UK: schwache Industrieproduktion und neues Tief bei der Öl- und Gasförderung

von am 10. März 2012 in Allgemein

Das britische Statistikamt ONS lieferte gestern die Daten zur Industrieproduktion in UK. Der realwirtschaftliche Zwerg drosselte im Januar 2012 seinen industriellen Output wieder ein wenig, um saisonbereinigte -0,4% zum Vormonat, sank der Ausstoß der breit gefassten Industrie (Bergbau, Energieversorgung und Verarbeitendes Gewerbe). Das Wertschöpfungsproblem der Industrie bleibt weiter deutlich virulent, verschärfend wirkt der permanente Rückgang der Öl- und Gasproduktion in den Nordseefeldern Großbritanniens.

Die Entwicklung des breit gefassten saisonbereinigten Industrieproduktionsindex seit Januar 1985 im Chart. Im Januar 2012 sank der Output um -0,4% zum Vormonat auf 90,2 Indexpunkte. Bezeichnender Weise wurde das Hoch beim Industrieoutput im Juni 2000 markiert mit 106,5 Indexpunkten, ein Einbruch seitdem von -15,3%. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hatte einen kräftigen Einbruch der Industrieproduktion ausgelöst, die sich anscheinend in einem Deindustriealisierungsschub manifestierte, denn eine Erholung beim Output fand seit dem faktisch nicht statt. Der Output der breit gefassten Industrieproduktion bewegte sich im Januar 2012 auf dem Niveau von Ende 1993!

Bei den unbereinigten Daten zur breit gefassten Industrieproduktion (ohne Baugewerbe) ging es im Januar 2012 um -2,42% zum Vorjahresmonat abwärts.

Großbritannien ist eine absurde Blasenökonomie, mit dem Schwerpunkt Dienstleistungen insbesondere auf Finanzwirtschaft gerichtet. Die fortgeschrittene Erosion der industriellen Wertschöpfung dokumentierte sich im Jahr 2011 mit einer nominalen Bruttowertschöpfung der breit gefassten Industrie von nur 13,17% des nominalen BIPs. Isoliert man die Daten zum  Verarbeitende Gewerbe wird das Missverhältnis noch deutlicher, denn die nominale Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes betrug im abgelaufenen Jahr 2011 desaströs niedrige 8,92% des nominalen BIPs. Ein zusätzlicher Malus sind die schwindenden Ressourcen, damit insbesondere der sinkende Output bei der Öl- und Gasförderung in den britischen Nordseefeldern, welche über Jahrzehnte einen gewichtigen Anteil an der Bruttowertschöpfung der Industrie einnahmen.

Die Entwicklung des saisonbereinigten Subindex der Öl- und Gasförderung in UK, als lange Reihe seit Januar 1977 im Chart. Der permanente Abfall des Outputs bei der Öl- und Gasförderung ist deutlich sichtbar und verdeutlicht die Erschöpfung der Felder in der Nordsee, PEAK OIL und PEAK GAS ist in den britischen Nordseefeldern greifbar. Im Januar 2012 sank der saisonbereinigte Output der Öl- und Gasförderung um -3,25% zum Vormonat auf 62,5 Indexpunkte und markierte damit ein neues Tief! Zum Allzeithoch der Förderung im November 1999 mit 182,7 Indexpunkten brach der Output der Öl- und Gasförderung um -65,79% zusammen! Im Januar 2012 liegt der Output der britischen Öl- und Gasförderung auf dem Niveau von Oktober 1978!

Der Subindex der Öl- und Gasförderung ist Bestandteil des All Production Index vom ONS und ist aktuell noch mit 14,05% im Gesamtindex gewichtet.

