Glaube vs. Realität
Es ist keine drei Tage her, da wurde in den Medien noch der deutsche Konsumboom beschworen. Auslöser bzw. Mittel zum Zweck war ein weicher Indikator, der Gfk-Konsumklimaindex, der meint die Stimmung der deutschen Konsumenten messen zu können. Heute wurde die positive Stimmung von der Realität eingeholt.
Denn die härteren und belastbareren Daten des Statistischen Bundesamtes zu den Einzelhandelsumsätzen in Deutschland für August 2010 zeichneten ein anderes Bild. Im August waren die unbereinigten Umsätze im Einzelhandel nominal um +3,3% und real um +2,2% im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Zum Vormonat hingegen ging es um nominale -5,4% und um reale -5,57% abwärts. Da der Trend auf Grund der unterschiedlichen Verkaufstage je Monat, bei den unbereinigten Daten kaum zu erkennen ist, muss man die saison- und kalenderbereinigten Daten verwenden. So stiegen die saison- und kalenderbereinigten nominalen Einzelhandelsumsätze im Vergleich zum Vormonat um +0,1% und die preisbereinigten realen Umsätze sanken um -0,2%. Den nach wie vor intakten Abwärtstrend verdeutlicht der Chart mit den bereinigten realen Umsätzen im deutschen Einzelhandel seit Januar 1994:
Nach wie vor ist der Trend, bei den um die unterschiedlichen Verkaufstage bereinigten realen Einzelhandelsumsätzen, klar abwärts gerichtet! Im August 2010 sank der Index der realen Einzelhandelsumsätze auf 97,9 Indexpunkte, nach 98,1 Indexpunkten im Vormonat und nach 95,8 Indexpunkten zum Vorjahresmonat. De facto geht es seit 16 Jahren nach Abzug der offiziellen Preissteigerungen seitwärts bis leicht abwärts. Es war und ist kein Konsumboom in Sicht, woher sollte dieser auch herkommen, bei durchschnittlichen Reallöhnen in Deutschland auf dem Niveau von 1991!
Deutschland ist auf Grund seiner hohen Wettbewerbsfähigkeit Profiteur der weltweiten wirtschaftlichen Erholung, welche getragen wird von den weltweiten staatlichen Konjunkturprogrammen und den Druckerpressen der Notenbanken. Nur dies wird nicht kritisch reflektiert und selbst ein knallhartes Strukturproblem wie die Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft wird sich als Erfolgsmodell schöngeredet! Die Quittung dafür wird serviert werden, denn die weltweiten staatlichen Konjunkturprogramme laufen aus und die Druckerpressen der Notenbanken beweisen seit Monaten ihre Unfähigkeit die fundamentalen Probleme völlig überschuldeter Volkswirtschaften zu lösen.
XL-Aufschwungs-Voodoo-Politiker und deren getreuen Ökonomen, Marktforscher, Medien und Statistiker sind kaum noch zu ertragen, angesichts der sich weiter abzeichnenden Abkühlung der Weltwirtschaft, der bestehenden Verwerfungen im Finanzsystem und den vielen unerledigten wichtigen Hausaufgaben welche die Wirtschafts- und Finanzkrise aufgab.
Gestern wurde wieder das deutsche Beschäftigungswunder zelebriert, zugegeben die Zahl der Erwerbstätigen, zuletzt für den Monat August von der Bundesagentur für Arbeit mit unbereinigten 40,281 Millionen angegeben, liegt nur um knapp 500’000 Erwerbstätigen unter dem Niveau vom Hoch aus dem Jahr 2008. Der geringe Einbruch während der Wirtschafts- und Finanzkrise bei den Erwerbstätigen war vor allem den positiven Effekten aus der Kurzarbeit geschuldet. Die aktuelle Erholung ist allerdings von schlechter Qualität geprägt, sie geht zu einem hohen Teil auf das Konto der Leiharbeit und nicht sozialversicherungspflichtigen Jobs.
Die Entwicklung der Zahl der Erwerbstätigen seit Januar 1991. Unbereinigte 40,281 Millionen Erwerbstätige nach dem Inlandskonzept (mit Wohnort in Deutschland) erfasste die Statistik der Arbeitsagentur für August 2010.
