Spanien weiter enorm unter Druck

von am 18. August 2011 in Allgemein

Wie das spanische Finanzministerium mitteilte stieg im 1. Halbjahr 2011 die Staatsverschuldung auf 576,314 Mrd. Euro, ein Anstieg von +35,675 Mrd. Euro im Vergleich zum Jahresende 2010. Den bisherigen Anstieg des Bruttoschuldenstandes auf das gesamte Jahr hochgerechnet, könnte die Staatsverschuldung 2011 um +71,35 Mrd. Euro steigen, nach 65,237 Mrd. Euro 2010.

Die Entwicklung der spanischen Staatsverschuldung seit 1987 im Chart. Von 1987 ging es mit 87,009 Mrd. Euro Schulden aufwärts auf 576,314 Mrd. Euro im Juni 2011. Quelle Daten: Tesoro.es/XLS: Bruttoschuldenstand des Staates

Der Bruttoschuldenstand im Verhältnis zum nominalen BIP war zuletzt mit 63,6% in Q1 2011, gemäß Eurostat zwar noch moderat, aber der Anstieg bis dahin war bereits gravierend, Q1 2010 noch bei 55,0%, Q1 2009 bei 43,2% und Q1 2008 bei 35,3%.  Brisant dürfte sein, laut Angaben des spanischen Finanzministeriums stehen 2012 94 Mrd. Euro an Staatsanleihen zur Refinanzierung an, 2013 nochmals 63 Mrd. Euro.

Sieht man sich die aktuellen Staatshaushaltsdaten an, fällt es schwer an eine bevorstehende Haushaltskonsolidierung zu glauben, auch an ein Wachstum der Wirtschaft der eine Qualität mit beinhaltet:

In den ersten 6 Monaten 2011 sanken die Steuereinnahmen aus nichtfinanziellen Aktivitäten um satte -17,5% zum Vorjahreszeitraum, darunter die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer um unglaubliche -28,9%, die Einnahmen aus der Einkommenssteuer um -22,4%, die Körperschaftssteuer der Unternehmen um -15,6%. Nur die gestiegenen Einnahmen aus den Finanzoperationen des Staates (+9,9%) konnten insgesamt den Einbruch der Steuereinnahmen auf -4,5% zum Vorjahreszeitraum begrenzen. Die offene Frage bleibt, was genau sich hinter den finanziellen Operationen des Staates verbirgt und ob diese Einnahmen zuallererst nicht nur Einmaleffekte beinhalten. Quelle Tabelle: Igae.pap.meh.es/PDF Staatshaushalt 1. Halbjahr 2011

Das Staatsdefizit Spaniens gemäß Maastrichtkriterium von 1995 bis 2010 im Chart. Auch 2011 sind weiterhin wirkliche Konsolidierungserfolge im Staatshaushalt gefährdet. Denn die schwache Wirtschaft, insbesondere die sinkenden Einkommen und die schwachen Konsumausgaben schlagen auch voll auf die Steuereinnahmen durch. Quelle Daten: Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Die Entwicklung der realen und saisonbereinigten Umsätze im spanischen Einzelhandel von Januar 1995 bis Juni 2011. Im Juni 2011 fielen die realen Einzelhandelsumsätze auf 85,24 Indexpunkte, der tiefste Stand seit November 1999. Mehr als ein Jahrzehnt reales Umsatzwachstum beim Einzelhandel wurde seit der Wirtschafts- und Finanzkrise und im Zuge der spanischen Austeritätsmaßnahmen ausgelöscht! Seit dem Hoch im März 2007 ging es um reale -20,59% abwärts. Quelle Daten: Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Die Entwicklung des Outputs der breit gefassten Industrie (Bergbau, Energieversorgung und Verarbeitendes Gewerbe) anhand des saisonbereinigten Industrieproduktionsindex seit Januar 1990 im Chart. Im Juni 2011 sank der Output um -0,8% zum Vormonat und dümpelt damit auf einem erbärmlichen Niveau von 1997! Zum Hoch im Mai 2007 ging es um -23,05% abwärts! Quelle Daten: Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Trotz enormer Staatsschulden leistet man sich den Luxus bzw. muss sich ihn wegen fehlender Wettbewerbsfähigkeit leisten, den Output der Industrie auf einem Niveau von 1997 dümpeln zu lassen (damals mit einer Staatsverschuldung von nur 270,694 Mrd. Euro), statt aus Wertschöpfung, Jobs, Einkommen und den Steuereinahmen daraus der Schuldenfalle zu entrinnen.

