Über die Wahrheit und den Irrtum

von am 9. Oktober 2014 in Allgemein

Gastbeitrag von Jost Wunderlich

Was hier auf Querschuesse immer wieder auffällt, ist, dass sich alle um Objektivität und Wahrheit bemühen, gleichzeitig verbunden mit der Klage, dass sich die Mehrheit der Bürger offensichtlich für solche Fakten überhaupt nicht (mehr) interessiert. Das Problem der Leugnung von Wahrheiten ist ein uraltes, oft in der Literatur beschriebenes, aber trotzdem immer wieder interessant, für mich als Philosoph darauf einzugehen.

Was macht also den Irrtum so interessant für den Menschen? Oder anders gefragt, warum sind so wenige an Wahrheiten interessiert, ja gehen sogar soweit, den Begriff der Wahrheit ganz in Frage zu stellen? Sehr schöne Antworten dazu finden sich in der Dissertation meines Lehrers (1) über Ernest Hello.

1. Zuerst müssen wir allerdings auf das Wesen des Irrtums eingehen. Dazu erhebt sich die Frage: was ist der Maßstab des Irrtums? Und hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ich messe eine Aussage an einem Irrtum, oder ich messe sie an einer Wahrheit. Ein Beispiel möge die Sache verdeutlichen. Wenn ich ein Metermaß herstellen möchte und verwende dazu ein falsches Urmeter, wird mein Metermaß falsch, verwende ich das richtige Urmeter wird mein Metermaß richtig. Eine Falsifikation wie auch Verifikation kann also immer nur an einer Wahrheit stattfinden.

»Gegen sie, den Sitz der vollständigen und unverkürzten Wahrheit richten sich die Anstrengungen des Irrtums, der seinem Wesen nach gerade nichts anderes als eine unvollständige, verkürzte oder verdorbene Wahrheit sein kann, eine Teilwahrheit, die jedoch immer wieder den Anspruch erhebt, die Wahrheit, die “allein selig machende”, volle Wahrheit zu sein. Die Wahrheit kann aber nur in ihrer Fülle, in ihrer Ganzheit wahr sein, es darf nichts zugunsten einer anderen, vermeintlich wichtigeren oder höheren Wahrheit ausgelassen, und nicht die “unmenschlich-abstrakte Manie, einen einzigen Gesichtspunkt auf Kosten aller anderen absolut zu setzen” (2), geübt werden. Die Wahrheit kann sich selbst nicht widersprechen. Sie kann daher nur in ihrer Fülle wahr sein und nur in ihrer Fülle angenommen werden.« (3)

Auf unser Beispiel bezogen darf also von einem Urmeter weder etwas weggenommen noch etwas hinzugefügt werden und dies gilt für alle Wahrheiten. Sehr schön wird dies immer wieder bei Querschüsse gezeigt, beispielsweise beim GFK Konsumklimaindex durch den Erwartungshaltungen wiedergegeben werden, die mit dem tatsächlichen Kaufverhalten (Einzelhandelsumsätze) nichts oder nur wenig zu tun haben. http://www.querschuesse.de/deutschland-selbst-der-gfk-konsumklimaindex-sinkt/
»Der Irrtum “kann sich nur durch die verdunkelte, aber deutlich gegenwärtige Wahrheit Geltung verschaffen, die verhüllt in ihm enthalten ist.” (4) “Der Irrtum ist (5) nicht. Er ist eine Verneinung, die sich in der Form einer Bejahung darstellt … Als negative Größe vermindert er die Endsumme und spricht dennoch die Sprache der positiven Zahlen” (6)« (7)

2. Wahrheiten herauszufinden bedeutet eine Menge Arbeit. Dies weiß jeder hier auf Querschuesse nur zu gut aus eigener Erfahrung. Es müssen Charts besorgt werden, mit anderen verglichen werden, Erkenntnisse in Frage gestellt werden. Man muss viel lesen und vor allen Dingen Maßstäbe haben, um das Gelesene zu bewerten; mit anderen Worten: man muss Nachdenken und nicht einfach Gelesenes übernehmen wenn es einem in den Kram passt. (8)

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Quellen:

(1) Dr. Friedrich Hoh
(2) Henry Deku, Correctorium corruptorii, Jg. 65, S. 59
(3) Friedrich Hoh: Ernest Hello ‒ Sein Welt- und Menschenbild im Spiegel seiner Philosophie- und Zeitkritik, München 1958, S. 2
(4) Ernest Hello: Mensch und Mysterium. Graz, Wien, Salzburg 1949, Heidelberg 1950, S. 300
(5) Hervorhebung von Hoh
(6) Ernest Hello: Mensch und Mysterium. Graz, Wien, Salzburg 1949, Heidelberg 1950, S. 299
(7) Friedrich Hoh: Ernest Hello ‒ Sein Welt- und Menschenbild im Spiegel seiner Philosophie- und Zeitkritik, München 1958, S. 4
(8) “Die Massen kennen nur einfache und übertriebene Gefühle. Meinungen, Ideen, Glaubenssätze, die man ihnen einflößt, werden daher nur in Bausch und Bogen von ihnen angenommen oder verworfen und als unbedingte Wahrheiten oder ebenso unbedingte Irrtümer betrachtet. So geht es stets mit Überzeugungen, die auf dem Wege der Beeinflussung, nicht durch Nachdenken erworben wurden.” Gustave Le Bon: Psychologie der Massen, Hamburg 2009, S. 56

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Oder bei Hoh (9):

“Der Irrtum kommt der Bequemlichkeit entgegen. Die größte Gefahr für den Menschen ist seine falsche Ruhebedürftigkeit, die ihn hindert, sich Gewissheit zu verschaffen und für die Wahrheit und das Gute mit ganzer Kraft einzutreten. Der Sieg des Falschen und Schlechten besteht nicht darin, dass er das Wahre und Gute verdrängt, er besteht darin, dass ihm gestattet wird, mit ihm zusammenzuleben. “Die neue Zeit krankt an dem Verbrechen, das Schlechte nicht zu hassen und ihm Vergleichsvorschläge zu machen. Man darf dem Schlechten aber nur den einen Vorschlag machen: Es hat zu verschwinden! …”

3. Worin sollen Menschen übereinstimmen, wenn nicht in Wahrheiten? Das Gegenstände von der Schwerkraft angezogen werden, darin stimmen wohl alle überein und diese Einsicht verbindet. Wer diese Einsicht leugnet, spaltet sich ab. Also: Die Wahrheit verbindet die Menschen über die Einheit und Einigkeit:

»Ein Kriterium der Wahrheit ist die Einheit; sie ist eine natürliche und notwendige Folge der Wahrheit: die Einheit und Einigkeit zwischen den Menschen, welche die Wahrheit als der einzig mögliche Mittelpunkt einer dauerhaften Einigkeit verbindet, und die Einheit von Glauben, Wissenschaft und Kunst, die sich, werden diese drei richtig verstanden, in ihren Bemühungen, Ergebnissen und Zielen gegenseitig nicht beeinträchtigen können. Diese Einheit ist zugleich das “Gleichgewicht des Friedens”, wie es Hello nennt, die Harmonie, die Weisheit. Der Irrtum, eine Parodie der Wahrheit, macht Anstrengungen, die Wirkungen der Wahrheit, Einheit und Gleichgewicht, hervorzurufen, aber er bringt es nur zu einer scheinbaren Einheit und zu einem scheinbaren Gleichgewicht. “Die auf der Geschicklichkeit und nicht auf der Liebe beruhende
Weisheit, die nicht den Frieden begründen will, sondern eine vorsichtige Spaltung, um die Ruhe zu gewährleisten, diese Weisheit ist das Ideal, das sich der Irrtum gewöhnlich vorstellt.”« (10)

Und einige Sätze weiter:
»Der Irrtum, der stets die Wahrheit parodiert, weiß wohl, dass Einigkeit stark macht … Er will seine Freunde einigen und seine Feinde trennen. Er will seine Freunde einigen, aber da er in sich keine einigende Kraft besitzt,” – d.h. weil ihm die Wahrheit und damit die Liebe fehlt – “so verkleidet er seinen Mangel und gebraucht den Hass, um die Liebe zu ersetzen und ihre Wirkungen hervorzubringen … Wenn er hundert Geister vom Mittelpunkt der Wahrheit losmacht, so bindet er sie nicht an einen anderen Mittelpunkt, denn es gibt keinen anderen Mittelpunkt. Die hundert abgetrennten Geister sind also unter sich gespalten, denn der Irrtum ist der Ort der Spaltung. Aber in einem Punkt hängen sie zusammen; eben in der Tatsache ihrer Trennung. In jeder anderen Beziehung geschieden, finden sie sich auf einem einzigen Boden: im Raum der Verbannung. Die einen entführt der Wind nach Norden, die anderen nach Süden, wieder andere gegen Abend, gegen Morgen.” (11)« (12)

4. Irrtümer und Meinungen gehen Hand in Hand. “Bild Dir deine Meinung” ruft es uns aus allen Medien immer wieder zu. Aber was sind Meinungen eigentlich? Meinungen bezeichnen das Für-Wahr-Halten (13) einer Sache, im Gegensatz zur Wahrheit, die das Für-Wahr-Sein (14) einer Sache, bezeichnet.

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“Irrtümer betrachtet. So geht es stets mit Überzeugungen, die auf dem Wege der Beeinflussung, nicht durch Nachdenken erworben wurden.” Gustave Le Bon: Psychologie der Massen, Hamburg 2009, S. 56
(9) S. 6
(10) Friedrich Hoh: Ernest Hello ‒ Sein Welt- und Menschenbild im Spiegel seiner Philosophie- und Zeitkritik, München 1958, S. 8
(11) Ernest Hello: Mensch und Mysterium. Graz, Wien, Salzburg 1949, Heidelberg 1950, S. 251 f.
(12) Friedrich Hoh: Ernest Hello ‒ Sein Welt- und Menschenbild im Spiegel seiner Philosophie- und Zeitkritik, München 1958, S. 9
(13) http://de.wikipedia.org/wiki/Meinung
(14) z.B. Thomas von Aquin: “Veritas est adaequatio rei et intellectus”, “Die Wahrheit ist die Übereinstimmung des Geistes mit der Sache

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»… deshalb hat der Irrtum nur eine einzige Chance: er wendet sich an den Menschen, der sich im Besitz der Wahrheit und dank ihrer in der wahren Einheit und Einigkeit befindet und sucht ihn in den Scheinkreis der falschen Einheit hineinzuziehen, indem er ihm einredet, dass man “um des lieben Friedens willen” Abstriche von seiner “Meinung” machen müsse. Denn für den Irrtum gibt es nur Meinungen. Er hat zwar ein Dogma, ein einziges und es heißt eben: “Es gibt nur Meinungen” oder anders formuliert: “Es gibt keine verbindliche Wahrheit”. Im Namen seines Dogmas, dass es nur Meinungen gebe, fordert er die Menschen, die sich im Besitz der Wahrheit befinden, auf, Abstriche an ihr zu machen und dem Klub Derjenigen beizutreten, die den Indifferentismus zu ihrem Dogma erklärt haben. Er verlangt von ihnen, dem Irrtum gegenüber tolerant zu sein. Wird das abgelehnt, dann zeigt sich der Irrtum bezeichnenderweise sofort unversöhnlich, seine vorher zur Schau getragene schöne Toleranz, für die Propaganda zu machen er nicht müde wurde, schlägt nun in massive Intoleranz um, und er verfolgt die Menschen, die seinem Dogma nicht folgen wollen, mit demselben fanatischen Dogmatismus, den er ihnen im gleichen Atemzug zum Vorwurf macht.« (15)

5. Aus individuellen Meinungen wird die öffentliche Meinung. Wer Meinungen vertritt, sucht natürlich Gleichgesinnte, die dieselben Meinungen vertreten oder solche, die sich davon überzeugen lassen: Die Geburtsstunde der öffentlichen Meinung. Diese kann sich nur halten und ständig “entwickeln” durch einen rückgekoppelten Regelkreis:

A437
Meinungen, wie wir oben sahen, gewinnt man, indem man dem Irrtum Einlass gebietet und nicht mehr nach Beweisen fragt, das Nachdenken abschaltet und Überzeugungen einfach übernimmt. Diese individuellen Meinungen werden von den Medien verarbeitet und zu einer öffentlichen Meinung geformt, die dann wieder in die individuellen Meinungen einfließt. Ein Fernsehprivatsender, der seinen zahlenden Kunden, der Werbeindustrie, einen Anteil von z.B. 17% Zuschauerzahlen verspricht, wird natürlich nur das senden, von dem er glaubt, dass es die Mehrzahl sehen will, er würde sonst pleite gehen. Und dies beeinflusst natürlich die Meinungen der Meinungsträger und führt zu einem allmählichen Wandel der Einstellungen. Schön zu sehen ist zum Beispiel was passiert wenn man den Massen einmal einen kritischen Beitrag zum “Klimawandel” bietet: Ein Aufschrei geht durch die Nation …. Oder auch nur von ihnen oder einem ihrer Vertreter verlangt, bei einer “Talkshow” einfach mal zuzuhören, warum jemand mit der öffentlichen Meinung nicht übereinstimmt: er kommt gar nicht zu Wort …

Da wir hier bei Querschuesse uns nicht mit Meinungen sondern mit Fakten befassen, ist es klar, dass wir nicht Teil dieses Rückkopplungsmechanismus sind, da wir außerhalb stehen und deshalb keinen Zugang haben.

