Münchhausen-Arbeitsmarktbericht

von am 6. Mai 2011 in Allgemein

244’000 neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft im Monat April, so die auf den ersten Blick positive Headline des Tages aus den USA. 25 Monate in Folge, seit Februar 2008, waren -8,750 Millionen Jobs in den USA verlorengegangen, davon sind seit März 2010 erst +1,762 Millionen Jobs außerhalb der Landwirtschaft wettgemacht worden. Genaugenommen, in der Relation zur Bevölkerungsentwicklung, war dieser Anstieg seit März 2010 aber ein Null-Event, denn die arbeitsfähige US-Bevölkerung ab 16 Jahre (Civilian Noninstitutional Population) war seit März 2010 um +1,987 Millionen angestiegen.

Im Chart der monatliche Stellenaufbau/abbau, Non-Farm Payroll Employments seit Januar 1985.

Der Stellenaufbau/abbau außerhalb der Landwirtschaft (Non-Farm Payroll Employments) wird in den Establishment Data gemessen. Diese werden direkt vom Bureau of Labor Statistics (BLS) bei ca. 400’000 Unternehmen aus über 500 Wirtschaftszweigen abgefragt. Die Daten zur Beschäftigung der abgefragten Unternehmen reflektieren ca. ein Drittel der lohnabhängigen Beschäftigten in den USA.

Auch im April dokumentiert sich die bescheidene Qualität des berichteten Stellenaufbaus, denn das Net Birth/Death Model generierte einen kräftigen Stellenzuwachs von +175’000. Damit setzt sich ein bekanntes statistisches Spiel fort. Der unbereinigte Stellenaufbau aus dem Net Birth/Death Model wird vom Bureau of Labor Statistics (BLS) gnadenlos überschätzt, es beruht auf eine fragwürdigen Schätzung der Beschäftigung aus neugegründeten und liquidierten Firmen, die immer aufs neue, jedes Jahr im Januar  korrigiert werden muss (-339’000 im Jan. 2011, -427’000 im Jan. 2010, -356’000 Jan. 2009, -378’000 Jan. 2008). Das Ziel wird allerdings erreicht, der Stellenaufbau wird durch die Schätzungen monatelang geschönt, im April 2011 besonders kräftig und jeweils im folgenden Januar revidiert.

Das Net Birth/Death Model generierte im April 2011 +175’000 Jobs. Bitte zum Vergrößern die Tabelle 2x anklicken!

Ein Kurzüberblick zum Stellenaufbau/abbau nach ausgewählten einzelnen Wirtschaftssektoren, darin enthalten auch die Schätzungen aus dem Net Birth/Death Model:
Total Nonfarm (außerhalb der Landwirtschaft): +244’000

Total private (private Wirtschaft): +268‘000
Goods (breitgefasste Industrie): +44’000
Construction (Bau): +5’000
Manufacturing (verarbeitendes Gewerbe): +29’000

Private service-providing (private Dienstleistungssektor): 224’000
Financial activities (Finanzsektor): +4’000
Professional and business service (unternehmensnahe Dienstleistungen): +51’000
Education and health service (Bildungs- und Gesundheitssektor): +49’000
Temporary help services (Zeitarbeit): -2’300
Retail Trade (Einzelhandel): +57’100

Government (Angestellte bei Federal, State and Local Government): -24’000

Die Household Data liefern auch im April in relevanten Parametern ein durchaus negatives Bild. Diese werden an Hand einer Umfrage des Census Bureaus bei 60’000 Haushalten für das Bureau of Labor Statistics (BLS) ermittelt, es werden die Daten zu den Erwerbsfähigen die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, zum Stand der Beschäftigung, sowie die Zahl derer die nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen erhoben! Die Household Data haben einen “expansiveren Anwendungsbereich”! Expansiv steht dafür, dass bei den Household Data alle über 16 Jahre erfasst werden, Arbeitnehmer, auch die in der Landwirtschaft, unbezahlte mithelfende Familienangehörige, Selbstständige, Arbeitnehmer in privaten Haushalten, Unterbeschäftigte und Arbeitnehmer, die in der Umfrage angeben im unbezahlten Urlaub zu sein.

