Italien: Target2 explodiert auf -191,379 Mrd. Euro

von am 9. Januar 2012 in Allgemein

Soeben berichtete die italienische Zentralbank (Banca d’Italia) die Daten zur Zentralbankbilanz für den Monat Dezember 2011. Im Dezember schossen die Target2 Verbindlichkeiten der italienischen Zentralbank auf -191,379 Mrd. Euro, nach -147,535 im November und nach -88,598 Mrd. Euro im Oktober. Auf der anderen Seite der Bilanz zog die Kreditvergabe über Refinanzierungsgeschäfte an italienische Banken weiter an, auf nun 209,995 Mrd. Euro, nach 153,203 Mrd. Euro im November und nach 111,288 Mrd. Euro im Oktober. Im Dezember 2010, also im Vorjahresmonat, betrugen die Forderungen aus geldpolitischen Operationen an Kreditinstitute nur schlappe 47,635 Mrd. Euro.

Diese Daten zeigen einen unglaublichen und zugleich brachialen Stress im italienischen Bankensystem an und dokumentieren eine weiter steigende Kapitalflucht im Dezember. Flüchtige Bankeinlagen bei den Banken werden durch Zentralbankgeld ersetzt.

Die Entwicklung des Target2 Saldos der italienischen nationalen Notenbank seit Januar 2001 bis Dezember 2011 im Chart. Italien hielt lange Zeit sogar relativ kräftige Forderungen, die aber seit Juli 2011 schlagartig zu Verbindlichkeiten kippten und zuletzt im Dezember -191,379 Mrd. Euro erreichten. Die massive Ausweitung eines negativen Target2 Saldos in Italien, in nur kurzer Zeit, dokumentiert die Brisanz der Krise in der Eurozone und deren weiterer Weg in die finale Phase!

Die Verbindlichkeiten aus den negativen Target2-Salden der italienischen Zentralbank sowie der anderen Zentralbanken der Südperipherieländer inkl. Irlands, Belgiens und Frankreichs (PIIGSBF) fallen zwar formal bei der EZB an, sind aber in der Realität der positive Target2-Saldo der Deutschen Bundesbank, Luxemburgs, Hollands und Finnlands. De facto münden die Forderungen der Bundesbank und anderer Zentralbanken mit einem positiven Target2 Saldo über den negativen Target2 Saldo der PIIGS auf der Passiva-Seite der Bilanz in Kreditvergabe an die dortigen Banken auf der Aktiva-Seite der Bilanz.

Die Target2 Salden zeigen den Stress im Eurosystem hervorragend an, die extrem auseinander divergierenden Target2 Salden in der Eurozone dokumentieren die Zahlungsbilanzkrise in der Eurozone. Zentralbankgeld muss nun Leistungsbilanz und Kapitalbilanz in Übereinkunft bringen, da private Nettokapitalzuflüsse nicht mehr die Leistungsbilanzdefizite der PIIGS inkl. Belgiens und Frankreichs finanzieren und Zentralbankgeld nun auch noch zusätzlich die privaten Nettokapitalabflüsse (Kapitalflucht) aus diesen Staaten abpuffern muss.

Ein negativer Target2 Saldo ist die Differenz der Leistungsbilanzdefizite abzüglich der geringeren privaten Nettokapitalzuflüsse oder eben die Summe der Leistungsbilanzdefizite zuzüglich der privaten Nettokapitalabflüsse (Kapitalflucht), der positive Target2 Saldo ist das Pendant dazu, die Differenz der Leistungsbilanzüberschüsse abzüglich der geringeren privaten Nettokapitalabflüsse oder eben als Summe der Leistungsbilanzüberschüsse zuzüglich der privaten Nettokapitalzuflüsse.

Wenn es noch irgendwelche Zweifel gab, spätestens die italienischen Dezember-Daten zum Target2 Saldo zeigen eine unglaubliche Dynamik der Zahlungsbilanzkrise in der Eurozone an! Die Eurozone steuert weiter in Richtung Zuspitzung und potentiellen Zusammenbruch!

