Spanien: detaillierte BIP Daten
Das spanische Statistikamt INE lieferte heute bereits detaillierte BIP-Daten zum 1. Quartal 2012. Das saisonbereinigte reale BIP sank im Vergleich zum Vorquartal um -0,3%, nach ebenfalls -0,3% im 4. Quartal 2011. Im Vergleich zum Vorjahresquartal ging es unbereinigt um -0,4% abwärts. Dies sind auf den ersten Blick sogar noch moderate Daten zur Wirtschaftsentwicklung in Spanien, aber die Details verraten einen verdeckten Griechenland-Style und einen weiterhin inkonsistenten und unglaubhaften Datensatz.
Die Entwicklung des spanischen saisonbereinigten realen BIPs zum Vorquartal seit Q1 2000 bis Q4 2011 im Chart. In Q1 2012 ging es um -0,3% abwärts.
Ein nicht unerheblicher Anteil an Griechenlandstyle wird bei der Entwicklung der Summe der Arbeitnehmerentgelte deutlich:
Die Entwicklung der Summe aller realen unbereinigten Arbeitnehmerentgelte jeweils im Vergleich zum Vorjahresquartal seit Q1 2000 bis Q1 2012 im Chart. In Q1 2012 ging es bei den Arbeitnehmerentgelten (preisbereinigt um den spanischen VPI), real um -5,8% zum Vorjahresquartal abwärts, bereits seit dreizehn Quartalen in Folge, im Vergleich zum Vorjahresquartal.
Die Arbeitnehmerentgelte sind die Gesamtbruttosumme aller Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer, Angestellten, Beamten, inkl. aller in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis stehenden, inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber.
Selbst nominal ging es in Q1 2012 bei der Summe aller Arbeitnehmerentgelte in Spanien abwärts um -3,2% zum Vorjahresquartal auf 115,529 Mrd. Euro. Zum Hoch in Q1 2008 sanken die saisonbereinigten realen (preisbereinigten) Arbeitnehmerentgelte immerhin um -15,7%! In Spanien reflektiert diese stark geschrumpfte Summe aller realen Arbeitnehmerentgelte primär die steigende Arbeitslosigkeit und erst dann die Reallohnkürzungen.
Während die Summe der realen Arbeitnehmerentgelte in Q1 2012 unbereinigt um -5,8% zum Vorjahresquartal sank, sanken die Ausgaben der privaten Haushalte angeblich unbereinigt real nur um -0,6% zum Vorjahresquartal:
Die Entwicklung der saisonbereinigten realen Konsumausgaben der privaten Haushalte (2008=100) seit Q1 2000 bis Q1 2012 im Chart. In Q1 2012 lagen die saisonbereinigten realen Konsumausgaben der privaten Haushalte nur um -6,7% unter dem Hoch von Q4 2007, die Summe der saisonbereinigten realen Arbeitnehmerentgelte schrumpfte dagegen um -15,7% zum Hoch in Q1 2008.
Die relativ starken realen Konsumausgaben sind nicht wirklich schlüssig und stellen einen inkonsistenten Datensatz dar, denn selbst wenn die schrumpfenden Konsumausgaben der Arbeitnehmer von den Unternehmern, Selbständigen und Vermögenseinkommen kompensiert worden sein sollten, wo flossen sie hin die privaten Konsumausgaben?
Die Entwicklung der saisonbereinigten realen Einzelhandelsumsätze ohne Kfz-Handel seit Januar 1995 bis März 2012 im Chart. Zum Hoch im März 2007 sanken die spanischen realen Einzelhandelsumsätze um -22,44%. Private Konsumausgaben?
Die Entwicklung der PKW-Neuzulassungen seit Januar 1990 im Chart. Zuletzt im April 2012 lagen die Neuzulassungen mit 56’250 auf dem tiefsten Stand in einem April seit 1986! Private Konsumausgaben?
Der Einbruch der saisonbereinigten realen privaten Konsumausgaben von nur -6,7% zum Hoch in Q4 2007, bleibt eine schwer nachvollziehbare Haus/Fake-nummer, erklärt aber den relativ moderaten BIP-Einbruch, denn weiter ist das BIP getragen vom privaten Konsum! Während die privaten Konsumausgaben unbereinigt angeblich zum Vorjahresquartal um moderate reale -0,6% sanken, trotz explodierender Arbeitslosigkeit und Reallohnsenkungen, zogen die Konsumausgaben des Staates um -5,2% südwärts.
Nicht getragen ist das reale BIP auch von den Bruttoanlageinvestitionen, die ebenso wie die Summe der Arbeitnehmerentgelte den Griechenland-Style anzeigen. Die realen Bruttoanlageinvestitionen sanken bereits das 17. Quartal in Folge, im Vergleich zum Vorjahresquartal:
Die Entwicklung der realen Bruttoanlageinvestitionen in Prozent zum Vorjahresquartal seit Q1 2001 bis Q1 2012. In Q1 2012 sanken die Bruttoanlageinvestitionen um weitere -8,3% zum Vorjahresquartal. Seit dem Hoch sind die realen Bruttoanlageinvestitionen um -34,7% bis Q1 2012 gesunken!
