Konvergenz in der EU – Welche Konvergenz?

von am 30. August 2013 in Allgemein

Gastbeitrag von Sebastian

Eines der zentralen Ziele der Regionalpolitik der Europäischen Union ist es, die realwirtschaftliche Konvergenz in den EU zu fördern, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Angesichts des Desasters in der Eurozone lohnt sich da doch mal ein kurzer Blick drauf. ;)

1a1aBruttoinlandsprodukt in Kaufkraftstandard je Einwohner in Prozent des deutschen BIP. Einmal die EU16-Länder ohne Luxemburg (oben)  und einmal die restlichen EU-Staaten (unten). Die Werte für Luxemburg sind von 180 in den 90er-Jahren auf 240 in 2012 angestiegen und in der Grafik der Übersichtlichkeit halber nicht sichtbar.

Wer Konvergenz findet, darf sie behalten. :D In der „Zone“ ist, von den osteuropäischen Ländern Estland und Slowakei einmal abgesehen, absolut null Konvergenz beim BIP/Kopf zu sehen. In letzter Zeit kann sogar wieder eine nicht undeutliche Divergenz beobachtet werden. Nicht recht viel besser sieht es aus, wenn man sich die restlichen EU-Länder betrachtet. Die hoch entwickelten Länder Dänemark, Schweden und Vereinigtes Königreich befinden sich in etwa auf deutschem Niveau. Der Rest kommt lediglich auf Werte um die 40 bis 60% des deutschen Wohlstandsniveaus. Auch wenn einige osteuropäische Länder seit Mitte der 90er-Jahre durchaus sichtbar aufgeholt haben, wird es noch eine ganze Weile dauern, bis hier von einer echten Konvergenz gesprochen werden kann.

Diese Fakten sind einmal mehr besonders pikant im Zusammenhang mit der Währungsunion. Bekanntermaßen ist die absolute Mindestvoraussetzung für das spannungsfreie Funktionieren einer Währungsunion, dass die Inflationsraten der beteiligten Länder mittelfristig konvergieren. Nur dann kann auf Wechselkursanpassungen verzichtet werden ohne auf interregionale Transfers zurückgreifen zu müssen.

Hat man aber eine Währungsunion mit starken regionalen Unterschieden im Lebensstandard, dann muss man bei Faktormobilität davon ausgehen, dass Arbeitskräfte tendenziell von den ärmeren in die reicheren Regionen wandern. Eingedenk dessen, dass oftmals gerade junge, gut ausgebildete Arbeitskräfte besonders mobil sind, sollte dieser Effekt meines Erachtens nicht unterschätzt werden. Die gut ausgebildete Jugend ist für die erfolgreiche Weiterentwicklung einer Volkswirtschaft absolut unerlässlich. Die aktuelle Entwicklung in Südeuropa stellt aus meiner Sicht nichts weiter als eine absolut unverantwortliche Massenvernichtung an Humankapital dar!

Zusätzlich zur „harten“ Bedingung der Inflationskonvergenz tritt dann noch eine „weiche“ Bedingung der realen BIP-Konvergenz. In der Eurozone ist weder die eine, noch die andere Bedingung erfüllt. Leider einmal mehr ein Faktor, der für die Zukunft wenig Gutes erwarten lässt.

Gastbeitrag von Sebastian

Quellen: Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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24 KommentareKommentieren

  • Holly01 - 30. August 2013

    Hallo Sebastian und danke für die Daten,
    kennst Du einen konvergenten Wirtschaftsraum?
    Ich kenne keinen einzigen.
    Deutschland ist in seiner Wirtschaftsleistung und Kaufkraft pro Kopf so unterschiedlich, daß wir zwischen Median und arithmetischem Mittel unterscheiden, um überhaupt Aussagekraft zu bekommen.
    Ein Problem der EU sind die übertriebenen Ansprüche und die überhöhten Ziele. Das ist oft ein Anspruch auf iron man und in Wirklichkeit nimmt man an Zirkelspielen teil.