Die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit dokumentiert sich im Vergleich der Entwicklung des Outputs der Industrieproduktion zu Deutschland:

Setzt man den monatlichen durchschnittlichen Output der Industrie des Jahres 2000 mit 100 an, ergibt sich für Deutschland bis Juni 2011 ein Anstieg der Industrieproduktion von +18,2%, während Spaniens Output im selben Zeitraum um -14,66% einbrach. Quelle Daten: Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Die Entwicklung der Bruttowertschöpfung (Produktionswert – Vorleistungen) der spanischen Industrie im Verhältnis zum nominalen BIP. Quelle Daten: Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Die Entwicklung des spanischen Export- und Importvolumens in Mrd. Euro seit Januar 2000 bis Juni 2011 im Chart. Die Daten aus dem Außenhandel stehen auch für das saisonbereinigte reale BIP-Wachstum in Q2 2011 von +0,2% zum Vorquartal und damit eine etwas stärkere Wachstumsrate als Deutschland. Denn in der Verwendungsrechnung geht die Differenz aus Exporte – Importe ein und da in Q2 2011 die Exporte von Waren und Gütern um -0,4% zum Vorquartal sanken, aber die Importe um -3,5% trug dies zum Wachstum bei, ganz ohne das die eigene Wertschöpfung bzw. die Einkommen wuchsen. Quelle Daten: Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Grundsätzlich ist der Abbau des Handelsbilanzdefizits natürlich richtig und wichtig, nur der darauf beruhende Wachstumseffekt im BIP ist rein statistischer Natur.

Im 1. Halbjahr 2011 stiegen die Exporte zwar um kräftige +17,8% zum Vorjahreszeitraum, aber dies war vor allem dem niedrigen Basiseffekt geschuldet und in Q2 2011 sanken die Exporte bereits wieder im Vergleich zum Vorquartal. Die Importe wuchsen mit +11,34% schwächer im 1. Halbjahr 2011 als die Exporte. In den Export- und Importvolumen spiegeln sich aber auch steigende Preise wider und insofern dürfte der Output der breit gefassten Industrieproduktion, gemessen am Industrieproduktionsindex, der die Menge des Ausstoßes misst, ein besserer Gradmesser sein und diese Daten sprechen eine klare Sprache.

Die Entwicklung der Exportvolumen in Mrd. Euro von Deutschland, Frankreich, Portugal, Italien, Griechenland und Spanien seit Januar 2000 bis Juni 2011. Quelle Daten: Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Die Entwicklung der saisonbereinigten Arbeitslosenquote laut Eurostat. Im Juni 2011 stieg die Quote auf ein neues Hoch mit 21,0%. Quelle Daten: Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Die Entwicklung des Index der Baugenehmigungen für Wohnimmobilien seit Januar 1995 bis April 2011, laut den letzten verfügbaren Daten von Eurostat im Chart. Im April lag der saisonbereinigte Index bei 16,78 Indexpunkte, zum Hoch im September 2006 ein brutaler Einbruch von -88,1%. Quelle Daten: Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Die Entwicklung des Produktionsindex des spanischen Baugewerbes. In Spanien wird im Juni 2011 mit arbeitstäglich bereinigten 47,05 Indexpunkten weniger gebaut als 1995 mit durchschnittlich 59,76 Punkten. Zum Hoch im Dezember 2006 brach die Bauaktivität über den gesamten Sektor des Baugewerbes um gnadenlose -64,4% ein. Quelle Daten: Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Gerade am Bau offenbart sich die spanische Misere, denn ohne eine Erholung der Bauwirtschaft wird es auch keine signifikante Erholung am Arbeitsmarkt geben. Nur das Überangebot, nicht nur bei Wohnimmobilien, ist immer noch enorm und noch lange nicht abgebaut und die Bauwut der Vergangenheit zum Hype der Spekulationsblase am spanischen Immobilienmarkt, steht auch für ein Meer an faulen Krediten in den Bilanzen der spanischen Banken.

Die Leistungsfähigkeit der spanischen Wirtschaft ist viel zu gering um den bereits bestehenden und kommenden Turbolenzen zu widerstehen. Viele Details weisen daraufhin, dass das Bruttoinlandsprodukt zwar durch ein Schrumpfen des enormen Handelsbilanzdefizit positiv beeinflusst wurde, aber in der Summe, wie die Daten zur Industrieproduktion, zum Einzelhandel, am Bau und zu den drastisch sinkenden Steuereinnahmen zeigen, eher auf einen nicht adäquat preisbereinigten und hedonisch aufgeblasenen BIP-Indikator hindeuten. Bisher wurde kein Problem der spanischen Volkswirtschaft auch nur ansatzweise gelöst, sehr schlechte Voraussetzungen um bei einem Abkühlen der Wirtschaft weltweit, nicht besonders unter Druck zu kommen, denn viele hundert Milliarden an faulen Krediten schlummern noch im Bankensystem und die Verschuldung des Staates, gerade bei nachlassenden Wachstum, wird im Verhältnis zum BIP weiter kräftig ansteigen. Spanien bleibt wie Italien einer der Top-Krisen-Favoriten bei einer sich zugespitzenden Situation der Weltwirtschaft.

Die Entwicklung des spanischen Aktienleitindex IBEX seit Januar 1987 im Dailychart. Heute sank der Aktienindex um -4,96% zum Vortag und notiert bei  8’295,30 Indexpunkten. Zum Vorjahr verlor der IBEX -20,17%!

Reloaded: Währungsunion der Narren 

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