Spanien: dramatische Lage

von am 24. Juli 2012 in Allgemein

Wie bei Querschuesse erwartet, steht nun auch der spanische Staat unmittelbar vor dem Euro-Rettungsschirm. Nicht nur das spanische Bankensystem mit einer Bilanzsumme von 4,254 Billionen Euro muss vom Rettungsschirm stabilisiert werden, sondern demnächst auch der Staat selbst (774,549 Mrd. Euro Bruttostaatsschulden zuletzt in Q1 2012), in Folge der ungebrochenen negativen Rückkopplungsschleife, die durch die Sparmaßnahmen des Staates zusätzlich angefeuert wird.

Angefeuert wird die Krise durch einen trivial arithmetischen Zusammenhang, denn die sinkenden Ausgaben des einen Wirtschaftssektors (Staat) sind die sinkenden Einnahmen des privaten Wirtschaftssektors. Ebenso erfordert theoretisch und trivial die angestrebte sinkende Neuverschuldung des Staates eine adäquate Steigerung der Verschuldung des Privatsektors um keine negativen Effekte auf das Wirtschaftswachstum auszulösen. Senken nun aber wie in Spanien der Staat und der Privatsektor ihre Ausgaben und eine avisierte zurückgefahrene Neuverschuldung des Staates trifft auf ein in Kontraktion befindliches ausstehendes Kreditvolumen der privaten Haushalte und Unternehmen und auch noch der Bankensektor selbst, versucht gleichzeitig seine Bilanzen zu bereinigen, mündet dies in einer gnadenlosen Depression mit anhaltenden negativen Rückkopplungsschleifen!

Spanien steht enorm in der Bredouille und dürfte auf Grund der Dimension der Probleme der Sargnagel für die gesamte Eurozone und die gemeinsame Währung werden.

Die Sparmaßnahmen des Staates wirken sich negativ auf das BIP und vor allem auf die Einkommen aus. Die schrumpfenden Einkommen führen zu einem sinkenden Konsum, in Folge mieser Geschäftsaussichten werden die Investitionen zurückgefahren, die binnenorientierte Industrie büßt drastisch an Wertschöpfung ein und dies alles führt direkt zu weiteren Kreditausfällen von privaten Haushalten und Unternehmen. Die Kreditausfälle erfordern wiederum Bankenhilfen durch den Staat. Die Hilfen des Staates erhöhen die Staatschuld und untergraben weiter das Vertrauen in die Bonität des Staates, was zusätzlich Spekulanten auf den Plan ruft, welche mit dazu beitragen die Renditen der Staatsanleihen in die Höhe zu jagen. Die bisherige Krisenbekämpfung sah bisher immer so aus, dass genau auf diese Situation erneut neue Sparmaßnahmen des Staates eingeleitet wurden, um das Vertrauen der Märkte wiederherzustellen. Dumm nur, dass die Märkte diese Maßnahmen, häufig mit „Reformen“ verklärt, überhaupt nicht honorieren, sondern wohl eher genau die daraus resultierende negative Rückkopplungsschleife einpreisen.

Die Entwicklung der Rendite 10-jähriger spanischer Staatsanleihen am Sekundärmarkt seit Januar 1998 im Dailychart. Heute stieg die Rendite auf 7,621%.

Letztlich werden sich die Summen als zu hoch erweisen, die in Spanien auf dem Spiel stehen, um seriöser Weise von Konstruktionen, wie dem künftigen Euro-Rettungsschirm Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) und der aktuellen Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) aufgefangen zu werden. Trotz der bereits dramatischen Situation in Spanien wird der dortige wirtschaftliche Abschwung unnötig zugespitzt, mit demselben Mittel wie bereits in Griechenland, mit Austerität, flächendeckenden und undifferenzierten Sparmaßnahmen. Im Kern ist dies der Versuch einer Abwertung nach innen, primär über Lohnsenkungen und der Absenkung von sozialen Standards. Spanien wird den Beweis erbringen, dass der Niedergang in Griechenland nicht primär Folge der speziellen griechischen Misere, eines aufgeblasenen Staatsapparates, nicht funktionierenden Institutionen, Korruption usw. ist, sondern in erster Linie der unheilvollen Strategie von prozyklischen Sparmaßnahmen geschuldet ist, die den unterentwickelten Wirtschaften der Südperipherie das Licht ausbläst und eben zu den bereits beschriebenen negativen Rückkopplungsschleifen führt.