    • RedMoe - 30. August 2013

      Hallo, Holly01

      “kennst Du einen konvergenten Wirtschaftsraum?
      Ich kenne keinen einzigen.”

      Nope. Aber danke für das Stichwort Deutschland. Das werde ich mir bei Gelegenheit auch mal anschauen. Auch bzgl. Exportverteilung. ;)

  • SoundMoney - 30. August 2013

    Zunächst sollte man sich fragen: “Ist Konvergenz unbedingt erforderlich oder gar wünschenswert?”

    Das es nur ein Hirngespinst von Politikern ist um Steuern zu rechtfertigen kann man an der Umverteilungsorgie Westdeutschland nach Ostdeutschland nach 25 Jahren sehen. Wo ist die Konvergenz hier?

  • Kveta Pohlhammer - 30. August 2013

    Darf ich Ihren Beitrag ins Tschechisch übersetzen und dann veröffentlichen mit Querschuesse als die Quelle un dem Namen des Autors? Solche Informationen werden hier vertuscht.

    Vielen dank Kveta

    • Frankenfurter - 30. August 2013

      Hallo Frau Pohlhammer, haben Sie eine Erklärung, warum Tschechien die niedrigste sog. Armutsgefährdungsquote mit 5,1 % Bevölkerungsanteil von ganz Europa hat? Noch niedriger als im reichen Norwegen oder Schweden oder Deutschland (14,1 %).

      [Sie finden die Zahlen, wenn Sie auf der im Artikelende angegebenen Seite von Eurostat klicken und dort im in der Rubrik "Tabellen über EU Politikbereiche" den Ordner "Übergeordnete Indikatoren" aufrufen.]

  • RedMoe - 30. August 2013

    @SoundMoney

    Na ja, wie in dem Artikel erläutert gibt es durchaus den einen oder anderen Grund eine Konvergenz- und Kohäsionspolitik zu betreiben. Inwiefern diese dann erfolgreich ist, muss natürlich im Einzelfall beurteilt werden. Und wie gesagt, Deutschland werde ich mir bei Gelegenheit noch angucken. ;)

    @Kveta Pohlhammer

    Jederzeit. Ich kann Ihnen auch den Excel-Datensatz zukommen lassen, wenn sie da noch genauer reinschauen wollen. :)

  • Uwe - 30. August 2013

    Klasse, davon nehme ich morgen ein paar Kopien mit an den AfD-Wahlstand!

  • Freiberufler - 31. August 2013

    Beim Thema Konvergenz kann man auch die Konjunkturzyklen betrachten. In einem Währungsraum sollten die parallel verlaufen. Davon kann beim Euro absolut keine Rede sein.

    Übrigens: Schon 2000 brachte mein VWL-Dozent beim Thema Euro und seine Folgen immer das Beispiel “Hochkonjunktur in Deutschland – Rezession in Italien” und was passiert, wenn Club Med nicht mehr abwerten kann.
    Das Szenario ist jetzt zu 100 % eingetreten, aber wenn der Mann heute im Fernsehen als Experte auftritt, ist er immer so europhorisch…

