Occupy Wall Street und was dann? – Was wird aus der Marktwirtschaft?

von am 18. Oktober 2011 in Allgemein

Prolog

Vielleicht ist die Zeit reif dafür geworden, nicht mehr nur auf die Schulden- und Finanzmarktkrise zu schauen und sich auf Kritik am Umgang damit zu beschränken. „Occupy Wall Street“ könnte als Zeichen dafür gewertet werden. Vielleicht stehen wir in der breiteren Diskussion jetzt am Beginn einer neuen Phase des Austauschs über die Möglichkeiten der Veränderbarkeit bzw. Formbarkeit der gegenwärtigen Verhältnisse, unter denen sich finanzielle und wirtschaftliche Aktivitäten abspielen.

Es geht also durchaus um Prinzipielles, nämlich um die Systemfrage, wobei es – aus meiner Sicht – wichtig ist, aus dem alten Diskussionsschema “Marktwirtschaft versus Planwirtschaft” auszubrechen, weil es auf der herrschenden wirtschaftsliberalen und neoklassischen Theorie gründet. Deren Marktverständnis und Erklärung der Marktwirtschaft sind überholt. “Marktwirtschaft” ist nicht, wie suggeriert wird, geprägt von einem sich selbstregulierenden, effizienten und unbeeinflussbaren Markt. Die Finanzmarktkrise belegt, wie falsch diese Vorstellung wirklich ist. Das heißt aber dann nichts anderes, als das die Marktwirtschaft durchaus formbar und die gegenwärtige Ausprägung der Marktwirtschaft (Raubtierkapitalismus) keineswegs als alternativlos hinzunehmen ist.

Sofern man sich auf eine solche, auf die nächste Stufe gehobene Debatte einlassen will, halte ich es für wichtig zuerst die Möglichkeit der Formbarkeit des bestehenden marktwirtschaftlichen Systems zu diskutieren. Marktwirtschaft und Neoliberalismus sind nicht zwei Seiten derselben Medaille. Das aber ist immer noch das vorherrschende, auch fest in der Gesellschaft verankerte Bild! Das muss notwendigerweise in der Gesellschaft erst noch erkannt werden und darum lohnt es sich, auf die Frage und Möglichkeiten der Formbarkeit einzugehen.

System-Alternativen zur Marktwirtschaft zu suchen und zu entwickeln, ist sinnvoll. Sie zu diskutieren, ist jedoch nur dann wirklich gewinnbringend, wenn eine solide Vergleichsbasis hinsichtlich der Stärken, Schwächen, Vor- und Nachteile sowie der prinzipiellen Möglichkeiten von Konzepten oder Entwürfen geschaffen worden ist und in der gesellschaftlichen Diskussion verständlich ausgebreitet werden kann.

Stimmungsbild

Die weltweiten Proteste im Rahmen der Initiative „Occupy Wall Street“ zeigen: Kapitalismus, Marktwirtschaft und „die Märkte“ sind in Verruf geraten. Die Menschen erleben, wie eine immer kleiner werdende Elite immer reicher wird, während ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung immer ärmer wird. Die Proteste und ihr führendes Motto „Wir sind die 99 Prozent“, das genau darauf verweist, zeigen, dass eine wachsende Zahl von Menschen nicht mehr bereit ist dies unwidersprochen hinzunehmen. Die Menschen erleben, wie sie doppelt und dreifach zur Kasse gebeten werden für unverantwortliche Geschäfte und Wetten auf den Finanzmärkten und für eine erfolglose Krisenpolitik. Und das von jenen Politikern, die diese Geschäfte und Wetten erst möglich gemacht haben und nun seit Jahren nicht die Einsicht, den Willen oder den Mut aufzubringen in der Lage sind, etwas daran zu ändern.

Sie fühlen sich von der Politik verraten und verkauft. Nach der durch die Lehman-Pleite ausgelösten Finanzmarktkrise versprachen die Staats- und Regierungschefs der führenden Industriestaaten alles zu tun, damit sich eine solche Krise nicht wiederholen kann. Jetzt, drei Jahre später, ist klar, dass die Finanzmärkte wieder am Rande eines Kollapses stehen, der noch Schlimmeres erwarten lässt.