Immer alle verfügbaren Target2 Salden aktualisiert inklusive Charts: Querschuesse.de/target2-salden/

Quelle Daten:  Bancaditalia.it/BANK OF ITALY BALANCE-SHEET AGGREGATES AND OFFICIAL RESERVES IN DEZEMBER 2011
 

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

Print article

43 KommentareKommentieren

  • Achim Hase - 9. Januar 2012

    Was haltet ihr von einem negativen Einlagesatz bei der EZB? Aktuell ist er 0,25%, was wäre mit -1%?

    Die italienischen Banken schieben ihre Italienanleihen allesamt zur EZB (wer sonst gibt ihnen 100% des Nomalwertes?) und ziehen Zentralbankgeld dafür. Das wandert dann mangels Alternativen irgenwo in die EZB-Einlage.

    Wenn man die Einlage bestraft, was folgt dann? Eine Entspannung des Markts mit vermehrter Investitionsbereitschaft oder nur ein noch stärkerer Run auf Bundesanleihen und massive negative Renditen an dieser Stelle?

    @Querschuss: UniCredit -40% heute, das bleibt interessant!

  • Bernd Klehn - 9. Januar 2012

    @ Achim Hase

    ” Wenn man die (Zentralgeld-) Einlage bestraft, was folgt dann?”

    Dann würde keine Geschäftsbank mehr Sichtguthaben bei den Zentralbanken halten wollen. Sondern die Konten per Bargeld plündern.

    • Achim Hase - 9. Januar 2012

      @ Bernd. Die Milliarden als Bargeld bräuchten dann Platz und Versicherung, ich vermute den gibt es nicht aber der würde wohl über die Zeit geschaffen werden.

      Wir sehen, dass die Südbanken ihre Staatsanleihen in großer Zahl bei der EZB verflüssigen. Welche Möglichkeiten gäbe es, diesen Trend einzudämmen oder — wenn nicht möglich — dafür zu sorgen, dass mit der Liquidität etwas Vernünftiges geschieht?

      So wie es jetzt läuft, kann es doch nicht weitergehen. Die Anleihen wandern alle in Richtung EZB und die geschaffene Liquidität bläht die Bilanz auf, strömt in den Norden und liegt dort rum. Ändert die EZB ihre Richtlinien für Collateral, dann eskaliert die Situation erst recht.

  • Bernd Klehn - 9. Januar 2012

    Lieber Steffen, danke erschreckend.

    “Die Eurozone steuert weiter in Richtung Zuspitzung und potentiellen Zusammenbruch!”

    Genau diese Frage interessiert mich. Wie viel Zentralbankliquidität können die Privatanleger der Krisenländer noch ins Ausland pumpen und die Krisenländer erhalten es im Gegenzug via Eurosystem von den öffentlichen Händen der solventen Euroländer zurück? Wann also läuft dieser Pumpkreislauf trocken und die Zahlungsbilanz einzelner Länder lässt sich nicht mehr darstellen? Wo ist dort die Grenze? Der Pleitefall wäre also evident.
    .

  • Querschuss - 9. Januar 2012

    Lieber Bernd,
    bin ich leider nicht in der Lage zu beantworten, aber diese Entwicklung ist hochgefährlich und sehr dynamisch.

    Gruß Steffen

  • M.E. - 9. Januar 2012

    Die Ungleichgewichte akkumulieren sich leider immer mehr auf, so dass mit einer Trendwende auf absehbare Zeit nicht zu rechnen ist.
    Die breite Öffentlichkeit weiß mit dem Thema garnichts anzufangen und wird dann wieder einmal völlig überrascht sein, wenn diese Zuspitzungen irgendwann in einen Crash münden.
    Es wird den Bürgern nur erzählt, wie toll unsere Exporterfolge sind, ohne auf die Kehrseite der Medaille hinzuweisen.

  • M.E. - 9. Januar 2012

    Übrigens zur Unicredit: nachdem die Bank bei der Kapitalerhöhung schon einen Wahnsinnsabschlag von über 40% bieten musste, um Käufer zu finden, sind selbst die Zeichner der Kapitalerhöhung trotz des gewaltigen Abschags mittlerweile im Minus mit ihren neuen Aktien.
    Von den Altaktionären ganz zu schweigen.
    Das wird die Nachfrage nach Bankaktien generell nicht stimulieren. Kapitalerhöhungen werden insbesondere bei den Banken der Problemländer kaum noch an den Mann zu bringen sein.

