Vermögensentwicklung in der Krise – Teil 6.2: Armut und soziale Ausgrenzung weiten sich in der Europäischen Union aus

von am 18. Februar 2014 in Allgemein

Wie sich die Krise auf die Zunahme der „Nicht-Vermögenden“ ausgewirkt hat, geht aus Vermögensstudien wie der der Credit Suisse nicht hervor. Um diese wichtige Facette der Vermögensentwicklung in die Analyse speziell mit Blick auf die Krise in Europa einbeziehen zu können, werden im Folgenden Eurostat-Daten zu den von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen in der Europäischen Union herangezogen.

Bekämpfung der Krisenfolgen in Europa: Die Strategie „Europa 2020“

In der Europäischen Union ist man sich des Problems der zunehmenden Zahl der von Arbeitslosigkeit, Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohter Menschen infolge der Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise bewusst. Im März 2010 formulierte die Europäische Kommission die Strategie „Europa 2020 – Eine Strategie für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum(1), die darauf abzielt, dass Europa gestärkt aus der Krise hervorgeht. Der Kommissionspräsident José Manuel Barroso schreibt dazu im Vorwort des Dokuments: ((2) S. 2-3))

„In den vergangenen zwei Jahren haben Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Die angehäuften Schulden werden noch viele Jahre auf uns lasten. Die Krise hat auch neue Bedrohungen des sozialen Zusammenhalts mit sich gebracht und die fundamentalen Herausforderungen, denen sich die europäische Wirtschaft gegenübersieht, schonungslos offengelegt. …

Auf kurze Sicht ist es unsere wichtigste Aufgabe, die Krise erfolgreich zu überwinden. …

Die Krise ist ein Weckruf. Wir müssen erkennen: ein „Weiter so wie bisher“ würde uns in der neuen Weltordnung schrittweise in die Zweitrangigkeit zurückfallen lassen. …

… Europa muss wieder auf Kurs kommen und dann auf dem richtigen Kurs bleiben. Das ist das Anliegen von Europa 2020. Es geht um mehr Arbeitsplätze und mehr Lebensqualität. …

Die Kommission schlägt fünf messbare Ziele für die EU-Ebene vor, die bis 2020 verwirklicht und in nationale Ziele umgesetzt werden sollen. Es handelt sich um Ziele in den Bereichen Beschäftigung, Forschung und Innovation, Klimaschutz und Energie, Bildung und Armutsbekämpfung. Sie geben die Richtung vor, auf die wir Kurs nehmen sollten. An ihnen werden wir unseren Erfolg messen.“

In dem Papier von März 2010 formuliert die Europäische Kommission dazu fünf EU-Kernziele, die bis 2020 erreicht werden sollen und sieben Initiativen, mit Hilfe derer dies gelingen soll. ((3) S. 5-7)) Zwei dieser Ziele stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Problem der Armut und der sozialen Ausgrenzung. Sie lauten wie folgt: ((4) S. 12-13))

  • Die Beschäftigungsquote der 20- bis 64-jährigen sollte von derzeit (Anfang 2010) 69 % auf mindestens 75 % ansteigen;
  • die Zahl der Europäer, die unter den nationalen Armutsgrenzen leben, sollte um 25 % gesenkt werden, was 20 Millionen Menschen aus der Armut befreien würde.

Als „armutsgefährdet“ gelten in der EU Personen, die in einem Haushalt mit einem verfügbaren Äquivalenzeinkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle leben, welche auf 60 Prozent des verfügbaren Median-Äquivalenzeinkommens (nach Sozialleistungen!) festgelegt ist. (5)

(Anmerkung S. L. E.: Für die Berechnung des Äquivalenzeinkommens wird das Gesamteinkommen eines Haushalts nach einem bestimmten Schlüssel gewichtet auf dessen Mitglieder verteilt.)