Auch Johannes Scherr ist überhaupt nicht von Meinungen angetan: »Denn was ist zumeist die “öffentliche Meinung”? Nichts als ein verworrenes Geräusch, das aus dem Zusammenstoß der so oder anders angestrichenen Bretter entsteht, welche die Menschen vor ihren Stirnen tragen.« (16)

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(15) Friedrich Hoh: Ernest Hello ‒ Sein Welt- und Menschenbild im Spiegel seiner Philosophie- und Zeitkritik, München 1958, S. 12
(16) Johannes Scherr, Menschliche Tragikkomödie, 2. Band, 8. Teil

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6. Der Irrtum ist hektisch. Wer einmal mit einem Betrüger zu tun hatte, wird wissen, dass dieser ständig neue “Faktenlagen” schafft, um bloß keine Zeit zu lassen, sich mit den vorherigen “Fakten” auseinander zu setzen:

»Der Wahrheit kommt der Erfolg wesentlich zu, er ist ihr naturgemäß eigen. Deshalb ist die Wahrheit ruhig, sie ist ihrer selbst sicher, während sich der Irrtum “in ständiger Aufregung”17 befindet. “Das eigentliche Kennzeichen für den Irrtum ist, dass er nur einen Augenblick für sich selbst hat, das Eigentliche der Wahrheit dagegen ist, die Ewigkeit vor sich zu haben. Darum hat sie Geduld, der Irrtum aber hat es eilig.” (18) Er “beschleunigt” aber damit nur “das Reifen des Todesgedankens, den er auf seinem tiefsten Grunde birgt.” (19).« (20)

Zusammenfassung:
1. Der Irrtum ist ein Mangel an Wahrheit. Er nimmt Wahrheiten und fügt etwas hinzu oder läßt etwas weg (Beispiel Metermaß)
2. Der Irrtum kommt der Bequemlichkeit entgegen
3. Die Wahrheit verbindet die Menschen über die Einheit und Einigkeit, der Irrtum ist ein Ort der Spaltung
4. Irrtümer und Meinungen gehen Hand in Hand
5. Aus individuellen Meinungen wird die öffentliche Meinung
6. Der Irrtum ist hektisch, die Wahrheit hat die Ewigkeit vor sich

Schließen möchte ich diese kleine Abhandlung mit einem Zitat von Gustave le Bon:

»Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.« (21)

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(17) Ernest Hello: Der Mensch, Leipzig 1935, S. 248
(18) Ernest Hello: Der Mensch, Leipzig 1935, S. 247f
(19) Ernest Hello: Der Mensch, Leipzig 1935, S. 248
(20) Friedrich Hoh: Ernest Hello ‒ Sein Welt- und Menschenbild im Spiegel seiner Philosophie- und Zeitkritik, München 1958, S. 18
(21) Psychologie der Massen, Hamburg 2009, S. 106

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Gastbeitrag von Jost Wunderlich

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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29 KommentareKommentieren

  • Rolmag - 9. Oktober 2014

    “verbunden mit der Klage, dass sich die Mehrheit der Bürger offensichtlich für solche Fakten überhaupt nicht (mehr) interessiert”

    Dass dürfte wohl auch damit zusammenhängen, dass die Erkenntnis von Wahrheit auch Verantwortung bedeutet.
    Und so lassen die Bürger sich gern belügen, erstens lebt es sich so angenehmer, zweitens erübrigt sich somit die Pflicht, sich gegen den Irrsinn der Mächtigen zur Wehr zu setzen und drittens sind die heutigen Deutschen ziemlich unterwürfig. Macht man uns zusätzlich noch ein schlechtes Gewissen, dann lassen wir uns für alles benutzen. Die verfehlte Bildungspolitik ist ein weitere Grund. Die Frage lautet dabei Absicht oder Unfähigkeit?

    Die Regierung trägt nach Kräften dazu bei, etwa mit ihrem Propagandaorgan ÖR. Glaubt etwa jemand, die Unmenge an Polizeiunterhaltungssendungen oder unzähligen Hitlerdokus zeigen die nur, weil die Deutschen das mögen oder um uns zu belehren?

    Eine absolute und reine Wahrheit kann ich mir ganz nebenbei erwähnt auch nur im Ingenieurwesen und der EDV vorstellen. Politik ist immer mit dem Subjektivem behaftet, was es der Regierung natürlich einfacher macht, die Bürger in ihrem Sinn zu lenken, weil die Politiker, außer wenn sie sich bereichern, niemals vollumfänglich der Lüge überführt werden können!

  • Holly01 - 9. Oktober 2014

    Hallo und willkommen Hr. Wunderlich !
    Danke für Ihren Beitrag.

  • dank - 9. Oktober 2014

    Dieser Blogbeitrag enthält die Wahrheit und nichts als diese :-)
    & wunderbar zusammengefasst – Dank an den Verfasser Herrn Jost Wunderlich.

    Grüße&
    Dank

  • Stepe - 9. Oktober 2014

    Ich meine es ist müssig über Wahrheit zu lammentieren. Auch die Wahrheit in bezug zum Irrtum zu setzen finde ich nicht redlich. Es ist auch nicht so das sich die menschen nicht für die Wahrheit interessieren, nur darf es das was sie davon halten nicht ins wanken bringen und schon haben sie eine andere Wahrheit, ist das nicht schon so im “Höhlengleichnis” aufgezeigt?
    Ich meine das das was Wahrheit sein soll viel mit den beiden Wahrheiten des Habens und Seins des E. Fromm zu tun hat.
    Das gute an “Querschüsse” ist, das es aufbereitete Daten gibt die Zusammenhänge deutlich machen können, wenn mensch es will. Sie sind mit verlinkungen versehen, somiz überprüfbar. Der hammer überhaupt ist das nicht versucht wird(Ich konnte es nicht feststellen) das denken in eine Richtung zu lenken.
    Sehr gut fand ich die Debatte zu Auseinandersetzung in der Ukraine. Seit dem habe ich noch einen Bloc mehr den ich bei meiner Lektüre durchgehe.

    Ich als Arbeiter kann gut mit den unterschiedlichen Wahrheiten leben, ich sehe wie sie sich krumm arbeiten, da ist eine große Angst bei den Menschen das sie ohne halt sind und sie nicht sicher sind das sie nicht “unter die Räder” kommen. Da muss sich die Welt hingebogen werden das es passt und weitergelebt werden kann.

  • Thoha - 9. Oktober 2014

    Schön, daß der „Tellerrand“ auf diesem Wirtschaftsblog nun sogar um philosophische Beiträge erweitert wird!

