“Reallöhne auf dem Niveau wie vor 19 Jahren”

von am 23. September 2010 in Allgemein

Die schwache Lohnentwicklung in Deutschland und damit moderat steigende Arbeitskosten und vor allem auf Grund der hohen Produktivität langsam steigende Lohnstückkosten haben in den letzten Jahren neben der Euro-Einführung die Wettbewerbsposition Deutschlands enorm verbessert und zum Exporterfolg wesentlich beigetragen.

Die prozentuale Entwicklung der saisonbereinigten nominalen Lohnstückkosten Deutschlands gegenüber den wichtigsten Volkswirtschaften aus dem gemeinsamen Währungsraum und weiteren ausgewählten Volkswirtschaften von Q1 2000 bis Q1 2010. Quelle Daten: OECD.org/statsportal

Der deutsche Erfolg im Außenhandel befeuert allerdings kräftig die Ungleichgewichte im Welthandel und führt auf der anderen Seite zu ausufernden Handelsbilanzdefiziten importierender Länder und damit zu deren negativen Leistungsbilanz. Die erzielten Leistungsbilanzen erhöhen jedoch mit den Überschüssen/Defiziten immer die Gläubiger- bzw. Schuldnerposition gegenüber dem Ausland und die realwirtschaftlichen Ungleichgewichte sind die tiefere Ursache der Finanzkrise, da sich die Defizitländer im Ausland, mit der Gesamtheit ihrer Wirtschaftssubjekte immer weiter verschulden.

Die jährlichen Leistungsbilanzüberschüsse- und defizite ausgewählter Länder seit 1980 bis zum Jahr 2009 in Mrd. Dollar. Im ersten Halbjahr 2010 laufen die Leistungsbilanzen im Vergleich zu 2009 wieder kräftig auseinander.

Eine Lehre aus der Wirtschafts- und Finanzkrise muss zweifellos der Abbau oder wenigstens die Verringerung von realwirtschaftlichen Ungleichgewichten sein! In diesem Zusammenhang wurde in den letzten Monaten Kritik im Ausland an der Lohnpolitik in Deutschland laut, denn der deutsche Beitrag zur Verringerung der Ungleichgewichte im Welthandel müsste in der Ankurbelung der Binnennachfrage liegen und dafür wären u.a. steigende Löhne notwendig.

Gestern verteilte nun das Statistische Bundesamt eine erste Ladung Beruhigungspillen an die Kritiker und berichtete: “Reallöhne steigen um 2,3%”. Sofort sprang die “offizielle” Presse auf den Zug und berichtete, so SpiegelOnline: “Löhne in Deutschland steigen kräftig” und auch die Süddeutsche Zeitung schloss sich mit dem Slogan an: “Deutsche Löhne steigen kräftig”! Immerhin, wichtige Hinweise, wie das der Anstieg auf den statistischen Basiseffekt zurückzuführen ist und vor allem aus der sinkenden Kurzarbeit resultiert, wurden in Bezug auf das Statistische Bundesamt erwähnt.

Im 2. Quartal 2010 stiegen die realen (preisbereinigten) Bruttolöhne in Deutschland um +2,3% zum Vorjahresquartal um die höchste Rate seit Beginn der Index-Berechnung im Jahr 2007.

Upps, spätestens die lange Datenreihe seit Q1 2007 sollte schon mal stutzig machen…!

Die durchschnittlichen Bruttomonatsverdienste, einschließlich der Sonderzahlungen (Urlaubs-, Weihnachtsgeld, Leistungsprämien) stiegen nominal um +3,4% im Vergleich zum Vorjahresquartal. Nach Abzug des Verbraucherpreisanstiegs von “offiziellen” 1,1% von Q2 2009 bis Q2 2010 ergab sich ein Reallohnindex von 107,8 Punkten was einem Anstieg von +2,3% zum Vorjahresquartal mit 105,4 Indexpunkten entsprach!

