Schicksalstag für Bundesbildungsministerin Schavan in der Plagiatsaffäre

von am 22. Januar 2013 in Allgemein

Der CDU-Parteichefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel drohen nach der Abwahl von David McAllister (CDU) in Niedersachsen und dem dadurch bedingten Verlust der Schwarz-Gelben Mehrheit im Bundesrat neue schlechte Nachrichten. Denn heute kommen an der Universität Düsseldorf die 15 Mitglieder des Rates der Philosophischen Fakultät zusammen, um zu entscheiden, ob der Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Annette Schavan (CDU) der Doktortitel aberkannt werden soll. Sie soll bei ihrer Doktorarbeit getäuscht haben.

Dass dieser Vorwurf ausgerechnet die oberste Chefin der Hochschulen in Deutschland trifft, verleiht dieser jüngsten Plagiatsaffäre eine besondere Brisanz. Sollte ihr der Doktortitel (Promotion) heute aberkannt oder ein Verfahren zur Aberkennung eingeleitet werden, wäre sie als Bundesbildungsministerin kaum mehr tragbar. Die Signalwirkung für die gut 2,5 Millionen Studierenden und Zehntausende Doktoranden wäre verheerend.

Die Bundesbildungsministerin und enge Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ihren Doktortitel an der Universität Düsseldorf im Jahre 1980 erworben. Grundlage dafür war ihre 326 Seiten umfassende Doktorarbeit (Dissertation) mit dem Titel „Person und Gewissen – Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung”. Sie wurde damals mit „magna cum laude“ (mit großem Lob bzw. sehr gut) bewertet, was nach „summa cum laude“ (mit höchstem Lob) die zweitbeste Note für eine Dissertation ist. Zu dieser übereinstimmenden Beurteilung kamen Schavans Doktorvater, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Gerhard Wehle und der Zweitgutachter Prof. Dr. Werner Heldmann. (1)

Ein anonymer Blogger hatte den Stein ins Rollen gebracht. Auf seiner Internetseite „Schavanplag“ dokumentiert er akribisch die auf insgesamt 97 der 326 Seiten umfassenden Dissertation von Annette Schavan gefundenen Textstellen, die er für Plagiate hält, also für unrechtmäßige Aneignungen geistigen Eigentums anderer. (2) Anders ausgedrückt, Annette Schavan hat – so sein Vorwurf – nicht einfach nur ungeschickt oder schludrig gearbeitet und gelegentlich Fehler gemacht, sondern in signifikantem Umfang in ihrer Doktorarbeit nicht angegeben, wann etwas, das sie geschrieben hat, nicht von ihr stammt. (3)

Der Vorsitzende des Promotionsausschusses der für den Fall Schavan zuständigen Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf, Prof. Dr. Stefan Rohrbacher, hatte wegen dieser Vorwürfe die Arbeit von Schavan auf der Grundlage der Originaltexte detailliert überprüft und ein 75 Seiten umfassendes Gutachten erstellt, in dem er Textstellen auf insgesamt 60 Seiten moniert. Das Fazit des Gutachtens lautet: “Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren.” (4) Auf der Grundlage dieses Gutachtens hat sich der Promotionsausschuss in seiner Sitzung am 12. Dezember mit dem Fall befasst und – laut Presseberichten –einstimmig die Einleitung eines Verfahrens zur Aberkennung des Doktortitels empfohlen. (5)

Zwischenzeitlich hat der Promotionsausschuss seinen Vorwurf zwar insofern abgeschwächt, als er Frau Schavan keine Täuschungsabsicht mehr unterstellt. Allerdings, so heißt es jetzt, habe sie in Kauf genommen, gegen gängige Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens zu verstoßen und deswegen ist der Ausschuss bei seiner Empfehlung geblieben, ein Aberkennungsverfahren einzuleiten. (6)

Darüber muss heute der Fakultätsrat der Philosophen an der Universität entscheiden.

Es geht also um die Frage der Anwendung der Regeln wissenschaftlichen Arbeitens, Regeln, die selbstverständlich auch schon lange vor dem Internet existierten und an die sich jeder, der an Hochschulen eine Prüfung ablegt, ob als Studierender oder Doktorand, halten muss. Diese Regeln sind von fachlichen und inhaltlichen Aspekten unabhängig.

Was es mit dem wissenschaftlichen Arbeiten auf sich hat und was ein Doktorand in seiner Dissertation zu leisten hat, sei, weil das nicht jeder wissen wird, hier einmal exemplarisch anhand der Ratgeber-Publikation „Wissenschaftliches Arbeiten“ von Manuel R. Theisen aus den 80er Jahren (der Zeit vor dem Internet) kurz dargelegt.

„Die Doktorarbeit sollte eine thematisch geschlossene, eigenständige und in ihren wesentlichen Teilen ursprüngliche Auseinandersetzung mit einer vom betreuenden Fachvertreter (Doktorvater) in Abstimmung mit dem Kandidaten erstellten Thema darstellen. … Die erforderliche methodische Fundierung der Ausführungen, der Einbezug aller bedeutenden themenspezifischen Literatur sowie deren kritische Diskussion und eigenständige Weiterentwicklung gewähren jedem Forscher auf gleichem oder ähnlichem Gebiet eine wichtige Quelle und Fundgrube für die eigene Arbeit.“ (Theisen (1986),S. 11)

Bei Dissertationen, die in der Regel ein eng abgegrenztes, sehr spezielles Thema in die Tiefe gehend behandeln, kommt es entscheidend darauf an, alle für dieses Thema relevanten, das heißt wichtigen wissenschaftlichen Beiträge in der Literatur zusammenzutragen und auszuwerten. Als es noch kein Internet und keine PC gab, hat man mit Texten ausschließlich in der Papierform gearbeitet und sich die notwendige Übersicht und Systematisierung mit Hilfe der Anlage einer Kartei verschafft, in der man nach Verfasser und Werken geordnet die für wesentlich erachteten Aussagen verzeichnete. So wird auch Annette Schavan Ende der 70er Jahre gearbeitet haben.

Aussagen in einer Dissertation sind entweder durch entsprechende Belege zu untermauern. Man muss also angeben, woher man diese hat, also z.B. durch Angabe einer Literaturquelle. Dann handelt es sich erkennbar um eine Leistung anderer. Oder sie müssen sich aus dem zuvor Geschriebenen schlüssig ableiten bzw. folgern lassen, was eine eigene Leistung darstellt.