    „Dass dürfte wohl auch damit zusammenhängen, dass die Erkenntnis von Wahrheit auch Verantwortung bedeutet.“

    Hallo Rolmag, Deine Feststellung über den menschlichen Umgang mit der Wahrheit teile ich auch. Nur wenige können bzw. wollen sich unangenehmen Wahrheiten stellen, die in der Konsequenz eigentlich zur Übernahme von Verantwortung zwingen würden. Das macht für mich auch den Kern der „To big to fail“-Argumentation aus und aus diesem Grund werden die Regierungen und die verunsicherten Regierten die Simulation eines funktionierenden Systems bis zum letzten Moment aufrecht erhalten. Ein Paradebeispiel für den Glauben, sich abzeichnende Zusammenbrüche vor allem durch ihre Verschleierung aufhalten zu können, ist die Garantieerklärung zur unbegrenzten (!) Sicherung deutscher Spareinlagen (Ende 2012 verfügte der gesetzliche Sicherungsfonds der Privatbanken über 842 Millionen Euro, das entspricht nicht einmal einem Prozent seiner abzusichernden Einlagen. Für den immer wieder verlängerten Extrahaushalt des SoFFin werden ja theoretisch noch über 400 Milliarden als „Garantien“ bereit gehalten. Im Falle des Falles müßten diese aber ausgezahlt werden – möglich vielleicht durch die Ausgabe einer staatlichen Sonderanleihe, doch wer würde diese zeichnen?). Das wissen auch alle Verantwortlichen und ein großer Teil der Journaille. Trotzdem bestaunen alle weiter brav des Kaisers neue Kleider.

    Viele Grüße
    Thomas

  • SLE - 9. Oktober 2014

    Wahrheit und Irrtum als Gegenpole zu wählen, ist eine theoretische Zuspitzung. Fakten betreffend die Wirtschaft sind praktisch immer interpretationsbedürftig. Ein einzelner Fakt ergibt kein Bild. Eine einzige Wahrheit gibt es in diesem Sinne nicht.

    Friedrich A. von Hayek hat mit seiner Arbeit “Der Weg zur Knechtschaft” auch mit Wahrheit und Irrtum argumentiert: Es kann nur eine echte Marktwirtschaft geben, nämlich die vom Staat unbeeinflusste. Interventionen des Staates führen zwingend sukzessive zur Transformation in eine Planwirtschaft. Das war seine Botschaft und es gibt wohl noch heute sehr viele, die davon überzeugt sind, dass das sie im Kern wahr ist.

    Sie ist wahr, weil eine Marktwirtschaft durch Interventionen zur Planwirtschaft mutieren kann und sie ist nicht wahr, weil es die sich (dauerhaft) selbstregulierende Wirtschaft nicht gibt und auch nicht geben kann. Denn die Interaktion von Individuen – und heute vor allem auch die Interaktion von Individuen unterschiedlicher Kulturen – ist Wesensbestandteil der Wirtschaft. Ohne Werturteile geht es nicht und die fallen je nach Perspektive unterschiedlich aus. Die “Wahrheit” liegt also irgendwo in der Mitte zwischen reiner Markt- und Planwirtschaft. Oder genauer gesagt gibt es zu unterschiedlichen historischen Zeiten mit Blick auf die Wirtschaft unterschiedliche Wahrheiten.

    Aber es ist vor allem für Politiker bequem, sich auf die Hayek´sche These zurückzuziehen. Kanzlerin Merkel ist ein gutes Beispiel dafür, weil sie sich in der Euro-Krise immer auf die angebliche Alternativlosigkeit der Krisenpolitik zurückzog. Sie entzieht sich damit der Verantwortung für ihre Entscheidungen und stellt als Vermittler der Botschaft dar, dass die Politik nur das tun kann, was die (selbstregulierenden) Märkte (er)fordern.

    Der wirkliche Knackpunkt ist also im Zusammenhang mit der (Volks-)Wirtschaft nicht, die Wahrheit zu finden und zum Tragen zu bringen, sondern den Glauben an die Alternativlosigkeit, an die Allgemeingültigkeit “aufzubrechen”. Denn die Alternativlosigkeit, die aus dem oben angesprochenen Hayek´schen Bild von der Wirtschaft und der Rolle, die der Politik darin zukommt, abgeleitet wird, wird uns als einzige Wahrheit verkauft.

    Wenn der Irrtum spaltet, dann ist so betrachtet das Spalten an sich durchaus sehr wünschenswert. Ich würde dann allerdings nicht vom Spalten sprechen, sondern vom Streiten, das auf unterschiedlichen Perspektiven beruht.

    Unsere Herausforderung hier auf Querschuesse ist es aus meiner Sicht eher, andere Perspektiven zu eröffnen und zu vermitteln. Dazu gehört beides: Das Bestreiten von etwas und das Streiten um und für etwas.

    Die meisten Menschen streiten ungern. Sie sind allerdings mithin (auch beim Streit zu Wirtschaftsthemen) gerne Zuschauer. Der “Streit” und die Qualität des Streits spielen also eine wesentliche Rolle. Auch Stepe hat oben bereits genau darauf hingewiesen.

    Viele Grüße
    SLE

  • JL - 9. Oktober 2014

    Wahrheit und Irrtum hat immer einen eigenen jeweiligen Grund und ist damit Ergebnis subjektiven Urteils.

    Dies bedeutet letztlich:
    1. Es muß immer eine Änderung geben. Beispiel: Politische Entscheidungen können sich ändern, mathematische Ergebnisse nicht.
    2. Diese Änderungen werden bewertet und auf Grund bisheriger persönlicher (subjektiver) Erkenntnisse ein Urteil getroffen. Beispiel: Habe ich einen Fallschirm, ist es mir egal ob das Flugzeug abstürzt.
    3. Die Sicht der Dinge wird somit von Voraussetzungen und Eigeninteressen geprägt. Beispiel: Geht eine kranke Person zum Arzt freut sich nur der Arzt.
    4. Kann ich zugunsten meiner eigenen Interessen etwas Ändern und will dies auch, so werde ich es auch tun. Beispiel: Politik.

    Diese Punkte 1 bis 4 sind Anlehnungen an Schopenhauers Satz vom „zureichenden Grund und seine vierfache Wurzel“.
    Damit erweitert sich die Sicht von Wahrheit und Irrtum um ein wesentliches Merkmal- nämlich Lüge.

    Während der Irrtum eine Fehlinterpretation der Wahrheit ist, ist Lüge eine bewußte Uminterpretation der Wahrheit zu eigenen Gunsten.

    Das kann man jetzt natürlich für Wahr oder Unwahr halten.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

    • Eurelios - 9. Oktober 2014

      ist Lüge eine bewußte Uminterpretation der Wahrheit zu eigenen Gunsten.

      Stimmt. Wer lügt tut dies nur um sich vor Schaden zu bewahren.

      Wobei dies nicht immer negativ zu interpretieren ist.

      Ausnahme bei den dezeitigen Politikeliten, Geldheinis und ein paar weitere
      Egomanen für die gilt nur der Spruch:

      Wer lügt, hat die Wahrheit immerhin gedacht.
      Oliver Hassencamp

      • JL - 9. Oktober 2014

        Hallo Eurelios

        Ich würde dies sogar noch weiter Denken wollen. Wer lügt kennt die Wahrheit, sonst würde man nicht lügen.

