Handelsungleichgewichte in Europa

von am 30. April 2015 in Allgemein

von Rob

Eine umfassende Betrachtung mit summierten Werten

Es ist bei der Eurokrise oft die Rede davon, dass Ungleichgewichte in den Import/Export-Bilanzen (Leistungsbilanz) einen gewichtigen Faktor darstellen. Am eindrücklichsten wird dies an nachfolgender Grafik erkennbar. Hier sind nicht etwa die jährlichen Überschüsse bzw. Defizite dargestellt, sondern die kumulativen Werte.

Am Beispiel Deutschlands liest sich das so: in den Neunzigern hatte Deutschland es mit der Wiedervereinigung zu tun. In jedem Jahr gab es ein Defizit, und bis 2000 summierte sich das immer mehr negativ, siehe schwarze Kurve. Nach 2000 steigt die Kurve wieder, das heißt, dass ab 2001 wieder Exportüberschüsse eingefahren wurden, und zwar jedes Jahr, weil die Kurve nur steigt.

In der Grafik werden Nicht-Euro-Staaten mit gestrichelten Kurven dargestellt. Die Strichstärke ist ein Maß für das Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Bildschirmfoto-4Die Grafik zeigt, dass Deutschland makroökonomisch betrachtet einen gewaltigen Einflussfaktor bei den Ungleichgewichten darstellt. Das liegt aber zum Teil daran, dass das Bruttoinlandsprodukt mit Abstand am Größen ist. Die Legende ist in absteigender Folge nach BIP sortiert.

Augenscheinlich ist Großbritannien zuletzt nicht in einer guten Verfassung, wenn man es mit Spanien vergleicht. Jedoch ist das BIP Großbritanniens etwa 70% höher.

Sinnvoll ist es daher, diese Grafiken auch als Leistungsbilanz in Prozent vom BIP darzustellen. In der nachfolgenden Grafik sind rechts unten zusätzlich die BIP-Werte der 16 Staaten in US$ dargestellt. Weiterer Vorteil dieser Darstellungsweise: Darstellungen mit Geldwerten erwecken alleine durch die Geldentwertung den optischen Eindruck, dass Entwicklungen immer stärker würden. Nachfolgend sieht man, dass ein Auseinanderdriften ein ziemlich neues Phänomen ist, das offenbar nicht einmal eindeutig mit dem Euro zusammenhängt. Allerdings ist hier und in der ersten Grafik gut erkennbar, dass die Defizitländer stabilisieren, und die Überschuss-Länder trotzdem steigen. Das zeigt, dass die erstgenannten Staaten mehr zum Rest der Welt exportieren.

Bildschirmfoto-2Vorbildlich sind hier (in % BIP) Staaten mit geringen Maximalwerten. Das sind Österreich, Italien, Irland und Frankreich.

Hier ist gut ersichtlich, dass gerade kleinere Staaten eher hohe relative
Überschüsse (vergleichbar Überschüsse pro Kopf) erwirtschaften können. Das ist nicht verwunderlich, weil Überschüsse kleinerer Staaten weniger Gewicht in die Waagschale legen (Hinweis: einige Daten vor 1995 sind in der Quelle nicht verfügbar). Bei größeren Staaten würde der Wechselkurs eher korrigierend wirken. Der große Staat Deutschland allerdings entzieht dies dieses Korrektivs. Das liegt daran, dass Deutschland in einem Währungsverbund eingebunden ist. In sofern ist es ziemlich eindeutig, dass der Euro ein Auseinanderdriften begünstigt hat. Damit ist nicht gesagt, dass der Euro „das Problem“ ist. Viel spricht dafür, dass ungehemmte Kreditvergabe in den Defizitstaaten die Entwicklung getrieben hat, aber das ist ein eigenständiges Thema, das andernorts ausführlich genug thematisiert wurde.

Zur Grafik: Konkret sind Norwegen aufgrund der Ölvorkommen und die Schweiz mit um die 200% vom BIP an kumulierten Überschüssen ganz oben. Es ist zu beachten, dass diese Grafik aufgrund der Berechnungsmethode nur eine Annäherung darstellt. Die Werte sind in Wirklichkeit eher etwas niedriger.

In den obigen Grafiken sind Verluste und Abschreibungen beim Auslandsvermögen nicht berücksichtigt. Deutschlands Banken, Versicherungen und andere Kapitalgeber haben Verluste im Bestand zu verzeichnen, besonders während der Krise, von bis zu 600 Milliarden Euro. Das verbliebene Nettoauslandsvermögen betrug Ende 2014 +1056,233 Mrd. Euro. Das ist das Risiko der Exportorientierung. Man weiß nur dann sicher, dass der Wert des Exportes nicht verloren geht, wenn entsprechende Importe in der Höhe tatsächlich erfolgt sind.