Die Politiker haben nicht nur ihr Versprechen nicht gehalten. Sie beabsichtigen offenbar auch erneut, die Verursacher der Krise mit Steuergeldern zu stützen. Es kann kaum mehr ein ernster Zweifel daran bestehen, dass die Finanzmarktakteure unter anderem durch riskante Geschäfte im Zusammenhang mit Schuldenstaaten, die zur Verschärfung der Misere dieser Staaten beitrugen (z. B. Credit Default Swaps (CDS)), in Schwierigkeiten geraten sind. Sie haben daran kräftig verdient und nun, da sich zeigt, dass sie viel zu riskant gespielt haben, geht es wieder um Rettung auf Kosten der Allgemeinheit. Und erneut könnte es eine nahezu bedingungslose Rettung werden. In diesem Fall wird sich wieder nichts oder so gut wie nichts ändern.

Es ist folglich kein Wunder, dass Marktwirtschaft und die Finanzmärkte für viele ein rotes Tuch geworden sind. Nicht wenige zweifeln mittlerweile generell an der Marktwirtschaft und dem Kapitalismus. Planwirtschaft und Sozialismus werden jedoch offenbar nicht als Alternative angesehen.

Was aber dann?

Pathogenese der Marktwirtschaft

Es ist nicht zu übersehen, dass es wachsende Widerstände gegen die Fortsetzung des bisherigen politischen Krisenkurses in der Bevölkerung und auch unter Fachleuten gibt. Zugleich gibt es aber auch eine Orientierungskrise. Es fehlt eine konsensfähige Vorstellung von der Alternative, die zu verwirklichen angestrebt werden soll und auch der Weg dorthin liegt im Nebel.

Insofern ist es sinnvoll, zunächst eine Art Bestandsaufnahme oder Pathogenese vorzunehmen, um zu klären, was im Einzelnen zur Krise der Marktwirtschaft beigetragen hat und aus welchen Facetten sie sich zusammensetzt. Das soll im Folgenden versucht werden:

1. Wirtschaftswissenschaften: Aus der klassischen liberalen wie auch aus der neueren liberalen neoklassischen ökonomischen Theorie stammt die seit Jahrzehnten vertretene Hypothese, Märkte seien effizient, untrüglich, vom Einzelnen unbeeinflussbar und selbstregulierend und kämen von sich aus immer wieder ins Gleichgewicht bzw. sie bewegten sich entlang eines gleichgewichtigen Wachstumspfades. Das ist bis heute das herrschende Verständnis von Märkten und damit auch der Marktwirtschaft, obwohl es durch die Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise entkräftet worden ist.

Hinzu kommt, dass sich die führenden Theorien auf die Realwirtschaft beziehen und den Finanzsektor, insbesondere auch die Rolle von Banken und Krediten, in ihren Standard-modellen bisher weitestgehend ausgeklammert haben. Den Finanzmärkten wurde nur eine Dienstleistungsfunktion für die Realwirtschaft eingeräumt. Betrachtet wurden hauptsächlich die Kapitalmärkte (mittel- und langfristige Finanzierung von Investitionen) und der Geldmarkt (kurzfristige Liquiditätssicherung unter Banken und über Notenbanken).
Das ist der Grund, warum die Finanzmarktkrise von den führenden Ökonomen weder vorhergesehen noch erklärt werden konnte und eigentlich, gemäß der Effizienz- und Selbstregulierungsthese, nicht hätte geschehen können.

Seit Jahrzehnten wird darüber hinaus im ökonomischen Mainstream die Hypothese vertreten, Großunternehmen und oligopolistische Märkte seien am besten geeignet, volkswirtschaftliche Effizienz und gleichgewichtiges Wirtschaftswachstum und mithin Beschäftigung sicherzustellen. Sie wurde über viele Jahre hinweg durch die realwirtschaftliche Entwicklung bestätigt.
In der letzten Dekade war das jedoch immer weniger der Fall und spätestens mit Beginn der Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise nach der Lehman-Pleite ist deutlich geworden, dass die herrschenden ökonomischen Theorien nur sehr unvollkommen erklären, was auf realen Märkten im Zeitablauf geschieht. Und anders als angenommen erweisen sich Großunternehmen heute nicht mehr als Garant für Wachstum und Beschäftigung. Stattdessen sind die Märkte, die sie dominieren, durch Sättigung, Überkapazitäten, Kostendruck und Beschäfti-gungsabbau gekennzeichnet und instabil sowie krisenanfällig geworden. Mehr noch stellen Großbanken und Großunternehmen heute bedingt durch ihre Größe und gesamtwirtschaftliche Bedeutung zunehmend selbst ein Risiko für Volkswirtschaften dar (Too Big to Fail) und erschweren die Rückkehr zu einer gesunden marktwirtschaftlichen Dynamik (Too Big to Defeat).

