind Erkenntnisse über die Ver­gangenheit und die sagen nur bedingt etwas über die Zukunft aus. Bewegen sich Volks­wirtschaften in ruhigen Bahnen und entwickeln sie sich iterativ und damit vorhersehbar, sind diese Erkenntnisse hilfreich. Sie lassen sich extrapolieren. In wirtschaftlich turbulen­ten Zeiten sind sie es nicht. Und genau deswegen kommt es dann doch wieder auf die Ökonomen und ihre Theorien an. Genauer gesagt kommt es darauf an, ob die Theorien gut sind oder nicht.

Sie sind es nicht. Das hatten wir ja schon, auch wenn führende Ökonomen, Politiker, Presse und Medien in diesem Punkt harthörig sind und stattdessen in der Bevölkerung auf Amnesie hoffen. Das funktioniert natürlich nicht, wenn die Bürger am eigenen Leibe die Folgen zu spüren bekommen und rebellieren – mehr oder weniger unfriedlich, aller­dings bisher ohne die erhoffte Wirkung.

Es ist deswegen absehbar, dass der schwarze Peter für das Andauern der EU- wie auch der US- und Japan-Schuldenkrise den Politikern verstärkt um die Ohren gehauen wird und am Ende bei den führenden, aber sprach- und ratlosen Ökonomen landen wird.

Liebe Ökonomen, Eure Krise ist genauso wenig vorbei wie die Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise wirklich vorbei ist! Sie fängt gerade erst so richtig an.

Ein Hinweis, wenn auch kein Rettungsring, sei Ihnen an dieser Stelle gegeben: Die Lösung muss – wirtschaftstheoretisch und wirtschaftspolitisch gesehen – in jenem Bereich liegen, den die führenden ökonomischen Schulen/Theorien, sprich Neoklassik, Monetarismus, der auf die Klassik zurückgehende Neoliberalismus und Keynesia-nismus gar nicht erfassen.

Es ist nicht so, als wüssten sie das nicht seit spätestens zwei, drei Jahren. Aber es scheint ihnen nicht wirklich zu helfen, anders zu denken und andere, bessere Erklärungs­ansätze zu finden, was einmal mehr ein Beleg dafür ist, dass man sich von Denkgewohn­heiten (und immateriellen Besitzständen) genauso schwer löst wie von jeder anderen Gewohnheit – vor allem wenn der Druck, es zu tun, nachlässt.

Aber: Für die Politiker gilt selbiges. Wir sehen es in Deutschland und anderswo an der beständigen Schrumpfung der beiden großen Volksparteien, deren wirtschaftspoli-tische Identität traditionell entweder stark von der liberalen Wirtschaftslehre oder eben der Lehre von Keynes geprägt ist.

So gesehen sind die Aussichten, dass in der Krisenbewältigung endlich ein Durchbruch gelingt, aktuell in Europa eher schlecht, in den USA sogar noch schlechter – weil dort der Druck der Finanzmärkte noch immer viel geringer ist.

Wo ist der „Ludwig Erhard“ oder „Karl Schiller“ Griechenlands …. oder der USA? Das möchte man fragen. Aber nein, das wäre ja genau genommen völlig falsch, weil die beiden Politiker (CDU bzw. SPD) und Wirtschaftsprofessoren in ihrer jeweiligen Zeit mit genau jenen Programmen Erfolg hatten, die heute einfach nicht funktionieren wollen: Wirtschaftsliberalismus und Keynesianismus.

Man braucht gegenwärtig nur in die USA zu schauen, wo sich die Politiker im Kongress und Senat mit der Frontstellung beider Ansätze lähmen, um zu erkennen, wie skurril die aktuelle Situation tatsächlich ist.

Letzte Woche habe ich in einem Post in meinem Blog geschrieben, gegenwärtig könne man sich glatt in das Jahr der Lehman-Pleite zurückversetzt fühlen, wäre nicht die Staatsschuldenkrise. Was die Problemlösungssuche anbelangt, sind wir jedoch noch nicht einmal so weit wie seinerzeit die maßgeblichen Köpfe in der Mitte der 30er Jahre: Ein neuer Keynes, der uns die Richtung weist,  ist nicht in Sicht. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass wir seinen Namen nicht kennen.

Das bisherige Geschäftsmodell der Industriestaaten rund um den Globus funktioniert nicht mehr. Das ist eigentlich kein Wunder, denn sie haben pointiert ausgedrückt alle dasselbe getan, um Wirtschaftswachstum zu erzielen. Ein neues haben sie nicht.

SLE

Kontakt: eichner@web.de

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