Reallohnanstieg in Deutschland?

von am 23. Dezember 2011 in Allgemein

Gestern berichtete das Statistische Bundesamt (Destatis) von schwach steigenden Reallöhnen in Deutschland. In Q3 2011 stieg der Reallohnindex nur um +0,6% zum Vorjahresquartal und damit um die niedrigste Rate seit Q4 2009. Selbst diese maue Rate ist noch eine Beschönigung, denn der Reallohnindex basiert auf der vierteljährlichen Verdiensterhebung und diese spiegelt nur die Bruttomonatsverdienste einschließlich der Sonderzahlungen nach Abzug des Anstiegs beim Verbraucherpreisindex (VPI) von Vollzeitbeschäftigten wider. Alle relevanten Problemfelder des Arbeitsmarktes bleiben bei der Verdiensterhebung und damit beim Reallohnindex ausgespart und damit relativiert sich auch die Aussagekraft des Reallohnindex zu einem potemkinschen Dorf.

Denn nicht einbezogen bei der Verdiensterhebung werden alle Teilzeitbeschäftigten, geringfügig Beschäftigen, Auszubildende, Praktikanten, Personen, die keinen Verdienst für ihre Leistung erhalten, tätige Inhaber, Mitinhaber und Familienangehörige ohne Arbeitsvertrag, ausschließlich auf Honorarbasis bezahlte Personen und Personen in so genannten 1-Euro-Jobs.

Die Entwicklung des Reallohnindex seit Q1 2008 im Vergleich zum Vorjahresquartal im Chart. In Q3 2011 stiegen die Reallöhne vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer im Produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich um +0,6%. Die Datenreihe des Reallohnindex (2010=100) von Destatis reicht nur bis Q1 2007 zurück, denn seit dem gilt erst das neue Verdienststatistikgesetz vom 1. Januar 2007, was die Basis der vierteljährlichen Verdiensterhebung für Destatis darstellt.

Die Nominallöhne stiegen in Q3 2011 um +3,0% zum Vorjahresquartal und die offiziellen Verbraucherpreise erhöhten sich um +2,5%. Die Reallöhne stiegen bedingt durch die Auf- und Abrundungen durch Destatis um +0,6%. Der Reallohnindex ist sogar zweierlei geschönt, einmal da Teilzeitbeschäftigte, geringfügig Beschäftigte und damit der gesamte Niedriglohnsektor ausgeblendet werden und zweitens, weil der Anstieg der Verbraucherpreise nicht nur durch die ständige Veränderung des Warenkorbes, sondern vor allem durch hedonische Leistungs- und Qualitätsbereinigung signifikant getunt wird.

Auch sonst ist der Reallohnindex basierend auf der Verdiensterhebung sehr “realitätsnah”, denn er zeigt die durchschnittliche Verdienstentwicklung bei konstanter Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft an. Der Index zeigt also nur den durchschnittlichen Bruttoverdienste der Arbeitnehmer an, wie er sich verändert hätte, wenn im jeweiligen Vergleichszeitraum die gleiche Struktur der Arbeitnehmerschaft bestanden hätte, wie im Basiszeitraum. Ein zutiefst unrealistische Vorgabe, denn die Struktur der Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt ist einem kräftigen Strukturwandel unterzogen.

Trotz enthaltenen relevanten Schönungspotentials gab es selbst in Q3 2011 in einigen Branchen bereits Reallohnverluste, so lag in den Öffentlichen Verwaltungen mit Bruttolöhnen von +1,8% und bei Lehrern mit +1,1%, die durchschnittliche Verdienstentwicklung deutlich unterhalb der Entwicklung der Verbraucherpreise. Auch Beschäftigte bei Banken und Versicherungen +2,0%, im Gastgewerbe +2,2% und im Handel mit +2,4% mussten Reallohnverluste hinnehmen.