An diesen Theorien und Vorstellungen von den Bedingungen und Voraussetzungen für eine prosperierende Marktwirtschaft orientiert sich die Politik seit über vier Dekaden. Die Markt-wirtschaft, so wie wir sie heute erleben, ist das Ergebnis davon.

2. Korporatismus: Darüber hinaus ist festzustellen, dass wir auf einer ganzen Reihe von Märkten schon seit längerem keine ausschließlich vom Wettbewerb gesteuerte Marktwirtschaft mehr haben.

Mit dem fortschreitenden Unternehmenskonzentrationsprozess auf den Märkten hat sich über die Jahre auch die politische Praxis verändert. Nicht mehr die gesamte Wirtschaft steht im Fokus der Politik, sondern Großunternehmen und spezifische, einflussreiche Interessengruppen. Wir haben einen ausgeprägten Lobbyismus, der im Resultat auf einer Reihe von Märkten dazu führt, dass Politik, Interessengruppen und Konzerne mehr oder weniger aushandeln, welche Produkte und Leistungen auf den entsprechenden Märkten zu welchen Bedingungen angeboten werden und erfolgreich sein können. Davon sind alle anderen Teile der Wirtschaft ausgeschlossen, vornehmlich kleine und mittelgroße Unternehmen. Sie müssen sich im Wettbewerb in den verbleibenden Marktnischen bewähren.

Das heißt, wir haben in den Industriestaaten heute – mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt – eine partiell gruppenwirtschaftlich gesteuerte bzw. korporatistische Marktwirtschaft. Das gilt auch für den Finanzsektor.

Diese Wirtschaftsform steht zwischen der wettbewerblichen Marktwirtschaft und der Planwirtschaft. Sieht man „Wettbewerbswirtschaft“ und „Planwirtschaft“ als die Endpunkte einer Skala der Wirtschaftsformen an, so bewegen wir uns wirtschaftssystemisch gesehen – wieder einmal – in Richtung Planwirtschaft und zwar bereits seit vielen Jahren.

3.Finanzmärkte: Es kommt hinzu, dass wir nicht nur eine korporatistische Marktwirtschaft haben, sondern auch eine gewissermaßen pervertierte.

Letzteres deswegen, weil nicht mehr die Realwirtschaft Schrittmacher der globalen Entwicklung ist, sondern die Finanzwirtschaft. Geld ist selbst zu einem beliebig vermehrbaren Produkt geworden. Es ist nicht mehr fest an irgendwelche physischen Werte gekoppelt und existiert als Buchgeld auch nicht einmal mehr physisch. Von der Bank für Internationalen Zahlungsaus-gleich (BIZ) wurde das Volumen des weltweiten Derivatemarktes (Over the Counter (OTC)) Ende Dezember 2010 auf der Basis der verfügbaren Daten auf 601 Billionen Dollar geschätzt. (1) Das globale BIP belief sich hingegen 2010 gemäß IWF-Daten nur auf 62,9 Billionen Dollar. (2) Zudem wurden die Bilanzierungsregeln so weit gelockert, dass mitunter für Wertpapiere, die auf dem Markt im Extrem unverkäuflich sprich wertlos geworden sind, in der Bilanz Phantasiepreise angesetzt werden können. Die Finanzmärkte sind der reinste „Wilde Westen“.

Die auf den Finanzmärkten ermittelten Preise und Kurse dominieren die Preis- und Werteentwicklung in der Realwirtschaft und damit auch die realwirtschaftliche Entwicklung selbst. Aber sie stehen nicht mehr im Einklang mit den realwirtschaftlichen Fundamentaldaten. Das heißt, die Finanzmärkte haben sich weitgehend von der Realwirtschaft abgekoppelt. Sie schweben quasi in der Luft und steigen dort immer höher hinauf. Ihre Dienstleistungsfunktion für die Realwirtschaft ist verkümmert. Sie dienen in erster Linie sich selbst, mit oft schädlichen Konsequenzen für die Realwirtschaft.

