Griechenland: realwirtschaftliches Armageddon

von am 9. März 2012 in Allgemein

Laut der heutigen 2. Schätzung des griechischen Statistikamtes (ELSTAT) zum Bruttoinlandsprodukt sank das unbereinigte reale BIP in Griechenland noch stärker als bisher geschätzt. Im 4. Quartal 2011 schrumpfte das reale BIP  abwärtsrevidiert um -7,5% zum Vorjahresquartal (ursprünglich -7,0%)! Selbst nominal sank das BIP kräftiger als zunächst angenommen, um abwärtsrevidierte -6,3% (ursprünglich -6,0%) zum Vorjahresquartal. Weiterhin ist ELSTAT anscheinend nicht in der Lage eine saisonbereinigte Datenreihe zu liefern, so das man sich mit den erschreckenden Details aus der unbereinigte Datenreihe begnügen muss.

Die Kontraktion der wirtschaftlichen Aktivität fällt also noch stärker aus, als selbst negativste Erwartungen im Vorfeld hätten reflektierten können und die wirtschaftliche Entwicklung spottet jeglicher Beschreibung und dokumentiert ein organisiertes Armageddon der Troika (IWF, EU und EZB). Jegliche Wirtschafts- und Finanzpolitik gilt es immer am erzielten Ergebnis zu beurteilen und im Falle der Daten zum BIP ist der Befund eindeutig desaströs. Dieses unglaublich miese wirtschaftliche Ergebnis steht unmittelbar im Zusammenhang mit der falschen Strategie der Troika, die seit gut 2 Jahren direkt mit rabiaten Spardiktaten in Griechenland eingreift. Die Daten implizieren sogar einen bewusst einkalkulierten und auf mittlere Sicht erzwungenen Zusammenbruch von Griechenland, denn alle Wirtschaftsdaten weisen in diese Richtung. Die Schuldentragfähigkeit Griechenlands fällt im Zuge der sinkenden wirtschaftlichen Aktivität, des Kollapses der Realwirtschaft dramatisch und jegliche Hoffnung auf vermeintliche Besserung ist auf Grund der gewählten Mittel zur Behebung der griechischen Krise unrealistisch:

Die Entwicklung des realen BIPs in Prozent zum Vorjahresquartal seit Q1 2001 im Chart. In Q4 2011 sank das reale BIP um -7,5%, selbst nominal ging es um -6,3% abwärts.

Fast parallel zur Entwicklung des realen BIPs verläuft die Entwicklung der realen Konsumausgaben der privaten Haushalte:

Die Entwicklung der realen Konsumausgaben der privaten Haushalte in Prozent zum Vorjahresquartal seit Q1 2001 im Chart. In Q4 2011 sanken die realen Konsumausgaben der privaten Haushalte um -7,03%.

Auch die realen Konsumausgaben des Staates fielen um kräftige -10,45% zum Vorjahresquartal. Nähert man sich dem BIP per Verwendungsrechnung, errechnet aus Konsumausgaben (von Privaten und Staat) + den Bruttoinvestitionen + Außenbeitrag (Exporte-Importe), wäre es also durchaus eine vertretbare Strategie, um eine Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit der Wirtschaft herzustellen, Löhne und Konsum zu senken und im Gegenzug um einen adäquaten oder gar höheren Faktor Investitionen und den Außenbeitrag anzukurbeln, nur das Gegenteil geschieht, die Bruttoanlageinvestitionen in die unterentwickelte Volkswirtschaft sinken noch rabiater als Löhne und Konsum, in Q4 2011 mit einer unverantwortlichen Rate von -22,18%:

Die Entwicklung der Bruttoanlageinvestitionen seit Q1 2001 im Chart. In Q4 2011 sanken die Bruttoanlageinvestitionen um weitere -22,18% zum Vorjahresquartal. Seit nun 17 Quartalen in Folge, im Vergleich zum Vorjahresquartal, sinken die Bruttoanlageinvestitionen in Griechenland! Seit dem Hoch im 2. Quartal 2007 sind die Bruttoanlageinvestitionen um unverantwortliche und beispiellose -49,93% gesunken!

Ebenso die wichtigen Ausrüstungsinvestitionen, Teil der Bruttoanlageinvestitionen, also die Investitionen in Produktionsanlagen, Maschinen, Geräte und Fahrzeuge sanken in Q4 2011 um -20,53% zum Vorjahresquartal, zum Hoch in Q2 2008 sogar um -61,28%! Niemals kann man eine Wirtschaft wettbewerbsfähig machen, schon gar nicht eine unterentwickelte, mit zweistellig sinkenden Investitionen!

