Keine Recovery in UK – sondern Justage der Absturzhöhe

von am 16. Februar 2011 in Allgemein

Als eine klare Sache, stellt sich die Beurteilung der Qualität der wirtschaftlichen Erholung in Großbritannien dar. Trotz historisch niedrigen Zinsen und Quantitative Easing der Bank of England ist das Ergebnis beeindruckend schlecht. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) Großbritanniens fiel im 4. Quartal 2010 um -0,5% zum Vorquartal auf 329, Mrd. GBP. Auch in UK wird sicher nicht ganz unberechtigt das Wetter für die schwache Entwicklung angeführt. Allerdings sind fundamentale Faktoren wohl entscheidender.

Die Entwicklung des realen BIP seit Q1 1990, im Vergleich zum Vorquartal. Im 4. Quartal 2010 sank das reale BIP um -0,5% zum Vorquartal, nach +0,7% im 3. Quartal und nach +1% im 2. Quartal 2010. Im Vergleich zum Vorjahresquartal ging es in Q4 2010 noch um +1,7% aufwärts, nach +2,8% in Q3.

Besonders fragwürdig erscheinen Wirtschafts- und Finanzpolitik und vor allem die Geldpolitik, wenn man die wachsenden Preissteigerungen betrachtet. Selbst der offizielle (geschönte) CPI für UK ergibt ein sehr unschönes Bild:

Der Consumer Price Index im Chart seit Januar 1995. Er stieg im Januar 2011 um +4,0% zum Vorjahresmonat, auf 116,9 Indexpunkte, nach 112,4 Punkten im Januar 2010.

Der monatliche Consumer Price Index im Vergleich zum Vorjahresmonat seit Januar 1995.

Noch etwas stärker stieg der Subindex für Nahrungsmittel und Getränke:

Um kräftige +6,3% zum Vorjahresmonat, auf 132,1 Indexpunkte, zog der Subindex für Nahrungsmittel und Getränke im Januar 2011 an. Im Chart die Daten für den Subindex seit Januar 1995. Seit Januar 2000 betrugen die Preissteigerungen bei Nahrungsmittel und Getränken (ohne Alkohol) satte +43,1%!

Der Fokus der angelsächsischen Blasenwirtschaft auf den Finanzsektor und den Immobiliensektor erklärt sogar diese starken Preissteigerungen. Denn die britische Notenbank flutet das System mit billigem Geld, um die Strukturen des Finanzplatzes London und seiner Player zu erhalten. Und wie es nun mal zu einem fortgeschrittenen System der virtuellen Geldvermehrung dazu gehört, reale Wertschöpfung ob nun industrielle oder landwirtschaftliche ist im Vereinigten Königreich ein Gräuel.

Wer selber wenig produziert und einen großen Teil seiner Lebensmittel von den Weltmärkten importieren muss, importiert eben auch die Preisinflation auf den Agrarrohstoffmärkten u.a. befeuert durch die Geldpolitik:

Die monatliche Food- (Nahrungsmittel) Handelsbilanz seit Januar 1983. Im Jahr 2010 kumulierte sich beim Handel mit Nahrungsmitteln ein Defizit von bemerkenswerten -16,942 Mrd. GBP. So ergab sich z.B. beim Fleisch 2010 ein Defizit von -3,568 Mrd. GBP, selbst mit Milchprodukten und Eiern kann man die eigene Bevölkerung nicht versorgen – hier betrug das Defizit 2010 immerhin -1,411 Mrd. GBP und bei Getreide und Futtermitteln betrug das Defizit -1,359 Mrd. GBP.

Für ein fundamentales Missverhältnis von Konsum und eigener Produktion spricht die gesamte Handelsbilanz UKs:

Das monatliche Handelsbilanzdefizit UKs bei Waren, Gütern und Dienstleistungen (blau) seit Januar 1992 und das monatliche Handelsbilanzdefizit bei Waren und Gütern (Goods) (rot). Das Handelsbilanzdefizit bei Waren, Gütern und Dienstleistungen betrug 2010 kräftige -46,22 Mrd. GBP, noch abenteuerlicher war das Defizit aus dem Handel mit Waren und Gütern, es betrug -97,199 Mrd. GBP – eine Voodoo-Ökonomie pur!

Zusätzlich zur sehr stark unterentwickelten Wertschöpfung in Industrie und Landwirtschaft ist auch der Bonus als Nordseeöl-Förderer im gravierenden Niedergang:

UKs monatliche Rohölförderung im Chart seit Januar 1976. Gemäß den letzten verfügbaren Daten für Oktober 2010 des britischen Department of Energy and Climate Change (DECC), sank die britische Crude Oil-Förderung auf 4,953929 Millionen Kubikmeter (0,97 Millionen Barrel pro Tag (mb/d)).

