Griechische Banken am Tropf der ELAs

von am 29. November 2012 in Allgemein

Die griechische Zentralbank (Bank of Greece) veröffentlichte gestern ihre monatliche Bilanz für den Monat Oktober 2012. Diese Daten sind wieder einmal sehr interessant, dokumentieren sie doch, dass sich das Eurosystem nun fast vollständig aus der Finanzierung der griechischen Banken über die normalen Refinanzierungsgeschäfte zurückgezogen hat. Die griechischen Banken werden nun fast ausschließlich mittels ELAs (Emergency Liquidity Assistance), spezielle Notfallfazilitäten der griechischen Zentralbank mit Liquidität versorgt.

Die Entwicklung der Kreditgewährung per regulärer Refinanzierungsgeschäfte des Eurosystem via Bank of Greece an griechische Banken seit Januar 2002 im Chart (Bilanzposition: 5.0 Lending to euro area credit institutions related to monetary policy operations denominated in euro). Im Oktober 2012 sanken die Forderungen auf 6,518 Mrd. Euro, nach 30,259 Mrd. Euro im Vormonat und nach 70,340 Mrd. Euro im Vorjahresmonat.

Eine Rückführung der Kreditgewährung des Eurosystems, muss ohne im offenen Bankrott des griechischen Bankensystems zu münden, zwangsläufig in ELAs, der Geldschöpfung der griechischen NZB außerhalb des Eurosystems münden. Bis Ende März 2012 verbuchte die Bank of Greece die ELAs unter Remaning (Sundry) Assets:

Die Entwicklung der Remaining Assets der Bank of Greece und damit der bisherigen Notfallfazilitäten (ELAs) im Chart. Der furiose Anstieg der ELA-Position auf 109,915 Mrd. Euro im Februar 2012 und der Fall durch Umbuchung bis April 2012 auf 2,701 Mrd. Euro.

Seit April 2012 sind die ELAs nun unter der Bilanzposition 6.0 (Other claims on euro area credit institutions denominated in euro) verbucht:
Die Entwicklung der Other Assets in der Position 6.0 von Januar 2002 bis Oktober 2012 im Chart. Im Oktober 2012 stieg die ELA-Position auf 122,793 Mrd. Euro, nach 100,640 Mrd. Euro im Vormonat und nach 0,071 Mrd. Euro im Vorjahresmonat.

Der Bilanzauszug der Bank of Greece für Oktober 2012 mit der Kreditgewährung des Eurosystems unter Position 5.0 und bei den ELAs unter 6.0. Quelle Tabelle: Monthly Balance Sheet: October 2012

Die ELAs sind durch den Artikel 14.4 der Satzung des Eurosystems der Zentralbanken (ESZB) und der europäischen Zentralbank gedeckt: “Die nationalen Zentralbanken können andere als die in dieser Satzung bezeichneten Aufgaben wahrnehmen, es sei denn, der EZB-Rat stellt mit Zweidrittelmehrheit der abgegebenen Stimmen fest, dass diese Aufgaben nicht mit den Zielen und Aufgaben des ESZB vereinbar sind. Derartige Aufgaben werden von den nationalen Zentralbanken in eigener Verantwortung und auf eigene Rechnung wahrgenommen und gelten nicht als Aufgaben des ESZB.” Hinter diesen Sätzen verbirgt sich die Möglichkeit für nationale Zentralbanken, sich unabhängig vom Eurosystem der Druckerpresse zu bedienen.

Gedacht sind die autonomen ELAs, um im Falle eines Liquiditätsschocks sofort als “Lender of last Resort” eingreifen zu können. Bei ELAs sollte es sich, laut den Stellungnahmen der EZB, aber stets nur um kurzfristige Notfallhilfen handeln dürfen, die nur an illiquide, nicht aber an insolvente Finanzinstitute vergeben werden und einen “Strafzins” kosten müssten. Im Falle von Griechenland liegt es allerdings klar auf der Hand, dass die Kreditgewährung über die ELAs der griechischen Zentralbank das marode Bankensystem künstlich am Leben erhalten sollen und eine reguläre Refinanzierung dauerhaft ersetzen sollen. Für die ELAs haftet allerdings nur die griechische Zentralbank und nicht das gesamte Eurosystem. Die Kreditrisiken aus den ELAs trägt damit letztlich aber der griechische Staat. Der hochverschuldete Staat, selbst permanent von einem potentiellen Zahlungsausfall bedroht und nur von “Rettungspaketen” in einer Dauerschleife vor dem Zahlungsausfall bewahrt, haftet allein nun auch noch für die ELAs!

