Slowakei: Zahlungsbilanz, Auslandsverschuldung und Außenhandel

von am 6. Februar 2014 in Allgemein

Gastbeitrag von Sebastian

Artikelreihe über die Slowakei – Teil 1/5

In der Zahlungsbilanz werden alle Transaktionen einer Volkswirtschaft mit dem Rest der Welt verbucht. Sie unterteilt sich in vier Teilbilanzen: Leistungsbilanz, Kapitalbilanz (auch Kapitalverkehrsbilanz), Vermögensübertragungsbilanz und Devisenbilanz. Die wichtigste Teilbilanz ist hierbei die Leistungsbilanz. Die slowakische Handelsbilanz sieht in der langen Zeitreihe folgendermaßen aus:

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Die Leistungsbilanz erfasst alle Leistungstransaktionen zwischen Inland und Ausland. Sie ist wiederum untergliedert in die viere Teilbilanzen für Handel, Dienstleistungen, Einkommen und laufende Übertragungen; in der letztgenannten werden unentgeltliche Leistungen wie Zahlungen an internationale Organisationen (z.B. UNO, EU) und von dort empfangene Gelder verbucht. Die slowakische Leistungsbilanz ist sehr volatil, wobei vor allem die Handels- und noch mehr die Einkommensbilanz schwanken, nicht so sehr die Dienstleistungsbilanz; die hohen Schwankungen folgen zudem keinem saisonalen Muster. Daher hier die Darstellung im gleitenden Durchschnitt über vier Quartale hinweg.

Insgesamt war die Slowakei fast zwei Jahrzehnte lang Defizitland. Bei der ungeglätteten Leistungsbilanz ergab sich in Q1/2012 erstmals seit Q3/1995 wieder ein Überschuss. Dies ist vor allem einen Anstieg des Handelsbilanzsaldos geschuldet. Zuletzt in Q2/2012 stellte sich ein kräftiger Handelsbilanzüberschuss von 1.646 Mio. € ein, was 9,14% der Wirtschaftsleistung entsprach. Der Leistungsbilanzüberschuss war mit 949 Mio. € respektive 5,27% des BIP deutlich niedriger, aber immer noch ordentlich. Auch die Dienstleistungsbilanz, die im Gefolge der Wirtschaftskrise (2008/2009) ins Defizit gerutscht ist, hat zuletzt wieder ihre traditionell ausgeglichene Position eingenommen. Die Einkommensbilanz ist traditionell defizitär, das heißt die Summe der ans Ausland überwiesenen Einkommen aus Arbeit und Kapital ist größer als die von dort empfangenen Zahlungen. Auch die Übertragungsbilanz ist negativ, unentgeltliche Zahlungen slowakischer Wirtschaftssubjekte (staatlich und privat) an das Ausland sind größer als von dort empfangene Zahlungen.

Die Leistungsbilanz kann auch als Finanzierungssaldo aller inländischen Sektoren der Volkswirtschaft (Staat, Unternehmen, Banken, Haushalte) gegenüber dem Ausland aufgefasst werden, d.h. ein Land mit Leistungsbilanzdefiziten lebt über seine Verhältnisse, es gibt mehr für Konsum und Investitionen im Inland aus als es an Einkommen generiert, d.h. sein Nettogeldvermögen verringert sich. Abstrahiert man von Zuschreibungen und Abschreibungen aus Auslandsvermögen und Auslandsschulden, so entsprechen die kumulierten Leistungsbilanzsalden über einen bestimmten Zeitraum dem in diesem Zeitraum gebildeten Nettoauslandsvermögen. Die slowakische Volkswirtschaft hat durch ihre lange Jahre anhaltende Defizitposition in der Leistungsbilanz eine veritable Nettoauslandsverschuldung angehäuft. Vor diesem Hintergrund sind die oben beschriebenen Überschüsse, die sich zuletzt eingestellt haben, absolut gerechtfertigt! Dass sich dieser Schuldenabbau vor allem durch die Lieferung handelbarer Waren vollzieht – vergleiche auch die weiter kräftig anziehende Industrieproduktion in der Slowakei – ist fair gegenüber den Handelspartnern, die das Über-die-Verhältnisse-Leben der Slowakei durch Verzicht auf Konsum und Investitionen in ihren eigenen Volkswirtschaften finanziert haben. Leider verhalten sich die internationalen Finanzmärkte gegenüber der Slowakei nicht ganz so fair (siehe unten).

Die zweite wichtige Bilanz ist die Kapitalbilanz. In ihr wird nicht nur aufgeschlüsselt wie die Leistungstransaktionen finanziert wurden, sondern hier werden auch reine Finanztransaktionen (z.B. Wertpapierkäufe) zwischen Inland und Ausland erfasst. Devisen- und Übertragungsbilanz außen vor gelassen bildet die Kapitalbilanz das Spiegelbild zu Leistungsbilanz. Das heißt: Einem Leistungsbilanzdefizit muss ein Kapitalbilanzüberschuss gegenüberstehen. Wenig überraschend war die Kapitalbilanz der Slowakei lange Jahre im Überschuss, hat aber zuletzt ins Defizit gedreht:

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Die Darstellung erfolgt auch hier aufgrund der hohen Volatilität in gleitenden Durchschnitt über vier Quartale. Wie zu sehen ist, ist die Bilanz für Direktinvestitionen fast durchgängig überschüssig, d.h. ausländische Unternehmen investierten in der Slowakei meist mehr als slowakische Unternehmen im Ausland. Dass diese Art der Auslandsverschuldung keineswegs negativ sein muss, da mittels Investitionen in produktive Sachanlagen künftige Einkommen generiert werden, mittels derer die Auslandsverschuldung bedient und getilgt werden kann, zeigt die Slowakei gerade in Form kräftiger Handelsüberschüsse und weiter anziehender Industrieproduktion.