Das alles hat mit wettbewerblicher Marktwirtschaft nichts mehr zu tun, sondern ist eine sehr spezifische Ausprägung der korporatistischen Wirtschaft.

4. Systemerhaltung: Unglücklicherweise werden die aktuellen Marktverhältnisse unter Bezugnahme auf die herrschende ökonomische Theorie als wettbewerblich interpretiert.

Das Testat „funktionsfähige, wettbewerbsgesteuerte Märkte“ wird in Verbindung mit der weiterhin aufrecht erhaltenen Hypothese der vom Einzelnen unbeeinflussbaren, effizienten und selbstregulierenden Märkte von Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Finanzwelt missbraucht, um unter dem Etikett der Rettung der wettbewerblichen Marktwirtschaft nahezu alles zu rechtfertigen, um das bestehende korporatistische System am Leben bzw. „funktionsfähig“ zu erhalten.

Das wird nicht möglich sein. So hat etwa schon 1910 der Ökonom Rudolf Hilferding, der Begründer der sogenannten Lehre vom Staatsmonopolkapitalismus (Stamokap) (in: „Das Finanzkapital“) darauf hingewiesen, dass eine zunehmend von wenigen, sehr großen Unternehmen und Banken geprägte korporatistische Wirtschaft instabil ist und der Staat darin quasi zum Reparaturbetrieb der Marktwirtschaft wird. Er vertrat die Auffassung, dass dieses System kollabieren müsse. Lenin pflichtete ihm bei und sah darin sogar eine Chance, den Sozialismus zu verwirklichen. Die herrschende ökonomische Theorie wiederum erklärt uns seit Jahrzehnten (siehe Punkt 1), dass eine von wenigen großen Unternehmen und Banken geprägte Wirtschaft ideal für Wachstum und Beschäftigung ist. (siehe dazu kritisch: Im Spiegel der Armut)

5. Presse und Medien unterstützen die Bestrebungen, die korporatistische Wirtschaft unter dem Deckmantel der Rettung der wettbewerblichen Marktwirtschaft funktionsfähig zu erhalten, indem sie entlang dieser Begründungschiene über die Geschehnisse berichten. Das ist keine Überraschung, denn dieser Markt wird ebenfalls von wenigen großen Konzernen – Stichwort: Rupert Murdoch – beherrscht und kontrolliert.

Sehr oft findet sich deswegen die Sprachformel, die Märkte wiesen auf dieses oder jenes Problem hin oder forderten dieses oder jenes, frei nach dem Motto: wenn etwas nur oft genug und überall wiederholt wird, wird es als wahr empfunden. Auch bestätigen sie im Grundtenor regelmäßig die Alternativlosigkeit von Maßnahmen. Dadurch und durch nicht immer objektiv aufbereitete und oft nur bruchstückhaft bereitgestellte Daten und Fakten, ist es für das Gros der Bevölkerung kaum möglich, sich ein realistisches Bild von der Situation, den Ursachen und den geeigneten Maßnahmen zu machen.

Freilich sind Skepsis und Misstrauen gegenüber Presse und Medien sowie den Aussagen von Politikern und bemühten Experten groß, weil das Bild, das sie zeichnen, an vielen Stellen mit der Realität nicht mehr in Einklang zu bringen ist. Die Protestbewegung „Occupy Wall Street“ zeigt das. Auch wollen sich immer weniger Menschen damit abfinden, den offensichtlichen negativen Folgen dieser – vorgeblich alternativlosen – Form von Marktwirtschaft ausgesetzt und ausgeliefert zu sein. Allerdings werden ihnen in Presse und Medien auch keine Alter-nativen offeriert, die den Bürgern etwas anderes in Aussicht stellen und über die dann eine Auseinandersetzung erfolgen könnte. Dies lässt den Eindruck entstehen, als existierten auch keine Alternativen, was nicht stimmt.

6. Nachfrager: Andererseits ist es einfach und bequem, dem Gespann aus Politik, Lobbyisten, Bankern und Konzernen die gesamte Schuld für die marktwirtschaftliche Misere anzulasten. Tatsächlich ziehen sich jedoch viele Bürger immer wieder genauso wie Entscheider in Wirtschafts- und Finanzwelt und Politik auf die bequeme Position der vom Einzelnen unbeeinflussbaren, selbstregulierenden Märkte zurück, um das zu tun und zu rechtfertigen, was für sie einfach oder angenehm, aber nicht richtig ist, weil es zur Entgleisung der Marktwirtschaft beiträgt. Darüber denken viele offensichtlich gar nicht nach.