Die Bruttomonatsverdienste, ohne die Sonderzahlungen (Urlaubs-, Weihnachtsgeld, Leistungsprämien) stiegen laut Verdiensterhebung im Produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich auf durchschnittlich 3’322 Euro brutto im Monat. Dies dürfte für viele abhängig Beschäftigte in Deutschland ein unerreichter Bruttolohn sein, allerdings hält sich nun die Verwunderung über die durchschnittlich 3’322 Euro Bruttolohn, sogar ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld in Grenzen, angesichts der Datenerhebung, nur unter Berücksichtigung der Vollzeitbeschäftigten.

Die Daten auf Basis der Verdiensterhebung sind Teil der positivistischen Propaganda. Ein klareres Bild, da umfassender, bieten dagegen die Daten aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Hier werden alle Arbeitnehmerentgelte, also die Gesamtbruttosumme aller Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer, Angestellten, Beamten, aller in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis stehenden, inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber in Deutschland erfasst.

Während die Summe aller Arbeitnehmerentgelte saisonbereinigt nominal um +0,65% zum Vorquartal anstieg, sanken die realen saisonbereinigten Arbeitnehmerentgelte um -0,39% zum Vorquartal. Zieht man die Sozialbeiträge der Arbeitgeber ab, erhält man die Summe aller Bruttolöhne und -gehälter und bricht man diese Summe dann auf die Anzahl der Beschäftigten im 3. Quartal 2011 und je Monat herunter, erhält man die durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat. Diese betrug dann Brutto (nominal) 2’448 Euro und sank zum Vorquartal um -0,37% bzw. um -9 Euro je Arbeitnehmer und je Monat zum Vorquartal. Real (preisbereinigt) sanken die Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat im 3. Quartal 2011 um -0,82% bzw. um -18,12 Euro!

Zieht man weiter den Arbeitnehmeranteil für die Sozialbeiträge und die Lohnsteuer ab, erhält man dann die durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat. Preisbereinigt, nach offizieller Lesart um den Anstieg der Verbraucherpreise, offenbaren die Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat nach Steuern und Abgaben die miese Partizipation der Arbeitnehmer am “Erfolgsmodell” Deutschland.  Der Beschäftigungsaufbau ist vor allem durch mies bezahlte Jobs gekennzeichnet:

Die realen (preis-, saison- und kalenderbereinigten) durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat seit Q1 1991 bis Q3 2011 (2005=100). In Q3 2011 ging es bereits das dritte Quartal in Folge abwärts, diesmal um -7,52 Euro, auf preisbereinigte durchschnittliche 1’461 Euro (2005=100). Im 3. Quartal 2011 liegen die durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat sogar noch -5,5% unter dem Niveau des Jahres 1991 und -4,07% unter dem Niveau des Jahres 2000!

Dieser Chart macht deutlich, dass beschämender Weise, zwei Jahrzehnte an unvergleichbaren Produktivitäts- und Technologiesprüngen an den durchschnittlichen Reallöhnen der Arbeitnehmer in Deutschland spurlos vorbeigegangen sind! Wie schief das deutsche Wirtschaftsmodell grundsätzlich aufgestellt ist, zeigt die lange Datenreihe in diesem Chart:

Die Entwicklung der realen Arbeitnehmerentgelte (grün), des realen Exportvolumens (rot) und der realen privaten Konsumausgaben der privaten Haushalte (blau) von Q1 2000 bis Q3 2011, alle Daten saisonbereinigt (Jahr 2000=100). Während die realen Exporte (Waren, Güter und Dienstleistungen) seit 2000 bis Q2 2011 um +83,92% stiegen, gab es bei den realen privaten Konsumausgaben einen lauen Anstieg von +5,40% und die realen Arbeitnehmerentgelten lagen sogar immer noch um -1,03% unter dem Niveau von 2000!  