Wie es um den US-Arbeitsmarkt steht, verdeutlicht die  Erwerbsquote (Civilian Participation Rate), sie verharrte auch im April 2011, den vierten Monat in Folge auf einem 26-Jahrestief. Das Civilian Participation Ratio dokumentiert das Verhältnis von Arbeitsfähigen ab 16 Jahren und denen, die davon dem Arbeitsmarkt zur Verfügung standen:

Die Erwerbsquote (Civilian Participation Rate) aus Civilian Labor Force Level (Arbeitskräfte, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und dem Civilian Noninstitutional Population Level (arbeitsfähige Gesamtbevölkerung ab 16 Jahre) verharrte im April 2011, seit 4 Monaten mit 64,2% auf dem tiefsten Stand seit März 1984! Im Chart die Daten seit Januar 1980. Auch unbereinigt blieb es ebenfalls bei ernüchternden 63,9%!

Während die arbeitsfähige Gesamtbevölkerung ab 16 Jahre (Civilian Noninstitutional Population) im April 2011 um +1,817 Millionen zum Vorjahresmonat stieg, sanken die saisonbereinigten Arbeitskräfte die dem Arbeitsmarkt angeblich zur Verfügung standen um festzuhaltende -1,099 Millionen zum Vorjahresmonat. Absurde und völlig unglaubwürdige Zahlen! Weit mehr als der gesamte Anstieg der arbeitsfähigen Bevölkerung, unglaubliche 2,916 Millionen zum Vorjahresmonat, verschwanden in Not in Labor Force, in der sogenannten Stillen Reserve, also Arbeitsfähige ab 16 Jahre die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung standen. Dies sind Taschenspielertricks zur Beschönigung der Arbeitsmarktstatistik.

 Die Zahl der saisonbereinigten, dem Arbeitsmarkt nicht zu Verfügung stehenden Arbeitskräfte, Erwachsene ab 16 Jahre (Not in Labor Force) seit Januar 1990 im Chart! Im April 2011 wurde erneut ein neues Allzeithoch mit 85,725 Millionen Arbeitskräften erreicht, die dem Arbeitsmarkt angeblich nicht zur Verfügung standen, ein Anstieg von +131’000 zum Vormonat und von +2,916 Millionen zum Vorjahresmonat! Not in Labor Force ist das Wachstumssegment im US-Arbeitsmarktbericht und dient zur Verschleierung der Situation am US-Arbeitsmarkt! Unbereinigt schossen die “Statistikleichen” in Not in Labor Force sogar auf 86,248 Millionen, ein Anstieg von +2,830 Millionen zum Vorjahresmonat!

Von den unbereinigten (not seasonally adjusted) 86,248 Millionen in Not in Labor Force, befanden sich bemerkenswerte 53,872 Millionen Arbeitsfähige in einem Alter zwischen 16 und 64 Jahren. Ein Anstieg zum Vorjahresmonat von mehr als relevanten +2,438 Millionen.

Hier ein noch erhellender visueller Vergleich der unbereinigten Originaldaten, von Civilian Noninstitutional Population Level und von Not in Labor Force Level jeweils im Vergleich zum Vorjahresmonat:

Logischerweise muss der Anstieg der unbereinigten arbeitsfähigen Bevölkerung ab 16 Jahre (Civilian Noninstitutional Population – blau) höher sein, als der Anstieg der unbereinigten arbeitsfähigen Bevölkerung ab 16 Jahre, die angeblich dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht (Not in Labor Force – rot), siehe die Entwicklung von 1978 bis Anfang 2009! Die Daten seit Juli 2009 waren ein deutlicher Beleg für eine verzerrte Arbeitsmarktstatistik. Im April 2011 wurde statistisch noch mal richtig Gas gegeben, denn es wanderten mit gewaltigen unbereinigten +2,830 Millionen, mehr Arbeitsfähige ab 16 Jahre in Not in Labor Force, als die gesamte Zahl der unbereinigten arbeitsfähigen Bevölkerung ab 16 Jahre im Vergleich zum Vorjahresmonat anstieg (+1,817 Millionen).

Mit diesen Daten hat sich die US-Arbeitsmarktstatistik als Münchhausen-Statistik entlarvt. Denn praktischer Weise spielen alle potentiellen Arbeitsfähigen ab 16 Jahren, die dem Arbeitsmarkt angeblich nicht mehr zur Verfügung stehen (Not in Labor Force) bei der Ermittlung der offiziellen Arbeitslosenzahl und Arbeitslosenquote keine Rolle. Denn relevant für die Ermittlung der Arbeitslosenquote und der Arbeitslosenzahl sind nur die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte (Civilian Labor Force Level) und die Beschäftigungszahlen (Employment Level) aus der Haushaltsbefragung!