Theisen schreibt dazu erklärend in seinem Ratgeber in der Ausgabe von 1986 zur Material- bzw. Literaturbeschaffung als Grundlage für wissenschaftliche Ausarbeitungen Folgendes:

„Schließt man den „Genie-Fall“ aber aus, so handelt es sich gerade bei wissenschaftlichen Arbeiten um Produkte, die regelmäßig auf der Grundlage von zahlreichen (kritischen) Verwertungsprozessen nicht ausschließlich eigener, originärer Gedanken entstanden ist;“ (Theisen (1986), S. 73)

Es kommt also gerade auch in einer Dissertation darauf an, exakt zu kennzeichnen, was darin eigene Leistung und was die wissenschaftliche Leistung anderer ist. Theisen stellt das in seinem Ratgeber mit einem passenden Zitat von W. Wittmann heraus:

„Es sind ahnungslose, naive Plagiatoren, die meinen, wissenschaftliche Erstlingsarbeiten könnten überhaupt nur entstehen, indem man mal wörtlich, mal weniger wörtlich aus klugen Büchern abschreibe. Sicher, man nimmt seine Informationen, wo man sie findet, man muß nur sagen, wo man sie gefunden hat, und – beinahe noch wichtiger – seinen Stil so einrichten, daß der Leser stets weiß, wann man aus fremden Quellen berichtet und wann man Eigenes vorträgt.“ (W. Wittmann, Betriebswirtschaftslehre, 1982, S. 385, zitiert nach Theisen (1986), S.119)

Dieses Zitat verdeutlicht sehr gut, worum es bei der heutigen Entscheidung des Fakultätsrats der Philosophischen Fakultät im Falle der Dissertation von Annette Schavan geht und was sie – sehr wahrscheinlich – falsch gemacht hat.

Wer die Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens nicht erlernt und befolgt, wird im Studium an den Prüfern regelmäßig scheitern. Sie zu beherrschen und zu befolgen, ist jedoch eine unausgesprochene Voraussetzung für jeden, der promovieren will. Frau Schavan hätte dies also beherrschen müssen.

Professoren sind zudem regelmäßig Experten in dem von ihnen vertretenen Fach. Das heißt, sie kennen die Literatur und alle maßgeblichen Arbeiten in ihrem Fachgebiet bestens. Gerade deswegen erkennen sie in zur Prüfung vorgelegten Arbeiten von Studierenden und Doktoranden Aussagen anderer Experten meist selbst dann, wenn Quellenhinweise fehlen.

Im Zeitalter des Internets ist dies für sie freilich viel schwieriger geworden. Als Annette Schavan ihre Doktorarbeit verfasste, gab es diese Probleme aber noch nicht. Insofern geraten in ihrem Plagiats-Verdachtsfall auch ihre damaligen Prüfer in den Blickpunkt, weil sich angesichts des nun festgestellten Ausmaßes plagiierter Textstellen die Frage stellt, warum ihnen dies damals nicht aufgefallen ist.

Seit Karl-Theodor zu Guttenberg als Bundeswirtschaftsminister zurücktreten musste, weil ihm nachgewiesen werden konnte, dass er entgegen seiner Behauptung bei seiner Doktorarbeit bzw. Dissertation ganze Passagen woanders abgeschrieben hatte, ohne dies durch Hinweise auf die Quellen zu kennzeichnen, hat eine Reihe von namhaften Politikern ihren Doktortitel aus ähnlichen Gründen abgeben müssen, unter anderem Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis von der FDP sowie der Fraktionsvorsitzende der CDU im Berliner Abgeordnetenhaus, Florian Graf, aber etwa auch die FDP-Beraterin Prof. Dr. Margarita Mathiopoulos, die damit auch ihre Honorarprofessuren verlor. Das hat teils schwer wiegende berufliche Konsequenzen. Was in der öffentlichen Debatte immer noch viel zu wenig thematisiert wird, ist, dass die Prüfer ebenfalls eine Verantwortung für diese Plagiatsfälle haben. Dies deutet – angesichts der Zahl solcher Fälle – darauf hin, dass die Verfahren zur Vergabe von Promotionen leistungsgerechte Beurteilungen offensichtlich nicht ausreichend sicherstellen können.

Der Fall Annette Schavan ist unter dem Strich sicher nicht mit dem Fall von Karl-Theodor zu Guttenberg zu vergleichen. Ob jedoch die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens in signifikantem Maße bewusst, das heißt in Täuschungsabsicht missachtet wurden oder aus Nachlässigkeit, kann und darf bei der Bewertung von Prüfungsarbeiten an Hochschulen keine Rolle spielen. Für alle Studierenden und Doktoranden müssen die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens gelten.

Die Öffentlichkeit kann hier sehr wohl differenzieren und sollte dies auch tun. Eine Bundesbildungsministerin braucht keinen Doktortitel, um eine gute Ministerin zu sein. Aber eine Bundesbildungsministerin, die im Nachhinein die Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens für sich nicht akzeptieren will, wäre am Ende genauso wenig tragbar wie ein Minister, der von vornherein wusste, dass er dagegen verstößt. Das wäre dann auch für die Bundeskanzlerin eine bittere Pille.

von Stefan L. Eichner
Kontakt: eichner@web.de

Print article

38 KommentareKommentieren

  • Roland - 22. Januar 2013

    Frau (Dr.) Schavan könnte das Selbst-Verteidigungsministrerium übernehmen.

    • Traumschau - 22. Januar 2013

      Nö, sie sollte im Fall der Aberkennung ihres Titels H4 beziehen und sich in einem Kompetenzzentrum der “Agency” für einen ihrer Qualifikation adäquaten Beruf fortbilden lassen.
      Dann könnte sie bei der Gelegenheit ihre Ex-Kabinettskollegen darüber unterrichten, wie es sich an der “Basis” so anfühlt und leben läßt …
      Vielleicht wäre das auch für den gesamten Bundestag mal ein ein wirklich lohnendes “Praktikum”!!

  • torsten - 22. Januar 2013

    Eine exzellente Betrachtung und Bewertung der Plagiatsaffäre um Frau Schavan. Besonders traurig ist, dass nicht ein Fünkchen Selbstzweifel, Nachdenklichkeit oder gar Einsicht bei der Ministerin zu erkennen ist, die pikanterweise zum einen über das “Gewissen” pormovierte und zum anderen bislang noch immer für die Bundesbelange im Hochschulwesen zuständig ist.