Als „von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht“ gelten Menschen in der Europäischen Union, wenn sie von mindestens einer der folgenden drei Lebensbedingungen betroffen sind: (6)

  • sie sind von Armut bedroht (siehe dazu obige Definition);
  • sie leiden unter erheblicher materieller Entbehrung, das heißt sie leben unter Bedingungen, die durch fehlende Mittel eingeschränkt sind und sie sind von mindestens vier der folgenden neun Entbehrungskategorien betroffen: Sie sind nicht in der Lage
  1. die Miete/Hypothek oder Rechnungen für Versorgungsleistungen pünktlich zu bezahlen,
  2. die Wohnung angemessen zu beheizen,
  3. unerwartete Ausgaben zu tätigen,
  4. jeden zweiten Tag eine fleisch- oder fischhaltige Mahlzeit (bzw. vegetarische Entsprechung) zu haben,
  5. einen einwöchigen Jahresurlaub weg von zu Hause zu finanzieren, sich
  6. ein Auto,
  7. eine Waschmaschine,
  8. einen Farbfernseher oder
  9. ein Telefon (einschließlich Mobiltelefon) zu leisten.
  • sie leben in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbstätigkeit, das heißt, dass die Erwachsenen (18-59 Jahre) in diesem Haushalt im vorherigen Jahr insgesamt weniger als 20 Prozent ihres Erwerbspotenzials ausgeschöpft haben. (Studierende sind nicht miteinbezogen!).

Wie schon in den Teil 4 und Teil 5 steht auch bezüglich der Entwicklung der von Armut und sozialer Ausgrenzung Bedrohten in Europa im Folgenden speziell der Krisenabschnitt 2009-2012 – also die Phase der Euro-Krise – im Blickpunkt des Interesses.

Armut und soziale Ausgrenzung in Europa im Zuge der Euro-Krise

Wie in Teil 1 dargelegt, ist das Privatvermögen in der Europäischen Union sehr ungleich verteilt. Deutlich reduziert hat es sich in der Euro-Krise primär in den reichsten Mitgliedstaaten, wie die Abbildung 2 aus Teil 1 zeigt, die hier zwecks eines einfacheren Vergleichs mit den Daten zur Entwicklung von Armut und sozialen Ausgrenzung nochmals gezeigt wird.

SLE_A02_EU28 nach Privatvermögen 2009-2013 Abbildung 2

Sehr gut zu erkennen ist beim Blick auf die Abbildung 2 auch, dass es während der Euro-Krise in den 15 Mitgliedstaaten in der linken Hälfte – von Malta bis einschließlich Finnland – nur geringe und oft überhaupt keine Veränderungen beim allerdings ohnehin vergleichsweise sehr niedrigen Privatvermögen gegeben hat.

Die Zahl der Armutsgefährdeten ist in der Euro-Krise gestiegen

Abbildung 33 zeigt die Entwicklung der Anzahl der von Armut bedrohten Personen in den 28 EU-Mitgliedstaaten, wobei für die vier Krisenjahre dieselbe Farbgebung wie in Abbildung 2 (dort für das Privatvermögen in absoluten Zahlen) gewählt wurde.

Das Bild, das sich ergibt, ist sehr aufschlussreich.

Zunächst ist festzustellen, dass in den reichsten EU-Ländern auch die Zahl der von Armut gefährdeten Menschen am höchsten und vor allem in der Euro-Krise auch noch weiter gestiegen ist. Die einzige Ausnahme unter den reichen EU-Ländern ist Großbritannien. Hier ist die Zahl der von Armut bedrohten Menschen zurückgegangen.

Spitzenreiter bei der Armutsgefährdung ist Deutschland gefolgt von Italien. Betrachtet man nur die Gruppe der fünf reichsten EU-Staaten, dann fällt auf, dass sich die Armut in Frankreich auf einem signifikant niedrigeren Niveau als in den anderen vier Ländern befindet.

SLE_A33_Zahl von Armut Bedrohter EU28_2009-2012 Abbildung 33

Des Weiteren fällt bei Abbildung 32 besonders auf, dass es bei den Zahlen zur Armutsgefährdung und deren Entwicklung speziell bei den Mitgliedstaaten mit vergleichsweise geringem bis sehr niedrigen Privatvermögen sehr viel stärker ausgeprägte Unterschiede und Bewegungen als beim Privatvermögen gibt (siehe dazu Abbildung 2).

So liegt etwa das Krisenland Spanien beim Privatvermögen mit großem Abstand zu Großbritannien an fünfter Stelle (siehe oben Abbildung 2), bei der Zahl der von Armut bedrohten Bürger jedoch praktisch auf demselben Niveau wie das Vereinigte Königreich und in 2011 und 2012 sogar darüber.