Die Entwicklung der unbereinigten realen Arbeitnehmerentgelte in Spanien jeweils im Vergleich zum Vorjahresquartal seit Q1 2000 bis Q1 2012 im Chart. In Q1 2012 ging es bei den Arbeitnehmerentgelten (preisbereinigt um den spanischen VPI), real um die Rekordrate von -5,77% zum Vorjahresquartal abwärts, bereits seit dreizehn Quartalen im Vergleich zum Vorjahresquartal in Folge.

Zum unbereinigten Hoch aus einem 1. Quartal von Q1 2008 ging es bei den realen Arbeitnehmerentgelten um -16,31% abwärts. Die Arbeitnehmerentgelte sind die Gesamtbruttosumme aller Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer, Angestellten, Beamten, inkl. aller in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis stehenden, inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber.

In einer Schuldenkrise die Einkommen mittels Abwertung nach innen zu senken und als Folge von organisierter Rezession und hoher Arbeitslosigkeit führt unweigerlich zu höheren Kreditausfällen und ist wirtschaftspolitischer Selbstmord.

Multikomplex und hochexplosiv stellt sich die Lage in Spanien dar. Vor allem deshalb, weil in direkter Folge der Austerität die Wirtschaftsleistung schwindet und dies alles immer noch schlimmer macht. Eine Kontraktion der Einkommen und des Konsums geht Hand in Hand mit abnehmenden Investitionen und sinkender Wertschöpfung. Die realen Einzelhandelsumsätze sanken zuletzt im Mai 2012 um unglaubliche -23,93% zum Hoch im März 2007, die PKW-Neuzulassungen sanken im Juni 2012 um weitere -12,1% zum bereits sehr schwachen Vorjahresmonat, auf nur noch 73‘258 und dies waren die miesesten PKW-Neuzulassungen in einem Juni seit 1986! Zum Junihoch 2006 mit 169’242 neu zugelassenen PKWs betrug der Einbruch zum Juni 2012 kräftige -56,71%. Mit dem Konsum schrumpft aber auch die Produktion, der Output der Industrieproduktion ist zuletzt im Mai 2012 um -27,48% zum Hoch im Mai 2007 eingebrochen.

Die Entwicklung des saisonbereinigten Outputs der breit gefassten spanischen Industrie (Bergbau, Energieversorgung und Verarbeitendes Gewerbe) ohne Baugewerbe im Langfristchart seit Januar 1990 bis Mai 2012 laut Eurostat. Der industrielle Output in Spanien erschöpft sich auf einem Niveau von 1994! Zum Allzeithoch im Mai 2007 mit 109,58 Indexpunkten betrug der Einbruch bis Mai 2012 satte -27,48%!

Noch schlimmer stellt sich die Situation im Baugewerbe dar. In Folge der geplatzten Immobilienblase schrumpft der saisonbereinigte Output im Baugewerbe dramatisch, um -61,92% zum Hoch im Dezember 2006.

Die Entwicklung des saisonbereinigten Outputs im spanischen Baugewerbe im Langfristchart seit Januar 1990 laut Eurostat. Der Output des Baugewerbes schrumpfte nicht nur um -61,92% zum Hoch im Dezember 2006, er lag im Mai 2012 auf Allzeittief, seit Beginn der Datenreihe im Januar 1990 und auch deutlich unter dem Niveau von 1990!

Die Entwicklung der Zementproduktion in Spanien seit Januar 1955 bis Juni 2012 im Chart. Seit dem Hoch im März 2007 ging es um satte -71,19% abwärts, von 5,123 Millionen Tonnen auf 1,476 Millionen Tonnen im Juni 2012! Der Output der spanischen Zementproduktion kollabierte auf ein Niveau von Anfang 1972!