  • klaus - 22. Januar 2013

    Gutachter bestätigt richtiges Handeln der UNIVERSITÄT DÜSSELFAORF.

    http://www.tagesspiegel.de/wissen/doktorarbeit-gutachter-entlastet-uni-duesseldorf-im-fall-schavan/7644604.html

    Vielleicht könnten wir Frau Schavan neben Guttenberg im Euro-Parlament einsetzen.
    Natürlich eine Doktor-Stelle.
    Ähmmm, äeh, ehh, neben dem Ede Stoiber.

    ‘ -)

    • krisenfrei - 23. Januar 2013

      Brüssel ist ein Sammelbecken für alle Polit-Nieten.
      Irgendwo müssen die Ratten ja entsorgt werden.

  • Bubblegum - 22. Januar 2013

    @ SLE,

    ist was dran an dem Gerücht, das Frau Schavan niemals die Vorstufe zu einer Doktoararbeit,
    sprich eine Magister bzw. Diplomprüfung abgelegt hat? Auch dies wäre eine kaum nachvollziehbare Seltsamkeit im Rahmen der damals üblichen Promotionsordnungen!

    Viele Grüße
    Bubblegum

    • Conney - 22. Januar 2013

      Laut Biographie auf Wikipedia hat sie mit einer Direktpromotion ihr Studium abgeschlossen. Wird der Titel aberkannt, kann sie neben dem Abitur keinen Abschluss vorweisen.

  • Roland - 22. Januar 2013

    Mit der Aberkennung ihres Doktortitels hätte Frau Schavan überhaupt keinen Hochschulabschluss mehr, da sie ihr Studium mit einer sogennanten Direkt-Promotion beendete.

    Sie hätte dann neben ihrem Abitur noch die ihr verliehene Honorar-Professur und deren Titel. Diese/r könnte aber auch noch in Gefahr sein.
    Zum worst-case würde unser Bildungs-Ministerium schließlich von einer einfachen G-13 Abiturientin geleitet.

  • JL - 22. Januar 2013

    Sehr geehrter Stefan L. Eichner

    Sie dokumentieren letztendlich „nur“ die Verquickung von Politik, Institutionen, Wirtschaft und Rechtsprechung. Diese, von Bloggern aufgedeckten Ungereimtheiten oder auch nachweislichen Plagiaten- ob nun von Schawan oder von zu Gutenberg- oder auch anderen- dokumentieren doch nur die vorhandenen Verflechtungen untereinander.

    Und wem interessiert es wirklich?

    Schließlich regt sich auch keiner auf, wenn ein Hr. Müller- seines Zeichens ehemaliger Ministerpräsident des Saarlandes- Verfassungsrichter wird- es wird ja nur Recht mit Macht verflochten. Und wenn ein Steinbrück in der Chefetage von ThyssenKrupp sitzt ist das auch in Ordnung- trotzdem ist er doch weiterhin gestandener Sozialdemokrat und Kanzlerkandidat.

    Im Übrigen haben mich die Kommentare Ihres letzten Beitrages erstaunt aber nicht verwundert- es paßt sehr gut. Man schrieb zu der Landtagswahl allesmögliche, nur das man einmal in vier Jahren Landespolitik gestalten kann- und dies auch nur indirekt- stört keinen.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

    • SLE - 22. Januar 2013

      Hallo JL,

      na ja, ich denke nicht wenige in der Wissenschaft interessiert das alles sehr, wie ja auch die Spaltung derselben in Kritiker und Befürworter des Vorgehens der Uni Düsseldorf zeigt. Und eigentlich ist es ein ermutigendes Zeichen, dass die Kritiker, weil sie für Schavan in die Bresche springen innerhalb der Zunft tatsächlich lautstarken Widerspruch erhalten. Wo die von Ihnen angesprochenen engen Verquickungen anfangen aufzubrechen, ist letztlich nicht entscheidend. Warum also nicht hier, bei den Plagiatsaffären.

      Ich habe mir halt gedacht, ein wenig Hintergrund zu lieferen, damit jeder die verschiedenen vertretenen Argumente für und gegen eine Aberkennung des Doktortitels nüchterner bewerten kann. Denn natürlich sind nicht alle genannten Argumente wirklich tragfähig.

      Grüße
      SLE

  • Roland - 22. Januar 2013

    Wenn es eines schlagenden Beweises bedürfte, dass Internet-blogs eine ernsthafte Konkurrenz für die Medien geworden sind, so ist er heute wieder einmal erbracht worden.
    Nicht nur BILD und SPIEGEL…usw. alleine können Politiker hoch- und runterschreiben. Einen Abschuss schafft heutzutage auch ein “kleiner” Blogger von schavanplag.
    Und da ein Wirtschafts-blog wie querschuesse allen etablierten Medien jetzt schon überlegen ist oder ein Polit-blog wie http://www.globalresearch.ca mit inzwischen über 6.000 zuarbeitenden Autoren (hauptsächlich aus dem Wissenschaftsbetrieb) jedes Mainstream-Magazin weit hinter sich lässt, bedeutet dies für den Mainstream à la longue nicht gutes.

    Nicht schön für die milliardenschweren Verleger-Familien, deren Profite und manipulierender politischer Einfluss schwinden wird – umso schöner für uns, die wir nach Wahrheit und Erkenntnis suchen. Gut auch für die Demokratie.

  • JL - 22. Januar 2013

    Hallo SLE

    Ich bezog mich auf die Wahrnehmung der „breiten Masse“.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

  • Alfred Casimir - 23. Januar 2013

    Aus der Sichtweise der aktuellen internationalen Hirnforschung, müsste
    Frau Schavan zu 100% rehabilitiert werden.
    Sie hat für 2/3 ihrer zusammengeschriebenen Sätze die Quellen benannt. Das spricht für einen gewissen Grad von Begeisterung für dieses Thema.
    In dem Wissen , wie Ihr Doktorvater tickt , hat Sie ja dann die 96 Seiten eigenverantwortlich formuliert.
    Ohne weitere Quellen anzugeben, wenn Sie von diesen inspiriert worden ist.
    Die Auffassung wie Gehirn funktioniert war in den 80 er Jahren eine andere als heute.
    Kamen da , auf welchem Weg auch immer, mehrere Personen auf den gleichen Gedankengang, verfestigte sich dieses Gedankengut zur Lehrmeinung. So war das früher in der Philosphie.