  • Christian A. Wittke - 9. Januar 2012

    Das ist erschreckend, nicht aber überraschend.

    Der Niedergang des Euro (> schwach, schwächer, …) ist nicht mehr aufzuhalten.

    Der USDollar geht damit seiner einzigen möglichen Reibungsfläche (zu seiner eigenen Abwertung, > Inflation) verloren; Deflation und globale Depression sind Programm.

    Die Globalisierung wird ins Gegenteil verkehrt; so schnell kann’s gehen, wenn Laienschauspieler a la Finanzminister, Kanzler oder auch Bundespräsidenten in frühreife Währungsspielchen machen und Gerichtshöfe sich selbst und das ihnen anvertraute Gesetz deren Propaganda unterwerfen.

  • Systemfrager - 9. Januar 2012

    @ alle
    >>> Diese Daten … dokumentieren eine weiter steigende Kapitalflucht
    Wer kann mir ein bissle mehr Details verraten

    Die italianischen Banken gehen mit ihrem Geld nach Ausland. Verstanden. Aber wie geht es konkret vor sich?

    Geht es irgendwie über die Notenbanken der Staaten – zB I und D. Oder die registrieren nur was? Dann ist es so: Eine italianische Bank liefert einen Kredit einer deutschen Bank?

    Danke für die Antwort im Voraus

  • anders wählen! - 9. Januar 2012

    Einen sehr guten Einstieg in die Problematik um Target2 liefert Professor Sinn/IFO:

    http://mediathek.cesifo-group.de/iptv/player/macros/cesifo/mediathek?content=1389477&idx=3&category=894238729

    Es gibt zwar einen neueren Vortrag von ihm, ich finde aber in diesem ist ihm die Darstellung besser gelungen.

    Einfach nur erschreckend !!!

  • Bernd Klehn - 9. Januar 2012

    @ Systemfrager

    Die Antwort finden Sie Ihr, warum es für den einzelnen Teilnehmer einer Volkswirtschaft wichtig ist, dessen Zusammenbruch befürchtet wird, das eigene Kapital (Zentralbankgeld) aus dieser Volkswirtschaft abzuziehen oder als Euroschein in der Tasche vorzuhalten, dessen Abwertung man nicht befürchtet.

    http://www.andaluz.tv/nachrichten_costa_del_sol/det_nachrichten_costa_del_sol.php?idNot=7875

    Keynes schrieb im Bancor Plan:

    “Es gibt kein Land, das in Zukunft unbesorgt eine Kapitalflucht,…….., zulassen kann. Ebenso kann kein Land unbesorgt Fluchtkapital annehmen, weil das einem unerwünschten Import von Kapital gleichkäme, das nicht gefahrlos für feste Investitionen verwendet werden kann.”

    Die Tragik des Eurosystems ist, dass es sowohl Leistungsbilanzdifferenzen gefördert hat, als auch jetzt massiv Kapitalflucht unterstützt.

    In Anlehnung an Steffen:

    Die Geldpolitik der Eurozone steuert weiter in Richtung Zuspitzung und potentiellen Zusammenbruch und hat, wie schon seit Anbeginn, alles andere als eine dämpfende und die Eurozone erhaltende Wirkung! Es ist einfach nur tragisch und traurig.

    • Systemfrager - 9. Januar 2012

      Tja (ich lasse nicht locker)
      also die italianische Banken, ohne irgendwelche Erlaubnisse von der Notenban zu brauchen, gehen mit dem Geld nach draußen. Das ist schon ein Teil der Antwort. Aber wer ist derjenige, der solche Summen “draußen” entgegennimmt. Konkret wie möglich bitte.

      • Bernd Klehn - 9. Januar 2012

        Wo liegt das Problem? Sie, so wie jeder andere auch, können doch je ein Konto in Italien und Deutschland vorhalten und das Geld per Überweicung hin und her scheiben, je nachdem wo Sie glauben, dass es besser aufgehoben ist.

        • Systemfrager - 9. Januar 2012

          Ist es wirklich so einafach?
          Man öfnet eine Filiale mit einem Bankier und einer Puntzfrau in DE und kann im Prinzip alles machen wie Ackermann?
          Enschuldige die dumme Frage, ich kenne mich da aber nicht aus.