        Mit freundlichen Grüßen

        JL

  • Thoha - 9. Oktober 2014

    Der Schlüssel zum Verständnis des Wahrheitsbegriffs liegt vielleicht in der Gegenüberstellung von “Tatsache” und “Wahrheit”, auch wenn eine klare Abgrenzung im allgemeinen Sprachgebrauch nicht immer vorgenommen wird. Tatsachen oder Fakten sind als Ereignisse Teil einer Beobachtung, die Wahrheit Teil der Kommunikation darüber. Erst tradierte Fakten, über die ein Mensch anderen Menschen berichtet, werden zur Wahrheit (oder zur Unwahrheit, wenn der Zeuge sie bewusst verdreht). Die Genauigkeit der Beobachtung ist allerdings eine sehr individuelle und persönliche Sache (darum ja auch “Über die Wahrheit und den Irrtum”), davon kann jeder Polizist nach Zeugenvernehmungen ein Lied singen.

    Leider verlassen wir uns im Alltag und – Hand aufs Herz – auch hier im Forum oftmals zu sehr auf Wahrheiten aus zweiter oder dritter Hand (zweifellos leistet Steffen eine gewissenhafte Arbeit und man sollte davon ausgehen, dass eine Bundesbehörde wie Destatis sich nicht die Blösse geben würde, offensichtlich falsche Daten zu veröffentlichen) und unterscheiden uns somit gar nicht besonders von der Masse der arglosen Bürger, über die wir uns hier so gerne aufregen. Das ist auch verständlich, denn wir leben ja nicht mehr in einem kleinen Dorf, in dem man alles persönlich mitkriegt, sondern in einem “globalen Dorf”, das die ganze Welt umfasst. Trotzdem betrachten wir das, was uns über das Internet oder die Massenmedien aus dem globalen Dorf zugetragen wird, genauso, als wäre es uns direkt von unserer alten Nachbarin, die den ganzen Tag im Fenster das kleine Dorf überblickt, berichtet worden. Darum ist es umso wichtiger, dass wir unser Schneckenhaus verlassen und uns, um den Tatsachen und damit einer “objektiven” Wahrheit näher zu kommen, direkt an die Orte des Geschehens begeben. Damit ist nicht gemeint, dass sich alle nun einen Rucksack umschnallen und in die Ukraine oder den Irak reisen sollen. Beispielsweise könnte aber die Kaffeesatzleserei darüber, ob hinter dem Verhalten der Regierung und der Presse nun Kalkül oder Unfähigkeit steckt, beendet werden, indem man das direkte Gespräch mit den Politikern und den sie beratenden Organisationen oder mit verantwortlichen Journalisten sucht. Ich kann nach meinem bisherigen Erfahrungshintergrund nur sagen: Die Rat- und Mutlosigkeit spielt bei den deutschen Entscheidungsträgern eine viel größere Rolle, als es sich viele Verschwörungstheoretiker vorstellen mögen.

  • hunsrueckbauer - 9. Oktober 2014

    Bleiben wir philosophisch und stellen uns die Frage was ist Wahrheit? Gibt es überhaupt die Wahrheit oder hat nicht jeder seine eigene Wahrheit? Wer von klein an konditioniert wurde die Farbe GRÜN rot zu nennen, wird dies für wahr erachten und stets dafür eintreten. Wer sich mit Mathematik beschäftigt wird stets die Definitionen anwenden, bspw. 1+1=2 und dies als wahr betrachten, doch spätestens seit Heisenberg wissen wir, dass dies nicht so sein muß. Was also ist wahr?
    Ich Wahrheit vielleicht ein systhetisches Konstrukt und wird erst zur Wahrheit wenn viele Egoismen = Individuen ihre persönlichen Wahrheiten einbringen um dadurch etwas Neues Ganzes entstehen zu lassen, etwas was von jedem etwas in sich trägt und doch von jedem verschieden ist?

    Um in etwa in Erfahrung zu bringen, was wahr sein könnte, benötige ich verschieden Quellen, Betrachtungswinkel, etc. analog wie o. g.- erst dann nähere ich mich der Wahrheit, iterativ, einkreisend, enger werden auf den Punkt und doch werde ich sie dank Heisenberg nie erreichen…mich ihr lediglich nähern.

    Es wünscht euch allen ene gute Nacht
    der Hunsrückbauer

  • Erhard - 10. Oktober 2014

    Erst einmal danke an SLE für das Zitieren von Hayek. Dem hat Dahrendorf bei Gelegenheit (es ging um seinen “Verfassungsentwurf”) den Vorwurf totalitärer Ideologie gemacht, mit Recht. Ich halte Hayeks Denken in toto für eine Irrlehre, nicht anders als das von Mises, der sich noch 1927 zum Lobhudeln von Mussolini als “Retter europäischer Gesittung” (für seine blutige Unterdrückung der Gewerkschaften und Arbeiterparteien) pries. Das sind keine Entgleisungen, sondern Konsequenzen marktreligiöser Ideologie.

    Dies als Beispiel, dass Irrtümer nicht konsequenzenlos sind. Wahrheit, auf der anderen Seite, ist problematisch. Die Mathematik spricht nicht ohne Grund vom Wahrheitsproblem. Das ist insofern von Interesse,als Mathematik eine nichtempirische “reine Geisteswissenschaft” ist. Das Wahrheitsproblem ist in der Mathematik weitgehend ungelöst und Teil des Grundlagenstreits der Mathematik, etwa zwischen Platonisten, Konstruktivisten und Formalisten.

    Ein hübsches Beispiel ist die Goldbachsche Vermutung, empirisch unwiderlegt, aber unbewiesen (vermutlich wahr). Auf der vermuteten Wahrheit beruht ein guter Teil unserer Kryptologie und wichtiger Verschlüsselungsalgorithmen. Ob die Vermutung stimmt (dann wäre es der Satz von Goldbach) oder nicht, wissen wir nicht.

    Hume und andere haben auf solchen Unsicherheiten den empiristischen Ansatz des “Fallibilismus” begründet. Wir mögen nicht wissen und nicht wissen können, was wahr ist. Aber wir können erkennen, dass etwas nicht wahr ist. Erkenntnisfortschritt in den empirischen Wissenschaften entsteht hiernach daraus, dass man Hypothesen formuliert, und auch die Voraussetzungen, innerhalb derer sie gelten und die Prognosen, die aus ihnen abzuleiten sind. Scheitern diese Prognosen und Prüfungen, war die Hypothese falsch und muss verworfen oder modifiziert werden.

    Das ist ein vernünftiger und gangbarer Weg, erfahrungswissenschaftliche Erkenntnis voranzubringen. Popper et alii haben diesen radikalisiert und im Rahmen der Ideologie des “kritischen Rationalismus” den Anspruch formuliert, dass jegliche Wissenschaft auf falsifizierbare Basissätze reduzierbar sein müsse. Sei sie dies nicht, handle es sich entweder um Metaphysik bzw. Religion oder um Pseudowissenschaft.

