Griechenland wird in die Depression gespart

von am 2. November 2010 in Allgemein

Die Sparvorgaben der IWF- und EU-Bürokraten im Brünning- (schen) Gewand, führen in Griechenland zu einer beispiellosen Kontraktion der Wirtschaft und erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfall Griechenlands innerhalb der nächsten 3-5 Jahre dramatisch. Zur Sanierung des Staatshaushaltes wurden u.a. die Einkommen im öffentlichen Dienst, bei Beamten und Rentnern rasiert und auch die hohe Arbeitslosigkeit die im privaten Wirtschaftssektor generiert wird, wirkt sich negativ auf die Einkommensentwicklung aus. Für 2010 ergeben sich als Folge daraus, sinkende durchschnittliche Reallöhne in der Gesamtwirtschaft von -8% im Vergleich zum Vorjahr und von beispielosen -17% im öffentlichen Sektor, so die griechische Zentralbank in ihrem Zwischenbericht zur Geldpolitik am 26.10.2010.

Für eine Volkswirtschaft deren Bruttoinlandsprodukt zu 72% am privaten Konsum hängt, hat diese Entwicklung desaströse Auswirkungen. Das Griechische Statistische Amt ELSTAT gab für August 2010 alarmierende Daten zu den griechischen Einzelhandelsumsätzen bekannt. Im August 2010 sanken die unbereinigten nominalen Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) um -6,3% zum Vorjahresmonat, ohne den volatilen Handel von Kraftstoffen sogar um nominale -9%.

Real, nach Abzug der galoppierenden Verbraucherpreisinflation wird die Dimension der Einbrüche deutlich. Unbereinigt sanken die realen Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) um atemberaubende -11,8% zum Vorjahresmonat, ohne die volatilen Kraftstoffe sogar um -12%!

Die realen Veränderungsraten der einzelnen Sektoren im griechischen Einzelhandel im August 2010 im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Die Entwicklung der saisonbereinigten realen Einzelhandelsumsätze seit Januar 2000. Im August 2010 sanken die saisonbereinigten realen Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) um -0,9% zum Vormonat (unbereinigt um -5,3%) auf 92,03 Indexpunkten, dem tiefsten Stand seit Juli 2003! Zum Hoch im März 2008 brechen die saisonbereinigten realen Umsätze um dramatische -22,2% ein!

Mit dem KFZ-Handel dürften die Einzelhandelsumsätze noch düsterer aussehen, denn die Neuzulassungen für PKWs in Griechenland schrumpfen ebenfalls drastisch:

Die PKW-Neuzulassungen in Griechenland kollabieren regelrecht, selbst im Vergleich zum Vormonat August, der immer saisonal schwache Umsätze aufweist, ging es im September 2010 nochmal kräftig um -16,4% abwärts, auf 5’994 verkaufte PKWs! Zum Vorjahresmonat ging es um -49,9% abwärts! Zum Allzeithoch im Januar 2008 mit 33’583 verkauften PKWs brechen die Neuzulassungen um unglaubliche  -82,2% ein.

Statt signifikanten Einnahmeverbesserungen für den Staat, haben die ebenfalls durchgeführten zahlreichen Steuererhöhungen der griechischen Regierung vor allem die Inflation angetrieben:

Der offizielle griechische Consumer Price Index (CPI) im Chart seit Januar 1999, er stieg im September 2010 um +5,6% zum Vorjahresmonat auf 118,88 Indexpunkte und reflektiert damit auch die vielfältigen preissteigernden Wirkungen welche in den staatlichen Maßnahmen innewohnen.

Was Ministerpräsident Giorgios Papandreou und seine Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) unter dem Diktat des IWFs und der EU der Bevölkerung an Opfern abverlangt, macht ökonomisch überhaupt keinen Sinn. Niemals wird der griechische Staat sich über das Sparen und dem Konsumverzicht seiner Bürger entschulden können!

Die Entwicklung des griechischen Staatsschuldenstandes seit Q1 2000. Im 2. Quartal 2010 betrugen die griechischen Staatsschulden 316,955 Mrd. Euro und sind damit viel zu hoch um dieses Problem mit Sparen und Verzicht zu lösen. Dies hätte man vielleicht noch im Jahr 2000 so lösen können, heute ist dies bei dem erreichten Schuldenniveau ausgeschlossen.

Die Auslandverschuldung (External Debt) Griechenlands über alle Sektoren der Volkswirtschaft betrug im 2. Quartal 2010 gewaltige 434,304 Mrd. Euro.

Griechenland “glänzt” nicht nur mit chronischen Staatshaushaltsdefiziten, sondern auch mit einem chronischen Leistungsbilanzdefizit:

Die Entwicklung der griechischen Leistungsbilanz, der Summe aus Handelsbilanz, Dienstleistungsbilanz, Übertragungsbilanz und Ergänzungsbilanz  seit Q1 1980. 2009 betrug das Leistungsbilanzdefizit -25,8 Mrd. Euro, im ersten Halbjahr 2010 waren es bereits -14,1 Mrd. Euro.

Die Leistungsbilanz kann man auch als das breiteste Maß für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft betrachten und unter dieser Maßgabe wird deutlich, wo in Griechenland die Probleme liegen.

Der saisonbereinigte breitgefasste griechische Industrieproduktionsindex stieg im August 2010 zwar um +5,6% zum Vormonat auf 86,02 Indexpunkte an, liegt aber auf einem erbärmlichen Niveau von 1998. Unbereinigt ging es beim Originalindex auch im August abwärts, um -11,6% zum Vormonat auf 83,53 Indexpunkte.