Der Anstieg bei der Zahl der Armutsgefährdeten ist im Übrigen in Spanien ebenso wie in den beiden Euro-Krisenländern Griechenland und Italien besonders ausgeprägt, was nicht zuletzt auch mit dem in diesen Ländern eingeschlagenen austeritätspolitischen Kurs zusammenhängen dürfte, der mit Kürzungen bei Löhnen, Renten und Sozialleistungen sowie steigender Arbeitslosigkeit einherging.

Ausgesprochen hoch ist die Zahl der Armutsgefährdeten auch in Rumänien und Polen. Vergleichsweise hoch ist sie darüber hinaus auch Portugal, Bulgarien und Ungarn. In ist Ungarn sie zudem auch gestiegen. Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang, dass das Land ähnlich wie die Euro-Krisenländer in finanzielle Schwierigkeiten geraten und aufgrund der in Anspruch genommenen Finanzhilfen zu einem harten Sparkurs gezwungen gewesen war.

In der EU 28 hat sich die Zahl der von Armut bedrohten Menschen von 2010-2012 von 82 Millionen auf 85 Millionen erhöht und in der EU 27 (also ohne Kroatien, dem jüngsten EU-Mitglied) ist sie von 80,5 Millionen (2009) auf 84,1 Millionen gestiegen.

Das Ziel der Europäischen Kommission, die Armut mit Hilfe der in der Strategie „Europa 2020“ von März 2010 beschriebenen Maßnahmen bis zum Jahr 2020 um 25 Prozent bzw. um 20 Millionen zu senken, ist damit offensichtlich in noch weitere Ferne gerückt. Es ist kein Wunder, dass dies nicht an die große Glocke gehangen wird.

In 16 EU-Staaten liegt der Anteil der Armutsgefährdeten bei über 15 Prozent

Was die absoluten Zahlen zur Armutsgefährdung in Abbildung 33 wirklich für Europa bedeuten sieht man jedoch erst, wenn sie in Relation zu den jeweiligen Bevölkerungszahlen gesetzt werden. Das ist in Abbildung 34 geschehen, die die Anteile der Armutsgefährdeten in Prozent der Gesamtbevölkerung zeigt.

Die Werte liegen in vielen Ländern auf einem erschreckend hohen Niveau und zudem ist in 18 EU-Staaten auch eine negative Entwicklung auszumachen.

Besonders hohe Werte verzeichnen Griechenland, Spanien, Rumänien, Bulgarien und Kroatien, aber auch Italien, wo der Anteil bei um die 20 Prozent oder sogar deutlich darüber liegt.

Eine starke Zunahme der Armutsgefährdung gibt es in Slowenien, der Slowakei und Ungarn, vor allem aber in den Euro-Krisenländern Griechenland, Spanien und Italien. Einen Anstieg verzeichnen aber auch Österreich, Schweden und die beiden reichsten EU-Länder, nämlich Deutschland und Frankreich.

SLE_A34_Anteil von Armut Bedrohter EU28_2009-2012 Abbildung 34

In Lettland – mittlerweile ein Euro-Land – und Litauen, aber beispielsweise erstaunlicherweise auch im Euro-Krisenland Zypern ist die Entwicklung dagegen positiv, das heißt, die Armutsgefährdung ist dort im betrachteten Zeitraum zurückgegangen.

Menschen, die im Zuge der Krise in Armut und soziale Ausgrenzung abzugleiten drohen, sind sehr oft solche, die ihre Beschäftigung verloren haben und in ihrem Land keine neue finden können. Es ist insofern naheliegend, dass sie sich, sofern ihnen das möglich ist, im Ausland um eine Möglichkeit für den Verdienst ihres Lebensunterhalts bemühen. Es ist bekannt, dass dies speziell in den südeuropäischen Krisenstaaten geschieht und gerade auch in Irland in signifikantem Umfang geschehen ist.

Natürlich schlägt sich dies sowohl in der Arbeitslosenstatistik als auch in der Statistik zur Armut und sozialen Ausgrenzung der jeweiligen Länder nieder. In kleineren Ländern wie etwa Irland, mit etwa 4,5 Millionen Einwohnern oder Lettland und Litauen, mit 2 Millionen bzw. 3 Millionen Einwohnern, kann dieser Effekt die entsprechenden Statistiken durchaus spürbar beeinflussen und mithin etwas besser aussehen lassen, als die Lage bei genauerer Betrachtung in diesen Ländern wirklich ist.