  • asetzer - 31. August 2013

    Also, im Zeitraum 1995-2007, also nach der Euroeinfuehrung und der dadurch ausgeloesten Kapitalumlenkung weg von Deutschland in die Suedlaender, kann man einen Aufholeffekt bei unseren Krisenlaendern Spandurchaus durchaus ausmachen. Koennte es sein , dass in den BIP-Daten der Aufholeffekt unterzeichnet wird, da hier in den deutschen Daten die Misere der Binnenwirtschaft durch den Exportboom in die Suedlaender ueberdeckt wird ? Ich denke, ein Vergleich bei Kaufkraft, Konsum, Median-Einkommen der Bevoelkerung etc wuerde einen deutlicheren “Aufholeffekt” zumndest bis 2009 zeigen, der natuerlich nicht durch gesteigerte eigene Produktionsbasis gestuetzt, sondern eine reines Blasenphaenomen war.
    Ausserdem: wie soll dieser Aufholeffekt aussehen ? Etwa das Modell Ex-DDR mit massiven Subventionen, die die Steuerlast in (West)Deutschland noch weiter hochtreiben ? Schon bei der Einheit sind wir m.M. inzwischen an der Grenzen der Akzeptanz der Finanzierung angelangt,obwohl wir dieselbe Nation sind, und jetzt soll noch die EU dazu kommen ? – Oder das Modell Ostasien/Osteuropa: mit niedrigen Loehnen, Waehrungsmanipulation (was mit einer gemeinsamen Euro-Waehrung flachfaellt) und einer auf Entwicklung und Wachstum fixierten klugen Politik (was bei unseren IDIOTEN von Politikern in der EU und der Pattex-Merkel, die Null Vorstellungskraft fuer Alternativen hat, ein Ding der Unmoeglichkeit ist) Industriearbeitsplaetze aus den ehmaligen Industrienationen wie D abziehen, und so dort den Druck auf die Loehne und “Reformen” wie HartzIV erhoehen ? – Oder das Modell Japan: Blasen anheizen, und dann das System so lang wie moeglich ueber hohe Staatsverschuldung, Niedrigzinsen, “Quantitative easing” etc. irgendwie am laufen zu halten ? Bei diesen Alternativen sage ich klipp und klar: ich habe NULL Interesse an einem Aufholprozess, der realistisch gesehen nur zum Schaden Deutschlands und seiner Bewohner ablaufen kann.

    • Freiberufler - 31. August 2013

      Hans-Olaf Henkel argumentiert, dass diese “Konvergenz” nur über eine weitgehende Deindustrialisierung Deutschlands erreicht werden kann und wird. Das sollte sogar Brüssel hinbekommen. Man muss den Wirtschaftsstandort Deutschland durch Auflagen und Steuern (deren Einnahmen selbstverständlich nicht im Land bleiben dürfen) nur so teuer machen, dass keiner mehr deutsche Waren bestellt. Mission complete, Euro gerettet.

      • RedMoe - 31. August 2013

        Die These halte ich nur für ausgemachten Unsinn. Aber von Henkel erwarte ich, ehrlich gesagt, nichts anderes.

  • asetzer - 31. August 2013

    Redmore, gibt es fuer diese Meinung auch eine Begruendung ?

    • RedMoe - 1. September 2013

      Was soll denn die Begründung bei Henkels Argument sein? Wie läuft da die Kausalkette? Warum sollte es niemals möglich sein, dass in Europa alle Länder auf ein halbwegs ähnliches Niveau kommen ohne Deutschland arm zu machen? Keine Ahnung, was da dahinter stecken soll, aber so wie ich Henkel kenne, läuft das wieder auf die Nummer raus, dass halt nur wir fleißigen Deutschen dazu in der Lage sind eine anständige Industrie auf die Beine zu stellen und der “faule Südländer” da halt einfach zu doof dazu ist.

      Überhaupt ist die Erkenntnis über Ursache und Natur der Eurokrise bei Henkel mE nicht sehr weit gereift. Gut, er hat gecheckt, dass es wohl doch nicht sooo toll ist, wenn die südeuropäischen Länder nicht mehr abwerten können. Agenda 2010 als zentrale Krisen-Mitursache hat er aber anscheinend immer noch nicht auf dem Schirm. Stattdessen hängt er diesem hanebüchenen Unsinn von Hans-Werner Sinn an, die Agenda wäre eine Notwehrmaßnahme dagegen gewesen, dass der “Club Med” uns den Saft absagt. Um es mit Lafontaines Worten zu sagen: Welch ein historischer Schwachsinn!

      • Freiberufler - 2. September 2013

        “Warum sollte es niemals möglich sein, dass in Europa alle Länder auf ein halbwegs ähnliches Niveau kommen ohne Deutschland arm zu machen?”