Die ausgereichten ELAs sind nicht nur in der Relation zum nominalen BIP von nur noch geschätzten 195 Mrd. Euro im Jahr 2012 brisant. Sondern das Eurosystem (EZB+NZBs) hat de facto keine Forderungen mehr gegen die griechische NZB, die aus normalen Refinanzierungsgeschäften bestehen und für die beim Eurosystem adäquate Sicherheiten hinterlegt wurden. Dies heißt im Umkehrschluss nun sind die griechische Target2 Verbindlichkeiten auf der anderen Seite der Bilanz in Höhe von 108,396 Mrd. Euro, das Pendant der ELAs und damit endgültig eine uneinbringbare Position, denn die Target2 Verbindlichkeiten selbst sind eh nicht besichert, die ELAs auf der anderen Seite der Bilanz haben ebenfalls keine Standards bei den Sicherheiten, welche dem Eurosystem genügen und vor allem auf die das Eurosystem noch zurückgreifen könnte. Die Target2 Verbindlichkeiten Griechenlands sind nun wie des Kaisers neue Kleider.

Das griechische Bankensystem ist längst pleite und adäquate Sicherheiten für die herausgegebenen ELAs der heimischen NZB gibt es keine! Selbst die Qualität der vorhandenen Sicherheiten sinkt Monat für Monat weiter, denn letztlich basiert die Qualität der Assets auf die Bonität der Kreditnehmer bei den Banken und die ist im Zuge der permanent geschrumpften wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Griechenlands weiter gesunken!

Die Entwicklung der Bilanzsumme der griechischen Zentralbank im Chart seit Januar 1997 bis Oktober 2012. Im Oktober 2012 sanken die Total Assets der Bank of Greece leicht auf 168,494 Mrd. Euro. Festhaltenswert, den Total Assets von 168,494 Mrd. Euro (on balance sheets  items) stehen nur Eigenkapital und Rücklagen von lächerlichen 815,494 Millionen Euro gegenüber. Das Leverage Ratio (Aktiva zu Eigenkapital inkl. Rücklagen) beträgt ambitionierte 206,6, da erscheinen selbst aggressive Hedgefonds als “konservative Veranstaltungen”.

Die Qualität der Aktiva dokumentiert sich aber auch dadurch, dass 72,9% der Assets der Bank of Greece mittlerweile aus ELAs (Notkrediten außerhalb des Eurosystems) besteht!

Mit weiteren Ausrufezeichen belastet ist die außerbilanzielle Position der Bank of Greece:

Die Entwicklung der außerbilanziellen Assets der griechischen Zentralbank im Chart seit Januar 2002. Im Oktober 2012 sanken die außerhalb der Bilanz gehaltenen Assets der Bank of Greece leicht auf 272,326 Mrd. Euro.

Die OFF-BALANCE-SHEET ITEMS, die außerbilanziellen Assets der griechischen Zentralbank für Oktober 2012, mit satten 272,326 Mrd. Euro.

Noch im Oktober 2007 vor Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise waren es “nur” 42,941 Mrd. Euro!

Im Oktober 2012 befanden sich in den außerbilanziellen Assets Vermögenswerte (u.a. griechische Staatsanleihen) die im Auftrag von Fonds der sozialen Sicherheit und öffentlichen Einrichtungen von der griechischen Zentralbank verwaltet werden. Diese Positionen sind überschaubar, etwas über 18 Mrd. Euro (Position 1 und 2). Weiterhin werden in der außerbilanziellen Position 3 die als Sicherheiten hinterlegten Assets für die Kreditgewährung des Eurosystems aufgeführt (Assets eligible as collateral for Eurosystem monetary policy operations and intra-day credit). Ungeklärt bleibt die Höhe der Position 4 (Othter off balance sheet items), hier müssten die hinterlegten Sicherheiten für die ELAs enthalten sein, nur die Summe ist mit 246,636 Mrd. Euro mehr als doppelt so hoch wie die gewährten ELAs. Die Position 4 weist eine bemerkenswerte Dynamik auf und vielleicht auf eine verdeckte und bisher unbeobachtete Kreditgewährung?