Das ist insofern sicherlich ein Aspekt, den man bei der Bewertung der in den Abbildungen dargestellten Entwicklungen zur Anzahl und zum Anteil der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohter Menschen in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union im Blick haben muss. Wie stark er in einzelnen Ländern tatsächlich ist, lässt sich aus dieser Eurostat-Statistik nicht ablesen.

Unter dem Strich ist die Entwicklung für die EU 28 während der Euro-Krise negativ gewesen. Der Anteil der von Armut gefährdeten europäischen Bürger ist gestiegen.

Bei Armut und sozialer Ausgrenzung ergibt sich für die EU ein düsteres Bild

Abbildung 35 zeigt die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen in der Europäischen Union in den Jahren 2009-2012. Das Niveau wie auch die Entwicklung der Zahlen sind noch alarmierender als bei denen zur Armutsgefährdung.

SLE_A35_Zahl von Armut & soz Ausgrenzung Bedrohter EU28_2009-2012 Abbildung 35

In Rumänien, Bulgarien und Ungarn sind die Zahlen beispielsweise mehr als doppelt so hoch wie die Werte zur Armutsgefährdung.

Auch in Griechenland liegen sie um rund 50 Prozent höher, wobei sich der Anstieg im Vergleich zu den Werten zur Armutsgefährdung stärker beschleunigt hat. Die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen ist in Griechenland also stärker gestiegen als die der Armutsgefährdeten.

Dasselbe gilt auch für Spanien und insbesondere für Italien. In beiden Ländern ist die Zahl der Armutsgefährdeten von 2011 auf 2012 zwar zurückgegangen, die der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen jedoch weiter gestiegen, in Italien sogar besonders drastisch.

Sehr aufschlussreich ist der Vergleich der Zahlen aus Abbildung 33 mit denen in der Abbildung 35 auch im Falle Großbritanniens. Dort ist die Zahl der Armutsgefährdeten im Krisenabschnitt 2009-2012 gesunken, die der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen indes kontinuierlich und vor allem deutlich gestiegen.

Genau umgekehrt verhält es sich im Falle Deutschlands. Hier ist die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung Gefährdeter im Zuge der Euro-Krise gesunken, während die der Armutsgefährdeten gestiegen ist.

Anstieg des Anteils der von Armut und sozialer Ausgrenzung Gefährdeten in den Euro-Krisenstaaten auf Werte um 30 Prozent

Bedrohlich sieht das Bild bei den Anteilen der von Armut und sozialer Ausgrenzung Gefährdeten in der Europäischen Union aus, welches sich bei der Betrachtung von Abbildung 36 bietet. Erschütternde Spitzenwerte von bis zu knapp 50 Prozent werden in Bulgarien erreicht. Anteile von über oder knapp unter 40 Prozent verzeichnen Rumänien und Lettland und in Griechenland lagen sie zuletzt bei knapp 35 Prozent.

Es ist darüber hinaus bemerkenswert, dass die Entwicklung bei den Anteilen der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen in Lettland und Litauen keineswegs so eindeutig positiv ist wie die bei den Anteilen der Armutsgefährdeten (siehe dazu Abbildung 34). Er ist im Gegenteil in beiden Ländern zunächst deutlich gestiegen und zuletzt insgesamt viel weniger stark gesunken als der der Armutsgefährdeten.

In Zypern ist die Entwicklung sogar entgegengesetzt gewesen. Während in diesem Euro-Krisenland die Armutsgefährdung kontinuierlich zurückgegangen ist (siehe oben Abbildung 34), ist der Anteil der von Armut und sozialer Ausgrenzung stark gestiegen, von 2011 auf 2012 sogar sprunghaft.

 SLE_A36_Anteil von Armut & soz Ausgrenzung Bedrohter EU28_2009-2012Abbildung 36

Nicht weniger alarmierend ist der Anstieg auf zuletzt, das heißt 2012, knapp 35 Prozent in Griechenland sowie auf knapp 30 Prozent in Irland (in 2011), Spanien und Italien. Der Anstieg hat sich gerade in Italien und Griechenland dramatisch beschleunigt. Er liegt in Italien um mehr als zehn Prozentpunkte höher als der der Armutsgefährdung. In Griechenland liegt die Differenz in 2012 sogar bei über elf Prozentpunkten.

