Italien: klarer Fall von Rezession

von am 16. Februar 2012 in Allgemein

Italiens Wirtschaft ist laut den Daten der italienischen Statistikbehörde ISTAT im 4. Quartal 2011 weiter in die Rezession gerutscht, dass zweite Quartal in Folge sank das saisonbereinigte reale BIP im Vergleich zum Vorquartal. Es ging um -0,7% abwärts, nach -0,2% in Q3 2011. Zum Vorjahresquartal sank das reale BIP um -0,5%. Die Regierung des Technokraten Monti wird in der Öffentlichkeit als positives und erfolgreiches Beispiel für die Sparbemühungen dargestellt, selbst der deutsche Bundespräsident Wulff äußert sich medienwirksam: “Wir bewundern, dass Italien so entschlossen daran geht, seine Zukunft zu gestalten….Wir haben erlebt, dass Italien in einem echten Aufbruch ist”. Diese Sicht springt allerdings erheblich zu kurz, denn noch sind die wirtschaftlichen Auswirkungen der Sparmaßnahmen Montis nur zu erahnen und es besteht wenig Anlass zur Hoffnung, dass sie sich positiv auf das Wachstum auswirken, zumal die Sparmaßnahmen auf eine Wirtschaft prallen die sich bereits im rezessiven Gefilde befindet.

Die Entwicklung des italienischen saisonbereinigten realen BIPs zum Vorquartal seit Q1 1995 bis Q4 2011 im Chart. In Q4 2011 ging es um -0,7% abwärts, nach -0,2% im 3. Quartal.

Vor allem das saisonbereinigte reale BIP in Mrd. Euro zeigt, wie schwach die wirtschaftliche Erholung seit der Finanz- und Wirtschaftkrise in Italien war und das man auch in Q4 2011 noch deutlich unter dem realen BIP-Hoch von Q3 2007 lag!

Die Entwicklung des saisonbereinigten realen BIPs in Mrd. Euro (2005=100) seit Q1 2000 bis Q4 2011. In Q4 2011 sank das reale BIP auf 354,531 Mrd. Euro, nach 357,168 Mrd. Euro in Q3 2011. Das Hoch wurde in Q3 2007 mit 374,271 Mrd. Euro markiert, ein Einbruch seitdem von -5,3%! Minus 5,3% seit Q3 2007 trotz ständig laufender hedonischer BIP-Berechnung (Leistungs- und Qualitätsbereinigung) die nicht zu einer adäquaten Preisbereinigung des realen BIPs führt.

Den Optimismus den Deutsche- und EU-Offizielle in Hinblick auf die Technokraten-Regierung Italiens und deren getätigten Sparmaßnahmen versprühen, kann der schnöde Konsument in Italien nicht teilen, wie selbst das offizielle Verbrauchervertrauen zeigt, welches sogar potentielles Schönungspotential beinhaltet, wie die meisten offiziellen Stimmungsindikatoren:

Die Entwicklung des italienischen Verbrauchervertrauens, erhoben von der Statistikbehörde ISTAT seit Januar 1982 bis Januar 2012 im Langfristchart. Im Januar 2012 verharrte das Verbrauchervertrauen unverändert zum Vormonat auf extrem niedrigen historischen Niveau von 91,6 Indexpunkte. Von der Wulffschen “in einem echten Aufbruch” Stimmung ist nichts zu spüren.

Der Subindex beim Verbrauchervertrauen (Future Climate) befindet sich sogar weiter im freien Fall und generierte im Januar 2012 ein neues Tief:

Die Entwicklung des Subindex Future Climate, der die Zukunftserwartungen der Konsumenten in den nächsten 6 Monaten widerspiegelt, seit Januar 1996 bist Januar 2012 im Chart. Im Januar 2012 ging es weiter abwärts auf 78,4 Indexpunkte, nach 82,5 Indexpunkten im Vormonat und nach 90,5 Indexpunkten im Vorjahresmonat.

Auch die italienische Industrieproduktion war zum Jahresende sehr schwach:

Die Entwicklung des saisonbereinigten Outputs der breit gefassten italienischen Industrieproduktion (Bergbau, Energieversorgung und Verarbeitendes Gewerbe) ohne Baugewerbe seit Januar 1990 bis Dezember 2011 im Chart. Im Dezember 2011 stieg der saisonbereinigte Output um +1,4% auf 87,9 Indexpunkten und bewegt sich damit aber auf dem Niveau von Ende 1993, Anfang 1994! Zum Hoch im August 2007 mit 110,0 Indexpunkten schrumpfte der Output um signifikante -19,72%.