Die durchschnittlichen Bruttomonatsverdienste ohne Sonderzahlungen (Urlaubs-, Weihnachtsgeld, Leistungsprämien) der Arbeitnehmer im Produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich stiegen nominal um +3,2% auf 3229 Euro Brutto im Vergleich zum Vorjahresquartal.

Nun wird sich mancher gebeutelter abhängig Beschäftigter die Augen reiben, durchschnittlich 3229 Euro Bruttolohn in Deutschland, sogar ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld, …den hätten sicher viele gerne!

Aber das “Wunder” ist leicht erklärbar, denn der Reallohnindex der die steigenden Löhne in Deutschland belegen soll, basiert auf der vierteljährlichen Verdiensterhebung, diese wiederum auf dem Verdienststatistikgesetz vom 1. Januar 2007. Diese Erhebung ist wirklich großartig, die Datenreihe geht teilweise, so für den Reallohnindex, nur bis Q1 2007 zurück und vor allem klammert sie einen großen Teil der Problemfelder am Arbeitsmarkt aus und ist damit ein perfektes potemkinsches Dorf! Die Verdiensterhebung basiert ausschließlich auf vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer, nicht einbezogen werden alle Teilzeitbeschäftigten, geringfügig Beschäftigte, Auszubildende, Praktikanten, Personen, die keinen Verdienst für ihre Leistung erhalten, tätige Inhaber, Mitinhaber und Familienangehörige ohne Arbeitsvertrag, ausschließlich auf Honorarbasis bezahlte Personen, Personen im Vorruhestand, Arbeitnehmer in Altersteilzeit, und Personen in so genannten 1-Euro-Jobs.

Die vierteljährliche Verdiensterhebung bezieht sich also nur auf die Verdienstentwicklung der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer und stellt “die durchschnittliche Verdienstentwicklung bei konstanter Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft dar”. Aha, sehr “realitätsnah” zeigen die ermittelten Indizes also nur an: “wie sich die durchschnittlichen Bruttoverdienste der Arbeitnehmer verändert hätten, wenn im jeweiligen Vergleichszeitraum die gleiche Struktur der Arbeitnehmerschaft bestanden hätte wie im Basiszeitraum”. Quelle PDF: Reallohnindex und Index der Bruttomonatsverdienste einschließlich Sonderzahlungen

Berichte von steigenden Löhnen und -gehältern, gar Reallöhnen, die auf Basis solcher Statistiken basieren, sind passend zum aktuellen Trend der positivistischen Propaganda und eine Beleidigung für jeden kritischen Beobachter!

Dabei bietet die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein umfassendes Bild der Entwicklung der Bruttolöhne- und gehälter! Hier werden alle Arbeitnehmerentgelte, die Gesamtbruttosumme aller Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer, Angestellten, Beamten, aller in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis stehenden, inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber in Deutschland erfasst. Nach Abzug der Sozialbeiträge der Arbeitgeber erhält man die Gesamtumme aller Bruttolöhne und -gehälter. Geteilt durch die jeweils durchschnittliche Anzahl aller Beschäftigten, werden in der vierteljährlichen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auch die durchschnittlichen Bruttomonatslöhne- und gehälter je Quartal angegeben.

Der durchschnittliche Saison- und kalenderbereinigte Bruttomonatslohn je Arbeitnehmer (geglättet, inkl. der Sonderzahlungen) betrug in Q2 2010 2359 Euro und stieg nominal um +2,4% und real um +1,4% zum Vorjahresquartal. Dies mag vielleicht prozentual noch nicht als gravierender Unterschied beurteilt werden, aber die lange Datenreihe der realen Bruttolöhne- und gehälter seit Q1 1991 zeigt deutlich, was die Datenreihe der Verdiensterhebung seit Q1 2007 nicht darstellen kann:

Die Entwicklung der durchschnittlichen realen Bruttolöhne- und gehälter je Arbeitnehmer seit Q1 1991! Reale Bruttolöhne- und gehälter =nominale Saison- und kalenderbereinigte Bruttolöhne- und gehälter um den Verbraucherpreisindex 2005 = 100 bereinigt.

