Griechen-Bashing auf dem Vormarsch

von am 16. Mai 2011 in Allgemein

Bei der griechischen Schulden-Tragödie werden zunehmend die vermeintlichen Pfründe, vor allem der Beschäftigten aus dem Staatssektor als Problem quantifiziert. Mit ein paar spektakulären Einzelbeispielen, wie dem Nachtwächter beim “staatlich kontrollierten” Mineralölkonzern Hellenic Petroleum (ELPE), der ein Jahreseinkommen von 72’000 Euro beziehen soll und den 18 Monatsgehältern für alle Angestellten, wird Stimmung gemacht und vom wirklichen Problem Griechenlands abgelenkt.

Die Details der plakativen Einzelbeispiele, wen wundert’s, sind nicht wirklich stimmig. So wird aus der 1998  privatisierten Hellenic Petroleum, gestern Abend bei Anne Will ein Mineralölkonzern der vom Staat kontrolliert wird, obwohl der Staat nur noch 35,5% der Aktien hält und damit weniger Anteil als die Paneuropean Oil and Industrial Holdings S.A., der Reederfamilie Latsis, mit 41,25% der Anteile. Weitere 23,3% der Aktien befinden sich in Streubesitz. Die Story des märchenhaft verdienenden Nachtwächters und den 18 Monatsgehältern bei Hellenic Petroleum (ELPE) lief u.a. auch bei der Zeit-Online, beim Tagesspiegel, bei der Frankfurter Rundschau und beim Online-Medien-Portal der Wazgruppe, Der Westen, alle als fast 1:1 Kopie, unter demselben Titel “Der geplünderte Staat”. Auch die Bild-Online war mit im Boot beim Nachtwächter, mit “Darum kriechen die Griechen nie aus der Krise” und in Folge dieser Berichterstattung auch jede Menge anderer deutsche Webseiten, Blogs und Foren.

Die Hellenic Petroleum (ELPE) hat eine beherrschende Stellung auf dem Ölmarkt in Griechenland, 76% der Raffineriekapazität Griechenlands, gehen auf das Konto von ELPE, inklusive 1175 Tankstellen, 23 Tankanlagen an Flughäfen,  3 Flüssiggasabfüllanlangen, sowie 1 Schmierstoffe-Produktionsanlage. ELPE betreibt auch 6 Stromkraftwerke, besitzt Konzessionen für die Öl- und Gasförderung und fördert in Griechenlands nördlicher Ägäis, Montenegro und Ägypten. Weiterhin ist die ELPE an einem breiten Netz von Öl- und Gas-Pipelines beteiligt.

Im Jahr 2010 betrug der Gesamtumsatz 8,476 Mrd. Euro, der Gewinn nach Steuern etwas bescheidene 187,4 Millionen Euro, nach 176,26 Millionen 2009. Im Gesamtkonzern waren 5’148 Mitarbeiter beschäftigt, davon immerhin 39% mit einem Hochschulabschluss. Die Summe der Löhne und Gehälter der gesamten Group lag 2010 bei 227,836 Millionen Euro (darin enthalten auch die Kosten für den CEO, die Vorstände und die zahlreichen Führungspositionen in den ca. 40 Tochtergesellschaften). Damit lag das durchschnittliche Jahresbruttogehalt je Mitarbeiter in der Gruppe bei ca. 44’200 Euro (innerhalb der ELPE-Group nur von Griechenland mit 3’711 Mitarbeitern und einer Summe von 153,139 Millionen Euro an Löhnen und Gehältern 2010, lag das durchschnittliche Jahresbruttogehalt etwas niedriger bei 41’260 Euro, selbst mit 18 Monatsgehältern bzw. dann bei 2’292 Euro Brutto im Monat).

Nicht gerade nachvollziehbar wie bei einem relevanten Anteil an Führungskräften und Hochqualifizierten innerhalb des ELPE-Konglomerates, gerade ein nicht näher verifizierte Nachtwächter mit 72’000 Euro Jahresgehalt weit über den Durchschnitt (41’260 Euro) liegen sollte?Die Gesamtsumme der 2010 gezahlte Löhne und Gehälter in der Hellenic Petroleum S.A. Group, Quelle: Elpe.gr/PDF Geschäftsbericht 2010 Seite 50

Die Zahl der Mitarbeiter in der ELPE-Group total.