Beispielsweise tragen sehr viele nach wie vor ihr Geld zu jenen Banken, die zu den Verur-sachern der Krise gehören, und investieren es in Papiere, die die Krise verursachten und zur Verteuerung von Rohstoffen beitragen. Es sind – anders als in der herrschenden Theorie, die die Angebotsseite für allein ausschlaggebend erklärt – nicht allein die Anbieter, die den Takt und die Marschrichtung vorgeben. Es sind auch die Nachfrager, die mit ihren Kaufentscheidungen in der Summe über Takt und Richtung der Entwicklung von Märkten und der Marktwirtschaft mitentscheiden. Wenn die Gesellschaft also beispielsweise keine Casino-Wirtschaft oder keine Atomenergie oder gesunde Lebensmittel will, dann muss sich jeder Einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten auch entsprechend verhalten – auch wenn das allein für eine Änderung der Verhältnisse noch nicht ausreicht. Es ist nicht egal, beim wem und wofür Geld angelegt oder ausgegeben wird und woher beispielsweise Strom und Lebensmittel kommen. Der Preis ist eine Orientierungsgröße, ja. Aber wir zahlen eben nicht nur mit unserem Geld für das, was wir kaufen oder in Anspruch nehmen. Die Marktwirtschaft ist, was wir daraus machen.

Folgerungen

Es gibt also eine ganze Reihe von Ursachen für die Krise der Marktwirtschaft, die zugleich als Ansatzpunkte für Veränderungen anzusehen sind.

Zunächst lässt sich präzisieren, dass das, was heute zunehmend abgelehnt wird, nicht die Marktwirtschaft oder genauer gesagt die wettbewerbliche Marktwirtschaft ist, sondern die korporatistische Marktwirtschaft, die uns als wettbewerbliche Marktwirtschaft verkauft wird.

Es lässt sich des Weiteren festhalten, dass die Erscheinungsform der Marktwirtschaft, so wir sie heute erleben, anders als suggeriert beeinflusst und verändert werden kann. Zu behaupten, wie es vor allem (neo)liberale Politiker und Wirtschaftslobbyisten gerne tun, die Alternative hieße: entweder Marktwirtschaft oder Planwirtschaft, ist unhaltbar, wenn akzeptiert wird, dass Märkte nicht selbstregulierend sind. Sie sind es nicht. Dann aber stellt sich automatisch die Frage nach dem Verhältnis von wettbewerblicher und staatlicher Steuerung, die nicht ohne weiteres und nicht unabhängig von der Entwicklung von Märkten zu beantworten ist. Sie stellt sich immer wieder neu.

Diese Frage lässt sich jedoch aus der herrschenden (liberalen und neoklassischen) Theorie heraus gar nicht und aus der keynsianischen Theorie heraus offensichtlich nur sehr unzureichend beantworten. In diesem Punkt wird also auf neuere wirtschaftswissenschaftliche Erklärungsansätze und Theorien Bezug zu nehmen sein.

Darüber hinaus ist jedoch zu betonen, dass diese Frage grundsätzlich nicht in einer Weise beantwortet werden kann, die Gesellschaft und Politik von der Entscheidung entbindet. Die Marktwirtschaft ist eben kein Automat, den wir nur zu nehmen und anzuwerfen brauchen, damit es uns allen gut geht. Selbst wenn es möglich ist, sie besser zu verstehen und zu erklären, so ergeben sich dennoch erhebliche Gestaltungsspielräume. Ob die Marktwirtschaft gewollt ist und wenn ja, welche Form von Marktwirtschaft als Ziel angesehen werden soll, ist eine gesellschaftliche Entscheidung. Es ist Sache der Ökonomen, Entscheidungsgrundlagen zu schaffen und geeignete neue Handlungsorientierungen zu geben, wie die Marktwirtschaft „repariert“ bzw. in einem positiven Sinne, nämlich im Sinne von Chancengleichheit und Fairness, wieder „wettbewerblicher“ gemacht werden kann.