Allerdings ging dieser kleine Anstieg nur auf die Saisonbereinigung zurück, bei den unbereinigten Originaldaten offenbarte sich im Dezember 2011 der zweitmieseste Dezember seit Beginn der Datenreihe im Jahr 1990: 

Die Entwicklung des unbereinigten Outputs der breit gefassten italienischen Industrie (Originaldaten), ohne Baugewerbe, des italienischen Statistikamtes (ISTAT) seit Januar 1990 im Chart. Der Dezember 2011 markierte mit 76,6 Indexpunkten den zweitniedrigsten Output in einem Dezember seit 1990, nur der Dezember 2009 mit 75,7 Indexpunkten (schwarz als Kästchen im Chart markiert) war noch marginal schwächer! Der Dezember ist saisonal bedingt der zweitschwächste Monat im Jahr, nur der August mit den betriebsbedingten Ferien liegt noch deutlich darunter, beides sehr gut im Chart zu sehen.

Heute berichtete ISTAT die Außenhandelsdaten für Dezember 2011. Auch sie sind Beleg für eine Rezession, denn das Außenhandelsvolumen schrumpfte kräftig:

Die Entwicklung der italienischen Exporte von Waren und Güter in Mrd. Euro seit Januar 1999 bis Dezember 2011 im Chart. Im Dezember 2011 sank das unbereinigte Exportvolumen um -1,022 Mrd. Euro zum Vormonat auf 31,420 Mrd. Euro.

Zeugnis, der drastisch schrumpfenden privaten Konsumausgaben der Italiener, legte das Importvolumen ab, es schrumpfte im Dezember 2011 um kräftige -4,050 Mrd. Euro zum Vormonat auf 29,973 Mrd. Euro. Damit erzielte Italien im Dezember den zweiten Handelsbilanzüberschuss im Jahr 2011 mit +1,447 Mrd. Euro, nach dem Juli 2011 mit +1,438 Mrd. Euro. Auf das Gesamtjahr 2011 betrachtet verbleibt trotzdem ein relevantes Handelsbilanzdefizit von -24,333 Mrd. Euro! Etwas mehr als die Hälfte des Defizits resultierte nur aus dem Handel mit Deutschland, -12,999 Mrd. Euro!

Die Entwicklung der italienischen Handelsbilanz seit Januar 1999 bis Dezember 2011 im Chart. Im Dezember 2011 wurde ein Überschuss von +1,447 Mrd. Euro erzielt, nach -1,581 Mrd. Euro im Vormonat und -2,775 Mrd. Euro im Vorjahresmonat.

Was im Prinzip als positiv betrachtet werden muss, ein Abbau des Handelsbilanzdefizits Italiens, ist allerdings kein Zeichen von wirtschaftlicher Stärke, von Output der Produktion und von steigendem Export, sondern nur von Schrumpfung der Importe durch Rezession. Da das geringere Handelsbilanzdefizit in Q4 2011 mit kumuliert -1,211 Mrd. Euro, nach noch -3,544 Mrd. Euro in Q3 2011, direkt in den Außenbeitrag der Verwendungsrechnung beim BIP einfließt und das reale BIP anhebt, kann man sich bei einem BIP von real -0,7% zum Vorquartal, ungefähr vorstellen, wie die Konsumausgaben im Vergleich zum Vorquartal geschrumpft sein müssen, detaillierte BIP-Daten liegen seitens ISTAT noch nicht vor. Denn die Verwendungsrechnung des realen BIPs muss demzufolge die Bremsspuren beim Konsum zeigen, da sich der Außenbeitrag verbesserte: BIP = Konsumausgaben (private und staatliche) + Bruttoanlageinvestitionen + Außenbeitrag (Exporte-Importe).

