Nichts neues vom deutschen “Wirtschaftswunder”

von am 24. Mai 2011 in Allgemein

Abseits der Headlines und Jubelmeldungen zum Wirtschaftswachstum Deutschlands im 1. Quartal 2011, zeichnen die heute veröffentlichten detaillierten Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) ein ganz eindeutiges Bild. Obwohl Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eine ordentliche Wachstumsrate aufweist, ist das zu Grunde liegende Geschäftsmodell genauso schief wie vor der Krise. Man muss sogar feststellen, der deutsche Aufschwung beruht auf der Zementierung und dem Ausweiten der alten Ungleichgewichte und Fehlentwicklungen, dies dürfte den Lesern hier allerdings nicht wirklich neu sein!

Das reale (preis-, saison- und kalenderbereinigte) Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im 1. Quartal 2011 um +1,5% gegenüber dem Vorquartal. Zum Vorjahresquartal stieg das reale unbereinigte BIP sogar um geradezu phantastisch anmutende +5,2%! Real, wie auch beim nominalen BIP mit 641,98 Mrd. Euro in Q1 2011 wurde Saison- und kalenderbereinigt das Vorkrisenniveau deutlich überschritten.

Auf den ersten Blick positive Effekte bescherte auch der deutsche Binnenmarkt. Aber hier wird bereits deutlich…, vor allem die Investitionen stiegen, darunter die realen Bruttoanlageinvestitionen in Bauten um +6,2% zum Vorquartal (Schwäche der Bauinvestitionen, wetterbedingt, aus Q4 2010 wurde kompensiert) und die Investitionen in Ausrüstungen (Maschinen, Geräte und Fahrzeuge) stiegen um +4,2%. Auch die staatlichen Konsumausgaben zogen real um +1,3% zum Vorquartal an. Bescheiden dagegen die realen privaten Konsumausgaben, die nur um +0,4% anzogen.

Positiv dem BIP zu Buche schlug auch der Außenbeitrag beim Außenhandel, denn die Differenz von Exporten – Importen von Waren, Gütern und Dienstleistungen fließt ins BIP ein. Diese Differenz weitete sich real aus, u.a. weil die Importpreise schneller stiegen als die Exportpreise. Das Volumen der preisbereinigten (realen) Exporte zum Vorquartal stieg um +2,3%, während das reale Importvolumen nur um +1,5% stieg.

Prozentuale Angaben zum Vorquartal sind das Eine, wie schief das deutsche Geschäftsmodell weiterhin aufgestellt ist, zeigen hingegen folgende Charts, die die Entwicklung über einen längeren Zeitraum dokumentieren:

Die Entwicklung der realen saisonbereinigten Arbeitnehmerentgelte (grün), des realen Exportvolumens (rot) und der realen privaten Konsumausgaben der privaten Haushalte (blau) von Q1 2000 bis Q1 2011. Während die realen Exporte seit 2000 bis Q4 2010 um +74,96% stiegen, gab es bei den realen privaten Konsumausgaben einen lauen Anstieg von +5,02% und die realen Arbeitnehmerentgelten lagen sogar immer noch um -0,8% unter dem Niveau von 2000! XXL-Aufschwung-Made in Germany!

Die Genese des deutschen “Erfolges”. Der Export brummt, erzielt auch durch die schwache Lohnentwicklung und damit der Nichtteilhabe der Arbeitnehmer am Produktivitätsfortschritt. Exporterfolg und der Anstieg der Unternehmens- und Vermögenseinkommen sind dagegen eine Seite der Medaille:

Die Entwicklung beim saisonbereinigten Exportvolumen und den Unternehmens- und Vermögenseinkommen läuft relativ synchron. Blau (linke vertikale Achse) das Exportvolumen, rot (rechte vertikale Achse) die Entwicklung der Unternehmens- und Vermögenseinkommen, jeweils in Mrd. Euro auf Quartalsbasis von Q1 1991 bis Q1 2011. Die saisonbereinigten nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen generierten in Q1 2011 ein neues Allzeithoch mit 173,77 Mrd. Euro, ebenso wie das nominale Exportvolumen von Waren und Gütern mit 310,20 Mrd. Euro!

Die andere Seite der Medaille sind die schwachen Löhne der Arbeitnehmer, die sich auch auf einen lauen Konsum der privaten Haushalte auswirken:

Die Entwicklung der saisonbereinigten Summe aller nominalen Arbeitnehmerentgelte in Deutschland und der Summe der bereinigten nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen von Q1 2000 bis Q1 2011 (2000=100). Während die nominalen Arbeitnehmerentgelte seit 2000 um +17,56% (real -0,8%) stiegen die nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen um +63,78%.