        Ich finde die Vorstellung, dass man so etwas per EU-Richtlinie verordnen könnte, gelinde gesagt vermessen. Es hat in Europa seit dem Neolithikum immer irgendwelche Wohlstandsgefälle gegeben und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das durch ein Bürokratiemonster anders werden könnte.
        Dass gleiche Rahmenbedingungen nicht automatisch zu Konvergenz führen, kann man am untergegangenen Habsburgerreich studieren. Wirtschaftlich hat Euroland ähnliche Probleme wie die Donaumonarchie vor dem 1. Weltkrieg. Doch bekanntermaßen lernen wir aus der Geschichte, dass wir nichts aus der Geschichte lernen.

  • micdinger - 31. August 2013

    Dass es mit der Konvergenz nicht so recht funktioniert wird hier gut dargestellt.

    “Weil den Euro-Peripherieländern in der Krise der Weg zur Gesundung via externe Währungsabwertung verwehrt bleibt, wurden sie in den Pfad der internen Abwertung gedrückt, was bedeutet, dass sie eine Deflation ihres Lohn- und Preisniveaus erdulden müssen.”

    Funktioniert nur bis jetzt jedenfalls nicht!

    http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/32854/weshalb-die-eurokrise-noch-lange-nicht-vorbei-ist/

  • asetzer - 1. September 2013

    “Warum sollte es niemals möglich sein, dass in Europa alle Länder auf ein halbwegs ähnliches Niveau kommen ohne Deutschland arm zu machen?” Das ist in der Tat die Gretchenfrage. Meine Antwort lautet: 1. Die Erfahrung seit 1970 in den Industrielaendern USA, Westeuropas und inzwischen auch Japans zeigen, dass die alten Industrienationen die wegbrechenden Arbeitsplaetze,die im Zuge von Verlagerungen nach Osteuropa und China verschwinden, nicht mehr ausreichend durch neue Arbeitsplaetze in neuen Branchen und generellem Wachstum ersetzen koennen, wie vor 1970. Selbst unsere Suedlaender haben in den letzten Jahren grosse Handelsdefizite mit China aufgebaut, was eines der Kardinalprobleme dieser Krise m.M. ist, warum diese Laender ihr Heil in der Verschuldung suchten:sie sind schlicht icht mehr wettbewerbsfaehig in ihren alten Domaenen wie Textil, Billigautos, waehrend Deutschland die Chinesen und ihren Kram “noch” mit Maschinen und Premiumautos bezahlen kann. 2.Letztendlich bedeutet ein groesserer Wirtschaftsraum, in dem Laender mit hohen Einkommen,Produktivitaet und Kapitaleinsatz , und niedrigen Einkommen zusammengeworfen werden, dass sich die Preise fuer Kapital und Arbeit angleichen werden, und zwar irgendwo in der Mitte, da die Menge an Kapital pro Arbeiter sinkt, ausserdem werden Preise fuer das relativ knapper werdende Kapital (=Gewinne) gemaess Marktgesetzen steigen, die fuer relativ reichlicher vorhandene Arbeitskraft (=Loehne) fallen. Natuerlich steigt langfristig dank Kapitalbildung (solang in sinnvolle Projekte investiert wird, und die Kohle nicht in den spanischen,griechischen oder Bruesseler Sand gesetzt wird)die Produktivitat und die Einkommen, aber langfristig sind wir tot, das heisst unsere Generation wird die Suppe ausloeffeln muessen. Ich bin noch nicht mal Oekonom, aber mir scheinen diese Zusammenhaenge so klar, dass ich mich manchmal frage, ob ich von der ganzen Thematik nichts verstanden habe, oder die verammelte Riege der Oekonomen den Wald vor Baeumen nichtsehen kann (ernstgemeinte Frage) .

    • RedMoe - 1. September 2013

      “Ich bin noch nicht mal Oekonom”

      Bis zu diesem Punkt habe ich mich gefragt ob Sie stark der neoklassischen VWL-Lehre anhängen, aber diesem Satz war’s mir klar. Ihr ökonomisches Bild scheint leider (wie so oft) in erster Linie auf einzelwirtschaftlicher Logik aufzubauen, die bei volkswirtschaftlichen Fragestellungen leider nur minimal zielführend ist.

      Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich jetzt an dieser Stelle keine Grundsatzdebatte starten möchte, nur eins noch:

      Ich bin persönlich der Meinung, dass in den wirtschaftswissenschaften, insbesondere in Deutschland, allerhand im Argen liegt. Der neoklassische Mainstream scheint mir überdominant, so etwas wie wissenschaftlicher Diskurs scheint aktuell nicht stattzufinden – jedenfalls nicht in ernstzunehmendem Maße. Dieses dauernde Ökonomenbashing durch Nicht-Ökonomen ist mir allerdings dann auch extrem zuwider.

      Querschuesse ist ein sehr Daten- und Zahlen-lastiger Blog, wo zwar immer auch das Grundsätzliche angerissen wird, aber eben im Rahmen der Betrachtung spezifischer Dinge nur angerissen. Wenn Sie an einer eher intuitiven und noch grundsätzlicheren kritischen Betrachtung der Dinge interessiert sind würde ich Ihnen den Blog von Heiner Flassbeck empfehlen: http://www.flassbeck-economics.de/

      Der ist sicher nicht über jeden Zweifel erhaben, aber ich denke als Laie kann man dort allerhand lernen. 45€/Jahr für ein Abo sind auch nicht die Welt.

      :)

      • RedMoe - 1. September 2013

        Nachtrag: Der folgende Text mag vielleicht erkenntnisreich sein: http://stormfront.hard-light.net/Eurokrise_keynesianische_Sicht.pdf

        • Häschen - 2. September 2013

          Ich könnte mir vorstellen, dass jene recht behalten die von einem steigenden Zinsniveau über 20 Jahre mit Beginn (jetzt noch nicht so wirklich) ausgehen. Das ist eigentlich eher spannend.

      • Häschen - 2. September 2013

        Ist wahr. An sich ist der Herr Flassbeck Quelle eine sehr zuverlässige. Die Welt ist nicht so kompliziert.

        Es dauert halt bis man erkennt, dass am ersten Blick viele Ähnliches sagen, allein in anderen Worten gekleidet, und noch mal ein Weilchen bis man erkennt welche Konsequenzen sich aus dem ‘Ähnlichen’ ableiten. Letzteres ist mir relativ egal.

        Interessant sind an sich die groben Veränderungen. Ansonsten bringt einem Unternehmer Volkswirtschaft eher wenig. Möglw. ein Abschätzung der Verfügbarkeit von Kredit. Das gilt für das Gros.

        Ökonomie ist 90% Erfahrung im Leben.

        “Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.”

        In dem Punkt ist die neoklassische Überzeichnung bestimmt verwundbar.

  • Bubblegum - 2. September 2013

    @RedMoe
    “Ich bin noch nicht mal Oekonom”
    Bis zu diesem Punkt habe ich mich gefragt ob Sie stark der neoklassischen VWL-Lehre anhängen, aber diesem Satz war’s mir klar. Ihr ökonomisches Bild scheint leider (wie so oft) in erster Linie auf einzelwirtschaftlicher Logik aufzubauen, die bei volkswirtschaftlichen Fragestellungen leider nur minimal zielführend ist.”

    Man soll sich ja nicht in Streitereien Dritter einmischen, aber dieser Satz ist wieder so typisch für die Vertreter dieser Pseudowissenschaft VWL. Warum wird denn wohl schon in den Anfängervorle-sungen zwischen Mikro- und Makroökonomie unterschieden? Doch genau deshalb, weil die Entscheidungen der einzelen Wirtschaftssubjekte, also die von Ihnen kritisierte einzelwirtschaftliche Logik, zentrale Auswirkungen auf die makroökonomischen Daten haben!

