Target2-Nachschlag und brisante italienische Target2-Daten

von am 19. Oktober 2011 in Allgemein

“Wenn heute die Bundesbank ihre Forderungen an die anderen EWU-Länder (zentralisiert bei der Europäischen Zentralbank) ausweitet, dann schafft sie natürlich ebenfalls Zentralbankgeld. Das zeigt sich deutlich in der Bilanz der Bundesbank, sie belief sich Ende August 2011 auf 679 Mrd. Euro, allein 403 Mrd. Euro entfielen auf Nettoforderungen aus Target2. Es handelt sich nicht nur um den wichtigsten Posten in der Bundesbankbilanz, sondern ist auch ein wichtiger Teil des Auslandsvermögens der Bundesrepublik, also nicht nur »ein statistischer Posten«.” Dies ist ein Zitat von Ex-Buba Präsident Helmut Schlesinger, nur die Daten von Juni 2011 wurden mit den aktuelleren von August 2011 ausgetauscht. Die wachsende Target2 Position führt zu einer beispiellosen Ausweitung der Bilanz der Bundesbank und beinhalten die Hauptposition der Forderungen gegenüber dem Ausland durch die Bundesbank, wie folgende Charts verdeutlichen:

Die Entwicklung der Aktiva (Vermögenswerte) der Deutschen Bundesbank seit Januar 2002 bis August 2011 in Mrd. Euro im Chart. Im August 2011 stiegen die Aktiva um kräftige +50,110 Mrd. Euro, auf 679,131 Mrd. Euro an. Nahezu 100% dieses Anstieges im August resultierte aus dem Anstieg bei den Forderungen aus Target2 (+46,762 Mrd. Euro).

Leider liegen die Total Assets und damit auch die Bilanzsumme der Bundesbank für den September 2011 noch nicht vor, denn dort vollzog sich ein noch stärkerer Anstieg bei den Target2 Forderungen von +59,188 Mrd. Euro zum Vormonat, der auch zu einer neuen Rekord-Bilanzsumme der Buba geführt haben dürfte.

Nochmal Ex-Buba Chef Schlesinger: “Anstelle der normalen Kreditnehmer der Bundesbank, den inländischen Kreditinstituten, treten die Partnerländer im Eurosystem, vor allem Griechenland, Irland, Portugal und Spanien (Anmerkung: nun auch Italien). Formell richten sich die Forderungen der Bundesbank an die EZB, die die positiven und negativen Salden aller Mitgliedsländer aufnimmt und ihrerseits in ihrer Bilanz saldiert.”

Interessant an den Target2 Salden ist, seit August 2011 floßen nun auch Target-Kredite in enormen Ausmaß an die italienische Zentralbank Banca d’Italia, nur im August schossen allein die Verbindlichkeiten der italienischen Zentralbank aus Target2 auf  -57,469 Mrd. Euro und der absolute Hammer auf -103,511 Mrd. Euro im September 2011! Damit ist Italien anscheinend ebenfalls von privaten Kapitalimporten abgeschnitten bzw. es besteht bereits massive Kapitalflucht und somit hängt Italien ebenfalls am Tropf des Zentralbankgeldes! Noch im Mai 2011 war der Target2-Saldo Italiens eine Forderung von +13,866 Mrd. Euro, diese schrumpfte im Juni auf +5,997 Mrd. Euro und kippte im Juli in eine Verbindlichkeit von -16,312 Mrd. Euro. Bisher waren die Target-Kredite fast ausschließlich an die Notenbanken Griechenlands, Irlands, Portugals und Spaniens geflossen.

Die Entwicklung des Target2 Saldos der italienischen nationalen Notenbank seit Januar 2001 bis September 2011 im Chart. Etwas überraschend hielt Italien lange Zeit sogar relativ kräftige Forderungen, die schlagartig zu Verbindlichkeiten von zuletzt -103,511 Mrd. Euro kippten. Die massive Ausweitung eines negativen Target2 Saldos in Italien, in kurzer Zeit, dokumentiert die Brisanz der Krise in der Eurozone! Die Verbindlichkeit der griechischen Notenbank aus Target2 betrug im August 2011, gemäß den letzten verfügbaren Daten, -97,450 Mrd. Euro, nach 91,202 Mrd. Euro im Vormonat Juli 2011.