    Das „Gehirn“ diese Fähigkeit der Erkenntnis gar nicht hat, ist erst seit ungefähr 10 Jahren naturwissenschaftlich belegt.
    In allgemeinverständlicher Form versucht Gerald Hüther und auch Manfred Spitzer, diese Tatsachen
    im Mainstream zu kommunizieren.
    Der Erfolg hält sich in Grenzen, beweist aber gleichzeitig die Richtigkeit.

    Die Auseinandersetzung zwischen naturwissenschaftlichen Arbeiten, und dem Rest der Lehrstühle auf Universitäten , wird in der Öffentlichkeit mit ein ganz großen Tabu belegt.
    Dabei vergessen wir in Westeuropa, das die Erde eine Kugel ist, und die Menschheit als Ganzes funktioniert.
    Hier sehe ich eine einmalige Chance, offen über Tatsachen verfehlter Bildungspolitik zu sprechen, und zu handeln.
    Man kann natürlich auch abwarten, wie zu der Zeit von Galileo Galilei.

  • Ralf - 23. Januar 2013

    @Alfred Casimir
    Wie meinst du das?
    “Die Auseinandersetzung zwischen naturwissenschaftlichen Arbeiten, und dem Rest der Lehrstühle auf Universitäten , wird in der Öffentlichkeit mit ein ganz großen Tabu belegt.”

    Ich habe die Naturwissenschaften studiert und festgestellt, dass da noch weitaus weniger belegt wird als in den Geisteswissenschaften. Nur ein Beispiel, denn dies ist ja kein Forum zu Naturwissenschaften:
    Die Lehrbücher der Physikalischen Chemie verzichten vollständig auf Quellen und sind überfüllt mit “mathematischen” Formeln die mit Mathematik nichts zu tun haben. Noch immer findet sich z.B. Clausius falsche Ableitung im 1. Hauptsatz der Thermodynamik – obwohl bereits 1854 ein bekannter Professor auf die falsche Ableitung aufmerksam machte.

    Das war schon damals das gleiche Schema:
    Am Ende hatte auch Clausius nur abgeschrieben ohne die Quelle zu nennen und mußte sich seine Formel des 1. Hauptsatzes entsprechend dem abgeschriebenen Ergebnis hinbiegen.

    • Alfred Casimir - 23. Januar 2013

      @Ralph

      Es gibt sogenannte angewandte Wissenschaften, die sich mit Theorien beschäftigen, für die dann
      Belege gesucht werden, oder auch Modelle herhalten müssen.

      Die Voraussetzung hier mitzumachen, ist eine naturwissenschaftliche Auseinandersetzung;
      heißt eine Veröffentlichung mit anschließender öffentlicher Diskussion.
      Doktorarbeiten sind in diesem Zusammenhang, ein erster Schritt, sich an diese Art und Weise der
      Differenzierung von Sachverhalten zu gewöhnen.
      Das die Frau Schavan, mit dieser Arbeit etwas anderes im Schilde führte, oder vielleicht auch die Lust an wissenschaftlichem Handeln verloren hat, steht auf einem ganz anderen Blatt.
      Das geht leider vielen Menschen so, die nach Bildung Ausschau halten.
      Die Art und Weise, wie in den 80er Jahren, Dissertationen zustande gekommen sind,sehen in der Rückschau abenteuerlich aus. Das war aber leider Normalität.
      Um das zu ändern, wäre mein Wunsch.
      Das gelingt nur, wenn in der Öffentlichkeit mal ehrlich darüber diskutiert wird, was da so alles mit Doktorwürden und anderen Titeln glänzt.
      Diese Dissertation der Frau Schavan, ist nichts anderes als eine Studienarbeit für den Herrn Professor, um Gedankengut zu produzieren aus Lehrmeinung.
      Das hat mit Bildung nichts zu tun. Das hat auch mit Forschung nichts zu tun.
      Und denjenigen, die an Forschungen arbeiten, die der heutigen Lehrmeinung nicht zu 100% entsprechen, werden zu Bewertungen gar nicht erst zugelassen.
      Um diese vielleicht kreativen Querdenker geht es mir.
      Speziell in den Geisteswissenschaften hat sich in den letzten Jahren ein enormer Wandel ,hin zu naturwissenschaftlichen Methoden, vollzogen.
      Doch die Zuhörer (Studenten) sind damit leider oft überfordert und lernen den Stoff auswendig wie ein professioneller Schauspieler. Das nutzt der Wissenschaft wenig.

      • Ralf - 23. Januar 2013

        @Alfred Casimir

        Das sehe ich im Prinzip genau so.
        Die meisten Dissertationen dienen allen der Karriere.
        Sowohl in den Geisteswissenschaften, als auch in den Naurwissenschaften.

        Eine öffentliche Diskussion halte ich allerdings nicht für realistisch. Den Schmarrn, der da produziert wird mag ich weder lesen noch diskutieren. Das schließt die Arbeit der Frau Schavan ein. Genau dies ist aber auch die Absicht derartiger Arbeiten – niemand, außer denen die es müssen – sollen die Arbeit lesen.
        Schon aus Mangel an Zeit und der unüberschaubaren Masse derartiger Machwerke, kommen nur die Arbeiten einiger Politiker in den Blickwinkel der Öffentlichkeit. Tatsächlich wurden und werden der weitaus größte Teil der Dissertationen aber genau so angefertigt. Frau Schavan hat kein schlechtes Gewissen, weil sie sich in sehr großer und guter Gesellschaft fühlt.

        Leider hat die “Wissenschaft” eine Definitionshoheit die niemand kritisiert. “Wissenschaft” ist, was die Wissenschaft selbst als Wissenschaft bezeichnet.

        Das ist das Übel das abgeschafft gehört.

        • SLE - 23. Januar 2013

          Sie kennen den Hochschulbetrieb wahrscheinlich nicht von Innen. Ich würde nicht sagen, dass der weitaus größte Teil der Dissertationen so zustandekommt wie die in den bekannt gewordenen Plagiatsaffären. Es gibt sogar viele, die eine Promotion anstreben, aber sie nie bekommen – aus den unterschiedlichsten, manchmal auch schwer nachvollziehbaren Gründen nicht. Das Grundproblem scheint mir zu sein, wer wie darüber zu entscheiden hat, ob eine wissenschaftliche Ausarbeitung zum Promotionsverfahren zugelassen wird und wer sie, wenn dies geschehen ist, bewertet. Dass es so viele Plagiatsaffären gibt, ist ein Zeichen dafür, das hier erhebliche Schwächen im System vorhanden sind und das Verfahren geändert werden muss. In keiner der Plagiatsaffären wurde die Frage diskutiert, wie es sein kann, dass den teils hoch angesehenen Professoren, die in diesen Fällen prüften, solch grobe Fehler und Täuschungen in noch dazu erheblichem Umfang nicht aufgefallen sind, wohl aber den Plagiatejägern und Prüfern im Rahmen der Plagiats-Verfahren.