Wesentlich dramatischer als das Handelsbilanzdefizit von -24,333 Mrd. Euro für das Gesamtjahr 2011 stellt sich das Leistungsbilanzdefizit dar. Trotz Überschuss im Dezember 2011 mit +0,402 Mrd. Euro kumulierte sich für das Gesamtjahr 2011 ein Leistungsbilanzdefizit von -50,555 Mrd. Euro, immerhin leicht unter Vorjahr mit -54,073 Mrd. Euro, aber kein signifikanter Fortschritt gemessen daran, dass der Preis seit zwei Quartalen eine Rezession ist. Die Leistungsbilanz kann man als breitestes Maß der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft verstehen, es bildet neben der Handelsbilanz bei Waren und Güter, die Dienstleistungsbilanz und die beiden anderen Teilbilanzen, die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen sowie der Bilanz aus den laufenden Übertragungen ab.

Die Ungleichgewichte in der Eurozone sind weiter brachial, der Versuch durch Austerität und Sparmaßnahmen die Staatshaushalts- und Leistungsbilanzdefizite der Südperipherie in den Griff zu bekommen, mündet wie hier erwartet, nicht nur dort in eine Rezession, sondern diese greift auch auf die Überschussländer der Eurozone in Q4 2011 über. So sank das saisonbereinigte reale BIP in Deutschland um -0,2% zum Vorquartal, in den Niederlanden um -0,7%, in Österreich um -0,1%, einzig Finnland konnte sich noch mit Null-Wachstum, im Vergleich zum Vorquartal, der negativen Entwicklung entziehen. 

Diese Entwicklung weist aber auch deutlich auf das Versagen der deutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik hin. Denn selbst unter der selbst gewählten Vorgabe, dass es zu Austerität und Sparmaßnahmen bei den Partnern in der Eurozone keine Alternative gibt, erweist es sich nun als fatal, seit Jahren selber am eindeutig einseitig exportorientierten Wirtschaftsmodell Deutschland keine Änderungen vorgenommen zu haben. Als exportorientierte Wirtschaft ist man besonders anfällig, für die woanders gesäte Importschrumpfung, so schrumpften allein im Dezember 2011 die deutschen Exporte in die Eurozone um -5,945 Mrd. Euro und die relevanten Exportvolumen werden nun mal nach Italien, Frankreich, Spanien und dem Überschussland Niederlande abgewickelt.

Quellen Daten: Istat.it/Pressemitteilung BIP Schätzung Q4 2011, Istat.it/Pressemitteilung Verbrauchervertrauen Januar 2012, Istat.it/Pressemitteilung Außenhandel Dezember 2011, Eurostat.ec.europa.eu/BIP Schätzung Q4 2011 Euroraum, Dati.istat.it/Datenbank

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21 KommentareKommentieren

  • Andres Müller - 16. Februar 2012

    In seinem Buch “Der Binnenmarkt und das Europa von morgen. Ein Bericht der europäischen Union” aus dem Jahr 2001 nennt Mario Monti bereits die Nutzniesser der Gegenwart und sah das Handelsungleichgewicht zwischen den EU-Staaten voraus. Sogar den Abbau der sozialen Einrichtungen wurde vorausgesehen (-geplant).

    “Die Exportwirtschaft, bei der die Kunden innerhalb des Euro-Währungsraumes sind, ziehen die grössten Vorteile aus der WWU”

    “Wird der Euro nicht wie erwartet eine harte Währung, so hat dies eine Kapitalflucht in Immobilien zur Folge, was sich dann positiv auf die Bauwirtschaft auswirken könnte.”

    “Die politische Auslegung, also die Zulassung von Staaten, die die Konvergenzkriterien nicht erfüllt haben, gefährdet die angestrebt Stabilität des Euro.”

    “Dadurch, dass nicht alle Staaten an der WWU teilnehmen können oder wollen, könnten sich die Beziehungen zwischen den WWU-Staaten und den Staaten, die nicht teilnehmen, verschlechtern.”

    “Durch die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in den EU-Staaten könnte es zu sozialen Unruhen kommen. Da die Regierungen nicht in der Lage waren das Problem Arbeitslosigkeit zu beseitigen während sie die Währungspolitik als Instrument zur Steuerung der Wirtschaft in der Hand hatten, wird es unwahrscheinlich sein, dass sie dieses oder ähnliche Probleme jetzt stärker bekämpfen können. ”

    “In Staaten, die eine relative starke soziale Absicherung besitzen, könnten möglicherweise ihren Staat als Industriestandort gefährdet sehen. Das betreffende Land wird deshalb in Erwägung ziehen, die soziale Absicherung zu vermindern. ”

    “Schwächere europäische Partnerländer werden bei der gemeinsamen Währung einem verstärktem Konkurrenzdruck ausgesetzt. Durch ihre geringere Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit werden diese Staaten einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verzeichnen haben.”