Zurück zur Buba. Bei den Target2 Forderungen handelt es sich mitnichten um irgendwelche Verrechnungssalden sondern um die größte Position auf der Aktivseite der Bilanz der Buba, wie ein Blick auf den Jahresbericht 2010 nochmal verdeutlicht:

Die Bilanz (Aktiva) der Buba zum 31.12.2010, mit dem großen Target2 Posten und den Total Assets, jeweils rot markiert, zum Vergrößern bitte 1x anklicken. Quelle: Bundesbank.de/Jahresbericht 2010 PDF Seite 162

Die Entwicklung der Target2 Forderungen als Bestandteil der Aktivaseite der Bundesbankbilanz seit Januar 2002 bis August 2011 in Prozent im Chart. Im August 2011 betrug der Anteil der Target2 Position an den gesamten Vermögenswerten der Bundesbank 59,3%. Noch interessanter dürfte sich das Bild für September 2011 gestalten.

Noch deutlicher macht die problematische Entwicklung, wenn man die Target2 Forderungen in Prozent zu den gesamten Auslandsforderungen der Bundesbank setzt, wo die Daten bereits für September 2011 vorliegen:

Im September 2011 betrug der Anteil der Target2 Forderungen an den gesamten Forderungen der Buba ans Ausland einen neuen Rekord mit 67,3%! Im Gegenzug sinkt der Anteil der Gold- und Goldforderungen und der Währungsreserven in der Auslandsposition stetig.

Hier nochmal die Forderungen der Deutschen Bundesbank (Forderungen innerhalb des Eurosystems insgesamt) gegenüber den nationalen Notenbanken in der Eurozone und der EZB aus dem Target2 Zahlungssystem, Stand September 2011:

Die Forderungen innerhalb des Eurosystems insgesamt (netto) der Deutschen Bundesbank auf Monatsbasis in Mrd. Euro, gegenüber den nationalen Notenbanken der Eurozone und der EZB seit Januar 1999 im Chart. Vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise von 1999 bis 2006 lagen die Forderungen der Deutschen Bundesbank im Durchschnitt monatlich nur bei maximal 15 Mrd. Euro. Von kurzfristigen Verrechnungssalden kann seit spätestens Mitte 2007 keine Rede sein, sondern nur von einer dauerhaften Kreditfinanzierung mit exponentieller Funktion, welche im September 2011 in einem Rekordniveau von 461,927 Mrd. Euro mündete.

Von den Forderungen insgesamt, gingen auf das Konto nur der Forderungen gegenüber den nationalen Notenbanken (innerhalb des ESZB/Sonstige Forderungen netto), welches den Saldo aus dem abgewickelten Zahlungsverkehr abbildet, fulminante 449,611 Mrd. Euro, ebenfalls ein Allzeithoch und ein Anstieg von +59,168 Mrd. Euro zum Vormonat.

Im Kern sind die Target2 Salden eine bereits bestehende und seit Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise praktizierte Kreditfinanzierung der PIIGS im Ausmaß eines halben nun avisierten gehebelten ESFS von 1000 Mrd. Euro. Dies verdeutlicht klar und einfach das Schaubild der EZB aus ihrem jüngsten Beitrag zu Target2:

Die Forderungen aus den positiven Target2-Salden, so der Bundesbank, fallen zwar formal bei der EZB an, sind aber in der Realität der negative Target2-Saldo der PIIGS in der Verbindlichkeit der dortigen nationalen Notenbank, welche ihrerseits den gezogenen Target2 Anteil, durch Kreditvergabe insbesondere an die jeweiligen Kreditinstitute der Südperipherie und Irland, als Forderungen in ihrer Bilanz halten.