          Viele Grüße
          SLE

          • Lottchen - 23. Januar 2013

            > Sie kennen den Hochschulbetrieb wahrscheinlich nicht von Innen.

            Natürlich nicht. 90 Prozent derer, die ihren Senf zu diesem Thema abgeben, kennt diesen Betrieb Nicht von innen. Mindestens drei Viertel hat abgesehen vllt vom Tag der Offenen Tür noch nie eine Universität von innen gesehen.

            Natürlich spielt Wahlkampf auch gar keine Rolle in der ganzen Angelegenheit.

            Mich wundert und enttäuscht, dass Sie sich an diesem Mist beteiligen. Vielleicht sollte man einfach in diesem Verfahren mal die Universität und ggf die Gerichte ihre Arbeit machen lassen, und dann urteilen. Wie wäre das?

            • SLE - 23. Januar 2013

              “Vielleicht sollte man einfach in diesem Verfahren mal die Universität und ggf die Gerichte ihre Arbeit machen lassen, und dann urteilen.”

              Genau das geschieht ja nicht, weil – wie in vielen anderen Angelegenheiten auch – jede Menge Nebel verursacht wird. Und deswegen habe ich einmal ein paar grundsätzliche Dinge angesprochen, die das wissenschaftliche Arbeiten betreffen und die jene, die den Hochschulbetrieb nicht kennen, vielleicht hilfreich finden. Denn darum geht es bei den unter Plagiatsverdacht stehenden Fällen. So weit ich das sehe, habe ich kein Urteil gefällt, keine Partei ergriffen. Was ist also mein Verbrechen?

              Viele Grüße
              SLE

          • Ralf - 24. Januar 2013

            @SLE:
            Warum diese Vermutung?
            “Sie kennen den Hochschulbetrieb wahrscheinlich nicht von Innen.”

            @Lottchen
            Warum diese Schmähung:
            Natürlich nicht. 90 Prozent derer, die ihren Senf zu diesem Thema abgeben, kennt diesen Betrieb Nicht von innen.

            Wer den Wissenschaftsbetrieb nicht von Innen kennt darf nicht mitreden? Der ist vielleicht falsch oder unvollständig informiert?

            Diese Haltung halte ich für das Grundproblem in dieser Sache!
            Und ich hatte das mit diesem Satz kritisiert:
            “Wissenschaft” ist, was die Wissenschaft selbst als Wissenschaft bezeichnet.

            Die Gesellschaft steht dieser anmaßenden Haltung der Wissenschaft hilflos gegenüber.
            Ich selbst habe jahrelang in Sachen Anti-AKW gegen Physiker, Chemiker und andere Wissenschaftler argumentieren müssen und immer wieder zu hören bekommen wie sicher – natürlich wissenschaftlich belegt – die Atomkraft und wie harmlos radioaktive Strahlung sei und natürlich auch, dass die Anti-AKW-Bewegung aus esoterischen Spinnern bestehe.
            Klagen gegen AKWs wurden immer wieder mit wissenschaftlichen Gutachten abgeschmettert gegen die kein Kraut gewachsen war, weil kein Richter es wagte diese “wissenschaftliche Argumentation” zu ignorieren.

            Am Ende hat leider nicht etwa die Wissenschaft dieses Problem der scheinwissenschaftlichen Argumentation gelöst, auch nicht die Politik oder die Juristen, sondern die Realität in Gestalt der Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukoshima.

            Scheinwissenschaftliche Argumentationen beschränken sich leider nicht auf Frau Schavan, sondern sind ein grundsätzliches und tiefergehendes Problem unserer Gesellschaft.

            Das Alles hat gar nichts damit zu tun, ob ich den Hochschulbetrieb von innen kenne.

            • SLE - 24. Januar 2013

              @ Ralf

              weil selbst die meisten Studierenden keinen Enblick in die Strukturen des Hochschul- und Prüfungsbetriebs jenseits von Diplom/Magister bzw. Master/Bachelor erhalten und sie in Ihrem Kommentar von den Plagiatsfällen auf Promotionen an sich schließen sowie indirekt sagen, alle Doktoranden/Professoren würden es mit den Regeln nicht so genau nehmen. Das stimmt so nicht. Und wenn man sich beispielsweise einmal Habilitationsschrift (dabei geht es um den Erwerb der Lehrbefugnis) und Dissertation von einzelenen Wissenschaftlern anschaut, wird man nicht selten feststellen, dass letztere vom Forschungsstandpunkt her betrachtet die interessantere Arbeit darstellt.

              Aber in den Plagiatsfällen geht es gar nicht um die Inhalte, sondern um die Einhaltung einer grundlegenden Regel wissenschaftlichen Arbeitens, nämlich auszuweisen, was man selbst geleistet und was man von anderen übernommen hat. Hier geht es auch um Urheberrecht. Wenn man das über Bord wirft oder Präzedenzfälle schafft, wäre das m.E. für Wissenschaft und Forschung verheerend.

              Es ist allerdings richtig, dass die Professorenschaft eine gewisse Deutungshoheit hat und gerade auch die Plagiatsaffären – wobei ich den Fall von Frau Schavan mal ausklammere, weil es keine Arbeit aus der jüngeren Vergangenheit ist – darauf hindeuten, dass diese nicht selten überstrapaziert wird, aus welchen Gründen auch immer. Plattformen wie VroniPlag und SchavanPlag sind ja gerade deswegen entstanden, um dem entgegenzuwirken. Zumindest im Falle von VroniPlag ist ja bekannt, dass auch Professoren sich daran beteiligen. Dieses Problem existiert eigentlich schon länger. Es wurde jedoch nie angegangen, weil es keinen ausreichenden Handlungsdruck gab. Das hat sich durch die aufgedeckten Plagiatsfälle geändert und es dürfte sich auch schon positiv ausgewirkt haben, weil jetzt wieder jeder sehr genau hinschaut.