Zwar stiegen die Reallöhne in den letzten vier Quartalen leicht an, aber deutlich macht diese Datenreihe, dass beschämender Weise, zwei Jahrzehnte an unvergleichbaren Produktivitäts- und Technologiesprüngen an den Reallöhnen der Arbeitnehmer in Deutschland spurlos vorbeigegangen sind! In Q2 2010 betrug der reale Bruttolohn bereinigt nur 2184 Euro (2005 = 100) und lag damit sogar unter dem Niveau aus Q4 1991 mit damals 2190 Euro an realem Bruttomonatslohn je Arbeitnehmer.

Folgerichtig hätte die eigentliche Headline gestern lauten müssen: “Reallöhne in Deutschland auf dem Niveau wie vor 19 Jahren”! Nur von welchem Mainstream-Medium könnte man so eine bittere Wahrheit erwarten?

Die schwache Lohnentwicklung spiegelt auch das Lohnsteueraufkommen in Deutschland wider:

Die Entwicklung des quartalsweisen Lohnsteueraufkommens in Deutschland aus der Statistik über das Steueraufkommen (Code 71211) von Destatis. Von einem Aufschwung der Bruttolöhne ist auch dort nichts zusehen, im 2. Quartal 2010 lag das Lohnsteueraufkommen bei 30,447 Mrd. Euro, nach 30,481 Mrd. Euro im Vorjahresquartal! Im Monatsbericht September der Deutschen Bundesbank PDF Seite 138, zeichnet sich auch für Juli kein anderes Bild. Im Juli 2010 betrug das Lohnsteueraufkommen 11,286 Mrd. Euro, nach 12,073 Mrd. Euro im Vorjahresmonat!

Wegen den Ausreißern, jeweils im 4. Quartal, auf Grund des Weihnachtsgeldes beim Lohnsteueraufkommen, hier noch der Chart mit dem gleitenden vier Quartals Durchschnitt des Lohnsteueraufkommen. Das gleitende vier Quartals-Lohnsteueraufkommen liegt aktuell unter dem Niveau aller Quartale aus dem Jahr 2000.

Die Lohnsteuer ist Teil der Einkommensteuer und erhebt Einkünfte auf nichtselbständige Arbeit. Die Lohnsteuer wird von den Arbeitgebern an Hand der Bruttolöhne berechnet und einbehalten und direkt an die zuständigen Finanzämter abgeführt (Quellensteuer). Lohnsteigerungen ohne entsprechende Steigerungen beim Lohnsteueraufkommen sind in der Realität nicht möglich, zu mindestens besteht dann keine Daten-Konsistenz, deshalb immer schön die Taschen zuhalten, wenn momentan Medien von steigenden Löhnen berichten.

Wie die Lage in den letzten Jahren aussah, verdeutlicht noch ein internationaler Vergleich der Entwicklung der Arbeitnehmerentgelte:

Im Vergleich die prozentuale Entwicklung der nominalen Arbeitnehmerentgelte von 2000 bis 2009 von Deutschland und ausgewählten Volkswirtschaften. Die Arbeitnehmerentgelte spiegeln die Gesamtbruttosumme aller Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer, Angestellten, Beamten, aller in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis stehenden wider, inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber. Quelle Daten für die Grafik: Eurostat/Datenbank-Wirtschaft Finanzen-Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

Reloaded: “Nachschlag”, “”Deutschland ist ein Problem””, “Verfehlte Freude”, “Juncker platzt der Kragen”, “Deutschlands Boom”, “Voodoo-Schland”, “Unhaltbare Leistungsbilanzen”

Quellen Daten: Destatis.de/Pressemitteilung Reallöhne, XLS Reallohnindex und Index der Bruttomonatsverdienste einschließlich Sonderzahlungen – 2. Vierteljahr 2010, Genesis.destatis.de/Datenbank: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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