Die Arbeitnehmerentgelte spiegeln die Gesamtbruttosumme aller Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer, Angestellten, Beamten, inkl. aller in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis stehenden, inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber wider.

Während die Summe der Arbeitnehmerentgelte nominal um +1,6% zum Vorquartal anstieg (Unternehmens- und Vermögenseinkommen nominal um +6,8%), betrug der Anstieg der realen Arbeitnehmerentgelte nur +0,7%. Zieht man die Sozialbeiträge der Arbeitnehmer ab, erhält man die Summe aller Bruttolöhne und -gehälter und bricht man diese Summe dann auf die Anzahl der Beschäftigten im 1. Quartal 2011 und je Monat herunter, erhält man die durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat. Diese betrugen dann Brutto (nominal) 2’409 Euro, ein Anstieg von nur noch +0,8% bzw. von +10 Euro je Arbeitnehmer und je Monat zum Vorquartal. Real (preisbereinigt) sanken die Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat im 1. Quartal 2011 sogar um -1,80 Euro!

Zieht man weiter den Arbeitnehmeranteil für die Sozialbeiträge und die Lohnsteuer ab, erhält man dann die durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat. Preisbereinigt, nach offizieller Lesart, offenbaren die Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat nach Steuern und Abgaben die miese Partizipation der Arbeitnehmer am “Erfolgsmodell” Deutschland:

Die realen (preis- ,saison- und kalenderbereinigten) durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat seit Q1 1991. In Q1 2011 ging es abwärts, um -18,52 Euro, auf preisbereinigte durchschnittliche 1’414 Euro (2005=100), immer noch -5,9% unter dem Niveau des Jahres 1991!

Die realen saison- und kalenderbereinigte Konsumausgaben der privaten Haushalte seit Q1 2000 (2000=100). Was zeigen uns diese Daten, seit dem Jahr 2000 bis Q1 2011 ist der private Konsum um “sagenhafte” +5,02% gestiegen.

Deutschland leistet weiterhin keinen eigenen Beitrag zum Abbau der Ungleichgewichte im Handel, über einen stärkeren Anstieg der Arbeitnehmerentgelte in Deutschland. Im Gegenteil der Erfolg basiert weiter einseitig auf dem Export (auch auf Basis der schwachen Lohnentwicklung), für den im Gegenzug weitere zum Teil uneinbringbare Schuldscheine eingesammelt werden.  Der deutsche Steuerzahler „darf“ dafür auch noch haften  und dieser ökonomische Irrweg mündet Monat für Monat in einer weiteren Verschärfung der Schuldenkrise in den Südperipherieländer der Eurozone! Diese Feststellungen sind natürlich etwas ermüdend, da hier schon dutzende Male durchgekaut!

Die Entwicklung der monatlichen deutschen Leistungsbilanz seit Januar 2000. Die Leistungsbilanzüberschüsse stiegen in den ersten 3 Monaten 2011 um +11% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Im Gesamtjahr 2010 stiegen die Leistungsbilanzüberschüsse bereits um +8,34%, im Vergleich zu 2009, auf  kumulierte 129,9 Mrd. Euro an. Von Januar 2000 bis Dezember 2010 kumulierten sich die monatlichen Leistungsbilanzüberschüsse auf 1,020 Billionen Euro. Davon bemerkenswerte 714,577 Mrd. Euro an Überschüssen erzielte Deutschland mit den Mitgliedern der Eurozone! Die Leistungsbilanz ist die Summe aus Handelsbilanz, Dienstleistungsbilanz, Übertragungsbilanz und Ergänzungsbilanz. 

Deutschlands Erfolg und die potentielle Pleite diverser Eurozonenländer sind Glieder einer Kette, denn die erzielten Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite erhöhen die Gläubiger-, bzw. Schuldnerposition gegenüber dem Ausland. Auch im 1. Quartal 2011 erweist sich das deutsche “Erfolgsmodell” als primäres nicht nachhaltiges Export- und Gläubigermodell mit allen seinen Nachteilen und daraus wachsenden Risiken.

Quelle Daten: Destatis.de/Pressemitteilung detaillierte Daten BIP Q1 2011, Genesis.destatis.de/Datenbank Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

 
Kontakt:
info.querschuss@yahoo.de

Wenn Ihr Querschüsse per PayPal mit einem beliebigen Betrag unterstützen möchtet, bitte den Button anklicken:


Print article