Letztlich besteht der positive Target2 Saldo der Bundesbank in vergebenen Kredite an die PIIGS-Banken, durch die dortigen nationalen Notenbanken, um der Wegfall der privaten Kapitalimporte in die PIIGS, mit einem Kapitalimport durch das Zentralbankensystem zu kompensieren. Pikanter Weise finanziert sich damit nicht nur das Leistungsbilanzdefizit, sondern auch das Zahlungsbilanzdefizit und der enorme Refinanzierungsbedarf im dortigen Bankensystem und dies ermöglicht auch die Kapitalflucht aus den PIIGS nach Deutschland. Die steigenden Einlagen bei deutscher Kreditinstitute lassen ihrerseits die Nachfrage nach Zentralbankgeld der Buba sinken.

“Anstelle deutscher Kreditinstitute treten in erster Linie die Kreditinstitute der GIPS-Länder, deren Bonität vielfach so geschwächt ist, dass sie ihre Liquiditätsprobleme nur mit Hilfe ihrer Notenbank und dies auf der Basis weitgehender Herabstufung der Anforderungen an die Kreditunterlagen. In den Bilanzen der nationalen Notenbanken und in jener der EZB wird möglichen Bonitätsunterschieden nicht Rechnung getragen.” Ex-Buba Präsident Helmut Schlesinger

Aus dem bisher Aufgezeigten geht klar hervor, nur weil es sich bei Target2 um ein Zahlungsverrechnungssystem handelt und sich die Kontostände aller Teilnehmer auf null addieren, lässt sich daraus seriöser Weise nicht konstruieren, dass keine Risiken bestehen, sondern Target-Salden stellen eine öffentliche Kreditvergabe über das EZB-System dar. Und die Bonität der Kreditnehmer ist miserabel und dies stellt einen aberwitzigen Risikotransfer innerhalb der Eurozone zu Lasten der Deutschen Bundesbank dar. Die Target2 Forderungen der Buba werden Monat für Monat nicht nur höher, sondern auch uneinbringbarer, denn die Notenbanken der Südperipherie und Irland haben enorme Mengen an Zentralbankgeld in ein de facto insolventes Bankensystem geschleust und die Wahrscheinlichkeit, das anstelle von Zentralbankgeld wieder privates Kapital kommt und dies eine Rückführung des Target2-Saldos der Deutschen Bundesbank ermöglicht schwindet rapide.

“Ein Target2-Guthaben repräsentiert eine Nettoforderungsposition des betreffenden Landes, hinter der Ansprüche privater Sparer stehen. Umgekehrt repräsentiert eine Target2-Verbindlichkeit entsprechende Schulden des betreffenden Landes, sei es des Staates selbst oder seiner Einwohner und Unternehmen. …Es ist doch ganz einfach: Reagieren private Investoren elastisch auf Risiken, während das Eurosystem aus politischen Gründen unelastisch reagiert, dann findet im Markt eine Reallokation statt, an deren Ende alle schlechten Risiken beim Eurosystem liegen. Genau dies ist in den vergangenen Jahren geschehen.” Prof. Dr. Stefan Homburg, Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen der Leibniz Universität Hannover.

Quellen Tabelle: Bundesbank.de/EZB Monatsbericht Oktober 2011, Quelle Zitate: Cesifo-group.de/Ifo-Schnelldienst/Die europäische Zahlungsbilanzkrise, Quelle Daten für die Charts: Bundesbank.de/Statistik zeitreihen

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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4 KommentareKommentieren

  • Bernd Klehn - 8. November 2011

    Lieber Steffen,

    Die Traget2-Schulden Italiens sind im Oktober für mich überraschend von 103Mrd auf 88Mrd. gesunken. Kann dieses noch nicht einordnen.

    http://www.bancaditalia.it/statistiche/SDDS/stat_fin/Aggregati_riserve/agg_081111/agg201110en.pdf

    • Querschuss - 8. November 2011

      Hallo Bernd,
      sehen wir auf die andere Seite der Bilanz, welche die Target2 Verbindlichkeiten vor allem abbilden, die Forderungen aus der Kreditvergabe an die ital. Kreditinstitute und die ist weiter gestiegen auf 111,288 Mrd. Euro, siehe Pos. 5 unter Aktiva, ebenso die gesamte Bilanzsumme, wenn auch beide Positionen nicht ganz so stark wuchsen wie im September. Warum konnte dann der negative Target 2 Saldo (Verbindlichkeit) sinken (Pos. 10 Passiva)?