UK ist eine klassische Blasenökonomie, eines degenerierten angelsächsischen Modells, mit einer permanenten Erosion der industriellen Wertschöpfung im Verhältnis zum BIP und einer kräftig voranschreitenden Erosion der Ressourcengrundlagen, wie bei Öl- und Gas, welche in der Vergangenheit den scheinbaren Erfolg des Thatcherismus im Hintergrund über die Exporteinnahmen aus dem Öl, zusammen mit der vordergründigen Deregulierung des Finanzsektors und dessen künstlichen Aufblasen befeuerte! Der vermeintliche Erfolg dieser verfehlten Politik und die Erosion der Wertschöpfungsgrundlagen werden sich in naher Zukunft als entscheidender Malus UKs beweisen.

Quellen Daten: Ons.gov.uk/Pressemitteilung: Index of Production – January 2012, Ons.gov.uk/ONS-Datenbank

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10 KommentareKommentieren

  • hko - 10. März 2012

    Steffen,
    hast du mit Absicht bei der Öl-Index Tabelle auf der rechten Seite Platz gelassen bis nur Jan-2013?
    In England kann man ja auf alles wetten, ich würde wetten, dass es nach 2013 keinen Sinn mehr machen wird diesen Chart weiter zu verfolgen, wo’s nix gibt, gibt’s nix zu verfolgen.

  • SLGramann - 10. März 2012

    Hallo Steffen,

    auch ich sehe das “Modell Großbritannien” als etwas Abscheuliches an. Typisch übrigens, dass die “neue SPD” (von Schröder, über Clement bis zu Steinbrück) sich genau daran orientiert hat. Bonzen, Banker und Banditen.

    Was aber die Wertschöpfung aus der Industrie angeht: Solange eine Volkswirtschaft ein Leistungsbilanzgleichgewicht erreicht, ist ein sinkender Anteil der “sekundären Sektors” (und ein steigender des tertiären) für sich genommen kein Problem. Langfristig ist das sogar wünschenswert, wenn die Produktion von Industriegütern nicht mehr im Mittelpunkt der Gesellschaft steht, sondern die Dienste. (Es sollten dann aber wertvolle Dienste für die Menschen sein und nicht Finanzblödsinn) Die “landwirtschaftliche Wertschöpfung” ist in Deutschland ja auch von 90% BIP auf 1% BIP gefallen, ohne das wir von einer Blasenökonomie sprechen müssten. Mit dem 1% produzieren wir mehr Lebensmittel als je. So geht es dem Industriesektor in der Tendenz eben auch. An sich kein Problem. Nur, wie gesagt, man muss eben trotzdem produzieren, was man verbraucht, das ist schon klar.

    • Hardy - 10. März 2012

      “Solange eine Volkswirtschaft ein Leistungsbilanzgleichgewicht erreicht…”

      Das tut Engeland schon lange nicht mehr.

      “ist ein sinkender Anteil der “sekundären Sektors” (und ein steigender des tertiären) für sich genommen kein Problem.”

      Welches Land erfüllt diese Voraussetzungen und hat trotzdem einen starken industriellen Sektor?

      “Langfristig ist das sogar wünschenswert, wenn die Produktion von Industriegütern nicht mehr im Mittelpunkt der Gesellschaft steht, sondern die Dienste.”

      Warum? Das ist dümmliche Propaganda.

      “Mit dem 1% produzieren wir mehr Lebensmittel als je.”

      Engeland nicht – siehe Querschüsse. Selbst hier besteht ein massives, wachsendes Defizit.

      “So geht es dem Industriesektor in der Tendenz eben auch”

      Ja, in den angelsächsischen Verliererländern. Ich erinnere mich noch sehr gut an die spanischen Kommentare zur deutschen “schmutzigen” Produktion; an ein Interview mit dem Dummkopf Bono in der SZ, der “sein” Irland als ein Vorbild für Deutschland pries: Kein Dreck, keine 8h-Schicht, keine Industrie, keine Abgase – Irland, nur Finanzdienstleistungen, viel schlauer als die doofen Deutschen. Irland ist bankrott, Spanien ebenfalls. Für die Bewohner tuts mir leid, für die Vorquaker nicht.