Zwar sind in den Bruttoanlageinvestitionen auch die Bauinvestitionen enthalten, die natürlich im Zuge der Immobilienkrise rapide eingebrochen sind, aber auch die wichtigen Ausrüstungsinvestitionen (Produktionsanlagen, Maschinen, Geräte und Fahrzeuge) sind um -26,95% zum Hoch in Q4 2007 eingebrochen.
Neben den unglaubwürdigen privaten Konsumausgaben, trug bei der Verwendungsrechnung des BIPs (privater und staatlicher Konsum + Investitionen + Außenbeitrag (Exporte -Importe) vor allem der verbesserte Außenbeitrag zum moderaten BIP-Einbruch bei. Die Exporte von Waren, Gütern und Dienstleistungen stiegen real um +2,2% zum Vorjahresquartal, während die Importe um -7,2% zum Vorjahresquartal schrumpften. Der verbesserte Außenbeitrag spiegelt aber primär auch nur die sinkende Nachfrage nach Importen wider, was ebenfalls im diametralen Widerspruch zu den “guten” privaten Konsumausgaben steht.
Bei dieser strukturell unterentwickelten spanischen Volkswirtschaft, der nur noch zwei Zugpferde geblieben sind, der Tourismus und der fragwürdige “private Konsum”, mit alleiniger Austerität zu agieren, ohne wenigstens zusätzliche Investitionen in industrielle Wertschöpfung zu organisieren ist absurd und wird den irreparablen wirtschaftlichen Zustand weiter verfestigen.
Die Entwicklung des saisonbereinigten Outputs der breit gefassten spanischen Industrie (Bergbau, Energieversorgung und Verarbeitendes Gewerbe), ohne Baugewerbe, im Langfristchart seit Januar 1990 laut Eurostat. Im März 2012 sank der saisonbereinigte Output (Volumen) um -1,8% zum Vormonat auf 79,16 Indexpunkte. Der saisonbereinigte industrielle Output fällt auf ein elendes Niveau von Mitte 1994! Zum Allzeithoch im Mai 2007 mit 109,58 Indexpunkten betrug der Einbruch bis März 2012 satte -27,76%! Ein Desaster pur!
Die Bruttowertschöpfung der breit gefassten Industrie, Bestandteil der Entstehungsrechnung des BIPs (Produktionswert – Vorleistungen + Gütersteuern – Subventionen, aller einzelnen Sektoren der Wirtschaft) war in Q1 2012 um -3,0% zum Vorjahresquartal geschrumpft, die Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe sogar um -3,9%. Die Bruttowertschöpfung im Finanzsektor dagegen um angebliche +3,8% zum Vorjahresquartal gestiegen und dies dürfte eine weitere Fake-Nummer sein. Denn wie kann ein Finanzsektor, dessen Kern ein völlig marodes Bankensystem bildet, der mit immensen Kreditausfällen kämpft, am Tropf des Staates und der nationalen spanischen Zentralbank hängt, eine steigende Bruttowertschöpfung generieren und wenn doch, laut geduldigem offiziellen Statistikpapier, wie ist die Qualität dieser virtuellen Luftnummer zu bewerten?
Für Querschuesse ist das offizielle reale BIP von saisonbereinigten -0,3% zum Vorquartal und von unbereinigten -0,4% zum Vorjahresquartal eine brachiale Beschönigung, die die wahre Lage Spaniens (Griechenland-Style) mittels angeblich kaum sinkenden privater Konsumausgaben und einer angeblich steigenden Bruttowertschöpfung im Finanzsektor massiv verschleiert!
Quellen: Ine.es/PDF: Contabilidad Nacional Trimestral de España. Base 2008 Primer trimestre de 2012, Ine.es/Datenbank Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank
Kontakt: info.querschuss@yahoo.de


Mark - 17. Mai 2012
Der (kleine) Bank-Run scheint nun auch Spanien erreicht zu haben. Dies berichtet zumindest Welt Online: http://www.welt.de/wirtschaft/article106329635/Auch-Spanier-heben-eine-Milliarde-von-Konten-ab.html – derweil erhält Dr. Schäuble den Karlspreis für seine Verdienste um Europa.
Ah ja.
MagnaBavaria - 17. Mai 2012
Auch die Zinsen für Anleihen der gesamten Südschiene steigen heute weiter
http://pigbonds.info/
stjepan - 17. Mai 2012
@Steffen
möchte mich nur bei dir bedanken für deine Antwort bez. meiner Aussage zu Gold im Thread:
Kern des Problems der Südperipherie
Mir geht es nicht um die Rendite sondern um die Erhaltung meines (hart) Erspartem;)
Grüsse
Stjepan
HaPennyBacon - 17. Mai 2012
Ersparnisse zum Zwecke der Zinsgewinnung sind Betrug an die kommenden Generationen!