Spanien verbleibt weder eine relevante Industrieproduktion noch ein Baugewerbe, die irgendwelche positiven Impulse am spanischen Arbeitsmarkt setzen könnten. Dies spiegelt sich logischerweise auch in der Explosion der offiziellen Arbeitslosenquote wider. Im Mai 2012 betrug die Arbeitslosenquote enorme 24,6% und die Jugendarbeitslosigkeit skandalöse 52,1%.

Die Entwicklung der offiziellen saisonbereinigten Quote der Jugendarbeitslosigkeit in Spanien von Januar 2000 bis Mai 2012 im Chart. Im Mai 2012 stieg die Jugendarbeitslosigkeit auf 52,1% und markierte damit ein neues Allzeithoch.

Mit jedem Prozent mehr an Arbeitslosenquote steigen auch die Kreditausfälle, mit jedem Prozent weniger an Konsum wird auch die binnenorientierte Industrie, der Mittelstand und die Einzelhändler, in den Ruin getrieben.

In dieser hoch brisanten Situation beschloss die konservative spanische Regierung erneut Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen in einer Höhe von 65 Mrd. Euro für die nächsten zweieinhalb Jahre bzw. 2,5% des nominalen BIPs jährlich. Kernstück des Pakets ist die Mehrwertsteuererhöhung zum 01.09.2012 von 18% auf 21%! Der reduzierte Steuersatz wird von 8% auf 10% steigen. Für Dienstleistungen von Friseuren, Kinos, Diskotheken und Bestattungsunternehmen steigt der Mehrwertsteuersatz von ermäßigten 8% direkt auf den vollen Satz von 21%. „Großartig“ auch die prozyklische Anhebung der Grunderwerbssteuer mitten in der Immobilienkrise von 4% auf satte 10% und die gleichzeitige Streichung der Steuerabzugsfähigkeit von Immobilien. Hier erfüllt Spanien Vorgaben aus Brüssel, die jetzt mitten in der geplatzten Immobilienblase meinen, steuerliche Anreize für den Kauf einer Immobilie abzuschaffen und damit den weiteren Einbruch am Immobilienmarkt befeuern. Dies wären vor 2007 sicher sinnvolle Maßnahmen gewesen um die Blase nicht so stark aufzupumpen. Nun jedoch sind sie zu spät und vor allem krisenverstärkend!

Erneut soll in Spanien das Arbeitslosengeld gekürzt werden und bei allen Staatsbediensteten soll flächendeckend das Weihnachtsgeld ab 2012 abgeschafft werden.

Bereits Ende März 2012 war ein Sparhaushalt mit Einsparungen in Höhe von 27,3 Mrd. Euro und wenige Tage später nochmals 10 Mrd. Euro an Einsparungen im Gesundheitswesen und im Bildungsbereich verabschiedet worden. “Zukunftsweisend” wurde der gesamte Bildungsetat in Spanien um -21% zusammengestrichen. Zusammen betrug die beschlossene Reduktion der Staatsausgaben -37,3 Mrd. Euro und damit -3,7% des nominalen BIPs. Es wurde also schon kräftig prozyklisch auf die Krise mit Einsparungen eingewirkt.

Sollte Spanien alle bisher beschlossenen Maßnahmen wirklich umsetzen, dürfte dies im bekannten Griechenland-Style münden.

Schauen wir noch etwas weiter zurück. Bereits Mitte 2010 wurde schon ein erster Sparhaushalt verabschiedet, der Einsparungen von 15 Mrd. Euro beinhaltete. Die Gehälter der Staatsangestellten wurden um -5% gekürzt. 2011 und 2012 folgten bzw. folgen, auch für Rentner, Null-Runden. Dies alles entsprach kräftigen Realeinkommensverlusten. Langzeitarbeitslose erhalten seit Februar 2011 weniger staatliche Unterstützung. Der sogenannte “Baby-Scheck” von einmalig 2.500 Euro bei der Geburt eines Kindes wurde mit dem Jahr 2011 abgeschafft. Der Staat hatte bereits 2011 seine öffentlichen Investitionen um 6 Milliarden Euro gekürzt und die Regionen um 1,2 Milliarden. Ziel dieser Einsparungen war das Defizit 2011 unter 6% und bis 2013 unter 3% zu drücken. 2011 wurden es 8,9% und für 2012 sieht es auch düster aus! 2012 ging es nur im 1. Quartal bereits um weitere +39,588 Mrd. Euro bei den Staatsschulden aufwärts. 100 Mrd. Euro für die Bankenrettungen dürften noch verbucht werden. Dies wird die kräftigen Sparmaßnahmen für 2012 komplett konterkarieren, während man die Kollateralschäden der Einsparungen im Haushalt auf die Konjunktur trotzdem kassiert.