    Wie gesagt, das Buch erschien bereits im Jahr 2001! -Heausgeber Mario Monti. Getan dagegen wurde nicht nur nichts, sondern die Handeslungleichgewichte wurden ausgebaut und vor Kurzem gelang es den exportstarken Nationen in Brüssel eine Rüge wegen der Niedriglohnpolitik abzuwenden.

    Bereits 1997 war in der Vorläufer-Auflage dieses Buches zu lesen:

    “Bereits zur Vollendung des Binnenmarktes war anfangs eine Angleichung der steuerlichen Bedingungen vorgesehen. Dies ist bis jetzt noch nicht geschehen und wird voraussichtlich auch nicht bis 1999 geschehen. Daraus resultieren wiederum eine Wettbewerbsverzerrung. Ein Unternehmen, das beispielsweise verhältnismäßig niedrige Lohnnebenkosten tragen muss, ist eher in der Lage Wettbewerbsfähig zu bleiben, als ein Unternehmen mit hohen Lohnnebenkosten. ”

    Anstelle diese Bedrohungen ernst zu nehmen setzten sich natürlich ohne gegensteuernde Reglierung jene Staaten durch die in Vorteil gekommen sind und dadurch eben mächtiger wurden.

    Ich traue Monti also durchaus zu dass er die Schwierigkeiten der Lage vollkommen begreift, aber ich trau ihm auch elitäres Gehabe zu welches diese mit der EU geschaffenen Vorteile und Nachteile zugunsten einer adelsähnlichen Oligarchie gegen Prozesse unter Demokratie verteidigt.

  • alt-shift-x - 16. Februar 2012

    aber aber … in Italien ist doch gaaaaaaaaaaanz anders als Griechenland da funktioniert das in eine Rezession hineinsparen ganz bestimmt M(

  • M.E. - 16. Februar 2012

    Ja, die Technokraten…
    Früher haben wir an Gott geglaubt, heute an die Technokraten. Viel hat sich also nicht geändert.
    Die sind ja vom Fach, die wissen was sie tun. (sowohl Gott als auch die Technokraten)

    Expertenwissen schlägt gesunden Menschenverstand.

  • Benedikt - 16. Februar 2012

    Das eigentliche Problem der Eurozone ist, dass es keine Führung gibt. Jeder tut alles, um seine Lokalen Eliten zu schonen und den Wähler nicht allzu sehr zu verschrecken. Man kann unendlich Geld nach Griechenland pumpen, das wird aber alles verkonsumiert. Da geht es mehr darum das Schneeballsystem aufrecht zu erhalten, in der Hoffnung, das schnell ein selbstragender Aufschwung einsetzt, bevor die Schulden bei den anderen Euroländer ankommen. Der Mrd Betrüger Madoff hat genauso gewirtschaftet.

    Die nächste lange Rezession wird der Euro nicht überleben.

  • ö.ä. - 16. Februar 2012

    Mittlerweile finde ich die Komplotttheorie(n) fast schon wieder glaubwürdig.

    Vor längerer Zeit habe ich hier mal die Frage gestellt, ob die Maßnahmen der Politik bewusst gewählt werden, um die Krise noch zu verschärfen (zu welchem Zweck auch immer).

    Viele Kommentatoren schrieben daraufhin, dass sie glauben, die wirtschaftliche Situation sei außer Kontrolle geraten und viele Politiker reagieren einfach nur und hoffen, die Maßnahmen greifen irgendwann.

    Hier im Blog wird immer wieder dokumentiert, dass die ergriffenen Maßnahmen lediglich zum Kaputtsparen führen anstatt zur Stärkung der Wirtschaft.

    Mittlerweile müsste dies ja auch den Politikern aufgefallen sein und würden sie wie ein verrückter Hühnerhaufen agieren, würden sie m.E. doch komplett umschwenken, wenn ihnen daran gelegen wäre, die Situation unter Kontrolle zu bekommen, oder?