Bitte mal drüber nachdenken.
Querschuss - 17. Mai 2012
Hallo HaPennyBacon,
nun mal nicht übertreiben, wenn jemand versucht seine erbrachte Arbeit (Lohn) als Anspruch in die Zukunft zu sichern betrügt er nicht gleich kommende Generationen, sondern hat im besten Fall auch in Zukunft Geld um gegebenfalls die junge Generation, sprich z.B. seine Kinder zu unterstützen, ob bei Ausbildung oder Sonstiges.
Gruß Steffen
HaPennyBacon - 17. Mai 2012
Ohne brummende Bauindustrie ist in Spanien tote Hose. Die fast 1 Mio. zuviel gebauten leerstehenden Gebäude fallen jetzt den Bauherren und Banken komplett auf die Füße. Da sagt mir noch einer mal was von der Effizienz der Märkte bei diesem Wahnsinn. Auslöffeln müssen die Suppe dann immer die Leute, die mit der ganzen Chose überhaupt nichts zu tun hatten.
Canpichurri - 17. Mai 2012
@ HaPennyBacon – na ja, “mit der Chose gar nichts zu tun hatten …” So ganz stimmt das nun auch wieder nicht. Der ganze Boom wurde ja auch von vielen Privaten mitgetragen, die sich Häuser zu Preisen zugelegt haben, die sie in ihrem ganzen Leben nicht erarbeiten können. Aber alles war darauf ausgerichtet, dass die Wohnung “ja in 5 Jahren zum Doppelten losgeschalgen werden könnte”. Alle wollten Millionäre werden in Spanien und es den Deutschen “mal so richtig zeigen wie das funktioniert mit der Wirtschaft”. Na ja, dass sie nur einer Spekulationsblase erlegen sind, kam ihnen niemlas in den Sinn.
Soeben wird vermeldet, dass der MwSt-Satz auf 21% angehoben wird. Das wird Tourismus und Wirtschaft weiter abwürgen – Bravo! kann man da nur sagen.
Wir sind im Endstadium des Endgames angelangt: Bankenrun, massive Verschlechterung der Einkommen breiter Bevölkerungsschichten, Auflösung von politischen Strukturen -> ein Boden auf dem Revolutionen gedeihen. Der Eurozone Y2011 gebe ich max. 6 Monate und dann kommt der grosse Abgesang. Das alles wird viel kosten – viele Tränen werden fliessen, wenn das Lebenswerk zerstört ist. Auch in D. Danach Chaos, Zerfall … irgendwann um 2020 wird dann was neues entstehen, was noch nicht absehbar ist.
Ich werde heute abend eine gute Flasche Whisky aufmachen und die letzten “normalen” Tage geniessen ..
Querschuss - 17. Mai 2012
Hallo Canpichurri,
leider war es auch zu Erwarten das Spanien in den Abgrund fährt und jede getroffene Maßnahme der ökonomischen Tiefflieger beschleunigt weiter den Absturz, die Erhöhung der Mehrwertsteuer bei schrumpfenden Einkommen hat bereits in Griechenland den “Test mit Bravour” bestanden. Unglaublich was sich abspielt!
Gruß Steffen
Bernd Rickert - 17. Mai 2012
Ja, es verschlägt einem wirklich die Sprache.
Zum Schluß haben alle alles verloren.
Ein echter Neuanfang.
Man könnte meinen, es sind des Lebens müde, perverse Sadisten am Werk.
Der Rest spielt solange gezwungenermaßen die Masochistenrolle.
Wie lange noch?
Strauss-Kahns private Dominaspiele in die Politik reflektiert oder so ähnlich.
Lagarde: “Sonst wird es sehr, sehr hart für Griechenland.”
Klingt total abgedreht.
Bernd Rickert - 17. Mai 2012
Sarkasmus pur?
Die privaten Konsumausgaben könnten auf die Reisefreude junger Spanier gesponsert durch ihre Familien zurückzuführen sein. Da sie in der Mehrzahl die Bahn benutzen, finden sie in den Einzelhandelsumsätzen keinen Eingang. In Portugal ist dies sicher ein bemerkbarer Konsumposten.
Der Rückgang der Einkommensleistungen kann durch Sozialleistungen und eben auch durch familiäre Unterstützung teilweise kompensiert worden sein. Familiäre Bande sind im Club Med noch viel stärker vorhanden als z.B. in Deutschland, wo Familien mit mehr als einem Kind Seltenheitswert haben.
Herzog Waydelich - 18. Mai 2012
“Das erste, was im Krieg stirbt, ist die Wahrheit” (Zitat, N.N.)
Wir befinden uns in einem globalen Finanzkrieg, daher ist die Manipulation von Statistiken (wie auch von Umfrageergebnissen in Griechenland) legitim aus Sicht der Verantwortlichen.