Letztlich ist die Priorität auf die Senkung der Neuverschuldung des Staates völlig kontraproduktiv und angesichts der wirtschaftliche Lage völlig fehl am Platze. Denn jegliche avisierte Senkung wird auch durch zunehmende Steuerausfälle konterkariert.

Spanien müsste vielmehr den Fokus auf Wirtschaftswachstum und damit auf neue Jobs und Einkommen richten um die wankenden Kreditpyramiden mit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zu unterlegen. Dafür gäbe es auch durchaus noch einen Gestaltungsspielraum, denn der Bruttoschuldenstand des Staates war mit 774,549 Mrd. Euro bzw. 72,1% des nominalen BIPs in Q1 2012 immer noch niedriger als in Deutschland. In dieser wirtschaftlich schwierigen Lage muss also nicht zwingend mit brachialer Gewalt die Neuverschuldung heruntergefahren werden. Auch die Staatsquote, also der Anteil der staatlichen und staatlich bedingten wirtschaftlichen Aktivität an der wirtschaftlichen Gesamtleistung der spanischen Volkswirtschaft, lag zuletzt 2011 mit 43,6% noch etwas niedriger als in Deutschland mit 45,6%.

Spaniens Staatsschuldenkrise ist Folge der Rezession, insbesondere der Bankenbailouts und ist mit Sparmaßnahmen nicht zu lösen. Im Gegenteil – durch die Rezession verschärfen sich nicht nur die Einnahmeprobleme für den Staat, sondern auch die Probleme im Bankensektor. Damit werden immer weitere Hilfen für Banken nötig!

Die Probleme Spaniens liegen primär im Bankensektor. In Folge der Euro-Einführung und der damit verbundenen sinkenden Zinsen, kam es in Spanien zu einer enormen Kreditexpansion und damit auch zu einer Fehlallokation von Kapital, vor allem in die spanische Immobilienblase. Während sich die durchschnittlichen Preise für Immobilien seit 2001 bis zum Hoch im Dezember 2007 mehr als verdoppelt hatten, hatte sich das ausstehende Hypothekenvolumen vervierfacht! Im Mai 2012 stieg das Volumen zweifelhafter Kredite (Doubtful Loans) bei spanischen Banken auf ein Rekordvolumen von 155,841 Mrd. Euro, dies entsprach 8,95% aller ausstehenden Kredite an privaten Haushalten und Unternehmen, die höchste Ausfallquote seit April 1994. Trotzdem dürfte das aktuelle Doubtful Loans Volumen (säumige Kredite und Darlehen) nur die sichtbare Spitze des Eisberges sein. Der Ökonom Raj Badiani von IHS Global Insight wies daraufhin, dass die wirkliche Zahl der zweifelhaften Darlehen gerade aus dem Bau- und Immobiliensektor durch umfangreiche Asset Swaps der spanischen Banken verdeckt wird. Da durch die Asset Swaps das Bonitätsrisiko an Dritte (Investoren, meist in Form anderer spanischer Banken) übergeht, können Kredite, obwohl sie säumig beim ursprünglichen Kreditnehmer sind, nicht als solche ausgewiesen werden.

Leider steht auch die Korrektur der Immobilienblase immer noch am Anfang. So sank im Juni 2012 der landesweite Immobilienindex IMIE der Immobilienbewertungsgesellschaft TINSA (Tasaciones Inmobiliarias) um eine Rate von -10,8% zum Vorjahresmonat. Seit dem Hoch im Dezember 2007 sind die Preise um -30,42% gesunken.