    Begründet wurden und werden -wenn ich mich recht entsinne- alle wirtschaftlichen Umbrüche mit dem Ziel die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, was käme da gelegener, als dass ein paar “Konkurrenten” ausscheiden?

    Klar eine Milchmädchenrechnung, denn welcher “Konkurrent” importiert noch, wenn durch hohe Arbeitslosigkeit und Beschneidung sozialstaatlicher Leistungen die Kaufkraft massiv einbricht?

    Wie seht ihr das mittlerweile?

  • M.E. - 16. Februar 2012

    Die nächste lange Rezession überlebt das gesamte Finanzsystem nicht, Benedikt.
    Nach Jahrzehnten unaufhörlicher Expansion ohne gelegentliche kräftige Kontraktion (von Mini-Kotraktionen wie Asien-Krise und Subprime-Krise abgesehen) ist das Weltfinanzsystem so überdehnt und virtualisiert wie nie vorher. Denn auch die Mini-Kontraktionen wurden immer wieder durch anschließende verstärkte, künstliche Expansion gewissermaßen “abgewügrt”.
    Eine längere Rezession wird die in den letzten Jahrzehnten ausgebliebenen “rhythmischen” Kontraktionen, die ein Exponentialsystem unbedingt braucht, mit einem Mal nachholen.
    Und da diese Kontraktion so stark, so global und umfassend wie wohl nie vorher erfolgen wird, wird das Ausmaß an Strukturzerstörung auch wesentlich stärker sein, als es bei regelmäßigen Kontraktionen der Fall gewesen wäre.

  • hunsrückbauer - 16. Februar 2012

    @ ö.ä.
    nur weil uns die Vorstellung unmöglich scheint, sollten wir sie dennoch in Betracht ziehen, denn die Vorstellung, dass die Regierenden mangels Intelligenz, Wissen, Kraft außerstande wäre, es andersrum zu tun, ist m. E. ebenso unvorstellbar.
    Ich gehe davon aus, dass das Handeln der Handelnden Kalkül hat, ein Ziel, eine Strategie dahinter steht und taktische Manöver durchgeführt werden um den Blick darauf zu trüben.

    Nehmen wir die Faktenlage:
    1. Die Rohstoffe können in der Fülle wie bisher nicht weiter ausgebeutet werde, ohne dass der Globus dabei insgesamt drauf geht.
    2. Die Rohstoffe, auf die sich die Wirtschaft seit 300 Jahren stützt laufen langsam in ihren Grenznutzen und werden immer teurer.
    3. Die Nachfragekonkurenz wird immer größer und läßt sich derzeit politisch/militärisch nicht ausschalten.

    nun zu den Konsequenzen:
    die Welt muß sehen, dass sie mit relativ gesehen weniger rohstoffen (rohstoffe/kopf) auskommt
    die welt muß sehen, dass sie mit relativ gesehen weniger Energie (kWh/Kopf) auskommt
    die nachfragekonkurenz durch RU, CHI, IND, kann derzeit ausgeschaltet werden ohne den Globus zu sprengen, also muß eine alternative Lösung her

    welche Lösung ist denkbar:
    die Branchenmonopolisierung des Angbotes ist m. E. der Weg der aktuell verfolgt wird, zumindest für die “etablierte Welt”
    5 große Globalplayer je Branche, Tendenz weiter sinkend; Konkurenz wird absichtlich mittels der Politik ausgeschaltet; der Schwarzmarkt durch Bargeldverbot ausgetrocknet, in der Endphase erfolgt Zuteilung zwingend überlebensnotwendiger Güter gegen vollständige Abschöpfung von Vermögenswerten. Hierzu paßt auch die Strategie der Saatguthersteller nur mehr nicht vermehrbare Hybride in den Markt zu drücken!

    Pro´s:
    Chemie: Bayer, BASF, DuPont..
    Energie: BP, Shell, Exxon…
    Futter: Danone, Nestle, Unilever, Kraft…
    Finanzen: BIZ

    Contra´s:
    keine

    in wenigen Jahrzehnten werden auch China, Indien, Russland dieser Strategie folgen (müssen) es sei denn es ergeben sich bis dahin entlastende Entwicklungen, die nicht in den Schubladen derer verschwinden, die zumindest bis zu ihrem eigenen Tot, das bestehende System aufrecht erhalten möchten.

