ifo und Gfk Stimmung – wie aus einem Wunderland

von am 22. Februar 2011 in Allgemein

Gestern zündete der ifo-Geschäftsklimaindex, ein Stimmungsindikator, wieder kräftige Nebelkerzen. Die Nachrichtenagenturen und damit auch der Mainstream schwelgten in Optimismus und feierten den neunten Anstieg in Folge beim ifo-Geschäftsklimaindex für die gewerbliche Wirtschaft. Der Geschäftsklimaindex stieg auf 111,2 Indexpunkte im Februar 2011, nach 110,3 Punkten im Januar. Damit notierte der Index auf dem höchsten Stand seit Beginn der Datenreihe im Januar 1991.

Die Entwicklung des ifo-Geschäftsklimaindex im Chart seit Januar 1991.

Die aktuelle Geschäftslage der 7000 befragten Unternehmen verbesserte sich weiter, der Index der aktuellen Geschäftsbeurteilung stieg auf 114,7 Indexpunkten, nach 112,8 Punkten im Vormonat. Die Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate stiegen leicht auf 107,9 Indexpunkten, nach 107,8 Punkten.

Angesichts der Methodik und der Tatsache das es sich ausschließlich um einen Stimmungsindikator handelt, ist es ein etwas erstaunlicher Vorgang, dass dieser Stimmungsindikator zu einem allseits hochstilisierten Konjunkturindikator mutierte. Die 7000 befragten Unternehmen geben Auskunft zur gegenwärtigen Geschäftslage und beurteilen ihre Erwartungen für die nächsten sechs Monate an Hand ziemlich simpler Abfragen. Sie können ihre aktuelle Lage mit “gut”, “befriedigend” oder “schlecht” und ihre Geschäftserwartungen mit “günstiger”, “gleich bleibend” oder “ungünstiger” bewerten. Zur Methodik gibt das ifo-Institut u.a. an: “Die Fragen, wie die Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage beurteilen und wie sich die Geschäftslage in den kommenden sechs Monaten in konjunktureller Hinsicht verändern wird, sind dabei bewusst unscharf formuliert. Den Unternehmen wird selbst überlassen, anhand welcher Kriterien sie ihre Geschäftslage bewerten. Durch diese Art der Fragestellung wird ein hohes Maß an Flexibilität erreicht, da die Unternehmen die für sie relevanten Faktoren wählen können. Die Zuverlässigkeit der Ergebnisse hängt von Position und Funktion der ausfüllenden Person ab. Die Interpretation, was unter Geschäftslage und Geschäftsentwicklung zu verstehen ist, wird dabei bewusst den Befragungsteilnehmern überlassen.” So viel zur Qualität der Erhebung und der daraus resultierenden statistischen Relevanz.

Wie absurd die Ergebnisse der Befragung teilweise ausfallen dokumentiert dieser Auszug aus der aktuellen Pressemitteilung: ”Die Unternehmen im  Bauhauptgewerbe sind mit ihrer aktuellen Geschäftssituation deutlich zufriedener. Im Hinblick auf den Geschäftsverlauf in den nächsten sechs Monaten sind sie lediglich geringfügig weniger optimistisch als im vergangenen Monat. Das Geschäftsklima im Bauhauptgewerbe hat sich daher verbessert.”….. Wir erinnern uns, das schwächere Wachstum des BIPs in Deutschland von +0,4% zum Vorquartal, im 4. Quartal 2010, wurde mit dem witterungsbedingten Einbruch beim Bauhauptgewerbe begründet. Viel Bauvorhaben sind unterbrochen worden und die Bruttowertschöpfung brach daraufhin kräftig ein.

Der saisonbereinigte Produktionsindex des Bauhauptgewerbes im Chart seit Januar 1990. Im Dezember 2010 brach der Index auf Grund des kalten Wetters, selbst saisonbereinigt um -24,1% zum Vormonat ein. In Q4 2010 ging es saisonbereinigt um -6,4% zum Vorquartal abwärts. Unbereinigt bei den Originaldaten brach der Output beim Bau im Dezember 2010 um satte  -47,6% zum Vormonat ein und um -21,2% zum Vorjahresmonat. In Q4 2010 ging es unbereinigt um -16,05% zum Vorquartal abwärts. Angesicht solcher dramatischer Einbrüche ermittelt der ifo-Index Zufriedenheit im Bauhauptgewerbe! Selbst unabhängig vom Dezembereinbruch sieht der Langfristchart alles andere als nach einem XXL-Aufschwung aus.