    Dieser radikale (Un-)Wahrheitsanspruch wurde durch Thomas Kuhn (1964) falsifiziert. Er wies nach, dass wissenschaftliche Theoriensysteme nicht auf falsifizierbaren Basissätzen beruhen, sondern auf komplexen Denk- und Forschungstraditionen (Paradigmen). Wissenschaftliche Theorien evolvieren in der Realität nicht durch Falsifikation der Grundlagen, sondern durch Verschiebung und Umsturz der Paradigmen.

    Deshalb ist Falsifikation nicht unwichtig (Popper, der sich im Rahmen der Kontroverse zunehmend als Ideologe decouvrierte, schon eher). In den Erfahrungswissenschaften werden wir noch weniger als in der Mathematik a priori wissen können, was wahr ist, weswegen es wichtig ist, sich auf das zu konzentrieren, das nicht falsch oder widerlegbar ist, mit aller gebotenen Skepsis und der Bereitschaft zur ständigen Überprüfung.

    Die grundlegenden Annahmen und Denktraditionen werden wir damit wohl weder beweisen noch widerlegen können. Wo sie den Erfahrungen krass widersprechen, mag es angeraten sein, sie abzulegen oder zu modifizieren. Ob das “richtig” oder gar “wahr” ist, ist nur in wenigen Ausnahmefällen entscheidbar. Wichtig ist daher – gerade entgegen etwa dem totalitären Anspruch Poppers, der seine Hauptfeindbilder, “Marxismus und Psychoanalyse”, aber auch “den Zauber Platos”, als unwissenschaftlich und damit widerlegt betrachtete, Toleranz gegenüber anderen Paradigmen und Denkstilen zu üben.

    • SLE - 10. Oktober 2014

      @ Erhard

      “Wissenschaftliche Theorien evolvieren in der Realität nicht durch Falsifikation der Grundlagen, sondern durch Verschiebung und Umsturz der Paradigmen.”

      Das ist auch in meiner Wahrnehmung genau der Punkt.

      Nur zur Erinnerung für alle hier: Im Bereich der Wirtschaftswissenschaften ist das prominenteste Beispiel John M. Keynes. Dessen Theorien, Interpretationen der Wirtschaftsrealität und Warnungen wurde vom damaligen (liberalen) Mainstream belächelt bis abgelehnt. Seine Habilitationsschrift wurde abgelehnt. Sein Durchbruch als Ökonom kam erst im Zuge der Weltwirtschaftkrise, das heißt mit dem Scheitern des Mainstreams an der Realität und bei der Unterstützung der Politik.

      Der Impuls für den Paradigmenwechsel in den Wirtschaftswissenschaften kam als nicht von innen, sondern von außen, von der Politik bzw. vom Lösungsdruck, der auf der Politik lastete.

      Wir befinden uns m.E. heute wieder in einer ähnlichen Situation und es ist wichtig, sich dabei vor Augen zu führen, dass die Leugnung und das Ignorieren von Fakten seitens des Mainstreams um so stärker wird, je mehr sich dieser mit seiner Lehrauffassung bedroht fühlt sprich je mehr die Richtigkeit dieser Lehre in Frage gestellt wird.

      Querschuesse ist zwar kein wirtschaftswissenschaftliches Blog. Aber die hier dargelegten und interpretierten Fakten stellen den Mainstream in besonders ausgeprägter Weise in Frage. Das gilt im Übrigen auch für andere Themen, die hier aufgeworfen werden, so dass es auch der politische Mainstream ist, der sich dadruch herausgefordert fühlen kann.

      Es ist so betrachtet also nicht weiter überraschend, dass dieses Blog mit den gleichen, größer werdenden Widerständen konfrontiert ist.

      “Toleranz gegenüber anderen Paradigmen und Denkstilen zu üben”, wie Sie es formulieren, ist das, worauf es ankommt. Wer aber seine Karriere, seine berufliche Existenz oder generell seinen Erfolg auf ein angegriffenes Paradigma aufgebaut hat, der wird sich damit schwer tun. Das betrifft im Grunde sehr viele. Die Bezeichnung “Mainstream” erklärt das selbstredend.

      Viele Grüße
      SLE

      • Thoha - 10. Oktober 2014

        Hallo Stefan,

        „Es ist so betrachtet also nicht weiter überraschend, dass dieses Blog mit den gleichen, größer werdenden Widerständen konfrontiert ist.“
        Welche Widerstände im Blog meinen Sie konkret? Meinen Sie vielleicht, dass die innere Haltung der Querschüsse-Foristen mehrheitlich für einen Paradigmenwechsel noch ebenso wenig bereit ist, wie der “Mainstream”? Rührt daher auch Ihr höflicher Aufruf zu einer offeneren Auseinandersetzung und Streitkultur hier im Blog (“Dazu gehört beides: Das Bestreiten von etwas und das Streiten um und für etwas.”)? Vielleicht bedarf es manchmal etwas mehr “Butter bei die Fische”, um Ihr unterstützenswertes Anliegen klarzustellen.

        Die Diskussion um einen Paradigmenwechsel in der Volkswirtschaftslehre, der, wie Sie schreiben, wohl erst durch den äusseren Druck der politischen Rettungsmaßnahmen bei engstirnigen Ökonomen der alten Denkschule eingeläutet werden kann, wird seit 2 Jahren auch von der Initiative “Netzwerk Plurale Ökonomik” (https://www.plurale-oekonomik.de/) belebt. In Hochschulgruppen an mittlerweile 19 Universitäten werben Nachwuchsökonomen und ein Teil ihrer Professoren um eine offenere Neuausrichtung ihrer Ausbildung, deren Ansatz sie im Gegensatz zur “orthodoxen” als “heterodoxe Ökonomie” (http://de.wikipedia.org/wiki/Heterodoxe_%C3%96konomie) bezeichnen.

        Hier ein Link auf einen sehr interessanten Vortrag von Prof. Helge Peukert unter dem Titel “Gibt es noch den Mainstream? Brauchen wir eine heterodoxe Ökonomie?”:
        http://www.youtube.com/watch?v=2gWor998pO0
        Sein Vortrag im Rahmen einer Veranstaltung des “Arbeitskreises Real World Economics” (heute NPÖ, s.o.) ist quasi ein akademischer Rundumschlag, in dem er in atemberaubendem Galopp nahezu alle Strömungen in der historischen und zeitgenössischen VWL (darunter natürlich auch Kuhn und Popper, @ Erhard) pointiert zusammenfasst. Er sei jedem Interessierten hier im Blog wärmstens ans Herz gelegt, denn er dürfte auch viele Diskussionen und Fragen vorwegnehmen, die in diesem Thread über kurz oder lang auftauchen könnten.

        Vielleicht gibt es unter den Foristen ja auch einige VWL-Studenten, die an einer Mitarbeit in den o.g. Netzwerken interessiert sind (https://www.plurale-oekonomik.de/das-netzwerk/liste-der-assoziierten-hochschulgruppen/).