  • M.E. - 16. Februar 2012

    Ich sehe die Eliten eher nicht als geniale (in ihrem Sinne), fintenreiche Strategen, die einen komplizierten langfristigen Plan abarbeiten, sondern eher vergleichbar mit Kindern, die in Konfliktsituationen ganz fest die Augen schließen und sich ganz doll wünschen, das alles gut ausgehen möge. Und die sich in Irrationalität und Realitätsverweigerung flüchten.
    So wie die Herrscher des untergehenden römischen Reiches, Ludwig XVI kurz vor der französischen Revolution, der Gefreite aus Braunau im April 45, Erich Honecker im Jahr 1989…
    Die Geschichte ist voll von diesen erwachsenen Kindern mit den zugekniffenen Augen und der Flucht aus der Realität.

  • Querschuss - 16. Februar 2012

    Hallo ö.a.,
    “Hier im Blog wird immer wieder dokumentiert, dass die ergriffenen Maßnahmen lediglich zum Kaputtsparen führen anstatt zur Stärkung der Wirtschaft. ..Mittlerweile müsste dies ja auch den Politikern aufgefallen sein…” ….Da wäre ich mir nicht sicher, auch hier unter den Mitlesern und Kommentatoren gibt es einige Ignoranten, obwohl sie mitlesen und die Wirtschaftsdaten klar seit 2 Jahren dokumentiert bekamen und immer noch bekommen. Nichts wurde hier im Blog so ausführlich dokumentiert wie der Niedergang Griechenlands in Folge der absehbaren kontraproduktiven Maßnahmen der Troika, die den Niedergang mit dem Turbo beschleunigten.

    M.E.s angesprochene Realitätsverweigerung halte ich für zum Teil als plausible Erklärung, letztlich sind auch Spar- Dogmatiker Menschen und verdrängen so lange wie möglich ein Scheitern ihrer Strategie. Im Falle von Griechenland gehe ich aber mittlerweile davon aus, das Griechenland seit ein paar Monaten bewusst an den Rand zum freiwilligen Austritt gedrängt wird, da intern als unrettbar eingestuft, was natürlich ein Schritt in Annäherung an die Realität ist, denn Monat für Monat wurden die Schäden unnötig durch die falsche Strategie maximiert. Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone würde von der falschen Strategie ablenken bzw. diese würde als Ursache in den Hintergrund treten.

    Passend zum Thema und durchaus lesenswert: http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/729548/Vorwaerts-in-die-1930er?_vl_backlink=/home/spectrum/zeichenderzeit/index.do

    Gruß Steffen

    • Georg Trappe - 18. Februar 2012

      Zustimmung!
      Vielen Dank auch fuer die Verlinkung dieser sehr guten Zusammenfassung.

      Viele Gruesse
      Georg Trappe

  • boris - 16. Februar 2012

    @hunsrückbauer und M.E.
    Vielleicht ist es ja eine Mischung aus euren Beiträgen – wenn dies auch etwas seltsam klingen mag. Ich glaube wirklich beides zu sehen. Ein paar wissen was sie tun und andere wiederum nicht. Schliesslich sind es Menschen und die funktionieren nicht alle gleich – auch wenn wir sie gerne in eine Schublade stecken. Dazu werden sie gute Pensionen erhalten – egal wieviel sie (nicht) geleistet haben.
    Doch mal zur EU. Eine Kette ist so gut wie ihr schwächstes Glied und diese “Glieder” werden weiter geschwächt. Da habe ich schon mühe, dass es immer noch zuviele Personen nicht sehen (wollen), denn es ist meiner Meinung nach nur noch eine Frage der Zeit bis die EU sich totspart! Andererseits wird es mir oft schlecht, wenn ich Wirtschaftsnachrichten in den Medien lese – Hintergrundinformationen fehlen meistens und es ist nur noch ein langweiliges blabla. Ein Verblödungsapparat der mich an die Sonderschule erinnert, als normal intelligente Kinder (natürlich Ausländer) verblödet wurden und man es “helfen” nannte…

    • Andres Müller - 16. Februar 2012

      @boris, noch ein weiterer Grund den ich überall in den Medien sehe -die Konditionierung des Bewusstseins durch das Verhalten der mächtigsten Eliten. Das sieht zum Beispiel so aus, ich zitiere einen Medien -Ökonomen:
      “Der Grund für das wachsende Ungleichgewicht ist, dass die französischen Lohnstückkosten gegenüber den deutschen zu schnell gestiegen sind.”