          • Achim Hase - 9. Januar 2012

            Wieso muss man dazu eine Bank in Deutschland aufmachen? Ein Konto bei einer x-beliebigen Bank reicht. Wenn ich heute 100 Mrd von meinem Konto in Italien auf mein Konto bei der Sparkasse Castrop-Rauxel überweisen möchte, genügt ein normale Überweisung. Dauert ein paar Minuten und kostet fast nichts. Wir haben freien Kapitalverkehr in Europa.

            Und genau das beißt uns jetzt, Bernd hat da sehr schön Keynes zitiert.

          • Bernd Klehn - 9. Januar 2012

            Wieso Bank gründen? Sie eröffnen je ein Konto bei einer vohandenen Bank in Italien und Deutschland. Wenn Ihnen beide oder eine gehören gut aber nicht notwendig.

  • Vivlos - 9. Januar 2012

    @Sytemfrager

    Selbstverständlich so einfach.
    Ich wohne als Deutscher in Griechenland, und schaufele Geld zwischen beiden Ländern
    in beide Richtungen problemlos hin und her.
    Auch private Zahlungen erfolgen meines Wissens über das Target-System, zumindestens sind
    die Landeszentralbanken kenntlich involviert.
    Also aus D Richtung GR: Hausbank, LZB, EZB, GNB, PiraeusBank und umgekehrt.

  • hunsrückbäuerlein - 9. Januar 2012

    @achim
    ich habe gute Kontakte zu einer mittelständischen Bank in einer ländlich geprägten Region zwischen zwei großen Ballungsräumen. Die Wirtschaft ist geprägt von kleinen und mittelständischen sowie unselbständigen Dependancen großer Unternehmen. Viele “hängen” irgendwie an der Autoindustrie.
    Die aktuelle Kreditnachfrage geht gegen NULL, die Firmen schwimmen in Cash und suchen händeringend sichere lukrative Parkmöglichkeiten dafür, die sie nicht finden, investiert wird aber auch nicht und schon garnicht Fremdkapital nachgefragt. Sie scheinen ihr Pulver trocken zu halten – wofür?
    Mit einer Neagtivzentralbankeinlage, die ja aktuell bei 0,25% Zins und 3% Inflationsrate schon 2,75% negativ ist, würde isich m. E. nicht viel ändern. Dann müßte der Negativparkzins schon der -5% oder mehr nähern und dann?
    Ich schätze, dass die Banken dann das Geld mit Gewalt unters Volk bringen würden, die Inflationsrate möchte ich dann mal erleben, schätze locker > 10% per Monat.

    • Systemfrager - 9. Januar 2012

      So etwas pass in meinen (theoretischen) Kopf
      Warum sagt mir die Angestellte meiner Bank nicht, Herr SPARER tut mir Leid, wir brauchen momentan kein Geld mehr, kommen Sie vielleicht im Sommer wieder

      • Systemfrager - 9. Januar 2012

        Korrektur
        So etwas passt in meinen (theoretischen) Kopf NICHT!

      • Achim Hase - 9. Januar 2012

        Das ist oft eine politische Entscheidung der Banken. Vielleicht braucht man den Systemfrager bald wieder als Anleger. Man konnte auch in der Krise 2008 beobachten, dass Sparkassen und Volksbanken in Liquidität schwammen und trotzdem noch Kunden mit hohen Zinsen lockten. Ich weiß von einer mittelständischen Genossenschaftsbank, die aktuell einen Passivmittelüberhang von 900 Mio Euro hat und nicht weiß was damit zu tun ist.

  • hunsrückbäuerlein - 9. Januar 2012

    @ systemfrager, na dann lies noch mal genau die kommentare von Bernd Klehn; die halten alle ihr Pulver tocken…..hier im Norden, transferieren vieleicht sogar erträge aus den dependancen in den piigsf nach D um im nachhinein volle pulle aus allen rohren schießen zu können…

  • Knut34 - 9. Januar 2012

    Die Buba sollte die Anleihen die sie als Sicherheit bei der EZB hinterlegt hat tauschen. Die Bundesanleihen zurückholen und dann am Markt Schrottanleihen der PIFGIS kaufen und diese dann bei der EZB gegen frisches Geld hinterlegen!