Hinter dem „Wie?“ steht indes bisher noch ein Fragezeichen oder genauer gesagt gibt es dort bisher keinen Konsens und viele Lücken. Das ist kein Wunder, weil in den Wirtschaftswissen-schaften die Abkehr von der herrschenden Lehre noch immer nicht begonnen hat. Dasselbe gilt aber auch für die Diskussion über die Formbarkeit der Marktwirtschaft außerhalb der Zunft der Ökonomen.

Eines ist jedoch klar: Der ausschlaggebende Impuls zur Abkehr von der korporatistischen Marktwirtschaft wird nicht von den involvierten Interessengruppen, Unternehmen und Banken ausgehen und wohl auch nicht von den Regierungen. Auch das zeigt uns „Occupy Wall Street“.

von Stefan L. Eichner
Kontakt: eichner@web.de

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3 KommentareKommentieren

  • Grummel - 22. Oktober 2011

    >>>Glaube ich nicht. Der Bürger lernt nicht aus der Geschichte. Zehntausend Jahre Krieg haben keinerlei Spuren der Erkenntnis hinterlassen,

    Hmm .. ich bin mir sicher das ein konstruktives, solidarisches Leben nachhaltig möglich ist.
    Der Weg dahin kann unterschiedlich aus sehen.
    Entweder durch fortschreitende Erkenntnis (eine Art Selbsterkenntnis, Bewusstwerdung der eigenen Natur und damit Macht darüber)
    Erinnert an “Deutero-Lernen” aus der Theorie von G. Bateson.

    Oder, den Weg den du für Wahrscheinlich hältst, eine durch die Umstände erzwungene Umorientierung über Generationen, welche das Gewaltprinzip (ich nenns jetzt mal so, ist finde ich nicht Geschlechterspezifisch) in eine Evolutionäre Sackgasse führt/ aus dem Prozess eliminiert.

    Allerdings bin ich mir absolut nicht sicher ob ein Kollaps diesen Ausmaßes zu solidarischen Lebensformen führen würde.

    Also präferiere ich lieber ersteres, in der Hoffnung das unsere wohl vernetzte Welt dem entgegen kommt, die Bedingungen sind heute besser als jemals zuvor.

    >>>Aber die Polarisierung ist eine Folge der Organisation.

    Ich kenne das als Luzifereffekt (Zimbardo/das Buch heißt so)
    Oder auch als soziophatische Organisationsform in der zB. durch Status/Position die Empathische Konnektivität unterbunden oder einseitig getriggert wird.

    Nichts das sich nicht ändern kann.

    Armageddons wirds immer wieder geben, die Chancen das es irgend wann mal klappt ist also Systemimmanent ;)

    Grüße von einem optimistischen Pessimisten …

  • Joe - 23. Oktober 2011

    Was ist echte Marktwirtschaft? Was sind echte Kapitalisten? Plädoyer eines Anti-Kapitalisten

    “Und die Börse ist der Marktplatz für diese Geschäfte, hier finden Firmen, die Geld brauchen, und Investoren, die Geld übrig haben, zusammen. Die Börse erfüllt so einen höchst wichtigen volkswirtschaftlichen Nutzen. Sie bringt Kapital und Produktion zusammen. Erst durch sie kann der Kapitalismus seine segensreiche Wirkung entfalten, kann Wohlstand für Millionen schaffen, so, wie es in den vergangenen Jahrzehnten, ja Jahrhunderten geschehen ist. (…) Denn die Börse meiner Kindheit, die Börse, wie sie über Jahrhunderte funktionierte, hat leider nichts mehr mit der Börse von heute zu tun. Das, was heute als Finanzmarkt bezeichnet wird, ist kein Markt mehr. Es ist ein Paralleluniversum, weitgehend frei von jedem volkswirtschaftlichen Nutzen.” (1)

    Ist es Aufgabe des Kapitalisten, den volkswirtschaftlichen Nutzen zu steigern? Nein! Seine Aufgabe ist seinen Profit zu mehren. Deshalb ist was heute am Finanzmarkt passiert nicht aus einem Paralleluniversum, sondern Kapitalismus pur, der einzig echte, perfekte Kapitalismus. Kapitalismus hat mit volkswirtschaftlichem Nutzen überhaupt nichts zu tun! Auch geht es dabei nicht um irgendwelche segensreiche Wirkungen, sondern allein um die grenzenlose Vermehrung des Profits. Auf Nachfrage geben natürlich zu, dass es letztlich um Profit geht, allerdings versuchen sie uns zu erklären, dass Gier gut ist, dass unter reinen Marktbedinungen (also ohne Staat und sonstige Hindernisse zum Wohlstand) der Segen für die Volkswirtschaft unermesslich ist. Glaubt das Märchen nicht! Im Kapitalismus geht es einzig und allein um den Wohlstand des Kapitalisten.