Den tragenden Anteil Deutschlands an den wirtschaftlichen Ungleichgewichten und damit den Verwerfungen in der Eurozone dokumentieren auch die Lohnstückkosten:

Die prozentuale Entwicklung der saisonbereinigten nominalen Lohnstückkosten Deutschlands gegenüber den wichtigsten Volkswirtschaften aus dem gemeinsamen Währungsraum von dem Jahr 2000=100 bis Q3 2011.  Für Portugal*, Italien* und Luxemburg* liegen erst Daten bis Q2 2011 vor, demzufolge zeigt der Chart für diese Länder den Anstieg seit 2000=100 bis Q2 2011 an. Für Griechenland* liegen die Daten bis Q1 2011 bei Eurostat vor. Die nominalen Lohnstückkosten reflektieren die Entwicklung der Arbeitsproduktivität aus dem realen BIP je Erwerbstätigen und errechnen sich aus den durchschnittlichen Arbeitnehmerentgelten je Arbeitnehmer im Verhältnis zur Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen (Personenkonzept). 

Deutschland hat sich entscheidende Wettbewerbsvorteile durch den zu niedrigen Anstieg der Lohnstückkosten verschafft, was sich im Exporterfolg Deutschlands manifestierte und damit in den Ungleichgewichten beim Handel innerhalb der Eurozone.

Eine wesentliche Lehre aus der Wirtschafts- und Finanzkrise und der aktuellen Schuldenkrise müsste zweifellos im Abbau oder wenigstens in der Verringerung von realwirtschaftlichen Ungleichgewichten liegen! Solange den deutschen Arbeitnehmer der Anteil an den Produktivitätsfortschritten und dem Exporterfolg einseitig verwehrt werden, gibt es für die Ungleichgewichte in der Eurozone keine Lösung. Neben der Ankurbelung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Südperipherie der Eurozone müssten koordinierte Anstiege der Lohnstückkosten in der Eurozone ein Kernziel sein. Dies müsste kräftige Lohnerhöhungen für deutsche Arbeitnehmer beinhalten, um einen Anstieg der deutschen Lohnstückkosten zu erzielen. Im Umkehrschluss müssten die Löhne in der Südperipherie moderater steigen und dies einhergehen mit Investitionen, die in eine deutlich höhere Arbeitsproduktivität münden. Ohne diese realwirtschaftlichen Anpassungen sind alle Geldflutungen der nationalen Notenbanken im Eurosystem letztlich zum Scheitern verurteilt, weil sie an den Ursachen der Krise, den zu starken unterschiedlichen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeiten der Volkswirtschaften in der Eurozone vorbeizielen.

Mit dem deutschen Alleingang bei den Lohnstückkosten und mit den Exportüberschüssen verstößt Deutschland gegen sein eigenes Stabilitätsgesetz, denn im  Paragraph 1 heißt es:
“Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, daß sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.”

Auch das Grundgesetz (Artikel 109 Absatz 2) liefert einen ebenso deutlichen und nicht interpretationsfähigen Leitfaden gegen den deutschen Export im Gegenzug für leere Zahlungsversprechen und kreditfinanzierten Konsum der Südperipherie:
“Bund und Länder erfüllen gemeinsam die Verpflichtungen der Bundesrepublik Deutschland aus Rechtsakten der Europäischen Gemeinschaft auf Grund des Artikels 104 des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft zur Einhaltung der Haushaltsdisziplin und tragen in diesem Rahmen den Erfordernissen des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts Rechnung.” 
 
Das Ziel der deutschen Wirtschaftspolitik kann also nicht Wirtschaftswachstum durch Exportüberschüsse lauten, sondern das Wachstum muss in Einklang mit einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht erreicht werden. Dies würde nicht nur einer vernünftigen, sondern auch eine nachhaltigen Wirtschaftspolitik Rechnung tragen. Statt Rettungspaketen, EFSF, ESM, ausufernden Target2 Salden und Geldflutungen der Notenbanken gilt es immer noch die Ungleichgewichte abzubauen. Lieber zu spät als nie!

 

Quellen Daten: Destatis.de/PDF Reallohnindex und Index der Bruttomonatsverdienste Q3 2011 und Methodik der Datenerhebung, Destatis.de/XLS Daten Reallohnindex Q3 2011, Destatis.de/Pressemitteilung Reallöhne im 3. Quartal 2011, Genesis.destatis.de/Datenbank VGR, Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

Print article

3 Trackbacks