              Noch einmal: Die Bewertung der inhaltlichen Leistung von Doktorarbeiten ist eine Sache. Darum geht es bei den Plagiatsaffären nicht. Dort geht es um die Einhaltung von elementaren Regeln wissenschaftlichen Arbeitens und damit um das Fundament der Wissenschaft. In den USA ist das Bewusstsein dafür viel stärker ausgeprägt als hier, wie die aktuellen Proteste gegen Karl-Theodor zu Guttenberg deutlich zeigen (siehe dazu: http://www.rp-online.de/politik/ausland/guttenberg-holt-die-vergangenheit-ein-1.3145214). Allerdings ist der Fall Guttenberg klar und abgeschlossen, der von Frau Schaven – wie oben in meinem Aufsatz angesprochen – jedoch anders gelagert und noch nicht abgeschlossen. Die Vorwürfe von Schavanplag sind jedoch im Wesentlichen auch vom Promotionsausschuss und vom Fakultätsrat bestätigt worden und deswegen ernst. Das ist – allen Nebelbomben zum Trotz – Fakt. Ein ganz normaler Doktor und selbst ein ganz normaler Professor hätte unter diesen Umständen schon ein ganz massives Problem.

              Viele Grüße
              SLE

          • Lottchen - 24. Januar 2013

            @Ralf
            Das war keine “Schmähung”, sondern die Feststellung, dass 90 Prozent in dieser Angelegenheit keine Ahnung haben, wovon sie reden. Weder haben sie eine, was Zitierregeln überhaupt sind oder wozu sie dienen, noch haben sie eine Ahnung, welche Formen von Zitierweisen es gibt, geschweige, dass sie eine Ahnung hätten, was überhaupt Sinn und Zweck einer Doktorarbeit ist. Nichtsdestoweniger schwingt sich Hinz und Kunz als Richter über Schavan auf, und fällt Urteile über sie.

            Anders als Sie offenbar halte ich es nicht für einen Fortschritt, wenn jeder glaubt, er müsse trotz völliger Unkenntnis der Sachlage und Hintergründe zu allem und jedem eine Meinung haben, und möglichst noch über andere urteilen. Sondern im Gegenteil für ein Grundproblem des Internets, das in dieser Sache wieder und nicht zum ersten Mal wie ein schnatternder Geflügelhaufen auf mich wirkt.. Um mal wieder Dieter Nuhr zu zitieren: “Man darf in einer Demokratie zu allem eine Meinung haben, man muss es aber nicht”.

          • Lottchen - 24. Januar 2013

            @SLE
            Von welchem “Nebel” reden Sie? Nach meiner Wahrnehmung ist es durchaus so, dass die Universität versucht, ihre Arbeit zu machen. Den “Nebel” verursachen andere Leute, solche, die vertrauliche Gutachten an die Presse durchstechen, Urteile in einem nicht abgeschlossenen Verfahren fällen und gleich noch “den Wissenschaftsbetrieb” in Bauch und Bogen mit aburteilen.

            Interessant finde ich im Übrigen die überwiegende Verurteilungen von Schavan durch die Forenöffentlichkeit, während im Fall von Guttenberg das ganze mit “Jeder hat doch mal abgespickt” abgetan worden ist. Dabei sind die Mängel in Schavans Arbeit nicht im Entferntesten mit dem zu vergleichen, was sich Guttenberg geleistet hat. Schon allein daran ist zu erkennen, wie hilfreich eine durch Ahnungslose beherrschte öffentliche Diskussion bei diesem Thema ist.

            • SLE - 24. Januar 2013

              Ich meinte den Nebel, der von Wissenschaftlern über die Medien verursacht wird. Zum Beispiel mit dem Hinweis, Prof. Rohrbacher, der Vorsitzende des Promotionsausschusses und Verfasser des Gutachtens, auf dessen Grundlage der Fakultätsrat entschieden hat, sei als Judaistik-Professsor fachfremd und könne die Arbeit von Schavan nicht richtig beurteilen. Es geht aber nicht um die inhaltliche, sondern um die formale Bewertung, ob Texte anderer Verfasser verwendet, aber nicht entsprechend gekennzeichnet wurden.

              Grüße
              SLE

          • lottchen - 24. Januar 2013

            @SLE
            Wenn Rohrbacher eine “leitende Täuschungsabsicht” konstatiert, dann geht es nicht allein um formale Fragen, sondern auch um Inhalte. Dann kommt es nämlich mE auch darauf an, ob die nicht oder unzureichend gekennzeichneten Übernahmen den Erkenntnisgehalt der Arbeit berühren oder nicht. Wenn so etwas im Rezeptionsteil der Arbeit stattfindet, ist es nach meinem Dafürhalten anders zu bewerten als wenn es in demjenigen Teil der Arbeit stattfindet, in dem die eigentlichen Ergebnisse erarbeitet werden. Im ersteren Fall fallen die Schavan angelasteten Blindzitate eventuell eher unter Faulheit oder Unvermögen, sich die eigentliche Originalliteratur zu besorgen, als unter “leitende Täuschungsabsicht”, um sich einen Titel zu erschleichen. Von diesem Vorwurf ist im Übrigen auch die Universität inzwischen abgerückt.

            Übrigens ist die oftmals angetroffene Aussage, die Zitierkultur sei zeitunabhängig oder fachunabhängig auch nicht korrekt. Noch vor 20 Jahren war in den deutschsprachigen Writschaftswissenschaften beispielsweise die Harvard-Zitierweise völlig ungebräuchlich und wäre nicht akzeptiert worden. Bei den Juristen dürfte man vermutlich heute noch nicht damit durchkommen. In den Naturwissenschaften wird anders verfahren als in den Geisteswissenschaften; dort sieht man vieles nicht so eng.
            Ich habe keinerlei Ahnung, wie die Situation vor 30 Jahren in den Erziehungswissenschaften war. Dass Schavans Zitierweise nicht ganz koscher ist, das würde ich auch so sehen. Ob das aber damals in diesem Fach völlig unüblich war oder schonmal vorkam, ob es den Erkenntnisgehalt ihrer Arbeit betrifft, ob das zur Aberkennung des Grads reicht oder nicht, das kann ich überhaupt nicht beurteilen. Weder kenne ich die Gepflogenheiten von vor 30 Jahren noch bin ich Erziehungswissenschaftlerin. Und deshalb halte ich mich mit Urteilen über eine “leitende Täuschungsabsicht” zurück.