Selbst wenn die Nachtwächterstory stimmen sollte, was sehr unwahrscheinlich ist, kann von einem geplünderten Staat keine Rede sein. Die Hellenic Petroleum Group zahlte 2010 137,4 Millionen Euro Dividende an die Aktionäre,  zahlte aus dem operativen Gewinn 111,3 Millionen Steuern, davon 93,8 Millionen an den griechischen Staat und generierte über die vergleichsweise sicher soliden Löhne jede Menge an Lohnsteuereinnahmen für den Staat.

Sicher mag es in Griechenland nicht gerechtfertigte Privilegien oder auch Begünstigungen Einzelner geben, nur dies findet man in Deutschland ebenso, wie auch anderswo. Daraus alleine lässt sich die Griechenlandkrise jedoch nicht erklären. Dies verdeutlichten auch die Daten des griechischen Finanzministeriums zum Staatshaushalt im 1. Quartal 2011. Selbst wenn man alle Löhne, Gehälter und Pensionen der Angestellten und Pensionäre durch den Staates auf null reduzieren würde, wäre das Defizit im Staatshaushalt im 1. Quartal 2011 mit -8,925 Mrd. Euro nicht eliminiert, denn die Gesamtsumme aller Löhne, Gehälter und Pensionen für Staatsangestellte und Pensionäre die der Staat (Central Government) im 1. Quartal 2011 zu leisten hatte betrug 5,135 Mrd. Euro! Dies dokumentiert zwar, wie unhaltbar und brisant die finanzielle Situation des griechischen Staates ist, zeigt aber das Sparmaßnahmen bei Staatsangestellten allein, ein völlig aussichtsloses Unterfangen zur Behebung der Schuldenkrise sind.

Sollten also das Gehaltsniveau der normalen Griechen und der Staatsangestellten ein vordergründige Problem sein, müsste dies auch in den Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) zu eruieren sein. Im Jahr 2010 sank jedenfalls die Gesamtsumme Bruttolöhne und -gehälter aller Arbeitnehmer im Zuge der Austeritätsmaßnahmen nominal um -4,8% zum Vorjahr, real nach Abzug der Verbraucherpreissteigerungen (CPI) sank die Summe der realen Bruttolöhne und -gehälter sogar um -9,13% zum Vorjahr.

Vergleich der prozentualen Entwicklung der realen Arbeitnehmerentgelte in Deutschland (blau) und in Griechenland (rot) von 2001 bis 2010 im Chart.

Die nominalen Arbeitnehmerentgelte, also die Bruttolöhne und -gehälter inklusive dem Anteil der Sozialbeiträge der Arbeitgeber waren um -5,74% zum Vorjahr gesunken (real sogar um -9,98%). Damit mussten die griechischen Arbeitnehmer im Durchschnitt, laut VGR, bereits heftige Einbußen im Jahresvergleich verkraften, zugleich stiegen die Lebenshaltungskosten stark an,  auch durch eine Reihe von Anhebungen bei administrativen Preisen und Steuern. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Erhöhung der Mehrwertsteuer um kräftige +4%, in mehreren Schritten, auf satte 23%!

Außerdem müsste die Summe aller nominalen Arbeitnehmerentgelte, wenn in der breiten Fläche übermäßige Pfründe zu verzeichnen wären,  in der Relation zum BIP recht hoch liegen, zumal das BIP die schwache griechische Wirtschaftskraft widerspiegelt. Mitnichten ist dies der Fall:

Die Entwicklung der nominalen Arbeitnehmerentgelte in Prozent des nominalen BIPs von Deutschland (blau) und von Griechenland (rot). 2010 betrugen die Arbeitnehmerentgelte in Deutschland 50,41% des nominalen BIPs (nom. Arbeitnehmerentgelte 1259,67 Mrd. Euro zu nom. BIP 2498,8 Mrd. Euro), in Griechenland waren es 36,28% (nom. Arbeitnehmerentgelte 83,512 Mrd. Euro zu nom. BIP 230,173 Mrd. Euro).