Die Qualität, die hinter diesem Datensatz steht ist allerdings nicht berauschend, denn die Erfassung der Erwerbstätigen findet nach dem ILO-Konzept statt. Erwerbstätig im Sinne des ILO-Konzepts ist jede Person ab 15 Jahren, die in einem einwöchigen Berichtszeitraum mindestens eine Stunde lang gegen Entgelt oder im Rahmen einer selbstständigen oder mithelfenden Tätigkeit gearbeitet hat. Wenn man also überhaupt nach Qualität am Arbeitsmarkt Ausschau halten will, muss man sich die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ansehen:
Die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten auf Quartalsbasis seit Q1 1992 bis Q2 2010. Im Gap zu den Erwerbstätigen befinden sich neben den Selbstständigen viele Millionen prekär Beschäftigte!
Nach den letzten Daten aus dem Arbeitsmarktbericht September für Juli sank die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Juli um -41’300 auf 27,667100 Millionen, nach 27,708400 im Juni. Jetzt zum eigentlichen Skandal: die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung stieg zum Vorjahresmonat um +353’161. Dies könnte man ja durchaus als Erfolg verbuchen, auch wenn der Chart nicht wirklich nach einer Erfolgstory aussieht, aber die Zahl der sozialversicherten Leiharbeitnehmer ist im selben Zeitraum um +183’000 angestiegen. Mehr als jeder zweite neue sozialversicherungspflichtige Job ging auf das Konto der Leiharbeit!
Die Zahl der Leiharbeitnehmer stieg in den letzten 12 Monaten um +183’000 bzw. um +33% an! Leiharbeit ist das einzige wirkliche Wachstumssegment mit der die Firmen in der Summe der gestiegenen Auftragslage begegnen. Im Juli 2010 wurde fast das Allzeithoch bei der Leiharbeit aus dem Juli 2008 mit 823’101 getoppt!
Während der Stellenaufbau bei der Leiharbeit boomte, wurden im selben Zeitraum im Verarbeitenden Gewerbe -84’000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte abgebaut und im Handel -9’000! Die Vermutung liegt nahe, dass der ein oder andere Festangestellte auch direkt durch Leiharbeiter ersetzt wurde.
Neben der Leiharbeit gibt es noch ein beschämendes Segment innerhalb der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. 326’000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Vollzeit waren gleichzeitig Hartz IV Empfänger. Weitere 221’000 Alg II Empfänger gingen einer sozialversicherungspflichtigen Teilzeitarbeit nach. Insgesamt erhielten laut Arbeitsagentur 1,229 Millionen abhängig Beschäftigte Hartz IV!
Der in den Medien und von Aufschwungslobbyisten beschworene Deutschland-Boom findet für die breite Masse in der Realität nach wie vor nicht statt.
Die Entwicklung der bereinigten Summe aller nominalen Arbeitnehmerentgelte in Deutschland und der Summe der bereinigten nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen von 1991=100 bis Q2 2010.
Deutlich erkennbar macht dieser Chart, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen sind die eigentlichen Gewinner. Nicht ganz zufällig koppelten sich Unternehmens- und Vermögenseinkommen erst Mitte 2003 von der Entwicklung der Arbeitnehmerentgelte ab:
Das Exportvolumen und die Unternehmens- und Vermögenseinkommen laufen fast synchron. Blau (linke vertikale Achse) das Exportvolumen, rot (rechte vertikale Achse) die Entwicklung der Unternehmens- und Vermögenseinkommen, jeweils in Mrd. Euro auf Quartalsbasis von Q1 1991 bis Q2 2010.
Der XL-Aufschwung und das deutsche “Jobwunder” stehen und fallen mit dem Export und selbst jetzt am Scheitelpunkt war die Qualität in Punkto Jobs und Einkommen mies, nur die Exporteure und deren Kapitaleigner profitierten, auf dem Binnenmarkt waren mit Sicherheit selbst viele Unternehmer außen vor, so wie Teile der Einzelhändler.
lesenswert: IWF-Chef zweifelt an deutschem Wirtschaftswunder, Münchau – Hartz IV vergiftet Europa
Quellen Daten: Genesis.destatis.de/Datenbank, Destatis.de/Pressemitteilung Einzelhandelsumsätze, PDF Statistik.arbeitsagentur.de/Arbeitsmarktbericht September 2010
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