Die Entwicklung der Other off balance sheet items, erstmals auftauchend in der monatlichen Bilanz vom Dezember 2004 bis Oktober 2012 im Chart.

Die offizielle On Balance Sheet (blau) und die kumulierte Bilanz aus On Balance Sheet und Off Balance Sheet (rot). In und außerhalb der Bilanz der Bank of Greece sind Assets in Höhe von 440,820 Mrd. Euro. Auch der extreme Anstieg der kumulierten Bilanz ist vordergründig auf den Anstieg der Off Balance Sheet Items zurückzuführen.

Kumulierte 440,820 Mrd. Euro an Assets innerhalb und außerhalb der Bilanz der griechischen NZB bei einem nominalen griechischen BIP von nur 208,531 Mrd. Euro im Jahr 2011, Tendenz weiter stark fallend (195 Mrd. Euro 2012) sprechen Bände. Trotz des Aufblasens der Zentralbankbilanz der griechischen NZB wurde kein Problem gelöst, im Gegenteil die griechische Abwärtsspirale unter dem Korsett des Euro und von Austerität dreht sich immer weiter und damit schwindet, allein aus diesem Aspekt heraus, auch die Qualität der Assets der NZB und darüber hinaus die der ausstehenden Kredite des Bankensystems an den Privatsektor, wie auch an den Staat.

Quelle Daten: Bankofgreece.gr/Portal

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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11 KommentareKommentieren

  • SLGramann - 29. November 2012

    Steffen, danke, dass Du Dich immer wieder mit diesen kleinen schmutzigen Details befasst, während unsere “Volksvertreter” gerade in diesen Tagen mal wieder über Dinge abstimmen, von denen sie keine Ahnung haben (wollen).

    Der griechischen Zentralbank würde ich in Bezug auf die ELAs gar keinen Vorwurf machen. Ihre erste Aufgabe muss sein, die griechischen Banken liquide zu halten.
    Alles andere müsste eben politisch entschieden werden.

    Solange der Euro-Austritt Griechenlands nicht gewollt wird, ist es mir viel, viel lieber, wenn die Hartz4-Bezüge für den Staat Griechenland per ELA frisch aus der Notenpresse kommen, statt dass man das Geld bei uns über höhere Steuern einsammeln und umverteilen würde. :-)

    • RH - 29. November 2012

      Wenn aber deutsche Waren oder Eigentum hierzulande mit den selbstgedruckten griechischen Euros über Target 2 (oder auch Bar) “gekauft” wird, werden deutsche Euros daraus und damit sehr wohl zu unserem Problem. Wir bezahlen es alle über eine höhere Inflation bei uns, auch eine Art der Besteuerung!

      Die Menschen in D können sich nur retten durch die Rückkehr zu einer eigenen Währung. Die Aufwertung ist dabei nicht als Problem zu sehen, sondern als “soziale Dividende” für die breite Masse und kleinen Ausgleich für 20 verlorene Jahre durch den Euro. Wenn Merkel sagt, Deutschland profitiert vom Euro, wer ist dann “Deutschland” ausser einer kleinen Gruppe von Eigentümern von Exportindustrien und Großbanken? Leider interessiert sich die Masse der Menschen/Wähler nicht für Hintergründe und wählt weiter die Einheitspartei.

  • Roland - 29. November 2012

    Sehr interessant.
    Möglicherweise ist das ein Weg, um trotz des Verbotes von Staatsfinanzierung für die EZB doch noch in eine solche Richtung zu kommen: Staatsfinanzierung durch die nationalen Zentralbanken.

    Was die USA, Japan und UK vormachen, soll nun offensichtlich auch im EURO-Raum passieren.
    Die Aufblähung der Zentralbank-Bilanzen (nach dem historischen Vorbild von Hjalmar Schacht) stellt bei Stagnation oder Rezession keine Inflationsgefahr dar.
    Dennoch könnte es ein gewagtes Experiment werden.

  • TSTM - 29. November 2012

    Das ist absoluter Horror, verstösst so gegen jedweden EU-Vertrag und ist m.E., dem EUGH-Urteil zum ESMV zum trotz, komplett kriminell. Bei einer derart krativen Buchhaltung geht jeder nicht sytemrelevanter Vorstand erst mal geplegt in U-Haft.