    • Achim Hase - 9. Januar 2012

      Knut34: Glaubst Du bei der EZB sind noch erstklassige Anleihen als Collateral hinterlegt? Aktuell ist die EZB der einzige Marktakteur, der Dir eine Griechenlandanleihe mit 100% beleiht und zieht damit die schlechten Vermögensgegenstände förmlich an. Was könnte man besseres mit GIPS-Anleihen tun als sie bei der EZB zu beleihen?

      • anon - 9. Januar 2012

        @ Achim Hase

        Das stimmt nicht, das ESZB schöpft Zentralbankgeld in Höhe des Marktwertes der hinterlegten Sicherheit – Bewertungsabschlag je nach Ausfallwahrscheinlichkeit. Für jedes marktfähige Wertpapier nachprüfbar unter:
        https://mfi-assets.ecb.int/query_EA.htm

        Ansonsten lohnt ein Blick in die General Documentation:
        http://www.ecb.int/pub/pdf/other/gendoc2011en.pdf

        • Achim Hase - 9. Januar 2012

          Sehr interessant, danke für die Links! Ich ging immer davon aus, dass Geschäftsbanken Staatsanleihen bei der EZB zum Nominalwert beleihen können. Die EZB schreibt:

          For each eligible marketable asset, the Eurosystem defines the most representative price source to be used for the calculation of the market value.

          Wenn ich jetzt den August 2012 Bond von Griechenland nachlage ( https://mfi-assets.ecb.int/cgi-bin/db/EA_area.executor?p_sid=782983&p_what=HTML )

          dann sehe ich, dass die EZB einen Bewertungsabschlag (“valuation haircut”) von 5.5% vornimmt und den griechischen HDAT ( http://www.bankofgreece.gr/Pages/en/Markets/HDAT/default.aspx ) als Referenzmarkt festlegt. Nach der Beschreibung ist dies eine normale Handelsbörse mit Geld-/Briefspanne, d.h. dort sollte obiger Bond mit 32% bewertet sein, somit würde die EZB den Bond mit 32% – 5,5% bewerten.

          Was ist dann mit Margin Calls bei sich verschlechterndem Collateral?

  • Knut34 - 9. Januar 2012

    Das die PIFGIS so handeln und jeder private Akteur ist klar. Aber die Buba?

    • Mark - 9. Januar 2012

      So wie ich das verstanden habe, hat die Bundesbank gar keine andere Wahl. Sie MUSS den Kredit gewähren. Dies geschieht dadurch, dass sie bei einer grenzüberschreitenden Überweisung von einem Euro-Land nach Deutschland der (deutschen) Geschäftsbank den Überweisungsbetrag gutschreibt und im Gegenzug eine Forderungsposition gegenüber der EZB erhält. Wie werthaltig diese Position ist, das steht in den Sternen.

      Der wahre Skandal ist, dass hier eine Lücke im System gnadenlos von den maroden Ländern ausgenutzt wurde und wird. Eine demokratische Legitimation hierfür (z.B. durch den Bundestag) hat es m.W. aber nicht gegeben. Die Politik schweigt, obwohl die exzessive Nutzung der Traget-Kredite bereits im Sommer 2007 (!) begonnen hat.

  • King Balance - 9. Januar 2012

    Maximale Panik herrscht bereits bei: Merkel und Sarkozy: „Lage ist sehr angespannt“

    Sehr unentschlossen wirkten Angela Merkel und Nicolas Sarkozy bei der Präsentation der Ergebnisse ihrer Gespräche. Daher nahm EU-Ratspräsident Herman van Rompuy das Heft in die Hand und verschickte den neuen EU-Kurs („Wachstum!“) per Twitter. http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2012/01/35167/

    Jetzt sind die Euro-Retter mit ihrem Latein am Ende. Der Euro dürfte es auch bald sein. Euro im dritten Krisenjahr – das Endspiel beginnt.

    Möge uns die höheren Mächte helfen, das was auf uns zukommt als das zu akzeptieren, was notwendig ist, um eine schönere Welt zu gestalten. Mögen wir die Kraft behalten, weiter auf unserem Weg zu gehen, mit Verantwortung für uns und die Anderen. Und mögen wir den Mut und das Durchhaltevermögen behalten, uns nicht einschüchtern zu lassen oder in die Resignation zu verfallen.

    • Knut34 - 9. Januar 2012

      5. krisenjahr. Nicht Drittes. Wunderschön an Target2 Zeitreihen abzulesen!