            • SLE - 24. Januar 2013

              Hallo Lottchen,

              ich habe das Gutachten nicht gesehen und auch keine Informationen aus erster Hand darüber. Von einer “Täuschungsabsicht” wird immer im Zusammenhang mit dem Zustandekommen einer Ausarbeitung gesprochen. Im Falle von Schavans Dissertation geht es um die fehlende Kenntlichmachung der Verwendung von Wissen und Formulierungen anderer Verfasser. Dass Prof. Rohrbacher im Gutachten von einer “leitenden” Täuschungsabsicht gesprochen haben soll, bezieht sich – wenn ich das richtig verstehe – darauf, dass nicht gelegentlich Quellenangaben fehlen, sondern in einem signifikanten Umfang. Das waren also keine Flüchtigkeitsfehler.

              Aus meiner Zeit an der Uni und der Arbeit in Prüfungsausschüssen weiß ich, dass eine “Täuschungsabsicht” in einem juristischen Sinne schwer nachzuweisen ist. In der Regel beschränkt man sich deswegen darauf, ob im jeweiligen Fall eine Täuschung vorliegt. Was als Täuschung bei Prüfungen gewertet wird, hängt von der Prüfungsordnung ab. Wenn in einer Seminar-, Diplom- oder Doktorarbeit mehr als nur gelegentlich Quellenangaben fehlen, dürfte das aus meiner Erfahrung heraus meist als “Täuschung” gewertet werden.

              Die Zitationsregeln sind – da gebe ich Ihnen vollkommen Recht – von Disziplin zu Disziplin und sogar von Professor zu Professor sehr unterschiedlich. Aber im Falle von Schavans Arbeit geht es wohl – soweit ich erkennen kann – um fehlende Quellenangaben und nicht um die Zitierweise.

              Viele Grüße
              SLE

          • Lottchen - 24. Januar 2013

            @SLE
            Soweit ich das mitbekommen habe, wird ihr vor allem “Blindzitieren” vorgeworfen, d.h. sie zitiert einen Autoren wie z.B. Freud oder Heidegger und gibt diesen als Quelle an, hat aber in Wahrheit Sekundärliteratur verwendet. Es müsste also korrekterweise zitiert werden als “Freud, zitiert nach [Sekundärquelle]“. Es entsteht so der Eindruck, sie habe die Originalliteratur verwendet, was jedoch nicht zutrifft, wie an der Übernahme von Fehlern in der Sekundärquelle ersichtlich ist.

            So wie ich das sehe, muss hier wie in jedem anderen Fall auch die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Die Wissenschaft darf nicht dahin kommen, dass bei bahnbrechenden Arbeiten der Grad aberkannt wird, weil im Rezeptionsteil drei Fußnoten fehlen oder ein paarmal fremdzitiert worden ist, während Allerweltsarbeiten mit kaum einem Neuigkeitswert durchgehen, wenn nur alle Fußnoten korrekt gesetzt worden sind. MIt derartiger Korinthenklauberei tut man sich keinen Gefallen. Wie sich das bei Schavan verhält, das muss meines Erachtens tatsächlich jemand vom Fach beurteilen, der auch die Gepflogenheiten von vor 30 Jahren kennt.

      • SLE - 23. Januar 2013

        Sie haben Recht, im Wissenschaftsbetrieb gibt es einiges, was verändert werden müsste – und dagegen wehrt sich das Establishment ebenso wie gegen Querdenker, die an herrschenden Lehrmeinungen allzu sehr rütteln.

        Und es entspricht auch meiner Erfahrung, dass Studierende sehr oft einfach nur auswendig anstatt zu verstehen lernen wollen. Mit “vorgekautem” Wissen gefüttert zu werden, das auf Knopfdruck “unverdaut” wieder von sich gegeben wird, das scheint eine verbreitete Haltung geworden zu sein, die aber auch durch die Prüfer gefördert wird. Widerspruch, eigene Gedanken, Verstehen wollen, das findet man sehr selten. Das ist schade.

        Viele Grüße
        SLE

        • Ralf - 23. Januar 2013

          @SLE und @Lottchen

          Wo genau ist der “Mist” und der “Senf”?

          Was die Qualität wissenschaftlicher Dissertationen angeht:
          Fragen Sie doch bitte beim nächsten Besuch Ihres Hausarztes – also dem Herrn und der Frau Doktor des allgemeinen Sprachgebrauchs – nach dessen Dissertation und lesen Sie diese.

          Das sind Lachnummern über die der Wissenschaftbetrieb lieber gar nicht spricht.
          Die Kritik an Frau Schavan führt nicht zwangsläufig zu mehr Qualität.
          Solange der Dr med in dieser Form geduldet wird, halte ich die derzeitige Diskussion lediglich für “Kosmetik” in eigener Sache und durchaus auch für Parteipolitik.
          Zum Kern des Problems führt die Plagiatsdiskussion in dieser Form nicht.

          • Lottchen - 24. Januar 2013

            Ich denke, wo der “Mist” und “Senf” ist, habe ich in meinen letzten Beiträgen ausführlich erläutert. Es kommen Leute daher und urteilen über eine Dissertation, die nicht die geringsten Kenntnisse haben, was wissenschaftliches Arbeiten im Allgemeinen betrifft. Geschweige, dass sie irgendwelche fachspezifischen Kenntnisse hätten, die erforderlich wären, um zu beurteilen, ob die Aberkennung eines akademischen Grads gerechtfertigt wäre oder nicht.

            Besonders bemerkenswert finde ich auch immer, dass man anscheinend mal eben ein paar zehntausend Doktoranden und Promovierte diffamieren darf mit der unbelegten Behauptung, der Großteil der Arbeiten entsprächen nicht den Standards (was im Übrigen in vielen Fällen nichts weniger ist als die Unterstellung einer Straftat, nämlich der der eidesstattlichen Falschaussage), dann aber, wenn es darum geht, Kritik an eben dieser Verhaltensweise zu akzeptieren, überaus sensibel ist.

            Was alles das mit der AKW-Diskussion zu tun hat, ersch

  • Duke van Hudde - 23. Januar 2013

    Nun am Ende könnte die Frau dann ohne jedne bschluss dastehen und nur noch ihr Abitur haben.
    Ok sie wird genug zur Seite geschaff und einige riesige Pension ergaunert haben aber doch sthet sie als Betrügerin da.Blöd ist halt nur das sie ohne den Tital sicher nicht Ministerin geworden wär und damit diese ganzen Ansürüche nicht erzielt hätte.Am Ende hätte sich wen ndas ganze als Betrug gewertet würde es sich für sie gelohnt.