Negativ sahen auch die Beschäftigtenzahlen aus:

Die Entwicklung der saisonbereinigten Beschäftigtenzahlen (Employment Level) seit Januar 2000, gemäß Household Data. Im April 2011 sanken die Beschäftigtenzahlen um -190’000 auf saisonbereinigte 139,674 Millionen. Beim Hoch im November 2007 waren 146,584 Millionen beschäftigt.

Die Zahl der unbereinigten Beschäftigten betrug 139,661 Millionen, ein Anstieg von +699’000 zum Vormonat und von +359’000 zum Vorjahresmonat! Zum Beschäftigungstief im Januar 2010 mit unbereinigten 136,809 Millionen beträgt der Abstand nun wieder +2,852 Millionen, allerdings ist die unbereinigte Zahl der arbeitsfähigen Bevölkerung ab 16 Jahren im selben Zeitraum um 2,314 Millionen gestiegen! In der Relation zur Bevölkerungsentwicklung hat sich die Situation, gemessen an den unbereinigten Daten, also nur unwesentlich verbessert.

Die unbereinigten Beschäftigtenzahlen (blau) und die saisonbereinigten Beschäftigtenzahlen (rot) im Chart seit Januar 2000.

Das Civilian Employment-Population Ratio, im Chart seit Januar 1948, also das Verhältnis der Beschäftigten (Employment Level) zur Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter (Civilian Noninstitutional Population Level) sank im April 2011 auf saisonbereinigten 58,4% und lag nur +0,2% über dem Krisentief aus Dezember 2009 und November 2010.

Das aussagekräftige Civilian Employment-Population Ratio von Männern ab 16 Jahren (blau) sank im April 2011 auf  63,7% und das von Frauen ab 16 Jahren (rot) sank auf 53,4%. Im Chart die Daten seit Januar 1948.

Den schwachen Arbeitsmarkt verdeutlicht auch dieser Chart, die Entwicklung der Civilian Noninstitutional Population (die arbeitsfähige Bevölkerung ab 16 Jahre  – blau) zu den Beschäftigtenzahlen (rot), jeweils unbereinigt und im Vergleich zum Vorjahresmonat. Während die arbeitsfähige Bevölkerung im April 2011 um +1,817 Millionen anstieg, nahm die Zahl der Beschäftigten nur um +359’000 zu. Der Chart seit Januar 1960 zeigt, dass der Zuwachs an Beschäftigung auch auf dem Niveau des Zuwachses der arbeitsfähigen Bevölkerung und sogar darüber liegen kann!

Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote U-3 im Chart seit Januar 1948. Im April 2011 ging es leicht aufwärts um +0,2% zum Vormonat auf 9,0%. 

Trotz sinkenden Beschäftigungszahlen zum Vormonat (-190’000) und saisonbereinigten +205’000 Arbeitslosen zum Vormonat, stieg die Arbeitslosenquote nur moderat, da der Anstieg des Civilian Labor Force Level (Arbeitsfähige ab 16 Jahren, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen) zum Vormonat mit +15’000 deutlich unter dem Anstieg der arbeitsfähigen Bevölkerung (Civilian Noninstitutional Population) mit +146’000 zum Vormonat lag. 131’000 zum Vormonat verschwanden in Not in Labor Force und spielten bei der Ermittlung der Quote keine Rolle.

Civilian Labor Force Level – Employment Level = Unemployment Level (Anzahl der Arbeitslosen) und das Verhältnis aus Unemployment Level und Civilian Labor Force Level entspricht der Arbeitslosenquote (Unemployment Rate).

Saisonbereinigte 13,747  Millionen (+205’000 zum Vormonat) waren ohne Job im April 2011, nach 13,542 Millionen im Vormonat. Im Langfristchart die Daten seit 1948.

Saisonbereinigte 5,839 Millionen waren im April 2011 Langzeitarbeitslose, die länger als 27 Wochen keinen Job hatten! Die Zahl der Langzeitarbeitslosen fiel um -283’000 zum Vormonat. Weiterhin ist der Prozentsatz der Langzeitarbeitslosen an den gesamten Arbeitslosen hoch, er betrug 42,47%!