  • M.E. - 9. Januar 2012

    …in spiritus sanctus,
    amen

  • Bernd Klehn - 9. Januar 2012

    @anon

    Vergessen Sie mal die Geldsystemtheorie. Der Herausgeber der gesetzlichen Währung kann das Zentralbankgeld schaffen, vernichten, verleihen (gegen Zinsen und Sicherheiten), verschenken, nur gegen Gold tauschen, nur an bestimmte Institutionen herausrücken (Geschäftsbanken) usw. so wie er will. Er ist dort vollkommen frei. Ist das Geld allerdings erst einmal in der Welt muss natürlich über dessen Verbleib eine sorgfältige und berechenbare Buchführung darüber erfolgen. Money makes the world goes round. Der einzige Zweck des Geldes ist es das Hamsterrad, welches sich Wirtschaftskreislauf nennt, in Gang zu halten. Ohne Geld bewegt sich Nichts, mit zu viel Geld auch Nichts, den falschen vor die Nase gehalten auch Nichts (Zynismus an: Griechischen Beamten, Finanzkasinobetreibern). Wir lernen schnell, dass wir der gesetzlichen Währung hinterher hechten müssen, wollen wir ein zivilisiertes und materiell sorgenfreies Leben führen. Aufgabe des Geldes ist es nur richtige Anreize dieses auch möglichst Vielen und gerecht zu ermöglichen. Dabei bleibt Geld immer nur Geld und Ware immer nur Ware. Der Bezug zwischen Geld und Gold oder anderen Sicherheiten ist z.B. immer nur ein künstlicher und in modernen Geldsystemen mit seiner Buchführungsmöglichkeiten ein ehr hinderlicher.

  • SLGramann - 9. Januar 2012

    Hallo Mark, Bernd, andere,

    Mark hat geschrieben:

    “Dies geschieht dadurch, dass sie bei einer grenzüberschreitenden Überweisung von einem Euro-Land nach Deutschland der (deutschen) Geschäftsbank den Überweisungsbetrag gutschreibt und im Gegenzug eine Forderungsposition gegenüber der EZB erhält.”

    Es tut mir leid, wenn ich damit nerve, aber ich würde es so gern verstehen…

    Folgendes:

    Die Bundesbank hat auf der Aktivseite eine Target-Forderung gegen die EZB und eigentlich gegen die Zentralbank von bspw. Italien.

    Auf ihrer Passivseite schreibt sie einer deutschen Geschäftsbank das entsprechende Guthaben gut.

    Jetzt meine Frage:

    Warum sollen die deutschen Geschäftsbanken ihre Einlagen bei der Bundesbank immer weiter anwachsen lassen? Warum sollen die Geschäftsbanken diese Einlagen nicht zum Teil aus der Bundesbank abziehen können?

    Oder anders:

    Wenn durch Target-Forderungen künftig die Aktivseite der Bilanz der Bundesbank zum Wachsen gezwungen wird, mit welchen Mitteln kann sie sicherstellen, dass dies auf der Passivseite finanziert wird?

    Ich kann mir nicht recht vorstellen, dass es sich hier wirklich um einen Automatismus handelt und jedes Anwachsen von Target-Forderungen sich quasi dauerhaft von selbst refinanziert, ohne dass die Bundesbank dafür etwas tun müsste.

    Bisher(!) haben wir nur Vermögenswerte auf der Aktivseite getauscht – Refinanzierungskredit runter, Target-Forderungen rauf.
    Jetzt(!) muss aber die Bilanz länger werden, weil kein Aktivtausch mehr möglich ist.

    Und das soll gar kein Problem sein?

    Grüße!

    • Michael S - 9. Januar 2012

      Hallo SLGramann,
      schau dir mal Table 2 bei folgendem Link an

      http://www.voxeu.org/index.php?q=node/7391

      vielleicht hilft dir das weiter…

      Warum sollen die deutschen Geschäftsbanken ihre Einlagen bei der Bundesbank immer weiter anwachsen lassen? Warum sollen die Geschäftsbanken diese Einlagen nicht zum Teil aus der Bundesbank abziehen können?