    Spannend für mich ist aber das so viele Politiker bisher erwischt wurden.Zumindestens bei hohen Managern hätte ich gedcht das man dort auch mal schaut ,aber da ist bisher nichts passiert.
    Das heisst für mich das der Titel sehr wichtig ist um in bestimmten Parteeien nach oben zu kommen.Die Leute dort diesen Weg mit möglichst wenig Aufwand gehen wollen.Das lässt wieder einiges über ihre Politik shcliessen.

    Aber am wichtigsten ist es wenn man in dne Zusammenhang sich noch mal dne SPruch Leistung soll sich lohnen vor Augen hällt.Oder wie fordernt man bei H4 Empfängern ist und welchen Leistungsansüruch man an sich selbst hat.

  • zykliker - 24. Januar 2013

    Nun ist ja doch noch eine hübsche kleine Keilerei entstanden; Vielen Dank dafür den Urhebern.

    “Schon allein daran ist zu erkennen, wie hilfreich eine durch Ahnungslose beherrschte öffentliche Diskussion bei diesem Thema ist”.

    Wenn ich es richtig sehe, dann ist dies ein Blog, in dem auch Nichtakademiker und Schmalspur-Akademiker mitreden dürfen, weil es eben in einer offenen Gesellschaft keine “Geheimwissenschaft nach alter Weise” mehr geben darf, gerade wenn es um hochpolitische Themen wie Wirtschaft geht.

    Auch die Plagiatsaffären sind, wenn Politiker betroffen sind, Politische Affären. Das Thema wurde von SLE dankenswerterweise angemessen ausgeleuchtet, und ist somit auch hier zur politischen Diskussion “freigegeben.” Und es geht die den Wissenschaftsbetrieb finanzierende Öffentlichkeit auch etwas an, wenn Doktorväter/Prüfer ihre Arbeit nicht sorgfältig erledigen (lassen).

    Wer hier also versucht, Diskutanten als nicht gebildet genug abzuqualifizieren und ihnen den Mund verbieten möchte in einer politischen Diskussion, offenbart damit unfreiwillig sehr viel mehr über sich, als er sich selbst bewußt sein mag.

    • Lottchen - 24. Januar 2013

      >Wer hier also versucht, Diskutanten als nicht gebildet genug abzuqualifizieren und ihnen den Mund verbieten möchte in einer politischen Diskussion, offenbart damit unfreiwillig sehr viel mehr über sich, als er sich selbst bewußt sein mag.

      Aber wer redet denn von “Mund verbieten”. Bitte, wir haben ja Meinungsfreiheit. Von mir aus darf doch gern jeder jeden Blödsinn erzählen und von morgens bis abends seine Ahnungslosigkeit zur Schau stellen. Das heißt noch lange nicht, dass ich diese “Meinungen” ernst nehmen oder gar als gewinnbringende Diskussionkultur betrachten muss.

  • SLE - 24. Januar 2013

    Hier noch als Ergänzung ein schönes Interview zum Boykott von karl-Theodor zu Guttenberg an einer US-Uni, bei dem die Professorin auch – wie ich hier – die Bedeutung der Einhaltung der Regeln wissenschaftlichen Arbeitens hervorhebt und die das Bild sehr gut abrundet:

    http://www.sueddeutsche.de/bildung/us-uni-boykottiert-ex-minister-kein-forum-fuer-guttenberg-an-hochschulen-1.1581753

    Grüße
    SLE

  • Alfred Casimir - 24. Januar 2013

    @lottchen
    In den Naturwissenschaften wird anders verfahren als in den Geisteswissenschaften; dort sieht man vieles nicht so eng.
    Das hat einen ganz einfachen Grund: zitiert aus: Jörg Lovicach -Grundlagen der Mathematik(Sekundarquelle)
    wenn Sie ein Modell entwickeln, seien Sie vorsichtig !!! Sonst fliegt es Ihnen um die Ohren!!!

    Im Grossen und Ganzen bin ich angenehm überrascht, wie in diesem Blog diszipliniert diskutiert wird

  • Christian Wagner - 24. Januar 2013

    Sind wir doch mal ehrlich, gerade bei den Geisteswissenschaften (und hier im Besonderen die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften) ist doch eigentlich alles schon zig mal durchgekaut worden, substantiell neues bis auf den angesprochenen “Geniefall” am Horizont nicht ersichtlich. Und das nicht erst seit heute, sondern seit zig Jahren. Hier wird also eine Pseudowissenschaft verkauft, die schlussendlich nur eines zum Ziel hat: die schnellstmögliche Erreichung eines Doktorgrades zum Zwecke der Befriedigung der persönlichen Geltungssucht und der Meinung, dies karrierefördernd verwerten zu können. Der eigentliche Zweck einer Dissertation wird wahrscheinlich schon seit 100 Jahren -zumindest im deutschsprachigen Raum- konterkariert. Ziel war ursprünglich wisschaftlich zu arbeiten, Beginn einer wissenschaftlichen Karriere an der Universität als Vorstufe zur Habilitation bzw. Forschungsbereich in der Industrie. Das bedeutet eher “Grundlagenforschung” und nicht Wiederkauen und aneinanderreihen von Zitaten.
    Demzufolge muss das Übel an der Wurzel abgepackt werden durch:
    1. Abschaffung des Namenszusatzes im Personalausweis / Pass
    2. Abschaffung dieser ganzen h.c. Grade
    3. Grad darf nur im Universitätsbereich geführt werden, nicht im sonstigen Berufs-/Privatleben, in einem Gespräch rede ich ja auch nicht jemand an mit Herr/Frau Dipl.-Ingenieur Schmidt oder hallo Herr Volkswirt Müller, etc.
    4. Promotion nur möglich, wenn-wie in den Naturwissenschaften üblich- der Doktorand sagen wir mal 2 Jahre wissenschaftlich tätig ist, also nicht nur seine Promotion schreibt, sondern zur Lehre beiträgt durch Lehrveranstaltungen, Mitarbeit bei Forschungsprojekten etc.

    Ziel muss es sein diesen egomanischen Titelsumpf trocken zu legen. Kommt noch aus der Kaiserzeit mit Herr Geheimrat und Mensurschmiss zur Abgrenzung ggü. dem Pöbel.