Damit zeigt sich, dass sich in der Euro-Krise gerade in den Euro-Krisenländern, die einen austeritätspolitischen Kurs verfolgen, um ihr Schuldenproblem in den Griff zu bekommen, die Gefahr von Armut und sozialer Ausgrenzung stark vergrößert hat.

Europäische Strategie zur Krisenbewältigung verdient ein dickes Fragezeichen

All das setzt – aus anderer Perspektive, nämlich der der Vermögensentwicklung, und damit einmal mehr – ein dickes Fragezeichen hinter die nach wie vor verfolgte austeritätspolitische Strategie zur Bewältigung der Euro- bzw. Schuldenkrise.

Das gilt erst recht im Lichte der Verteilung der Anteile an dem in der Europäischen Union gehaltenen Privatvermögen auf die 28 Mitgliedstaaten (siehe Abbildung 37) und der in vielen Ländern im Zuge der Krise weiter gestiegenen Vermögenskonzentration (siehe obige Ausführungen und Abbildungen zur Vermögensverteilung).

SLE_A37_EU28 Anteile am Privatvermögen in der EU_2009-2013 Abbildung 38

Rund 80 Prozent des Privatvermögens in der EU vereinen die fünf reichsten Länder auf sich, die reichsten vier kommen auf rund 73 Prozent. Diese Werte haben sich – Euro-Krise hin, Euro-Krise her – praktisch so gut wie gar nicht verändert.

Italien und Deutschland waren beim Privatvermögen die größten Verlierer in der EU 28 in der Euro-Krise (siehe dazu Teil 1 und Teil 5). Auch Spanien war ein großer Verlierer. Aber in allen drei Ländern ist die Vermögenskonzentration in diesem Krisenabschnitt dennoch weiter gestiegen (siehe oben Abbildung 31) und, was besonders alarmierend ist, ebenso die Zahl der von Armut bedrohten Menschen.

In Spanien und Italien ist die Zahl der von Armut und sozialer Ausgrenzung gefährdeten Menschen sogar massiv gestiegen (siehe oben Abbildung 35). Ihr Anteil an der Bevölkerung ist in beiden Länder bis zuletzt (2012) auf knapp 30 Prozent angestiegen.

Das ist ein hoher Preis für die Krisenbekämpfung à la Euro-Retter. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, dann könnte er sich letztlich durchaus auch als zu hoch erweisen. Denn Armut und soziale Ausgrenzung haben in den Euro-Krisenländern inzwischen ein Ausmaß erreicht, das als Gefahr des sozialen Frieden und damit auch der politischen Stabilität dieser Ländern wahr- und vor allem ernstgenommen werden muss. Mit dem Ziel der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Europäischen Union und mit den Zielen der Strategie „Europa 2020“ ist diese Entwicklung in jedem Fall nicht vereinbar.

Betrachtet man die Vermögensentwicklung in der Europäischen Union über die Phase der Euro-Krise hinaus und von Beginn der US-Hypothekenkrise (2007) an bis 2013, dann ist in der Europäischen Union Großbritannien der größte Krisenverlierer gewesen (siehe dazu Teil 2). Die großen Verluste sind dort aber nicht beim finanziellen Privatvermögen angefallen, sondern beim nicht-finanziellen Privatvermögen, also insbesondere bei Immobilien (siehe dazu Teil 4 und Teil 5).

Über die unterschiedlichen Möglichkeiten, ein Krisengewinner zu werden

Die Zahl der großen Krisengewinner ist, egal welchen Krisenabschnitt man auch betrachtet, klein. Australien und Kanada gehören dazu, Japan auch, allerdings lediglich bis 2012, weil die drastische Yen-Abwertung infolge der Abenomics von Premier Shinzo Abe ab Ende 2012 auch das in Dollar bewertete Privatvermögen der Japaner massiv zusammenschrumpfen ließ.

Unter dem Strich sind China und in erster Linie die USA die größten Krisengewinner, wobei die Vermögensgewinne in den USA so stark wie in keinem anderen Land beim Finanzvermögen angefallen sind (siehe dazu Teil 4, Abbildung 19 und 20 sowie Teil 5, Abbildung 25 und 26).