Der Auftragseingang der griechischen Industrie seit Januar 2000. Im August 2010 stieg der Auftragseingang zwar saisonbereinigt um +11,08% zum Vormonat auf 91,09 Indexpunkte. Aber auch hier, wie beim Industrieproduktionsindex, ergab sich eine starke Divergenz zu den unbereinigten Daten. Der Originalindex sank um kräftige -25,3% zum Vormonat auf 67,83 Indexpunkte, stieg aber wenigstens um +13,6% zum Vorjahresmonat.

Besonders schwach sind die Aufträge aus dem Inland für die griechische Industrie:

Der unbereinigte Auftragseingang aus dem Inland seit Januar 2000. Im August 2010 sinken die unbereinigten Inlandsaufträge auf 56,2 Indexpunkte, dem tiefsten Stand beim vorhandenen Datensatz seit Januar 2000.

Die nominale und reale Bruttowertschöpfung der griechischen Industrie seit Q 2001. Die nominale Bruttowertschöpfung (Produktionswert – Vorleistungen) in der breitgefassten Industrie sank in Q2 2010 auf nur noch 6,116 Mrd. Euro bzw. auf nur noch 10,44% des nominalen BIPs. Zum Vergleich, in Deutschland betrug die nominale Bruttowertschöpfung der breitgefassten Industrie in Q2 2010 132,88 Mrd. Euro bzw. 21,57% des nominalen BIPs. Die nominale Bruttowertschöpfung der deutschen Industrie pro Kopf der Bevölkerung ist dreimal so hoch wie die griechische.

Selbst diese miese griechische Bruttowertschöpfung in der Industrie war preisgetrieben, real ging es auf 4,613 Mrd. Euro (2000=100) in Q2 2010 abwärts. Real sank damit im 2. Quartal 2010 die Bruttowertschöpfung der breitgefassten griechischen Industrie um satte -6,3%!

Das Strukturproblem in Griechenland ist gewaltig und sehr plakativ verdeutlicht dies der Athener Aktienleitindex ATHEX! Bezeichnender Weise ist der griechische Getränkeabfüller, die Coca Cola Hellenic Bottling, nicht nur Griechenlands größtes Industrieunternehmen, sondern auch das Unternehmen mit der zweithöchsten Marktkapitalisierung am Athener Aktienmarkt, mit einem Börsenwert von 6,876 Mrd. Euro, nach der National Bank of Greece! Nur die Produktion von Erfrischungsgetränken wird niemals ausreichen um die entstandene Wertschöpfungslücke im Industriesektor zu schließen!

Was die niedrige Bruttowertschöpfung der Industrie bereits nahelegt, dass Exportvolumen ist erbärmlich und betrug bei Waren und Gütern in Q2 nur nominale 4,227 Mrd. Euro (Deutschland: 238,2 Mrd. Euro). Selbst mit den Dienstleistungen lag Griechenlands Exportvolumen nur bei 11,488 Mrd. Euro (Deutschland: 285,12 Mrd. Euro). Runtergebrochen auf jeden einzelnen Einwohner wird die kritische Situation der Griechen deutlich, dass Exportvolumen bei Waren und Gütern lag pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland in Q2 2010 7,8-mal so hoch wie in Griechenland! Mit den Dienstleistungen, Waren und Gütern war das Exportvolumen der Deutschen 3,49-mal so hoch.

Das griechische unbereinigte monatliche Exportvolumen von Waren und Gütern in Mrd. Euro seit Januar 2000. Im August 2010 sank das unbereinigte Exportvolumen um -10,5% zum Vormonat, auf schlappe 1,1725 Mrd. Euro.

Einen weiteren Anhaltspunkt für die extrem schwache Leistungskraft Griechenlands liefert das aussagekräftige Verhältnis von Auslandsverschuldung zu Exportvolumen von Waren, Gütern und Dienstleistungen (Foreign Debt to Exports Ratio). Das Verhältnis aus Auslandsverschuldung (Q2 2010) von 434,304 Mrd. Euro zu dem Exportvolumen von 42,301 Mrd. Euro (aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung 2009) betrug 1026,7%. Ökonomisch nachhaltig tragfähig wären maximal 200%. Da die Exportfähigkeit griechischer Dienstleistungen begrenzt sein dürfte, noch ein Blick auf das relevantere Foreign Debt to Exports Ratio wenn man nur Waren und Güter berücksichtigt, es betrug bei einem Exportvolumen von mageren 15,318 Mrd. Euro im Jahr 2009 fulminante 2835,3%.

Bei einem so niedrigen, schon fast vorindustriellen Exportvolumen, sind eine ausgeglichene Leistungsbilanz, gar Überschüsse völlig ausgeschlossen. Griechenland bräuchte weniger Spar-Emmisäre und Sparprogramme, deren auferlegte Lasten die Bevölkerung trägt und welche die Wirtschaft weiter abwürgen, sondern ein Marshallplan für industrielle Wertschöpfung, Wachstum, Einkommen und Jobs. Andernfalls wird Griechenland bestenfalls dauerhafter Transferempfänger der EU oder wird den gemeinsamen Währungsraum zerreißen, denn aus eigener Kraft unter dem Korsett des gemeinsamen Euro wird Griechenland seine Probleme nicht lösen können.

Quellen Daten: Statistics.gr/PDF:PressReleases Retail TradeStatistics.gr/ELStat-Statisikportal, Bankofgreece.gr/Statistik, Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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