    “Was soll denn die Begründung bei Henkels Argument sein? Wie läuft da die Kausalkette? Warum sollte es niemals möglich sein, dass in Europa alle Länder auf ein halbwegs ähnliches Niveau kommen ohne Deutschland arm zu machen? Keine Ahnung, was da dahinter stecken soll, aber so wie ich Henkel kenne, läuft das wieder auf die Nummer raus, dass halt nur wir fleißigen Deutschen dazu in der Lage sind eine anständige Industrie auf die Beine zu stellen und der “faule Südländer” da halt einfach zu doof dazu ist.”

    Außerdem, wer sehenden Auges durch unser Land läuft, der sieht doch schon die Folgen der Entreicherung unseres Landes:
    in den Städten und auf dem platten Land sind Brücken marode, Straßen gleichen Schlaglochpisten,
    Schulen den in Drittweltländern( konnte ich letztens bei der Einschulung meines Enkels deutlich in Augenschein nehmen), die Nahverkehrsanbindungen in der Fläche der 5 neuen Bundesländer sind
    auf ein äußerstes Minimum reduziert, soweit, dass man nicht offiziell noch nicht von einem totalen Zusammenbruch sprechen muß! (Mainz läßt grüßen!) Und das alles nur, um uneinbringliche Forderungen in Form von
    US $, GB Pound, oder Target2 Salden oder ELA Hilfen anzuhäufen.
    Was fast überhaupt nicht öffentlich diskutiert wird ist, dass die PIIGS- Staaten bereits seit Anfang der 90ger eine massive Bereicherung der Gläubiger durch die Konvergenz der Zinssätze erfahren haben. Lagen kurz nachdem Schmidt und D´estaing den ECU ausgeheckt hatten, die Zinssätze
    in den PIGS für öffentliche und Industrieanleihen zwischen 12 und 20% schnurrten sie auf um die
    8% zusammen. Das in diesen Zinssätzen ursprünglich mit eingepreiste Währungsrisiko wurde
    als risikoloser Zusatzprofit von den Kapitalanlegern dieser Länder vereinnahmt. Es gibt ernst-zunehmende Schätzungen, die behaupten der deutsche Häuslebauer und die deutsche Industrie hätte das ca. 1 Bill Euro gekostet. Denn, wäre die Währungunion nicht am Horizont aufgetaucht, wären Bsp. in Deutschland die Hypo-Zinsen bereits Mitte der 90ger nur noch bei 4%
    gelegen.
    Und damit stellt sich die dritte Frage: Sind große Wirtschaftsräume wie sie die EU oder die USA
    oder auch Rußland und China darstellen und der gesamte Freihandelsquatsch überhaupt für die Allgemeinheit
    und damit die Wirtschaftssubjekte nützlich?
    In den Anfängervorlesungen der VWL wurde das zu meiner Zeit mit Ricardos Modell der
    komperativen Kosten uneingeschränkt bejat!
    Heute stellt sich am Beispiel des EU-Desasters, der praktisch insoventen USA und Mexikos, wo sich
    praktisch jede staatliche Ordnung aufgelöst hat (s. NAFTA) die Frage, ob nicht autarkiebasierte Wirtschaftssysteme mit strenger Devisenbewirtschaftung erfolgreicher und nützlicher für die Menschen sein könnten!
    Viele Grüße Bubblegum

  • asetzer - 2. September 2013

    Ich will auch keine Endlosdiskussion lostreten, ich versuche nur meine Gedankengaenge hier von anderen ueberpruefen zu lassen, ob ich irgendwo grundsaetzlichen Trugschluessen aufsitze.

    Das “Oekonomenbashing” hat m.M. ihren Grund darin, dass der Mainstream der Oekonomen von der Immobilien- ,Finanz- und Konsumblase der USA bis 2008, sowie den massiven Verwerfungen innerhalb der Eurozone voellig ueberrascht wurde, und so stark an Glaubwuerdigkeit verloren haben, waehrend viele interessierte Laien und einige Mavericks der Oekonomie und Finanzbranche die Probleme korrekt analysierten. Eine Wissenschaft, deren Erklaerungsmodelle sich als so nutzlos erweisen, muss sich m.M. berechtigter Kritik stellen.