Die Entwicklung der griechischen nominalen Arbeitnehmerentgelte lag mit nominalen +84,3% (real +33,07%) von 2000 bis 2010 leicht über dem nominalen BIP-Wachstum von +68,9%, ist aber im Verhältnis zum BIP mit 36,28%, aus diesem Blickwinkel betrachtet, sicher nicht Ausdruck einer gravierenden Fehlentwicklung. Ein Problem ist aber, dass u.a. die wesentlich leistungs- und wettbewerbsfähigere Wirtschaft Deutschlands nur eine Entwicklung der Arbeitnehmerentgelte unterhalb der BIP-Wachstumsrate generierte. Deutschlands nominales BIP stieg von 2000 bis 2010 um +21,15%, während die nominalen Arbeitnehmerentgelte nur um schwache +14,5% stiegen, was real sogar -1,89% entsprach!

Das durchschnittliche Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer und je Monat, lag in Griechenland 2010 laut VGR bei 1’883 Euro und in Deutschland bei 2’920 Euro. Noch deutlicher wird der Unterschied wenn man die Summe der Arbeitnehmerentgelte auf jeden Einwohner umlegt. Dann waren es in Griechenland auf Grund der geringen Beschäftigungsquote nur noch 7’400 Euro im Gesamtjahr 2010 zu 15’400 Euro in Deutschland im Jahr 2010.

Das eigentliche Problem scheint also weniger das Arbeitnehmerentgelt in der Relation zum BIP zu sein, als die zu hohe Steigerung der Entgelte im Vergleich zur schwachen Steigerung z.B. in Deutschland und vor allem die Qualität und Struktur des BIPs an sich, in der Relation zum aufgebauten Verschuldungsgrad! Die Wertschöpfung im Industriesektor ist stark unterentwickelt und konnte an der weltweiten Erholung der Wirtschaft nicht partizipieren:

Die Entwicklung der breitgefassten Industrieproduktion (Bergbau, Energieversorgung und Verarbeitendes Gewerbe/Herstellung von Waren), von Deutschland (blau) und Griechenland (rot), seit Januar 1995 im Chart (Jahr 2005=100). Im März 2011 sank der Output der griechische Industrieproduktion auf dem tiefsten Stand seit Beginn der Datenreihe im Januar 1995!

Ein Blick im Vergleich auf die Bruttowertschöpfung (Produktionswert-Vorleistungen) in der breitgefassten Industrie: 

Die Entwicklung der saisonbereinigten nominalen Bruttowertschöpfung der breitgefassten Industrie je Quartal in Mrd. Euro. Nicht nur die Schwankungsbreite der deutschen Bruttowertschöpfung in der Industrie zwischen Krisen- und Nachkrisenniveau war deutlich höher als die gesamte nominale Bruttowertschöpfung von Griechenland und Portugal zusammen, auch überstieg die deutsche Bruttowertschöpfung von 531,91 Mrd. Euro im Gesamtjahr 2010 deutlich die Wertschöpfung der Industrien von Griechenland, Portugal, Spanien und Frankreich zusammen (420,556 Mrd. Euro).

Die nominale Bruttowertschöpfung der Industrie in Griechenland betrug 2010 28,129 Mrd. Euro, dies entsprach pro Kopf der Bevölkerung nur 38% der deutschen industriellen Wertschöpfung. Nimmt man die reale Bruttowertschöpfung (preisbereinigt 2000=100) sieht es noch schlimmer aus, sie belief sich auf nur 16,34 Mrd. Euro in 2010, dies entsprach nur 28,7% der realen Bruttowertschöpfung pro Kopf der Bevölkerung im Vergleich zu Deutschland. In Deutschland lag die reale Wertschöpfung der breitgefassten Industrie 2010 bei  413,49 Mrd. Euro.

Regelrecht desaströs ist das Exportvolumen Griechenlands bei Waren und Gütern:

Das unbereinigte monatliche Exportvolumen bei Waren und Gütern von Deutschlands (blau) und von Griechenlands (rot) in Mrd. Euro seit Januar 1999 bis März 2011 im Chart. Mit nur durchschnittlich 1,44 Mrd. Euro je Monat an Exportvolumen in den letzten 12 Monaten dokumentiert Griechenland die unterentwickelte Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Deutschlands durchschnittliches Exportvolumen lag in den letzten 12 Monaten bei 83,2 Mrd. Euro! Pro Kopf der Bevölkerung war das Exportvolumen von Waren und Gütern in Deutschland in den letzten 12 Monaten um den Faktor 7,98-mal höher. Nur die Steigerung des deutschen Exportvolumens im März 2011 zum Vormonat, war fast so hoch, wie die gesamten Exporte Griechenlands bei Waren und Gütern eines Jahres!