      Tatsächlich aber entstand das Ungleichgewicht infolge stagnierender Nettolöhnen in Deutschland, der Ausweitung von Billiglohnarbeitsplätzen -die Arbeitnehmer werden zu wenig am Exporterfolg beteiligt. Die Lohnstückkosten stiegen praktisch überall -ausser in Deutschland.

      Also es gibt jene welche die Realität verdrängen, jene welche aus den tiefen elitärer Netzwerke illustren Kontrollgelüsten nachgehen und Marionetten des elitären Denkens. Im Allgemeinen haben sogar die Realitätsverdränger die grösste Macht -denn der Glaube ist ein wichtiges Element in der Welt der Börsen. Es ist nicht einmal sicher ob die Märkte schliesslich über ein unüberwindbares Faktum stolpern werden -es kann sogar sein dass der Kollaps im Angesicht einer möglichen Lösung der Probleme kommt. Wenn die Lösung für gewisse Meinungsleader unangenehme Folgen bringen würde, dann werden sie die Idee als Katastrophe darstellen -und die Masse der Gläubigen wird ihnen folgen.

  • nobs - 16. Februar 2012

    Ich sehs wie
    Oskar Lafontaine: Merkel ist dabei, Europa zu zerstören
    Es gibt eine organisierte deutsche Ignoranz in der Politik und den Medien gegenüber den ungleichen Außenhandelsbilanzen wie auch an anderer Stelle gegenüber der Binnennachfrage, alles
    von den Verbänden getragene Schönfärberei.
    Für uns “kleinen Leute” wie auch für ein gemeinsames Europa fatal!

  • Ert - 16. Februar 2012

    Ich sehe für mich einen kleinen Kreis von Leuten die einen Plan verfolgen bzw. ein Big Picture vor Augen haben. Viele andere laufen mit, bzw. begreifen gar nicht welche Funktion Sie im System bzw. großen Spiel erfüllen. Die bekommen eben bestimmte Befehle oder Anreizsysteme gesetzt und verhalten sich gar normal opportunistisch.

    Das ganze ist doch vergleichbar mit einem großen Konzern. Da machen vielen Ihren Scheiss, da gibts Grabenkämpfe – währenddessen die Konkurenz sich freut – Ineffizienz, Fehlentscheidungen, kaputte Strukturen, Eitelkeiten, etc. pp. Aber am Ende kommt bei vielen was raus.

    Ich denke – wie in großen Konzernen – das der Führung klar ist wie chaotisch bestimmte Sachen ablaufen und das Sie Ihre Ziele oft nur indirekt – und nicht offen – umsetzten können. Wichtig ist die Anreizsysteme zu kontrollieren und Schlüsselpositionen zu besetzen.

  • Hallo Querschuesse.de - 16. Februar 2012

    @ert

    Nicht umsonst gibt es Strategiepapiere in der Politik, ne Handvoll weiß sehr genau was sie tun oder nicht tun das auf einem Jahrzehnt gesehen.Der Rest tanzt mit.

  • M.U. - 17. Februar 2012

    Ich würde mich hier M.E.’s Auffassung anschließen. Niemand hält mehr das Zepter in der Hand. Die Welt ist derart komplex geworden das Niemand mehr vermag alle Entwicklungen unter einen Hut zu bringen, geschweige den ihre Auswirkungen einzuschätzen oder diese umfassend zu kontrollieren. Too komplex to live…

    William Catton geht in einem seiner Bücher der Frage nach: Wieviel Arbeitsteilung ist Gesund?
    Im Gegensatz zur etablierten BWL Auffassung, hat ein hoher Grad an Spezialisierung nicht nur Vorteile. Der Spezialist beackert in erster Linie nur sein eigenes Fachgebiet. Fehlerhafte Entwicklungen in anderen Bereichen bekommt er nicht mit oder kann diese, auf Grund fehlenden Fachwissens, meist nur ungenügend einschätzen. Der Blick für das große Ganze wird also im zunehmenden Maße verzerrt. Weiter schafft dieses hohe Maß an Arbeitsteilung auch künstliche Grenzen in der Kommunikation sowie im Verständnis. Heute wird ja bald aus allem eine Wissenschaft mit eigenen Symbolen und eigener Sprache. Er schreibt dazu:

    “The same kind of indication of behind-the-scene involvement of myriad specialist occupations can be obtained at a movie theater by simply sitting through the rolling of a film’s “credits.” An impressive number of people exercising an impressive number of differentiated skills will be seen to have made possible the images of actors on the screen.