Diese zweite Grafik braucht man, um zu sehen, wie einige kleinere Staaten gravierende Probleme haben: Griechenland und Portugal. Es dauert viele Jahre, bevor die Auslandsschulden dem Ausland gegenüber (durch Exporte) bedient werden. Wenn man die Grafik betrachtet heißt das konkret: alle Kurven müssen mittelfristig wieder etwa zusammenlaufen. Beispiel Norwegen: Dieses Land wird bis auf Weiteres nicht weniger Öl exportieren. Man müsste also den Import deutlich anheben, oder die Währung wird nach einiger Zeit unweigerlich aufgewertet. Wird, weil man es nur beschränkt beeinflussen kann. Das haben die Schweizer, die ja auch ganz oben stehen, schmerzlich
erfahren müssen. Daher wird die Kurve bei den Schweizern nicht mehr weiter steigen. Aber wie gesagt: die Kurven werden nach unten tendieren müssen. Das heißt: sinkendes Auslandsvermögen, also Defizite in den Leistungsbilanzen! Das ist zwingend Voraussetzung für die Wiederherstellung von Handelsgleichgewichten.

Schauen wir uns die übliche Darstellung von Überschüssen bzw. Defiziten an, die Leistungsbilanzen:

K1Spanien (rote Kurve) ist ein gutes Beispiel. Das Defizit erreichte zum Krisenanfang den Tiefpunkt. Das Defizit wurde in den Jahren danach abgebaut. Aber bei den kumulativen Werten führt das nur zu einer Verlangsamung des Anstieges der Auslandsschulden. Das Defizit muss in einen Überschuss umgewandelt werden. Spiegelbildlich müssen die Überschüsse Deutschlands und gemäß der Grafik auch eindeutig der Niederlande in Defizite umgewandelt werden.

Ist das schlimm? Nein, weil diese Volkswirtschaften vorher Überschüsse gefahren haben. Man muss die Akkumulation von Überschüssen grundsätzlich in Bezug zur Demographie-Entwicklung eines Landes setzen: ein alterndes Land sollte nur Überschüsse gegenüber Staaten mit einer jungen Bevölkerung aufbauen. Denn nur so ist einigermaßen gewährleistet, dass solche Staaten, wenn die arbeitende Bevölkerung später in voller „Blüte“ ist, mit Exporten die später fehlende Arbeitskraft in den alternden Nationen ausgleichen kann. Haben Portugal, Italien, Spanien und Griechenland
„junge“ Bevölkerungen? Wir untersuchen nun beispielhaft Griechenland. Auf
http://populationpyramid.net/greece/2015/ ist wunderbar zu sehen, wie die Geburtenrate von 2005 bis 2010 am zunehmen war. Keine schlechte Wahl als Ziel für Investitionen mit Auslandskapital. Aber dann nimmt die Geburtenrate wieder ab. Die auferlegte Austeritätspolitik macht sich aus diesem Gesichtspunkt als Eigentor bemerkbar. Wohlgemerkt: auch für Deutschland. Auf genannter Seite kann man die Bevölkerungspyramiden aller Staaten und Regionen sichtbar machen.

Nach diesem Kriterium ist Frankreich noch ein relativ guter Handelspartner im Hinblick auf die kommenden drei Jahrzehnten. Deshalb braucht man sich um Frankreich keine große Sorgen machen. Hier sind die Pyramiden für Griechenland, Deutschland und Frankreich nebeneinander abgebildet (Stand 2015, beachte den prozentualen Anteil der 0…4-Jährigen):

C128

Im Vergleich wird klar, dass Deutschland in Kürze schon ein massives Problem hat. Übrigens: Wenn Europa schlau wäre, würde man eher in Nordafrika investieren müssen. Denn dort sind die Bevölkerungspyramiden viel geeigneter im Hinblick auf Investitionen. Aber wer kümmert sich um diese Region?

Zum Abschluss wird noch eine Grafik gezeigt. Es betrifft hier die Leistungsbilanz im Bezug zum BIP. Die Größe eines Landes ist damit außen vor.

Bildschirmfoto-1Überschüsse und Defizite eines Landes sollten sich etwas häufiger abwechseln, so dass es nicht zu einer Zusammenballung höherer Summierungen einzelner Länder kommt.

Am Beispiel Portugal, Griechenland und Spanien (wiederum) ist ein zu langer Defizitzeitraum gut zu sehen. Niemand hat insbesondere bei Spanien ein Problem gesehen, weil die Staatsschulden niedrig waren. Erst ab 2008 (mit der Wirtschafts- und Finanzkrise) geht dann das Leistungsbilanzdefizit zurück.

Für Deutschland gilt, dass die Jahre bis 2001 permanent von – geringen – Defiziten gekennzeichnet waren (siehe auch Einleitung). Vor der Wende hatte Deutschland auch längere Überschusszeiträume gekannt, aber nie über 5% des BIP. Und dann ab 2005 – just ab Umsetzung der Agenda 2010 laufend über 6%. Deutschland brauchte aus der Perspektive von 2001/2003 eine „Agenda“, aber man hätte den Mut haben müssen, die Umsetzung abzublasen. Dann wären riesige Ungleichgewichte gar nicht erst entstanden. Aus diesem Beitrag dürfte klar geworden sein, wie schwierig es ist, Ungleichgewichte abzubauen. Deshalb ist es eminent wichtig, dass die Risiken bei zu großen
Defiziten anderswo nie aus den Augen verloren werden. Wenn solche Risiken auch beachtet werden, können auch Überschüsse nicht zu hoch werden.

von Rob

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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5 KommentareKommentieren

  • Easy - 30. April 2015

    Danke Rob für diesen tollen Artikel! Als Fortsetzung würde ich mir denselben Ansatz für die Welt, Amerika und Asien. Auch zwischen USA, China und Europa/Deutschland wäre dieser Ansatz interessant.