Doch während China in der analysierten Zeitspanne als ein aufstrebendes, sich entwickelndes und stark wachsendes Land gesehen werden muss, gilt dasselbe ganz sicher nicht für die reife, alternde und seit Jahren wachstumsschwache Volkswirtschaft der USA.

Insofern begründet sich der Anstieg des Privatvermögens in China in der Krise zumindest auch zu einem guten Teil anders als in den USA. Denn immerhin lässt sich nicht von der Hand weisen, dass eine dynamische volkswirtschaftliche Entwicklung und starkes Wirtschaftswachstum steigenden Wohlstand bewirken, auch wenn damit noch nichts über die Verteilung desselben gesagt werden kann. Denn die Verteilung ist letztlich immer und in erster Linie von der Wirtschaftsstruktur und von den Marktstrukturen abhängig. Hoch konzentrierte, von wenigen, sehr großen Unternehmen (und Banken) dominierte Märkte tragen in hohem Maße zur Vermögenskonzentration dabei. (siehe dazu: „Einkommens- und Vermögenskonzentration – Teil 6: Das brüchige Fundament – Neuordnung des Erklärungszusammenhangs der Krise und Implikationen(7)). In den USA, aber auch in China – dort in Form der Staatskonzerne – liegen solche Bedingungen in hohem Maße vor.

Vor allem aber ist mit Blick auf die beiden Krisengewinner China und USA zu berücksichtigen, dass die Hypothekenkrise wie auch die Finanzmarktkrise ihren Ausgang in den USA genommen hat, verursacht durch hoch riskante, unverantwortliche Geschäfte insbesondere der führenden Banken und Finanzmarktakteure des Landes. Dort waren die Gefahr des Finanzkollapses und der Umfang der Rettungs- und Stabilisierungsmaßnahmen so groß wie nirgendwo sonst.

Nimmt man beides zusammen, das heißt die Tatsache, dass die USA das Epizentrum der Krise waren und dass das Wirtschaftswachstum dort bis zuletzt schwach, die Arbeitslosigkeit hoch geblieben ist, dann ist es besonders erstaunlich wie unvergleichlich positiv sich das Privatvermögen ausgerechnet dort im Zuge der Krise entwickelt hat. Nicht vergessen werden darf dabei, dass die ohnehin sehr hohe Vermögenskonzentration in den USA in der Krise sogar noch weiter gestiegen ist. Mit anderen Worten sind die unteren 90 Prozent (siehe oben Abbildung 29) und die unteren 60 Prozent der Vermögenspyramide (Abbildung 31) ärmer, die oberen 10 Prozent und insbesondere das reichste 1 Prozent noch reicher geworden.

Europa zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Es fällt vor diesem Hintergrund schwer die Schlussfolgerung von der Hand zu weisen, dass in den USA das Spiel im Finanzmarktcasino besonders gut beherrscht wird und die Europäer nicht nur bei der Euro-Krisenbekämpfung eine wenig glückliche Hand hatten, sondern auch am Spieltisch. Aber wie hat es doch José Manuel Barroso, der noch bis zur Berufung seines Nachfolgers in diesem Jahr Präsident der Europäischen Kommission ist, in seinem Vorwort zur oben zitierten Strategie „Europa 2020“ gesagt:

„Die Krise ist ein Weckruf. Wir müssen erkennen: ein „Weiter so wie bisher“ würde uns in der neuen Weltordnung schrittweise in die Zweitrangigkeit zurückfallen lassen.“ (8)

Es sieht nicht unbedingt danach aus, als sei in Europa verstanden worden, aus welchem Traum es zu erwachen gilt. Denn wir sind nicht auf dem Weg nach vorne oder gar nach oben. Das ist jedenfalls nicht das Ergebnis der Analyse dieser Aufsatzreihe.

Möglicherweise war aber auch einfach nur der Weckruf viel zu leise. Bei all dem unabläs­sigen Zank und Geschrei über die richtige Krisenstrategie in Europa kann das natürlich leicht geschehen. Sich stattdessen einmal einer nüchternen und breiteren Auswertung der Wirkungen der bisherigen Krisenbekämpfung anhand der gesammelten Fakten zuzu­wenden, das wäre für die Europäer sicher schon ein großer Schritt in die richtige Richtung. Doch vielleicht ist er zu groß. Vielleicht braucht es erst eine weitere ernste Krise, um ihn tun zu können.