    Vielleicht sind Sie zu sehr in den Grabenkampfen der Hayek,Friedman und Keynes Anhaenger verwickelt, um die Lage objektiv zu uebersehen, jedenfalls sehe ich zumindest in der Politik kein grosses Uebergewicht “neoklassischer” Ansichten, in der Finanzbranche schon, allerdings hat das wohl eher mit der Deregulierung und der Freisetzung der animalischen Gewinngier dadurch geschuldet. Ich dachte, dass ich mit der Anspielung auf das Keynes-Bonmot “In the end we are all dead” klarstellte, dass ich diese Wirtschaftsrichtung keinesfalls kritisch gegenueberstehe.
    Keynes liegt m.M. mit seiner Analyse der Kojunkturzyklen und Wirtschaftskrtisen, der Erkenntnis, dass es viele prozyklische Elemente in der Wirtschaft gibt, die Boom-Bust Zyklen verstaerken (was wir ja bei Griechenland, Spanien etc eindruckvoll sehen konnten), und der Empfehlung, dass der Staat antizyklisch eingreifnen sollte, richtig, allerings bin ich ebenfalls der Meinung, dass man die klassischen Marktmechanismen, die bei Wirtschaftsraeumen langfristig zu einem Ausgleich der Produktivitaet ud der Preise fuer Arbeit und Kapital, nur ueber dauerhaften Transfers oder Abschottung entgehen kann. Natuerlich leidet Griechenland an den negativen Rueckkopplungen, die die Austeritaet verursacht, und die die Wirtschaft noch weiter abwuergt,nur hat der Staat anscheinend nicht die Mittel oder Durchsetzungskraft, sich die Finanzmittel fuer ein antizyklische Wirtschaftspolitik zu beschaffen, und ich sehe es nicht ein, dass dies durch Transfers aus D etc geschehen soll,solange die Griechen ihre Kostenstruktur nicht auf wettbewerbsfaehiges Niveau gebracht haben.. Wenn man aber ueber die Krisen- und Konjunkturzyklen hinausblickt, dann wirken m.M. ganz klar die Ausgleichsmechanismen, die eben bei einem weltweiten Arbeitskraftangebot, das dank China, Osteuropa, Einwanderung nach Westeuropa (Spanien als Beispiel) um eineige 100 Millionen gestiegen ist , die Loehne weltweit sinken lassen, konkret ueber den Kreislauf “Hartz4 Reform in D -> stagnierende Loehne in D und hoehere Wettbewerbsaehigkeit -> mehr Export -> mehr Arbeitslosigkeit in den Importlaendern -> Reformen in diesen LAendern -> Abnahme deutscher Exporte und mehr Arbeitslosigkeit in D -> wieder Reformbedarf”

    Das Ricardo-Modell ist m.M. sehr vereinfacht, aber richtig. Nur was passiert,wenn der komparative Vorteil Chinas “reichliche und billige Arbeitskraefte”, und der Deutschlands “lange Erfahrung in kapitalintensiven Old-Economy Industrien wie Chemie, MAschinenbau, die von den sich industrialisierenden Schwellenlaendern stark nachgefragt werden” lautet ? Dann haben wir den Effekt, den Sinn so kritisierte: Deurschland konzentriert sich auf kapitalintensive Industrien, die auch viel Geld (fuer die Industrie) einspielen, aber es fehlt an Arbeitsplaetzen fuer Normalqualifizierte, damits stagnieren die Loehne fuer einen Grossteil der Bevoelkerung, die aufgrund dieser Unsicherheit wieder weniger konsumieren und investieren -> weniger Binnennachfrage -> Strukturkrise in D,: wir haben also die negativen Rueckkopplungen einer Krise wie oben beschrieben, die sich abe m.M. nicht erfolgreich mit keynesianischen Mitteln bekaempfen laesst, solange das Grundproblem, das von den Marktausgleichsmechanismen angefeuerte abziehen von Arbeitsplaetzen nicht bekaempft wird, was allerdings eine Mammutaufgabe ist.