        Viele Grüße
        Thomas

        • SLE - 10. Oktober 2014

          Hallo Toha,

          da haben Sie mich missverstanden. Ich habe doch auch weiter oben, in meinem ersten Kommentar, explizit geschrieben, dass die Qualität der Diskussion hier im Blog sehr wichtig ist für all jene, die kritische Aufbereitungen und Auseinandersetzungen mit Fakten und spezifischen Themen suchen.

          Meine Aussage bezog sich auf jene, die kein Interesse an solch kritischen Blogs haben, weil sie ihn als “Bedrohung” dessen wahrnehmen, worauf sie selbst sich, ihre Arbeit, ihre Politik stützen. Seit wie lange schon wird hier im Blog in den Kommentaren immer wieder hervorgehoben, wie einseitig die Medien berichten, gerade auch bei Wirtschaftsthemen. Kritische Stimmen gehen, wenn sie überhaupt mal zu Wort kommen, unter. Was nicht zum Alternativlosigkeitsgerede passt, kommt dort praktisch auch nicht vor.

          Die Sache sähe anders aus, wenn beispielsweise in den Mainstreammedien über das berichtet würde, was hier auf Querschuesse oder anderswo die Länder-Analysen in Bezug auf Erfolg/Misserfolg der europäischen Krisenpolitik erbringen. Das geschieht aber nicht.

          Die Sache sähe auch anders aus, wenn solche Analysen in der Politik thematisiert würden. Mir ist nicht bekannt, dass das geschieht. Da werden immer nur die üblichen Verdächtigen gefragt und wenn es bei Analysen für die Politik etwas zu kritisch wird, dann muss schon mal “nachgebessert” werden. Ich erinnere etwa an einen kritischen Aufsatz von DIW-Ökonom Brenke zum angeblichen Fachkräftemangel in Deutschland.

          Das meinte ich.

          Und was die von Ihnen – sehr schön – angesprochenen Initiativen der Heterodoxen anbelangt, die wissen und sagen selbst auch, dass es für sie i.d.R. sehr schwer ist, Aufsätze in renommierten Fachzeitschriften zu publizieren. Eine der vielleicht bekanntesten und erfolgreichsten Stimmen unter ihnen ist Steve Keen (schreibt bei Real-World Economics). Was aber hat er wirklich bewegen und vor allem verändern können? Ich fürchte, nicht so viel. Die Politik/Regierungen fragen nach wie vor immer wieder dieselben Ökonomen und das sind hauptsächlich solche aus dem liberalen/neoklassischen Lager.

          Die Finanzkrise hat die Wirtschaftswissenschaften erschüttert. Aber geändert hat sich so gut wie nichts, nicht in den Wirtschaftswissenschaften und vor allem auch nicht in der Wirtschaftspolitik. Der Sanierungskurs der sogenannten Troika ist z.B. ziemlich genau dasselbe, was schon Heinrich Brüning gemacht hat.

          Viele Grüße
          SLE

  • Roland - 10. Oktober 2014

    Der “Hanf-Philosoph” M. Bröckers brachte die Schwierigkeiten der Wahrheitssuche so auf den Punkt:
    “Einstein wusste, wenn mann kifft
    werden Raum und Zeit umschifft.
    Grad wird krumm und früh wird spät
    das ist Relativität
    ….” (aus dem Lyrik-Bändchen “Hanf im Glück”)

    Aber im Ernst: Hier im Forum über “Wahrheitssuche” zu eiern ohne über die Dialektik zu sprechen, ist Philosopie-Dilettantismus.

    • Holly01 - 10. Oktober 2014

      Laut Platon scheint Philosophie und Dialektik, als Teil der Wahrheitsfindung das gleiche zumeinen:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Dialektik

      Es sei denn Sie wollen zwischen Fragestellung und Antwortversuch unterscheiden, dann wäre die Frage ansich bereits Inhalt.
      Das kann man so sehen. Die Frage bestimmt ja das Thema. Aber nur Fragen zu stellen, ist halt kein erfolgreiches Mittel für Antworten.

      • Roland - 10. Oktober 2014

        Was zu befürchten war: Jetzt kommt die “Trumpfkarte” ins Spiel.
        Schlag nach bei wikipedia.

        • Holly01 - 10. Oktober 2014

          Ganz schwacher Ansatz einer Antithese … ;)

  • Oliver Marquardt - 10. Oktober 2014

    Wahrheit sollte immer auch mit objektiver humanistischer Vernunft in Verbindung gebracht werden. Das Wohl des Menschen und philosophischer Vernunft gibt einen guten Maßstab zum sinnvollen Handeln.

    • Holly01 - 10. Oktober 2014

      Wahrheit ist individuell, weil die Wahrheit sich am Wertesystem des Betrachters definiert, es gibt also nie “die” Wahrheit, sondern bestenfalls konsens darüber was mehrere dafür halten (oder sich auf eine Beschreibung davon, was sie für wahrheit halten einigen).
      Je näher man einer allgemeinen Wahrheit kommen will, desto mehr muss man Vorgaben vermeiden.
      Eine These wird nicht besser, weil sie Rücksicht nimmt.
      Wahrheit als Basis für Handlungen ist ein Ideal. Vernunft würde ich unter Fantasie einordnen.
      Das Wahl des Menschen wäre schon ein Abend füllendes Thema.

  • Bernd Engelking - 10. Oktober 2014

    “Eine absolute und reine Wahrheit kann ich mir ganz nebenbei erwähnt auch nur im Ingenieurwesen und der EDV vorstellen. Politik ist immer mit dem Subjektivem behaftet, was es der Regierung natürlich einfacher macht, die Bürger in ihrem Sinn zu lenken, weil die Politiker, außer wenn sie sich bereichern, niemals vollumfänglich der Lüge überführt werden können!”

    Ja, so ist das. Noch jemand, der zu bequem ist, sich mit den Grundlagen und Hintergründen zu beschäftigen. Es ist so bezeichnend, hier so offensichtlich jemanden zu finden, der “die Bürger kritisiert, die an den Fakten kein Interesse haben” und dann die Politik als subjektiv bezeichnet.

    Das bestärkt meinen Eindruck, dass wir (die Mehrheit der Menschen vorwiegend in der westlichen Wertegemeinschaft) mehr oder weniger in einer “psychologischen Matrix” leben. Wir merken es gar nicht, dass wir uns selbst widersprechen, da wir seit Generationen manipuliert und hypnotisiert werden. Unsere Bildungssystem und die Medien tragen die Hauptverantwortung.
    Ich möchte alle anregen, die Freiheit des eigenen Geistes zu suchen.

    Selbstverständliche ist auch Politik, wie alles andere, grundsätzlich auf Wahrheit aufgebaut. Man muss sich nur die Mühe machen, den Irrtum zu erkennen und erkennen zu wollen. Tut man dies überall, findet man den Weg zum Verständnis der heutigen Welt. Ansonsten bleibt man in seinen geistigen Gefängnis.