Das jährliche chronische Handelsbilanzdefizit bei Waren, Gütern und Dienstleistungen (blau) und nur bei Waren und Gütern (rot) von 2000 bis 2010 im Chart. Auch wenn das Handelsbilanzdefizit geschrumpft ist, es betrug bei Waren, Gütern und Dienstleistungen 2010 immer noch -19,47 Mrd. Euro, nach -25,22 Mrd. Euro 2009 und nur bei Waren und Gütern 2010 satte -32,71 Mrd. Euro, nach 38,1 Mrd. Euro 2009.

Die Leistungsbilanz, als Summe aus Handelsbilanz, Dienstleistungsbilanz, Übertragungsbilanz und Ergänzungsbilanz seit 1980 im Chart. Deutlich sichtbar das chronische Leistungsbilanzdefizit Griechenlands. 2010 betrug es -24,057 Mrd. Euro, nach -25,184 Mrd. Euro 2009 und -34,798 Mrd. Euro im Rekorddefizitjahr 2008.

Die notwendige Kreditfinanzierung des griechischen Zwillingsdefizits, aus Staatshaushaltsdefizit (gemäß Maastrichtdefinition) mit -24,193 Mrd. Dollar (10,5% des nom. BIPs) und des Leistungsbilanzdefizits von -24,057 Mrd. Euro (10,45% des nom. BIPs) im Jahr 2010, betrug trotz umfangreicher Austeritätsmaßnahmen satte 20,96% des nominalen BIPs (230,173 Mrd. Euro)! 

Eine völlig unterentwickelte industrielle Wertschöpfung und die fehlende Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft sind die ursächlichen Probleme der griechischen Misere, gemessen an den jahrelangen immensen Leistungsbilanz- und Staatshaushaltsdefiziten. Der Bruttoschuldenstand des Staates lag Ende 2010 bei 340,278 Mrd. Euro, gemäß dem griechischen Finanzministeriums, dies entsprach 147,8% des nominalen BIPs. In Q1 2011 dürften die 150% überschritten werden! Auch die Auslandsverschuldung (Gross External Debt) aller Wirtschaftssubjekte Griechenlands war enorm und betrug Ende 2010 410,3 Mrd. Euro.

Das Foreign Debt to Exports Ratio, das Verhältnis von Auslandsverschuldung (2010: 410,3 Mrd. Euro) zu Exportvolumen von Waren, Gütern und Dienstleistungen (2010: 48,239 Mrd. Euro) betrug 851%! Als ökonomisch tragfähig gilt ein Debt to Exports Ratio von ca. 200%. Nimmt man nur das Exportvolumen von Waren und Gütern mit nur 16,149 Mrd. Euro in 2010, dann betrug das Foreign Debt to Exports Ratio sogar fulminante 2541%. Nimmt man die über Jahre in einer Kreditpyramide aufgebaute Schuldenlast und stellt sie der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft gegenüber wird schnell klar, in Griechenland ist “Land unter”! Niemals können die angehäuften Verbindlichkeiten aus eigener Leistungsfähigkeit abgetragen werden noch kann man unter dem Korsett des Euro die Wettbewerbsfähigkeit herstellen bzw. die dafür entsprechenden Investitionen anlocken.

Für dieses Dilemma kann man aber wohl kaum den normalen Griechen oder einzelne Wirtschaftssubjekte verantwortlich machen, sondern bei den aufgelaufenen Leistungs- und Staatshaushaltsdefiziten hätten schon vor Jahren, bei den kreditgebenden Banken, bei den nationalen Notenbanken, der EZB, den Verantwortlichen für Wirtschafts- und Finanzpolitik in Griechenland und in der EU die Alarmglocken klingeln müssen, waren sie doch Ausdruck eines eindeutigen Ponzi Schemes. Nun ist es zu spät und längere Laufzeiten für Kredite und niedrigere Zinssätze, also ein Zeitschinden, löst das Solvenz-Problem nicht, irgendwer wird irgendwann definitiv die Verluste tragen müssen, die sich Monat für Monat noch weiter Auftürmen!

Quelle Daten: PDF Geschäftsbericht ELPE-Group, Minfin.gr/Portal des griechischen Finanzministeriums, Statistics.gr/Statistikportal, Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank,  Bankofgreece.gr/Portal griechische Zentralbank

 
Kontakt:
info.querschuss@yahoo.de

Print article