      Antwort: Könnten die deutschen Banken jederzeit! Machen sie aber nicht da ihnen die Südeuropäischen Banken zu unsicher sind. Wenn eine deutsche Bank das Geld einer ital. Bank leihen WÜRDE (ergo weniger bei der Buba parkt) WÄRE die Target Forderung der Bundesbank geringer.

      Wenn durch Target-Forderungen künftig die Aktivseite der Bilanz der Bundesbank zum Wachsen gezwungen wird, mit welchen Mitteln kann sie sicherstellen, dass dies auf der Passivseite finanziert wird?

      Antwort: Eine höhere Target-Forderung ergibt sich, wenn auf der Passivseite z.B. die “Deposits from private credit institutions” sich erhöhen. Schau dir einfach den Link an.

      Gruß Michael

    • anon - 9. Januar 2012

      “Warum sollen die deutschen Geschäftsbanken ihre Einlagen bei der Bundesbank immer weiter anwachsen lassen? Warum sollen die Geschäftsbanken diese Einlagen nicht zum Teil aus der Bundesbank abziehen können?”

      Aus Sicht der Geschäftsbank ist das Zentralbankkonto der sicherste Aufbewahrungsort für Euros und es wird immerhin zu 0.25% verzinst, sicherer kann man z.b. sein Eigenkapital nicht anlegen.
      Andere Möglichkeiten sind Staatsanleihen, d.h. inzwischen sogar nominell negative Verzinsung für AAA, für alles anderen drücken die Kosten für CDS und andere Absicherungen die Rendite ins Negative.
      Andere Wirtschaftsteilnehmer (Unternehmen/Haushalte) schränken ihre Kreditnachfrage derzeit noch viel stärker ein als Staaten bzw. wollen einen Kredit, können aber keine Sicherheiten mehr hinterlegen.
      Auch die Fristentransformation wird für einige Banken eine Rolle spielen, wenn die Mehrheit der Kundeneinlagen täglich fällig ist (z.B. Tagesgeldkonto) kann sie weniger langfristige Kredite vergeben bzw. muss ihre Einlagen bei der ZB erhöhen um die Liquiditätsversorgung sicherzustellen, da der Interbankenmarkt aufgrund des Kontrahentenrisikos brach liegt.

  • kurzdump - 9. Januar 2012

    So wie ich das verstehe, korrigiert mich bitte wenn ich falsch liege:

    Die Bundesbank schöpft keine neuen Kredite weil den deutschen Geschäftsbanken immer mehr Liquidität aus dem Ausland zufließt (über Target2) und daher kein Kreditbedarf besteht. Die Geschäftsbanken “parken” dieses Geld dann wieder bei der EZB und damit wird die Bundesbank zum Nettoschuldner.
    In den Ländern aus denen das Geld abfließt müssen natürlich Sicherheiten für den “Target2-Kredit” bei der EZB hinterlegt werden. Die Anforderungen an dieses Sicherheiten wurden aber sukzessive heruntergeschraubt (mit Zustimmung des EZB-Rats, in dem auch die Bundesbank vertreten ist). Allerdings hat die Bundesbank dort 1 Stimme, genau wie Griechenland, Malta, etc. Die Bundesbank kann daher NICHTS dagegen tun.

    Das Ende der Fahnenstange ist dann erreicht wenn die jeweiligen Länder keine weiteren Sicherheiten hinterlegen können um einen Target2-Kredit zu ziehen oder wenn die Target2-Salden nicht mehr ausgeglichen werden können. Letzteres wäre dann der Fall wenn die Kreditschöpfung nicht mehr ausgeweitet werden kann ohne damit Inflation auszulösen.

  • jmg - 9. Januar 2012

    @ SLGramann
    “Ich kann mir nicht recht vorstellen, dass es sich hier wirklich um einen Automatismus handelt und jedes Anwachsen von Target-Forderungen sich quasi dauerhaft von selbst refinanziert, ohne dass die Bundesbank dafür etwas tun müsste. Bisher(!) haben wir nur Vermögenswerte auf der Aktivseite getauscht – Refinanzierungskredit runter, Target-Forderungen rauf. Jetzt(!) muss aber die Bilanz länger werden, weil kein Aktivtausch mehr möglich ist. Und das soll gar kein Problem sein?”