Die Entwicklung des IMIE (Indice de Mercados Españoles Inmobiliarios) seit Januar 2001 im Chart. Seit Januar 2001 waren die Immobilienpreise um +144% bis zum Hoch im Dezember 2007 angestiegen. Seitdem ging es nun “erst” um –30,42% abwärts auf 1589 Indexpunkte im Juni 2012. Oft kehren Spekulationsblasen an ihren Ausgangspunkt zurück.

Diese bis 2007 aberwitzige und fast ausschließlich kreditgetriebene Preisentwicklung war Folge der sinkenden Zinsen durch die Euro-Einführung und einer exzessiven Kreditvergabe des spanischen Bankensystems. Das ausstehende Hypothekendarlehenvolumen stieg von Januar 2001 mit 253,844 Mrd. Euro auf unglaubliche 1,018784 Billionen Euro im Dezember 2007. Zuletzt, im Mai 2012, lag das ausstehende Hypothekenvolumen noch bei 959,785 Mrd. Euro. Aus dieser Konstellation können noch ungeheure Verluste für die Banken entstehen. Die Ratingagentur Fitch hatte Mitte April 2012 immense Abschläge ermittelt, zu denen spanische Banken die notleidenden Kredite und in ihre Hände gefallenen Immobilien per Zwangsversteigerungen auf den Markt pressen können. Im Durchschnitt lagen die Verkaufserlöse mit -48% unter dem ursprünglichen Buchwert des Kredits. Die Probleme im Immobiliensektor koppeln spiralförmig zurück auf den Arbeitsmarkt, immer weniger Jobs im Baugewerbe, auf Kreditausfälle und auf weiter sinkende Preise der Immobilien. Vor allem reduzieren spanische Banken in Folge des steigenden Volumens an faulen Assets in ihren Bilanzen die Kreditvergabe.

Hier zeigt sich auch das gravierende Versagen der Geldpolitik und der damit verbundenen Liquiditätsflutung durch die EZB. Gerade das spanische Bankensystem war Hauptprofiteur der beiden LTROs (Long-Term Refinancing Operations) in deren Folge dem europäischen Bankensystem eine Bruttoliquidität von knapp über 1 Billion Euro injiziert wurde. Spanische Banken sind aktuell der größte Netto-Schuldner des Eurosystems (EZB). Im Juni 2012 schoss die Netto-Kreditgewährung (Net Lending) an spanische Banken auf 337,206 Mrd. Euro, dies entsprach 77,02% der Netto-Forderung des Eurosystems gegenüber den Banken der Eurozone. Trotz dieses enormen Einsatzes der EZB und dem damit zusammenhängenden Risiko für das Eurosystem wurde das Ziel einer Ankurbelung der Kreditvergabe an die Realwirtschaft auch in Spanien fulminant verfehlt. Die Kreditvergabe des spanischen Bankensystems an private Haushalte und Unternehmen befindet sich im Gegenteil in Kontraktion, wie die Daten der spanischen Zentralbank belegen.

Die Entwicklung des ausstehenden Kreditvolumens der spanischen Banken an private Haushalte und Unternehmen in Prozent zum Vorjahresmonat seit Januar 1963 im Chart. Über Jahrzehnte verlief die Kreditexpansion bei 15-25% zum Vorjahr, unterbrochen von 2 Einbrüchen, die relativ zügig von einer weiteren Kreditexpansion abgelöst wurde. Diesmal kommt es zu einer Kreditkontraktion. Bereits den 16. Monat in Folge schrumpft das ausstehende Kreditvolumen zum Vorjahresmonat, im Mai 2012 mit einer Rekordrate von -3,82%.