Der Abfall der Ölförderung dokumentiert sich auch in der Handelsbilanz für Öl:

Die jährliche Handelsbilanz von Rohöl seit 1981. Seit 2005 ist Großbritannien Nettoimporteur bei Rohöl, im Jahr 2010 belief sich das Handelsbilanzdefizit beim Öl auf -4,214 Mrd. GBP.

Um zu erkennen, das UKs Wirtschaftserholung keinerlei Substanz hat, muss man kein Doomer sein, nur Ignoranten würden bei dieser Datenlage das Gegenteil behaupten! Die fundamentale Lage ist desaströs, 2010 erzielte UK beim Handelsbilanzdefizit von Waren und Gütern einen neuen Rekord mit -97,199 Mrd. GBP. Die Preissteigerungen für die Konsumenten erklimmen Höhen, bei der keine ansatzweise seriöse Geldpolitik auf einem Leitzinssatz von 0,5% und QE beharren kann. Es stellt sich ebenfalls immer deutlicher die Frage wie hoch der Anteil im BIP ist, der durch die breiten Preissteigerungen ausgefüllt wird. Der BIP-Deflator bereinigt nicht nur in UK das nominale BIP nicht adäquat und so entsteht ein verzerrtes reales BIP und auch dieses verzerrte reale BIP wies bereits in Q4 2010 ein Minus von 0,5% zum Vorquartal aus.

Nun noch aktuelle Daten zu den Staatsschulden, der Bruttoschuldenstand des Staates wuchs 2010 um +145,6 Mrd. GBP auf 889,1 Mrd. GBP und betrug Ende des Jahres 59,3% des nominalen BIPs. Nur wer jetzt meint, der Anstieg ist zwar kräftig, aber dafür ist grundsätzlich noch viel Luft, liegt nur bedingt richtig, denn das Office for National Statistics, weist zwei Bruttoschuldenstände aus. Der inklusive den Effekten aus den eingegangenen Verpflichtungen durch die staatlichen Interventionen im Bankensektor liegt um 1,3 Billionen GBP höher, was sich im offiziellen Statement optisch so darstellt:

Ende 2010 betrug der Bruttoschuldenstand inkl. des Anteil der Verbindlichkeiten von Northern Rock, Lloyds Banking Group und Royal Bank of Scotland, die dem Central Government hinzuzurechnen sind, gewaltige 2,3227 Billionen GBP. Noch in Q3 2008 betrug nach dieser ebenfalls offiziellen Berechnungsweise der Bruttoschuldenstand “nur” 741,5 Mrd. GBP.

Die Entwicklung des Bruttoschuldenstandes des Staates, inklusive dem Effekt aus den eingegangenen Verpflichtungen durch die staatlichen Interventionen im Finanzsektor, seit Q1 2000 im Chart. Der Bruttoschuldenstand des Staates Ende 2010 mit 2,3227 Billionen GBP, entsprach 154, 9% des nominalen BIPs!

Der Future auf den britischen Aktienleitindex FTSE 100 im Chart seit Januar 2003. Er suggeriert mit 6062,5 Punkten die beste aller Welten und eine kräftige Recovery in UK.

Dieses Bild vom starken Aktienmarkt steht in starker Divergenz zu den anderen hier aufgezeigten Daten, so dass die richtigere Interpretation nur lauten kann, der FTSE 100 spiegelt vor allem die Geldentwertung wieder, wie übrigens auch die Preise für Edelmetalle und Agrarrohstoffe. Die skandalöse Geldpolitik schiebt nur partiell die reale Wirtschaft an, in den USA, UK und den Peripherieländern der Eurozone versagt sie. In allererster Linie erhöht sie die Assetpreise und dies führt zu weiteren Verwerfungen im gesamten volkswirtschaftlichen System. Angesicht solcher Datenlage ist Optimismus unangebracht, auch wenn dies dem vermeintlichen Zeitgeist widerspricht. Diese Analyse zu den relevanten Wirtschaftsdaten UKs ist eine Bestätigung dafür, das keine Probleme bisher gelöst wurden, weder die Ungleichgewichte im Handel, noch die Verschuldung, noch die Verwerfungen im Finanzsystem, noch die Folgen von Moral Hazard und ein paar andere “irrelevanten Kleinigkeiten”.

Quelle Daten: Statistics.gov.uk/BIP Q4 2010Statistics.gov.uk/PDF Bruttostaatsschulden exkl.Statistics.gov.uk/PDF Bruttoschuldenstand inkl.Statistics.gov.uk/zu den Datenbanken

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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