      Realativ einfach, weil Pos. 5 auf der Passiva Seite von 14,816 Mrd. Euro auf 36,834 Mrd. Euro stark anstieg. Hinter dieser Position verbergen sich: “Verbindlichkeiten in Euro gegenüber sonstigen Ansässigen im Euro-Währungsgebiet” und dahinter die Einlagen von öffentlichen Haushalten. Zentralbanken sind eine Art Hausbank des Staates und Pos. 5 bildet die Kassenhaltung des öffentlichen Sektors ab, also die Guthaben des Staates bei der Zentralbank. Und die sind eben im Oktober gestiegen, dies muss einen saisonalen Effekt beinhalten, also z.B. höhere Steuereinnahmen im Oktober, denn einen ähnlichen Anstieg konnte man unter Pos. 5 auch im Oktober 2010 beobachten. Es wurden also temporär Target2 Verbindlichkeiten von Verbindlichkeiten der Einlagen der öffentlichen Haushalte etwas verdrängt.

      Die Kreditvergabe an die Banken in Italien schwächte sich zum Vormonat zwar ab, stieg aber weiter, dasselbe dürfte für die Kapitalflucht gelten. Die Kuh ist weiter nicht vom Eis. Auch negative Target2 Salden unterliegen saisonalen Effekten, da andere Positionen der Passiva-Seite der Bilanz der Zentralbank auch Einfluß haben auf den benötigten negativen Target2 Saldo.

      Gruß Steffen

      • Bernd Klehn - 8. November 2011

        Danke für die Mühe und Erklärung Steffen,

        insgesamt, hat aber wohl die Kapitalflucht aus Italien imOktober sehr stark abgenommen, natürlich muss man die intensiven Staatsanleihenaufkäufe der EZB gegenrechen, deren Verteilung wir aber nicht kennen.

        Nun müssen wir noch auf neue Zahlen aus Spanien warten. Dort sind ja im August 21 553 Mio
        Nettokapitalimport via. Zentralbank organisiert worden, dieses kann nur die Target2 Verändeung sein. Net claims with the Eurosystem.

        http://www.bde.es/webbde/es/estadis/infoest/e0702e.pdf

        Griechenland und Spanien geben ja sehr sehr verspätet Daten heraus.

        • Querschuss - 8. November 2011

          Hallo Bernd,
          Spanien hat einen viel höheren negativen Target2 Saldo, ich habe mich Ewigkeiten durch die Daten gewühlt und konnte nicht verifizieren welche diverse Verbindlichkeiten Target2 zuzuordnen sind, nichts passte augenscheinlich. Irgenwann habe ich die Sache umgedreht und habe aus dem Jahresgeschäftsbericht 2010 und 2008 der Banco de Espana, wo die Daten eindeutig zuzuordnen sind http://www.bde.es/webbde/en/secciones/informes/Publicaciones_an/Informe_anual/anoactual/, die Zahlen für 2007 bis 2010, die dem Dezemberstand entsprachen rausgeschrieben und dann mit den jeweiligen 4 Dezemberdaten die entsprechenden Datenreihen verglichen und dann die passende gefunden.
          Der Target2 Saldo für Spanien betrug im September 2011 -88,620 Mrd. Euro, nach -78,224 im August.

          Die Daten findest Du hier: http://www.bde.es/webbde/en/estadis/infoest/bolest7.html
          unter 7.2, aber nicht in der PDF, sondern in der CSV Datei (Punkt: BE_7_2.3), bin mir 100% sicher die richtigen Daten zu haben, da der jeweilige Dezember mit den Jahresgeschäftberichten der Banco de Espana übereinstimmt.

          Target2 Salden:
          Spanien: September -88,620 Mrd. Euro
          Portugal: September -57,235 Mrd. Euro
          Griechenland: August -97,450 Mrd. Euro
          Italien: Oktober -88,598 Mrd. Euro
          Frankreich August -33,489 Mrd. Euro

          Gruß Steffen