Bisher herrscht jedenfalls eher noch der Tunnelblick vor, eine Vorliebe für „altbewährte“ Konzepte sowie dafür, sich Europa und die eigene Krisenpolitik schön zu rechnen und zu reden und sich dabei auf ein Set von Indikatoren und Fakten zu beziehen, das vieles andere ausblendet.

Aber was will man auch erwarten? Irgendwo stehen immer gerade irgendwelche wichti­gen Wahlen vor der Tür und wer will schon gerne zugeben, dass etwas faul ist im Staatenbund. Jetzt ist es die Europawahl im Mai, der alles untergeordnet wird. Damit wird der Erfolg Europas letztlich immer wieder dem politischen Erfolg untergeordnet. Rational im Sinne Europas ist das nicht, sondern ein Rezept für vorprogrammierte, hausgemachte Krisen, von der andere profitieren.

Keine Frage, es sind wohl die obersten Europäer selbst, die Europa am meisten im Wege stehen. Europa fällt nicht in die Zweitrangigkeit zurück, es steckt darin fest.

von Stefan L. Eichner
Kontakt: info.sle@web.de

Alle anderen Aufsätze der Reihe finden sich hier:

Teil 1 „Vermögensbilanz des Euro-Krisenmanagements“

Teil 2 „Gewinner und Verlierer der Euro-Krise im Klub der reichsten Länder“

Teil 3 „Krisengewinner und ‑verlierer nach Weltregionen: Transatlantische „Partnerschaft“

Teil 4 „Transatlantische „Partnerschaft“ – oder die länderspezifischen Folgen der Euro-Krise für das finanzielle Privatvermögen“

Teil 5 „Vermögensentwicklung in der Krise – Teil 5: Die Veränderungen in der Zusammensetzung der Vermögensportfolios

Teil 6.1 „Vermögensentwicklung in der Krise – Teil 6.1: Die Vermögenskonzentration nimmt auch in der Krise auf allen Ebenen weiter zu“

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7 KommentareKommentieren

  • JL - 18. Februar 2014

    Sehr geehrter Stefan L. Eichner
    En sehr schön detaillierter aber auch erschreckender Artikel den Sie vorgetragen haben.

    Wie man es auch dreht und wendet-, seit der Lehman-Pleite haben die Verwerfungen zu Lasten des „kleinen Mannes“ erheblich zugenommen.

    Da werden Rentenniveaus eingefroren oder für zukünftige Bezieher sogar herabgesetzt. Da wird jedes und alles besteuert was nur etwas Geld in die Kassen spülen könnte. Da möchte man für jeden gefahrenen Kilometer auf Autobahnen und Landstraßen eine extra „Raubrittersteuer“ namens Maut. Da werden ganze Volkswirtschaften dem Schuldendienst der Pleitebanker geopfert und deren Staatshaushalte ruiniert. Und weil das immer noch nicht reicht, werden gleich mal 20% bei ausländischen Banküberweisungen in das Inland einbehalten (Italien)- bis zum Nachweis der Nichtschuld betreffs illegaler Finanztransaktionen. http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=307131

    Und dann schwadroniert ein José Manuel Barroso etwas von „Weiter so wie bisher“ würde uns in der neuen Weltordnung schrittweise in die Zweitrangigkeit zurückfallen lassen. …“
    Ja bitte, was hat man denn bisher gegen die ausufernden Verschuldungen anderer unternommen, außer diese zu übernehmen und stemmen zu wollen? Wer hat denn die Nationalstaaten- mehr oder weniger direkt- aufgefordert und gezwungen die Schulden von Pleiteunternehmen zu übernehmen- die EU und dessen Troika.

    Und jetzt, nachdem man bewußt das Kind ins kalte Wasser gestoßen hat, beschwert man sich auch noch, daß dieses Kind nicht schwimmen kann. Und tatsächlich ist man in Brüssel wohl Fassungslos, wenn der Konsum fällt, dafür aber die Armut steigt- und das nur weil die Leute keinen Job mehr haben oder nach allen Abgaben, Steuern und Preissteigerungen bei Lebensmitteln sich nichts Extra mehr leisten können.