    “Hier kommt nicht mehr Kapital mit Produktion zusammen. Hier trifft nur noch Kapital auf Kapital. Geld wird nicht angelegt, um zu investieren. Geld wird angelegt, um Wetten abzuschließen. Um es biblisch zu überhöhen: Aus dem Haus des Marktes wurde eine Räuberhöhle gemacht. Für echte Kapitalisten, wie ich es seit 42 Jahren bin, ist dort kein Platz.”

    Wer sagt denn, dass Kapitalismus etwas mit Produktion zu tun hat? Produktion ist doch nur Mittel zum Zweck, nämlich sie dient der Vermehrung des Kapitals. Geht es einfacher, dann pfeift der Kapitalist auf Produktion. Und genau das ist geschehen, immer wieder, seit Jahrhunderten! Machen wir ihm also keinen Vorwurf, er tut nur was er tun muss. Im Kapitalismus ist das Haus des Marktes ein Haus des Profits.

    “Es gibt sie dort auch kaum noch. Mindestens zwei Drittel des Handels an den New Yorker Börsen wird vom sogenannten Hochfrequenzhandel bestimmt. Dabei kaufen und verkaufen Computer, denen irgendwelche schlauen Algorithmen einprogrammiert wurden, völlig autonom Aktien. Bis zu 250 Mal pro Sekunde (!) handelt solch ein Computer.”

    Ja, das ist Kapitalismus in Perfektion. Minimaler Aufwand, maximaler Profit. Der Traum jedes echten Kapitalisten. Ist er nicht in seiner Perfektion zu bewundern?

    “Was bringt es der Volkswirtschaft, wenn jemand über eine Wette Kursgewinne verzwanzigfachen kann? Meist sehe ich dann in erstaunte Gesichter. Volkswirtschaftlicher Nutzen? Eine solche Frage hat ihnen offenbar schon lange niemand mehr gestellt. Sie sind es gewohnt, dass ihr Geschäft ohne Bezug zur realen Wirtschaft abläuft.”

    Nochmals, Kapitalismus hat keine Bringschuld dem Volk(swirtschaft) gegenüber! Was sind das bloss für verkehrte Vorstellungen! Kapitalismus hat nichts mit irgendwelcher “realer Wirtschaft” zu tun. Es geht nur um Profit, und die “reale” Wirtschaft, der Markt, ist Mittel zum Zweck. Gibt es andere Mittel (z.B. Hochfrequenzhandel), dann werden halt diese genutzt. Letztlich wird der Weg des geringsten Widerstands eingeschlagen. Bei erstbester Gelegenheit wird die “Realität” links liegengelassen. Sie hindert eh nur am profitieren. Übrigens, Hochfrequenzhandel ist auch Handel; zwar auf einem virtuellen Marktplatz, aber wer sagt, dass der Markt echt sein muss? In der kapitalistischen Marktwirtschaft spielt das doch überhaupt keine Rolle, allein der Profit ist echt und er sagt wo’s lang geht. Das der Markt dabei virtuell ist, ist vollkommen unerheblich.

    “Es gab einen Markt und kein Kasino, es gab Kapitalisten und keine Zocker, es herrschte Marktwirtschaft und nicht die Diktatur der Derivate. Ich bin, wie gesagt, geborener Kapitalist. Und genau deshalb will ich, dass aus dem Kasino wieder ein Markt wird.”

    Der echte Kapitalismus ist ein Kasino, echte Kapitalisten sind Zocker. Alles andere sind Märchen und Träumerein.

    Lasst uns endlich mit dem Mythen aufräumen! Glaubt mir, alles wird verständlich, wenn man das Wesen des Kapitalismus versteht.

    (1) alle Zitate aus:

    http://www.welt.de/finanzen/article13675307/Gebt-mir-den-Markt-zurueck-und-hoert-auf-zu-wetten.html

  • Stefan L. Eichner - 23. Oktober 2011

    Hallo Joe,

    vielen Dank für die Erläuterung Ihrer Sicht das Kapitalismus´ und des Marktes. Ich möchte dazu gerne noch etwas anmerken.