  • RedMoe - 2. September 2013

    Ohmannohmann. Also nur noch zwei kurze, allgemeine Anmerkeungen von mir:

    1. Dass das Handeln des Einzelnen Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft hat (wenn viele oder alle einzelne sich so verhalten) habe ich schon mitbekommen Im Gegensatz zum landläufigen Vorurteil sind Verteter der “Pseudowissenschaft VWL” nicht total verblödet. Worauf ich hinaus will ist, dass die tolle blumige Vorstellung “wir schnalle heute das Gürtelchen enger und tragen Geld zu Bank, dann kriegen wir morgen Zinsen” gesamtwirtschaftlich nicht funktioniert, da eine Volkswirtschaft als Ganzes nicht sparen kann (sieht man mal vom Leistungsbilanzsaldo ab und der sollte idealiter ausgeglichen sein).

    Und ja, warum wohl unternimmt man eine Unterscheidung zwischen Mikro- und Makroökonomie. Offensichtlich deshalb, weil die Betrachtung einzelner Märkte oder Teilmärkte (oder sogar nur einzelner Haushalte) eben etwas anderes ist als sich die Volkswirtschaft als Ganzes anzuschauen.

    2. Dass Deutschland “ausblutet” liegt nicht an irgendeinem Naturgesetz, dass eine Währungsunion halt zwangsläufig dazu führen muss, dass den reichen Regionen von den armen der Saft abgesaugt wird, sondern dass Deutschland diese Politik von anfang an massiv mit betrieben hat und sogar noch stolz darauf ist (“Exportweltmeister”). Die Kapitalablüsse inklusive TARGET2 und sog. Rettungspakete sind die *FOLGE* des deutschen Lohnmasochismus und nicht etwa dessen Ursache – auch wenn Leute die Henkel oder Sinn das natürlich anders interpretieren, aber die haben die Lohnsenkungspolitik ja von Anfang an massiv befürwortet.

    Aber es ist natürlich nicht verwunderlich, dass diese Leute jetzt Deutschland wieder als das arme Opferlamm hinstellen. Die müssen schließlich auch irgendwie ihre Ideologie retten.

  • asetzer - 3. September 2013

    Zur Ehrenrettung von Sinn muss gesagt sein, dass er den Zusammenhang “Euro-Einfuehrung” -> Banken lenken erst im Rahmen der Zinsangleichung im Euro Raum wegen der im Euro enthaltetenen impliziten Garantie (die inzwischen ueber Rettungsschirme explizit gemacht wurde), dann aufgrund dem durch den Kapitalimport initiierten Immobilen,Konsum und Verschuldungsboom deutsches Sparkapital in die Suedlaender um -> Kapital fliesst aus D ab, Deutschland faellt ab Euro-Einfuehrung in die binnenwirtschaftliche Krise, Schlusslicht bei Investitionen europaweit,5 Millionen Arbeitslose -> Hartz4 Reformen, stagnierende Loehne -> Exportboom, bis dieser Prozess durch den Zusammenbruch der Blase gestoppt wurde, das Kapital wieder in D bleibt, und hier wieder zu etwas hoeheren Investitionen in Immobilien etc fuehrt.

    Der Lohnmasochismus wurde von Sinn etc. nicht als Selbstzweck gesehen, sondern als “alternativlos” angesichts der Massenarbeitslosigkeit. Fuer diese Einfallslosigkeit kann man ihn, wie auch viele Wirtschaftsliberale kritisieren, aber ohne die Gruende der Massenarbeitslosigkeit damals anzupacken und diese war m.M. bedingt natuerlich auch durch die Dotcom-Krise, aber eben auch durch die Effekte der Euroeinfuehrung, der wachsenden Billigkonkurrenz und Abwanderung von Arbeitskraeften nach Osteuropa,China etc (Grundig,Nokia etc sind mir noch in Erinnerung). , und nur auf “keynesianische” Konjunkturprogramme oder Lohnerhoehungen zu setzen, wuerde m.M uns nur in die selbe Bredouille zurueckfuehren.