      “Nur, wie gesagt, man muss eben trotzdem produzieren, was man verbraucht, das ist schon klar.”

      Nein, internationale Arbeitsteilung ist sinnvoller.

  • M.E. - 10. März 2012

    -Verschuldet bis über beide Ohren (Verbraucher, Banken, Firmen und zunehmend auch der Staat, der seine wirkliche Verschuldung nicht ausweist, die eigentlich über der Italiens liegt).
    Plus hoher Neuverschuldungsdynamik.
    -Gewaltige gesellschaftliche Fliehkräfte, im letzten Sommer drastisch sichtbar geworden.
    -Permanente und steigende Außenhandelsdefizite trotz relaiv geringer Gas- und Öleinfuhren, die aber stark ansteigen werden.
    -Bei Weitem keine Selbstversorgerkapazität bei Lebensmitteln, Imortabhängugkeit von Agrarimporten ständig weiter ansteigend.
    -Völlig deformierte Wirtschfatstruktur mit stark überdehntem Finanzsektor. Fehlende Wettbewerbsfähugkeit in vielen wichtigen Branchen.
    -Mangelhaftes Bildungssystem in der Breite, nur die Elitenbildung kann sich sehen lassen.

    Fazit: Absturz in Sicht. Vom mächtigsten Land der Erde bis vor 100 Jahren zum bankrotten, verarmten und gesellschaftlich zerrissenen Land in vorraussichtlich 20 Jahren.
    (Ich wollte bei meiner Zeitschätzung auf Nummer sicher gehen. Die 20 Jahre können natürlich auch durch eine niedrigere Zahl ersetzt werden.)

  • Frank Bell - 10. März 2012

    Wieso schlagen sich diese heftigen Probleme nicht in einem schwächeren Pfund gegenüber dem Euro nieder?

    Seit Anfang 2009 steigt der Wert des Pund gegenüber dem Euro ständig, wenn auch nur wenig ausgeprägt. Ich persönliche hatte für 2010 mit einer Parität gerechnet – die bekanntlich nicht gekommen ist.

    • Holly01 - 10. März 2012

      Weil die Briten der amerikanische Fuß in der EU aber ausserhalb des Euro sind. Die Iren sind das zweite amerikanische Standbein in der EU und dort auch im Euro.
      Die Amis lassen diese Zange nicht zu weit abfallen. So lange die beiden also fix im Rad laufen, gibt es auch immer hübsch Futter.

  • Habnix - 11. März 2012

    Wenn ich sehe das die “kleine Leute” nicht an diesen Boomzeiten mit verdienen konnten,dann könnte ich sauer werden und das ob wohl die “Kleinen Leute”die meiste Last tragen.

  • Roland - 11. März 2012

    Energie ist nicht das Problem des UK.

    UK kann komplett auf offshore-Wind-Energie umschalten. Damit fängt man jetzt an.
    Außerdem ist im Festlands-Sockel der Falkland Inseln Öl in der 3-fachen Größenordnung der ursprünglichen Menge an Nordsee-Öl entdeckt worden.

  • M.E. - 11. März 2012

    Hallo Roland,
    die 60 Miiliarden Barrel, die als Menge des im Bereich der Falklandinseln vorhandenen Öls als Obergrenze genannt werden, könnten sich als wesentliche Überschätzung erweisen.
    Die Unsicherheiten bei der Abschätzung der dortigen förderbaren Reserven sind außerordentlich hoch.

  • hochwaelder - 13. März 2012

    hallo roland,
    wo einfach ist das mit dem umschalten auf offshore windenergie nicht.
    im winter 2010 hatte england größte probleme mit der wetterlage.
    neblig und frostig und wochenlang kein wind. nur durch das dazukaufen vom strom aus ganz europa konnte ein flächendeckender stromausfall vermieden werden