Dies sind in der jetzigen Situation Spaniens extrem relevante Daten, denn Kreditkontraktion geht immer einher mit einer Kontraktion der wirtschaftlichen Aktivität. Erstmals seit 1963 ist diese Rate negativ. Eine Kreditkontraktion macht wirtschaftliches Wachstum nahezu unmöglich. Mit weiter fallender wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit sinkt aber auch die Schuldentragfähigkeit der Volkswirtschaft. Dies wiederum ist das prägnanteste Problem Spaniens. Ein Blick auf die Leistungsbilanz Spaniens macht dies deutlich, denn die Leistungsbilanz kann man im weitesten Sinne auch als Ausweis der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft betrachten. Seit Januar 1990 bis April 2012 kumulierten sich -736,078 Mrd. Euro an Defizit, alleine -663,877 Mrd. Euro seit 2000! Also gerade mit der Euro-Einführung verlor Spanien systematisch an Wettbewerbsfähigkeit und dies mündete in explodierenden Leistungsbilanzdefiziten.

Verschärfend für den geschwächten Bankensektor wirkt die aktuelle dramatische Kapitalflucht aus Spanien. Spaniens Problem ist eine gravierende Zahlungsbilanzkrise. Vor allem aus dem chronischen Leistungsbilanzdefizit resultiert die hohe Nettoauslandsverschuldung und dies macht Spanien wiederum von Seiten der Spekulanten extrem angreifbar!

Die Entwicklung der Nettoauslandsverschuldung (Net International Investment Position / NIIP) in Mrd. Euro auf Quartalsbasis seit Q4 1992 bis Q1 2012. In Q1 2012 betrug die Nettoauslandsverschuldung aller Bereiche der Volkswirtschaft satte -977,646 Mrd. Euro und damit 91,1% des nominalen BIPs in Höhe von 1073 Mrd. Euro 2011.

Das NIIP ist der Vermögensstatus einer Volkswirtschaft, der Saldo aus allen Auslandsvermögen und Auslandsverbindlichkeiten. Hierin dokumentieren sich die fundamentalen Probleme der Eurozone, denn Spanien, Portugal, Griechenland und Irland weisen mit um die 100% des nominalen BIPs die höchsten Nettoauslandsverschuldungen in der Welt aus!

Solche immensen Nettoauslandsverschuldungen sind unter einer Austeritäts-Agenda und unter dem Korsett der gemeinsamen Währung weder abzutragen noch tragbar und die sinkende wirtschaftliche Aktivität ist nahezu der Garant für eine sich weiter zuspitzende Lage.

In Rezessionen Volkswirtschaften mit undifferenzierten Sparmaßnahmen zu überziehen, ist so ziemlich das kontraproduktivste was Wirtschaftspolitik leisten kann. So eine Strategie, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden bei Wirtschaftswachstum und am Arbeitsmarkt erhöht nur die Gefahr unkontrollierbarer Prozesse, in deren Folge Spanien als viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone auch zum Sargnagel dieser mutieren wird.

Abschließend noch ein kurzer Blick auf die Dimension der potentiellen „Spanien-Rettung“:

Das spanische Bankensystem hatten per Mai 2012 Total Assets von 4,25414 Billionen Euro in ihren Büchern, im Januar 1990 waren es nur beschauliche 491 Mrd. Euro. Das spanische Bankensystem ist ein künstlich aufgeblasener Popanz mit immensen Potential an faulen Assets und wird jede Rettung mit ihrem Kreditschrott ersticken! Die Total Assets des spanischen Bankensystems erreichen das 4-fache des spanischen nominalen BIPs!

Die Entwicklung der Bruttostaatsverschuldung in Mrd. Euro, gemäß Maastricht-Definition, seit Q1 1991 bis Q1 2012 im Chart. In Q1 2012 stieg die Bruttostaatsverschuldung auf 774,549 Mrd. Euro, nach 734,961 Mrd. Euro im Vorquartal und nach 684,117 Mrd. Euro im Vorjahresquartal. Die Bruttostaatsverschuldung in Prozent des nominalen BIPs stieg auf 72,1%, nach 68,5% im Vorquartal und nach 64,7% im Vorjahresquartal. Noch in Q1 2008 betrug das Verhältnis nur 35,5%!

Quelle Daten: Bde.es/spanische Zentralbank

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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