    Fazit: Die EU ruiniert sich selbst- aber wohl erst dann, wenn es für die Banken nichts mehr zu holen gibt.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

    • Georg Trappe - 19. Februar 2014

      Nun ja, die Politiker, nicht nur die der EU, und die Banken spielen zwar eine wichtige Rolle in diesem “Spiel”, aber sie sind nicht das Zentrum des Geschehens. Das Zentrum des Geschehens ist eine kosmopolitische Gruppe von einigen tausend Familien, die in den einschlaegigen Reports als UHNWs bezeichnet werden, auf die sich die wirtschaftliche Macht konzentriert. Politik und Banken sind Werkzeuge dieser Gruppierung, die ihren Interessen dienen.
      Sehr schoen dargestellt ist das in diesem Bild der “Ringburg”:
      http://www.uni-muenster.de/PeaCon/global-texte/g-a/05-krys-powerstructure.htm
      -
      Man darf sich dieses Machtzentrum durchaus auch als das Zentrum eines Tornados vorstellen, der mit der ungeheuren Gewalt der Dummheit alles in sich hinein saugt, was ihm in die Quere kommt.
      Siehe auch:
      http://gutenberg.spiegel.de/buch/7105/3

  • Rolmag - 19. Februar 2014

    “Möglicherweise war aber auch einfach nur der Weckruf viel zu leise.”

    War er nicht. Aber da die deutsche Bundesregierung in vorauseilendem Gehorsam pauschal den Großteil der Schulden und Staatskosten der Schuldenstaaten übernommen hat, waren die nicht wirklich gezwungen, sich mit den Folgen ihres Verhaltens auseinanderzusetzen, sehen sich vielmehr bestätigt.

    Die Umverteilungsunion ist nicht die Lösung sondern vielmehr die Ursache der Probleme. Menschen sind wie Tiger oder Pinguine, werden sie gefüttert, dann liegen sie nur noch faul in der Ecke herum.

  • Rolmag - 19. Februar 2014

    “Das Zentrum des Geschehens ist eine kosmopolitische Gruppe von einigen tausend Familien, die in den einschlaegigen Reports als UHNWs bezeichnet werden, auf die sich die wirtschaftliche Macht konzentriert.”

    Und die dann auch noch allesamt untereinander verschworen sind. Na sicher! Haben wohl nix besseres zu tun diese Bilderberger.

    Das mit den paar tausend Familien ist in der Marktwirtschaft kein Problem sondern Folge des Systems. Wenn die ihre Absätze sichern wollen, dann sollten sie dafür sorgen, dass es mir, der nicht von der Arbeut der anderen lebt, gut geht und das wissen die!
    Das System der paar tausend Familien wäre besser als der Umverteilungssozialismus samt Planwirtschaft, wo die Politik alles regelt, siehe die Energieschrottwende.

  • popper - 19. Februar 2014

    Für Sie @Rolmag sind solche Aufsätze nicht sonderlich hilfreich, weil Sie sich offensichtlich weit unter der Problemebene befinden. So einen verquerten Unsinn zu verzapfen…:

    “…da die deutsche Bundesregierung in vorauseilendem Gehorsam pauschal den Großteil der Schulden und Staatskosten der Schuldenstaaten übernommen hat, waren die nicht wirklich gezwungen, sich mit den Folgen ihres Verhaltens auseinanderzusetzen, sehen sich vielmehr bestätigt…

    …ist ein starkes Stück. Sie sollten sich mal informieren und begreifen, dass wir, was die EWU betrifft, nicht Opfer, sondern Täter sind.

    • Holly01 - 19. Februar 2014

      @ popper:
      gestern : Merkel trifft die EU-Oposition. Heute: In der nacht gab es die ersten 18 Toten.
      Man kann natürlich sagen: Merkel konnte den Wahnsinn nicht verhindern. Könnte man sagen …..

  • Andres Müller - 19. Februar 2014

    Es kommt zwar hier in Ihrem Aufsatz nicht vor, aber zur Ergänzung möchte ich aus aktuellen Gründen erwähnen dass auch die Schweiz ein mit DE fast vergleichbares Armutsrisiko besitzt und auch eine hohe Armutsquote hat (im Jahr 2010 15%, fast wie Malta und Deutschland). Von den 8 Millionen Schweizern galten 2011 1 Million Menschen als Armut gefährdet. also jede 8. Person. Und 600’000 gelten als Arm, also jede 13. Person.