Die Bilanzen für Wertpapieranlagen und sonstigen Anlagen – hier werden direkte Kredite durch Banken, Staat, Unternehmen und Privatpersonen erfasst – sind mehr oder weniger ausgeglichen, wobei die Bilanz für sonstige Anlagen sehr volatil ist. Allerdings stellt sich bei diesen beiden Bilanzen seit Q1/2012 eine bemerkenswerte Anomalie ein: Während die sonstigen Anlagen massive Kapitalabflüsse (in der Spitze in Q2/2012 3.612 Mio. €, was mehr als 20% des BIP entspricht), zeigen die Wertpapieranlagen entsprechend gewaltige Zuflüsse. Finanzderivate spielen keine Rolle.

In der Bilanz für Vermögensübertragungen werden einmalige Vermögensübertragungen (Erbschaften, Schenkungen, Schuldenerlasse, etc.) und der Erwerb bzw. die Veräußerung nicht-produzierter, nicht-finanzieller Anlagen (Grundstücke, Patente, Copyrights, etc.) verbucht. Sieht wie folgt aus:

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War die Übertragungsbilanz bis 2007 weitgehend ausgeglichen, ist sie seither bei hoher Volatilität tendenziell positiv, d.h. dass die von Slowaken ins Ausland übertragenen Vermögensbeträge waren größer als die vom Ausland in die Slowakei verbrachten Vermögen. Ein Überschuss zeigt in dieser Bilanz genau wie in der Leistungsbilanz eine Zunahme des Nettogeldvermögens der Volkswirtschaft.

Die letzte Teilbilanz der Zahlungsbilanz ist die Devisenbilanz. Sie zeigt die Veränderung der Währungsreserven der Notenbank an.

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Wie immer ist bei der Devisenbilanz zu beachten, dass hier Defizite eine Zunahme der Devisenreserven der Notenbank zeigen und Überschüsse eine Abnahme.

Wie oben bereits erwähnt, hat auch die Slowakei durch ihre lange anhaltende Defizitposition in der Leistungsbilanz eine anschauliche Nettoauslandsverschuldung angehäuft:

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Den Chart zum Vergrößern bitte 1x anklicken.

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Die Net International Investment Position (NIIP) bildet das Nettogeldvermögen aller inländischen Sektoren der Volkswirtschaft ab. In einer geschlossenen Volkswirtschaft ist dieser Position immer exakt null (da gesamtwirtschaftlich immer gilt: Forderungen = Verbindlichkeiten). Nur in einer offenen Volkswirtschaft mit außenwirtschaftlichen Beziehungen kann das Nettogeldvermögen der Gesamtwirtschaft ungleich Null sein. Die slowakische Volkswirtschaft hat ihre Auslandsverschuldung vor allem zwischen 2003 und 2009 kräftig erhöht. Seither hat die Verschuldungsdynamik nachgelassen, Ende 2012 lag die NIIP bei -64,11% der Wirtschaftskraft, nach 65,53% im Vorjahr. Angesichts der kräftigen Leistungsbilanzüberschüsse ist für 2013 eigentlich eine deutliche Verbesserung der NIIP zu erwarten, allerdings steigt auch der Wert der Auslandsschulden an wie ein Blick in die detaillierte Zahlungsbilanz bei der slowakischen Notenbank zeigt. Die Nettoauslandsverschuldung der Slowakei ist wesentlich höher als die kumulierten Defizite/Überschüsse in der Leistungsbilanz:

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In Q2/2013 betrug die NIIP -45.457 Mio. €. Rechnet man zu der NIIP von Q4/1995 die kumulierten Leistungsbilanzsalden hinzu, landet man hingegen bei nur -30.456 Mio. €. Die Slowakei hat so gesehen 15.001 Mio. € mehr Nettoauslandsschulden ist sie qua ihrer Leistungsbilanzdefizite haben sollte. Das sind immerhin 20,6% des BIP von 2012.

Ein Blick auf das nominale Export- und Importvolumen bei Waren und Dienstleistungen offenbart folgendes:

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Sowohl die Einfuhren als auch die Ausfuhren haben seit dem EU-Beitritt im Jahr 2004 kräftig angezogen. Im dritten Quartal 2013 lagen die Importe bei 16.413 Mio. €, die Exporte bei 17.325 Mio. €. Damit ergab sich ein kräftiger Handelsüberschuss von 912 Mio. € oder 5,04% der Wirtschaftsleistung.

Quellen: Eurostat; Národná Banka Slovenska – International Investment Position; eigene Berechnungen

Gastbeitrag von Sebastian

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