Heute Morgen veröffentlichte die Gfk-Gruppe ihren Konsumklimaindex, auch dieser Stimmungsindikator steigt, auf revidierte 5,8 Punkte im Februar 2011 und auf 6 Punkte für März 2011, der höchste Stand seit Oktober 2007! “Die steigenden Einkommensaussichten sind im Februar in erster Linie dafür verantwortlich, dass das Konsumklima seinen Aufwärtstrend weiter fortsetzen kann. Die Zuversicht der Konsumenten auf eine positive Arbeitsmarktentwicklung sowie stärkere Einkommenszuwächse ist nach wie vor ungebrochen.” Angesichts der Preissteigerungen bei Energie und Lebensmitteln, der Erhöhung von Krankenkassenbeiträgen und den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherungen zu Jahresbeginn, erscheint dieser ermittelte Optimismus bizarr, denn potentielle nominale Einkommenszuwächse werden mehr als weggefressen.

Während die Stimmungsindikatoren weiter nach oben schießen bieten harte belastbare Wirtschaftsdaten ein anderes Bild:

Die Entwicklung der Saison- und kalenderbereinigten realen Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) seit Januar 1994 bis Dezember 2010. Nach den letzten verfügbaren Daten sanken im Dezember 2010 die bereinigten realen Einzelhandelsumsätze mit 95,5 Indexpunkten um -0,3% zum Vormonat und lagen nur noch knapp über dem Tief aus Juni 2009 mit 94,8 Indexpunkten.

Der monatliche Gfk-Konsumklima-Index (blau) und die realen saisonbereinigten Einzelhandelsumsätze (rot) im Vergleich seit Januar 2009 bis Dezember 2010. Besonders brachial brachen gemessene Stimmung und reale Einzelhandelsumsätze seit Juli 2010 auseinander. Während die realen Einzelhandelsumsätze um -3,05% seit Juli einbrachen, stieg das Konsumklima laut Gfk von Juli bis Dezember 2010 um +48,65%!

Der Monatsbericht Februar 2011 der Deutschen Bundesbank zeigt mit seinen Daten zu den Steuereinnahmen des Staates aus Umsatzsteuer und Lohnsteuer, wie es in Wirklichkeit um den XXL-Aufschwung, getragen vom privaten Konsum aussieht. Die Einnahmen aus der Umsatzsteuer sanken im Dezember 2010 um -5,4% zum Vorjahresmonat auf 11,811 Mrd. Euro. Im 4. Quartal 2010 lagen die Einnahmen aus der Umsatzsteuer mit 35,369 Mrd. Euro um -3,8% unter denen aus dem 4. Quartal 2009.

Die Entwicklung der Einnahmen aus der Umsatzsteuer gemäß den Quartalsdaten seit Q1 2000 bis Q4 2010 im Chart.

Bei der Entwicklung der Daten zum Umsatzsteueraufkommen über den längeren Zeitraum muss man die Erhöhung der Umsatzsteuer (Mehrwertsteuer) zum 1. Januar 2007 von 16% auf 19% beachten.

Die Einnahmen aus der Lohnsteuer sanken im Dezember 2010 um -3,8% zum Vorjahresmonat auf 17,496 Mrd. Euro. Im 4. Quartal 2010 sanken die Einnahmen aus der Lohnsteuer um -4,7%, im Vergleich zu Q4 2009, auf 36,757 Mrd. Euro.

Die Einnahmen aus der Lohnsteuer in Mrd. Euro von Q1 2000 bis Q4 2010 im Chart.

Trotz einem Hoch bei den Erwerbstätigen in Deutschland lag im 4. Quartal 2010 das Lohnsteueraufkommen auf dem vierttiefsten Niveau in einem 4. Quartal seit dem Jahr 2000, was einen Hinweis auf die Qualität der Jobs liefert.

Um den wirklichen Trend beim Lohnsteueraufkommen noch besser zu verdeutlichen, wegen den Ausreißern im 4. Quartal (Weihnachtsgeldzahlungen), hier noch an Hand der Originaldaten der errechnete gleitende Durchschnitt von 4 Quartalen, dann noch um die Steigerung der Verbraucherpreise bereinigt:

XXL-Aufschwung und die Qualität vieler Jobs in Aktion, an Hand des preisbereinigten gleitende 4 Quartalsdurchschnitt bei den Einnahmen aus der Lohnsteuer von Q1 2000 bis Q4 2010!

Deutschland verharrt weiter in der Voodoo-Ökonomie, es exportiert seine Waren und Güter gegen zum Teil wertlose Schuldscheine, liefert eine schwache Vorstellung bei der privaten Binnennachfrage und steigert 2010 die gesamten Staatsschulden um +18% auf 2 Billionen Euro. Man generiert bei den Konsumenten hohe Einkommenserwartungen, aber nur moderat wachsende nominale Löhne, die von den Preissteigerungen aufgefressen werden, bei gleichzeitig sinkenden Lohnsteueraufkommen. Chapeau, ein Aufschwung à la XXL-Brüderle!

Quellen Daten: Cesifo-group.de/ifo-Portal, Gfk.com/group/Pressemitteilung Konsumklimaindex, Bundesbank.de/Monatsbericht Februar 2011 Seite 56, Genesis.destatis.de/Datenbank, Eurostat.ec.europa.eu/Pressemitteilung Baugewerbe Dez./Q4 2010, Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank


Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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