    Because occupations in modern societies are both specialized and numerous they are one of the principal ways in which we, the mass of people, are differentiated from each other. Specialties do confer identity. We all sense this, so much so that it is even reflected in idle conversation. Any two unacquainted individuals who happen to encounter each other in a queue — for instance at the passenger check-in counter of a major airline, are unlikely to be employed in identical jobs. Should they find themselves in adjacent seats aboard their flight and begin to get somewhat acquainted through conversation before or after takeoff, some approximation of “What do you do for a living?” will be one of the early questions — probably subsequent by only a moment or two to the even more stereotypical “Where are you from?”

    The enormously ramified division of labor in modern societies is one of the factors responsible for the fact that weather has become one of the few topics each of two strangers randomly confronting one another can be sure is a mutual interest, about which both are likely to have opinions. Unless one of them just happens to be a meteorologist or a climatologist, however, their respective (non-expert) opinions about the subject are unlikely to have any significance beyond enabling a friendly exchange of remarks to occur that may be socially preferable to the awkwardness of prolonged silence.

    So our occupational differences set us apart from each other. The fact that different vocabularies go with different skills and create communication barriers is just one of the ways in which human beings are divided from one another — in addition to whatever ethnic, educational, marital, political, racial, religious, or recreational differences may separate us.”
    Quelle: “Bottleneck: Humanity’s Impending Impasse” – by William R. Catton Jr.

    Eigenartig, welch dubiosen und meist sinnlosen Fragen manche nachgehen. Deutschlands Souveränität, einzelne Paragraphen des Grundgesetzes, wer mit wem Lieferverträge über Rohstoffe abschließt, wer sich wo Ressourcen sichert. Ihr sucht nach Schuldigen und wühlt im Dreck. Meine Großmutter sagte immer: “Papier ist geduldig”. Wenn es ums Überleben geht, sprich wenn die frierende und hungernde Masse aus der Strasse steht, werden all diese Vereinbarungen gegenstandslos sein. Es interessiert dann keinen Menschen mehr, ob das Stückchen Kohle aus unserer Grube eigentlich der USA gehört oder ob der Weizen von Müllers Feld bereits nach Honolulu verkauft wurde. Der Hungernde wird auch nicht ins Grundgesetz schauen bevor er einen Anderen bestiehlt.

    • Ert - 17. Februar 2012

      Hallo M.E.

      “Die Welt ist derart komplex geworden das Niemand mehr vermag alle Entwicklungen unter einen Hut zu bringen, geschweige den ihre Auswirkungen einzuschätzen oder diese umfassend zu kontrollieren.”

      Das alles im Detail zu kontrollieren ist auch gar nicht nötig. Wie ich schon geschrieben hatte: Man muss nur Anreizsysteme etablieren und Schlüsselpositionen besetzen. Ein nahes und gutes Beispiel ist hier u.a. die Förderung von Photovoltaik.

      “Meine Großmutter sagte immer: “Papier ist geduldig”.”

      Ja. Aber solange die Musik spielt (also die Staatsgewalt funktioniert), ist das Papier dennoch sehr wichtig.

      “Eigenartig, welch dubiosen und meist sinnlosen Fragen manche nachgehen.”

      Ja, das ich mir z.B. über Geldordnung, Peak-Oil, Energie und Wirtschaft Gedanken mache ist für viele nicht nachvollziehbar – sinnlos im Auge der meisten Betrachter, da es doch sowieso kommt wie es kommt!

  • leslie - 17. Februar 2012

    Ekelhaft…
    http://www.europeonline-magazine.eu/wulff-lobt-in-italien-schroeders-agenda-2010_190067.html

    Zum Glück ist Wuff weg.
    Und Italien auf dem besten Weg,Griechenlands Weg mitzugehen.

    Mfg

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