    Du hättest ruhig die beeindruckende Grafik der afrikanischen Bevölkerungsentwicklung mitaufnehmen können. Damit würde auch schnell klar, das aktuelle Entwicklungen auf dem Mittelmeer erst der Anfang sind und das eigentliche Drama erst beginnt. Aber das Thema war ja Europa, von daher ok.

    Technische Kritik:
    Die Grafiken sind in saumäßiger Qualität. Zwar sind die Legenden durch unterschiedliche Dicken besser als andere zu lesen aber die Textdarstellung (Skalen) ist mehr als schlecht. Die Grafiken könnten generell auch breiter sein, vor allem wenn man draufklickt.

    Für Querschüsse allgemein wäre es auch super, wenn die Grafiken als SVG und nicht als Bitmap Grafik eingestellt werden könnten. Sorgt einfach für eine bessere Darstellung und jeder Browser beherrscht mittlerweile die SVG-Darstellung.

    Easy

  • Querschuss - 30. April 2015

    Hallo Easy,
    Grafiken sind ausgetauscht und nun besser, man kann sie zweimal vergrößern, beim zweiten Mal oben rechts auf das Kreuz (expand the image), dann sollte das Ergebnis akzeptabel sein.

    SVG lässt sich bei WordPress nicht hochladen, Dateityp ist gesperrt. Kann man zwar umgehen, ist aber zu umständlich und kostet zuviel Zeit, die ich nicht habe.

    Gruß Steffen

  • n8igall - 30. April 2015

    Hallo,

    vielen Dank! Genau meine Gedanken schoen mit Daten unterfuettert :)

    Noch vor ein paar Jahren habe ich mir teilweise bei Diskussionen (u.a. mit mathematisch sehr gut ausgebildeteten Leuten) den Mund fusselig geredet, dass dauernder Ueberschuss nicht gut sein kann … Auch dass Frankreich in Europa von den groesseren Laendern die besten Zukunftsaussichten hat, glaubt einem keiner. In Frankreich ist die Geburtenrate 2.0 !

    Zu Nordafrika: Eine junge Bevoelkerung allein macht es leider nicht allein aus. Es sollten auch ein paar Randbedingungen passen (politische Stabilitaet, Korruption etc.). Ich habe keine Ahnung, wie es da in Afrika aussieht (bzw. aussehen wird).

    Aber gefaehrlich ist es auf jeden Fall grosse Ueberschuesse mit anderen Laendern aufzubauen und darauf zu wetten, dass die Schulden in 20-40 Jahren wieder abgebaut werden… Wer weiss wie sich die Politik veraendert, wie das Verhaeltnis der Staaten sich entwickelt… (wobei sich natuerlich intra-national politisch auch einiges aendern kann).

  • Vogel - 1. Mai 2015

    “Zu Nordafrika: Eine junge Bevoelkerung allein macht es leider nicht allein aus. Es sollten auch ein paar Randbedingungen passen (politische Stabilitaet, Korruption etc.).” Nicht nur das: Wo ist die Kaufkraft (Nachfrage)? Ergo: Investieren könnte dort nur die öffentliche Hand, private Investoren finden sich dort nicht mangels Nachfrage (außer beim Plündern dieser Länder, Erdöl, Gas, Phosphat etc.).

  • Georg Trappe - 1. Mai 2015

    *****

    Vielen Dank fuer diese sehr gute Aufbereitung dieses brisanten Themas.
    -
    Auf der Ebene der Volkswirtschaften ist diese Problematik aufgeschlossenen Menschen meistens noch vermittelbar. Auf der Ebene der Unternehmen und Individuen, wo das Problem ebenfalls existiert und nicht weniger destruktiv wirkt, dann leider eher nicht mehr. Und das obwohl die Folgen der Ueberdehnung der Resource “gesellschaftliche Kohaesion” in vielen Laendern tagtaeglich die Schlagzeilen bestimmen.
    Daran ist eine sog. Wirtschaftswissenschaft, die eine merkwuerdig anmutende Obsession mit der Vorstellung von sich selbst einstellenden Gleichgewichten pflegt, nicht ganz unschuldig.
    General Equilibrium, auch dann wenn es durch Dynamic Stochastic ergaenzt wird, ist gemessen an der beobachtbaren Realitaet, die offensichtlich falsche theoretische Grundlage.
    Kein Wunder, wenn eine Politik, die auf Basis solcher offensichtlich falscher Theorien beraten wird, die Probleme, auf allen Ebenen, nach aussen und im Innern, eher verschaerft als loest.