    Zu den Konsequenzen dieser Bilanzentwicklung und den Optionen der Bundesbank siehe:
    “TARGET2 Unlimited”
    http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2011/07/target2-unlimited/

  • SLGramann - 10. Januar 2012

    Michael S., jmg, vielen Dank für eure Hilfe! Letztendlich habe ich das so verstanden, dass die Gestaltung der Passivseite keineswegs eine Trivialität ist.

    Ich vermute auch, dass die jüngste Schwäche des Euro gegenüber anderen Währungen bereits Ausdruck des Misstrauens ist, dass die Zentralbank-Bilanz des Eurosystems außer Kontrolle ist und vor einer massiven Ausweitung steht.

    Private Investoren könnten (bzw. müssen) sich gerade deshalb gegen den Euro positionieren und die laufenden Prozesse könnten sich so spekulativ enorm verstärken.

    Es riecht bereits nach einer echten Währungskrise.

    Grüße

    • Bernd Klehn - 10. Januar 2012

      Dieses ist ein Ausdruck dafür, dass das Kapital nicht nur in Richtung Deutschland flieht, sondern in der Summe den Euroraum verläßt. Wobei der gewählte Fluchtpunkt Dollarraum auch nicht gerade ein verlässlicher ist. Den Abfluss von ausländischen Kapital aus den Euroraum könnten wir sogar begrüßen, da damit unsinnige finanzkasinomäßige Kapitalverquickungen zurückgeführt werden, wenn nicht der gesamte Euroraum 13% Nettoauslandsschulden hätte. Die Schwäche des Euroraum und die Spannungen innerhalb des Euroraum lässen sich wirksam nur druch eine Wachstumsstrategie mit einhergehender Umkehrung der Leistungsbilanz der Eurokrisenländer bekämpfen.

  • Christian Kurzer - 10. Januar 2012

    “Ich vermute auch, dass die jüngste Schwäche des Euro gegenüber anderen Währungen bereits Ausdruck des Misstrauens ist, dass die Zentralbank-Bilanz des Eurosystems außer Kontrolle ist und vor einer massiven Ausweitung steht”

    Kann man eigentlich irgendwie sehen, wie groß der Anteil der TARGET2-Forderungen/Verbindlichkeiten auf Seiten der EZB ist? Ich weiß, dass sie das nicht pro Land angeben, aber vielleicht irgendwo im Aggregat?
    Auf diese Weise könnte man immer ganz gut für die statistischen Nachzügler den TARGET2-Saldo schätzen.

  • Chris - 10. Januar 2012

    Ich habe mir diesen erschreckenen Bericht und eure kommentare durchgelesen. Was mache ich jetzt als Privatanleger mit dem Wissen?
    Soll ich davon ausgehen, dass der Euro in 2 Jahren tot ist und wir z.B. in AT wieder ATS einführen?

    In Franken oder andere Währungen flüchten?
    Baugrund kaufen? Gold?

    Wie bringe ich meinen sauer ersparten Betrag zumindest zum Teil in Sicherheit?

    • Ulrich Schlüter - 15. Januar 2012

      Vielleicht einmal die Türkei näher unter die Lupe nehmen, dort ein Konto in Türkischer Lira gut verzinst anlegen oder in türkische Immobilien investieren. Besonders Istanbul boomt, aber auch die türkische Riviera (Antalya, Alanya, Bodrum, Fethiye, Marmaris).

  • Bernd Klehn - 11. Januar 2012

    @ Chris

    Wenn du in den Eurokrisenländern engagiert bist, würde ich dem Herdentrieb folgen und auch die Investition aus dem Eurokrisenland zurück ziehen, auch wenn du somit Teil der Herde wirst und die Flucht noch verstärkst. Aber wer sich einer flüchtenden Herde entgegenstellt und diese flüchtet massiv seit August aus Italien bis Frankreich, wird tot getrampelt, wie jetzt das Eurosystem. Dieses ist leider so. Wenn du aber bereits in den solventen Eurostaaten engagiert bist, dann warte ruhig ab. Einen Teil wirst du so oder so als Steuerzahler bezahlen müssen. Ab August2011 gab es eigentlich keine andere Möglichkeit mehr, als die Insolvenz der Krisenstaaten zuzulassen, damit sich nicht erst zusätzlich noch so eine starke flüchtende Herde bilden konnte. Leider, leider.

2 Trackbacks