In der breiter gefassten Arbeitslosenquote U-6 erscheinen zusätzlich die Arbeitnehmer in Teilzeit, welche aber einen Vollzeitarbeitsplatz suchen, die marginal und geringfügig beschäftigten Arbeitnehmer und die sogenannten entmutigten Arbeitnehmer, welche nicht nachgewiesener Weise einen Arbeitsplatz im 1-Monats-Erhebungszeitraum suchten!

Die saisonbereinigte Zahl der Arbeitnehmer in Teilzeit, welche einen Vollzeitarbeitsplatz suchten, stieg im April 2011 um +167’000 zum Vormonat auf 8,600 Millionen. Im Chart die Daten seit Januar 1978.

Die unbereinigte Anzahl der marginal und geringfügig beschäftigten Arbeitnehmer stieg im April 2011 um +22’000 zum Vormonat auf 2,466 Millionen. Die Daten seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1994.

Die Anzahl der unbereinigten, sogenannten entmutigten Arbeitnehmer, welche nicht nachgewiesener Weise einen Arbeitsplatz im 1-Monats-Erhebungszeitraum suchten, stieg im April 2011 um +68’000 zum Vormonat, auf 989’00!

Die Daten dieser Gruppen zusammen mit den Arbeitslosen aus U-3 ergeben die Quote U-6:

Die saisonbereinigte breiter gefasste Arbeitslosenquote U-6 stieg im April 2011 um +0,2% auf 15,9%, die unbereinigte fiel um -0,7% auf 15,5%! Quelle Tabelle: PDF BLS Tabelle Seite 26

Die Entwicklung der saisonbereinigten US-Arbeitslosenquote U-6 seit Januar 1994, dem Beginn der Datenerhebung.

Die Zahl der breiter gefassten Arbeitslosen nach U-6, stellt sich im Detail nach den komplett verfügbaren unbereinigten Originaldaten der BLS wie folgt dar:
U-3 (NSA): 13,237 Mio.
Part Time for Economic Reasons (NSA): 8,425 Mio.
Marginally Attached to Labor Force (NSA) 2,466 Mio.
Discouraged Workers (NSA) 0,989 Mio.

Die unbereinigte Zahl der Arbeitslosen und Erwerbsfähigen ohne adäquaten Job, fiel im April 2011 laut BLS auf  25,117 Millionen, nach 26,152 Millionen im Vormonat.

Diese breiteren unbereinigten Arbeitslosenzahlen haben sich zwar relevant verbessert und sind auch etwas ehrlichere Daten, allerdings außer den entmutigten Arbeitnehmern (unbereinigte 989’000 im April), welche nicht nachgewiesener Weise einen Arbeitsplatz im 1-Monats-Erhebungszeitraum suchten, spielen die anderen Arbeitsfähigen ab 16 Jahren, die angeblich nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, aus in Not in Labor Force (unbereinigte 86,424 Millionen), auch keine Rolle bei der Ermittlung der breiten Arbeitslosenquote und Arbeitslosenzahl.

Die Job-Recovery bleibt eine Farce und dies ist trotz statistischer Beschönigung kaum zu verbergen. Trotz Billionen Dollar an Stimulus durch Notenbank und Staat hat es bisher keinen relevanten, gar selbsttragenden Aufschwung am Arbeitsmarkt gegeben. In der Relation zur Bevölkerungsentwicklung verharrt der US-Arbeitsmarkt im Krisenmodus, wie Erwerbsquote (Civilian Participation Rate) und das Civilian Employment-Population Ratio (Beschäftigte zur Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter) eindrucksvoll dokumentieren.

Auch die realen medianen US-Wochenlöhne stagnieren laut BLS:

Die realen medianen US-Wochenlöhne, preisbereinigt (1982-1984 Dollar), sanken laut BLS im 1. Quartal 2011 um 1 Dollar zum Vorquartal auf 341 Dollar und lagen damit auch nur 2 Dollar über dem Niveau aus dem 1. Quartal 1979, dem Beginn der Datenreihe.

Die Gesamtsumme der nominalen Löhne und Gehälter (Wage and Salary Disbursements) im Verhältnis zum nominalen BIP der USA seit Q1 1960. Auch während der vermeintlichen wirtschaftlichen Erholung verharrt die Summe der Löhne und Gehälter im Verhältnis zum nom. BIP auf  einem niedrigen Niveau mit 43,67% im 1. Quartal 2011.

Quelle Daten: PDF US-Arbeitsmarktbericht April 2011, Bls.gov, Stlouisfed.org, Bls.gov/Datenbank

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