    Finanz”industrie”, deren Lobbyisten und deren Politiker sind gänzlich ausser Kontrolle geraten, dieser Vorgang entbehrt jeglicher demokratischer, rechtlicher und wirtschaftlicher Grundlage.

    Augenscheinlich hat man jetzt auch die letzten Hemmungen abgestreift und läuft in aller Öffentlichkeit Amok, anders kann ich es leider nicht mehr beschreiben.

    Noch vor einigen Jahren hätte ich Haus und Hof verwettet, dass so etwas niemals vorkommen kann, jetzt bin nicht mehr so naiv. Wenn ab morgen Wasser bergauf fließt, nehme ich dies dann einfach nur zur Kenntnis, wenn`s Draghi & Co so will, warum nicht?

  • Dierk - 29. November 2012

    Die Griechen sind eben Optimisten.

    “In der Studie wird ebenfalls betont, dass die gesamte Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit unter dem Aspekt der Preise in den beiden Jahren 2013 – 14 höchstwahrscheinlich 10% übersteigen und der griechischen Wirtschaft gestatten wird, fast ihre gesamten Verluste des vorherigen Jahrzehnts wettzumachen.”

    http://www.griechenland-blog.gr/2012/33-prozent-arbeitslosigkeit-auf-privatsektor-in-griechenland/10403/

  • Raini - 29. November 2012

    @TSTM

    Letztendlich gehts nur darum:

    Um sicherzustellen, dass die Gläubiger der Länder ihr Geld wiederkriegen. Denn jedes Jahr, das ein Land,hier eben jetzt Griechenland im Euro bleibt und staatliche Kredite erhält, ist ein Jahr, in dem sich mehr Altgläubiger aus dem Staub machen können.

    So zum Beispiel Goldman Sachs usw.

  • Marcito - 29. November 2012

    Tolle Arbeit Steffen.

    merci

  • Voltaire - 29. November 2012

    Zur aktuellen Lage in Griechenland interessante Informationen in folgenden Bundesdrucksachen, welche den Abgeordneten des Deutschen Bundestages zur morgen Vormittag stattfindenden Debatte und anschließender Abstimmung zur Verfügung gestellt wurden:

    http://www.bundestag.de/dokumente/tagesordnungen/212.html

    Drs 17/11647
    Drs 17/11648
    Drs 17/11469 und
    Drs 17/11669

    Die zuletzt gelisteten Drucksache ist der s. g. Troika-Bericht – sehr lesenswert!

  • Talune - 29. November 2012

    sehr schön die druchsache vor allem 11669

    da nehmen sie bei der BIP Entwicklung an, das Griechenland Ende 2013 bzw. Anfang 2014 wieder wächst.

    schreiben aber auf Seite 12:
    “Das Entgelt je Arbeitnehmer ist 2010 um 2,6 % und 2011 um 3,4 % gesunken, für 2012 und 2013 wird mit einem weiteren Rückgang von jeweils 6,8 % gerechnet.”

    Klar 2010 und 2011 ging es mit 8% bzw. 6% ins Minus, lasst es uns doppelt so stark kürzen, dann geht es bestimmt aufwärts.

    Bald gilt wirklich 2+2=5

  • Roland M - 30. November 2012

    “Solange der Euro-Austritt Griechenlands nicht gewollt wird, ist es mir viel, viel lieber, wenn die Hartz4-Bezüge für den Staat Griechenland per ELA frisch aus der Notenpresse kommen, statt dass man das Geld bei uns über höhere Steuern einsammeln und umverteilen würde.”

    Wenn die EZB das Geld drucken muss, dann hat das für uns u.U. sogar noch gravierendere Folgen als wenn direkt Steuern fließen würden. Eine Mischung aus überschaubaren Löhnen und Gehältern (bis hoch zum Ing.) sowie hohen Steuern und Lebenskosten kann nur dann funktionieren, wenn sie unbedingt stabilitätsorientiert ausgelegt, also langfristig berechenbar ist. Ansonsten bringen schon kleinere Turbulenzen das ganze System nachhaltig aus dem Gleichgewicht, je komplexer und komplizierter das System und je mehr Bürger ohne erkennbare Eigenleistung von der Arbeit anderer leben (ich meine mitnichten nur H4), desto sensibler. Auch das hat die Bundesregierung nicht verstanden oder ignoriert es, obschon es überaus simpel und einleuchtend ist.