    • Holly01 - 10. Oktober 2014

      Hallo Bernd Engelking,
      Guter Beitrag, danke dafür.
      Es gibt in Deutschland Mahnwachen. Diese brechen gerade mehr oder weniger schnell ein.
      Hintergrund war/ist die Loslösung vom Rechts-Links Muster und die Forderung des “offenen Mikrofons” das nach weniger sehr einfach Grundsätzen von Jedem/er genutzt werden kann.
      Folge war eine Ächtung von Rechts und Links. Die mahnwachen stehen inzwischen unter dem kompletten Bann beider Seiten.
      Die Kommunikation scheint Ängste zu wecken mit denen ich jdenfalls nicht gerechnet habe.
      Wenn das “offene Mikrofon” für etwas gut war, dann dafür, daß dieser Gleichschritt von Rechs und Links ganz offen sichtbar wurde.
      DAS war (für mich) bereits ein riesen großer Schritt.
      “Denken” und “Reden” werden von allen politischen Richtungen für gefährlich gehalten und unterdrückt.
      Auch eine interessante Sache sich damit zu beschäftigen, wer welche Rolle spielt und gespielt hat.
      Ich weiss nicht, wer welche Inhalte mitnimmt aus dieser Graswurzelbewegung, aber ich habe jedenfalls eine fundamentale “Erkenntniss” mitgenommen:
      Rechts und Links sind so etwas von gleichgeschaltet und gehören so sehr zur gleichen Medallie, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.
      Denken ….. selber …. au weier ….

  • Oliver Marquardt - 10. Oktober 2014

    Sehe ich anders. Vernunft ist keine Fantasie.

    Vernunft ist die positive Summe aus fundierten, humanistischen Erkenntnissen. Und damit erlangt sie den Status einer Handlungsdirektive. Vielleicht sogar einer Maxime. Gemeint ist damit nicht die subjektive Vernunft, sondern die für eine Gemeinschaft/Gesellschaft geltende Vernunft. Allgemeine, humanistisch orientierte Vernunft ist also sowohl in der Politik, als auch in der Wirtschaft existenziell notwendig, wenn man als Gemeinschaft und Individuum nachhaltige Zufriedenheit erfahren möchte. Oder auch einfach nur: Gut und ausgeglichen leben.

    • Holly01 - 10. Oktober 2014

      Ja, war überspitzt, Sie haben natürlich Recht. Ich vermisse die Vernunft nur so oft … oder ich bin selbst zu unvernünftig, um die Vernunft der anderen entsprechend zu würdigen und zu verstehen … wer weiss das schon so genau?

  • JL - 10. Oktober 2014

    Hallo Oliver Marquardt, Hallo Holly01

    Vernunft ist im Kern betrachtet nichts anderes als die Abwägung von möglichen Ergebnissen gegenüber möglichen Risiken- nichts anderes. Voraussetzung dafür sind natürlich Erkenntnisse um vernünftig zu sein, also abwägen zu können. Gibt es dies nicht, gibt es auch kein vernünftiges Verhalten.

    Parallelen zur gegenwärtigen Situation, zum Beispiel im Bankensektor, sind natürlich rein zufällig.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

  • Andres Müller - 11. Oktober 2014

    Finanzwirtschaft hat mehr mit menschlicher “Kreativität” zu tun als mit Wahrheit/Objektivität.
    Die Geldmenge ist eine virtuelle Grösse deren Verteilung äusserst Ungleich erfolgt. Ausser beim Spitzensport wird Geld nicht gemäss tatsächlich erbrachter Leistungen verteilt.
    Vielmehr findet man hinter der Verteilung von Geld Konstrukte der Macht, die wiederum militärisch gesichert werden. Es existiert auch wesentlich mehr Geld als tatsächlich ausgegeben werden könnte, was solange funktioniert wie man die Menschen dazu bringen kann an den Wert der Papiere zu glauben.

    Die Realität basiert bei Geld mehr auf Glaube als auf Wahrheit, und es ist gut möglich dass die Menschheit eine Weile lang in einer von Wahrheit verschiedener Traumwelt leben kann, bevor sie von der Wahrheit eingeholt wird. So wird im menschlich gesteuerten Geldsystem der Wert der Rohstoffe nicht nach ihrem wahren Wert ermittelt, denn dieser wäre bei nicht nachwachsenden Rohstoffen sicher höher als die gegenwärtig verrechneten Werte. Die Kosten des Raubbau werden erst realisiert, wenn die Wahrheit nicht mehr geleugnet werden kann. Die zukünftigen Generationen müssen mit der Wahrheit leben, während wir in der Realität den Dingen noch Werte beimessen können die sie nicht haben und die Rohstoffe ungleich verteilen, was letzlich über Kanonenboot Politik geschieht, militärischer Stärke.

    • Holly01 - 11. Oktober 2014

      Hallo,
      Sie bedienen ein Klischee, ein gut gepfelgtes wie ich zugeben muss.
      Schauen Sie vielleicht einmal dieses Video:

      http://www.youtube.com/watch?v=lRhPT2q9oWg

      Eigentum ist der Schlüssel zur Entstehung des Geldsystems. Eigentum ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Verteilung von Vermögen.
      Wer verstanden hat, daß Recht die Grundlage für Eigentum ist und das Eigentum die Grundlage des Geldsystems ist, der ist (nach meiner Auffassung) einen guten Schritt weiter.
      TTIP ist eine Veränderung im Recht, also im Eigentum und damit in der Vermögensverteilung und Vermögensgenerierung.
      Die Investitionsschutzklauseln sind ein Parallelrecht und damit ein Paralelleigentum und damit geldwerter Vorteil.
      Souveränitätsabgabe ala Merkel ist ein Eigentumsverzicht und Vermögensumverteilung.
      Die Verteilung von Vermögen passiert -nicht- auf der Geldebene.
      Die Zinskaskade läuft nicht auf der Geldebene.
      Die Zerstörung unseres nationalen Rechtssystems ist nicht anderes als eine -Enteignung-, denn das Recht garantiert das Eigentum.
      Man sollte sich breit informieren, man sollte allen möglichen und unmöglichen Leuten zuhören, denn nur so ergibt sich die Chance, die Gedankenkäfige die wir uns selbst bauen gelegentlich zu verlassen.
      -Zuhören- wird in der Dialektik viel zu selten als Kernkompetenz erwähnt.

  • Oliver Marquardt - 13. Oktober 2014

    Ja, Holly. Vernunft im eigentlichen, gemeinschaftlich orientierten Sinne glänzt vermehrt durch Abwesenheit. Schlimm. Aber solange es Menschen mit vernünftigen Idealen gibt, ist die Hoffnung noch nicht verloren! Die beste Mischung ist, wenn diese Menschen mit Kapital ausgestattet sind. Aber man gewinnt den Eindruck, dass sich das fast ausschließt. Je egoistischer und asozialer (also unvernünftiger) man agiert, desto mehr Zugang erhält man zum Kapital. Systemfehler.