Auch der Außenbeitrag, der sich zwar grundsätzlich verbessert hat, blieb immer noch negativ. In Q4 2011 betrug der reale Aussenbeitrag aus den Exporten von Waren, Gütern und Dienstleistungen abzüglich den entsprechenden Importen -3,180 Mrd. Euro und drückte damit das reale BIP. Das griechische nominale Exportvolumen betrug im Jahr 2011 im Monat nur durchschnittliche 1,7 Mrd. Euro, um einen signifikanten Beitrag zur Lösung der griechischen Misere beizutragen, müsste sich das Exportvolumen verdreifachen und mehr! Dafür wäre jedoch ein Kraftakt an Investitionen und an Ankurbelung vor allem industrieller Wertschöpfung nötig!

Die Entwicklung der breit gefassten industriellen realen Bruttowertschöpfung (Bergbau, Öl- und Gasgewinnung, Energie und Wasserversorgung und Verarbeitendes Gewerbe) seit Q1 2000 im Chart. In Q4 2011 sank die unbereinigte reale  Bruttowertschöpfung der griechischen Industrie um -11,03% zum Vorjahresquartal auf nur noch 4,423 Mrd. Euro! Die reale Bruttowertschöpfung der breit gefassten Industrie betrug nur 10,06% des realen BIPs in Q4 2011.

Skandalöse Daten, denn Einkommen, Konsum, Investitionen und Wertschöpfung sinken Hand in Hand und offenbaren die Lügen von einer angeblichen Anpassung der Einkommen und des Konsums an die Leistungsfähigkeit der griechischen Wirtschaft!

Völlig aberwitzig ist die Schrumpfung der Masseneinkommen, hauptsächlich aufgezwungen durch die Sparmaßnahmen der Troika zu Lasten der Arbeitnehmer:

Die Entwicklung der realen Summe aller Arbeitnehmerentgelte im Vergleich zum Vorjahresquartal seit Q1 2001 im Chart. In Q4 2011 geht es zum siebten Mal in Folge zweistellig abwärts, diesmal um -13,08% zum Vorjahresquartal. Zum unbereinigten Hoch aus Q4 2009 sank die Summe aller realen Arbeitnehmer um beispiellose -26,8% auf schlappe 18,166 Mrd. Euro (preisbereinigt um den CPI 2009=100).

Die Summe aller nominalen Arbeitnehmerentgelte in Griechenland betrug in Q4 2011 mit 19,917 Mrd. Euro nur schlappe 38,07% des nominalen BIPs (jeweils unbereinigte Daten)! Eine vergleichsweise extrem niedrige Partizipation der Arbeitnehmer am BIP und damit der Masseneinkommen. Besonders negativ zu Buche schlugen bei den Arbeitnehmerentgelten in Q4 2011 in Griechenland die massiven Kürzungen bzw. Streichungen bei 13. und 14. Monatsgehältern. Zum Vergleich, in Deutschland betrug in Q4 2011, bei den ebenfalls unbereinigten Daten, der Anteil der nominalen Arbeitnehmerentgelte am nominalen BIP immerhin 55,32%! Ein Sturz von -26,8% bei der Summe aller realen Arbeitnehmerentgelte in nur 2 Jahren hat natürlich auch katastrophale Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit vieler Griechen und in Folge auf die Banken, Gewerbetreibende und Selbstständige im Dienstleistungssektor, insbesondere auf die Einzelhändler und dadurch gipfelt die Entwicklung eben auch in einer so rabiaten Abwärtsspirale.

Die Situation in Griechenland hat sich seit dem 1. Rettungspaket (“Griechenhilfe”) von Anfang Mai 2010 und den daran gekoppelten Austeritätsmaßnahmen systematisch verschlechtert, hier im Blog umfangreich dokumentiert, umso schwerer wiegt, dass an der nachgewiesener Maßen kontraproduktiven Strategie bis heute unverdrossen festgehalten wurde. Es werden immer weiter Schäden maximiert und diese Strategie generiert nicht nur für Millionen Menschen in Griechenland und in der ganzen Südperipherie der Eurozone einen sinkenden Lebensstandard, sondern die Gefahr wächst, dass diese negative Entwicklung auch auf die anderen Länder der Eurozone übergreifen wird.

Reloaded: Griechische Jugendarbeitslosigkeit bei 51,1% im Dezember, Erosion auch der Wertschöpfung, Griechenland: Depression pur beim Konsum

Dokumentation der griechischen Wirtschaftsdaten: Querschuesse.de/Griechenland/

Quelle Daten: Statistics.gr/Portal detaillierte BIP-Daten

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