    Kapitalismus hat keine Bringschuld dem Volk(swirtschaft) gegenüber.

    Das ist richtig.

    Andererseits ist es des Wesen des Marktes, dass niemand ein Geschäft machen und das, was er anzubieten hat, zu irgendeinem Preis loswerden kann, wenn er nicht jemanden findet, der sein Angebot wahrnehmen möchte. Und warum sollte jemand ein Angebot wahrnehmen und irgendeinen Preis dafür zahlen, wenn er keinen Nutzen für sich darin sieht. In diesem Sinne nutzt der Markt allen bzw. bewirkt volkswirtschaftliche Entwicklung. Das gilt unter der Voraussetzung, dass es keine Machtkonzentration oder sagen wir besser keine dauerhaften Machtungleichgewichte gibt, beispielsweise infolge von Oligopolisierung, Monopolisierung oder Kartellierung.

    Der Kapitalismus hat keine Bringschuld, ja. Man kann doch aber dauerhafte Machtkonzentration nicht zum Normalfall des Kapitalismus/der Marktwirtschaft erheben und dies unter Verweis auf die Tatsache, es gehe auf Märkten immer nur um Profit, als Beleg dafür werten, dass der Kapitalismus oder besser gesagt die Marktwirtschaft für das Volk(swirtschaft) grundsätzlich nichts bringt bzw. dass das “Volk” vom Kapitalismus nichts zu erwarten hat. Denn damit blendet man ja völlig aus, dass jeder – auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite – an seinen Profit denkt, insofern dieser – mal angenommen – der alleinige Grund für das Handeln ist.

    Anders ausgedrückt ist völlig klar, dass beispielsweise in einer monoplisierten Welt die Monopolisten alles und das Volk praktisch nichts bekommt. Aber Monopole sind damit doch nicht der Normalfall, auch nicht die einzig mögliche Form des Kapitalismus und auch nicht der Marktwirtschaft.

    In der neoklassischen Theorie geht es zwar immer um die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt. Aber das suggeriert, wie Sie völlig korrekt monieren, die Marktwirtschaft hätte eine Bringschuld für das Volk als Ganzes bzw. alle würden immer nur von profitieren. Das ist falsch.

    Ich denke, die Vorstellung, die Marktwirtschaft/Märkte bieten – bei Abwesenheit von Machtkonzentration – jedem die Chance seine individuelle Wohlfahrt zu steigern, ist zutreffend. Denn damit wird zugleich deutlich, dass jeder das Risiko trägt, nicht zu profitieren oder zu verlieren. Nur impliziert dies ebenfalls, dass – bei Abwesenheit von Machtkonzentration – es keine ewigen Gewinner bzw. keine ewigen Verlierer geben sollte.

    Die Marktwirtschaft/der Kapitalismus hat aber nachweislich eine Tendenz zur Machtkonzentration. Die herrschende ökonomische Lehre unterstellt jedoch, dass die Marktwirtschaft aus sich heraus prinzipiell dafür sorgt, dass es nicht zu Machtkonzentration kommt, indem sie sie für selbstregulierend erklärt. Insofern sie es nicht ist, wie ich behaupte, kann man dies jedoch nicht zum Anlass nehmen und sagen: Dann taugt die Marktwirtschaft prinzipiell nichts!

    Denn warum soll es keine Möglichkeiten geben, Machtkonzentration, sofern sie Unfairness und ewige Gewinner/Verlierer produziert, zu verhindern bzw. etwas dagegen zu unternehmen. Denn auch Folgendes ist ja schließlich zu berücksichtigen: Wir wollen doch Freiheit, Fairness und Selbstbestimmung erreichen. Das ist doch nicht – wie Sie auch sagen – die Aufgabe der Märkte oder der Marktwirtschaft. Wenn die Marktwirtschaft als Wirtschaftsform gewählt wird, dann ist es immer noch in letzter Konsequenz an uns, selbst dafür sorgen, dass Freiheit, Fairness und Selbstbestimmung erhalten bleiben. Es ist doch der Fehler der Ökonomen, die uns eingetrichtert haben, dazu bestünde nicht nur keine Notwendigkeit, sondern es wäre fatal für das Gemeinwohl, die Märkte nicht sich selbst zu überlassen.

    Ein schönen Sonntag noch.
    Gruß
    SLE