Zu nachlassenden Unternehmensinvestitionen – Teil 1

von am 30. November 2014 in Allgemein

von Christoph

Als großes Problem der europäischen Volkswirtschaften erscheinen die mangelnden Investitionen der Unternehmen[1] (auch die Deutschlands siehe Schaubild 1).

Aus Perspektive der klassischen Volkswirtschaftslehre dürfte dieses Phänomen überhaupt nicht auftreten, da die Unternehmen (der Lehre nach) genau dann vermehrt (realwirtschaftlich) investierten, wenn aufgrund der Reduktion staatlicher Kreditnachfrage die Kreditzinsen sich verbilligten.[2] Damit würde der gesamtwirtschaftliche Einnahmeausfall aus Reduktion(en) der Staatsausgaben durch vermehrte (kreditfinanzierte) Ausgaben der Privaten kompensiert.[3]

A905Grafik: Steffen (Querschuss)

Die Zurückhaltung des Staates erlaube vermehrte Initiative des Unternehmenssektors war auch der Glaube während der Weltwirtschaftskrise in den 1920ern/30ern und motivierte 1927 den Reichsverband der deutschen Industrie zu nachdrücklichen Sparforderungen gegenüber der deutschen Regierung.[4] Tatsächlich verdrängen staatliche Ausgaben (solange diese nicht direkt an ausländische Sektoren fließen) in einer unterausgelasteten Volkswirtschaft niemals[5] die Investitionen der inländischen Unternehmen, wie Wolfgang Stützel (1981) mit seiner Saldenmechanik andeutet[6], vielmehr verhält es sich genau umgekehrt, wie auch aktuell in der Eurozone zu erkennen ist: Die staatliche Ausgabenzurückhaltung verdrängt die Unternehmensinvestitionen.[7]

Bei gesamtwirtschaftlicher Betrachtung sind die Ausgaben des Staates die Einnahmen der Unternehmen – nicht unbedingt in voller Höhe, denn die  Transfers geleisteter Nettozahlungen an private Bürger unterliegen eventuell einem Anteil an Konsumverzicht zum Zweck geplanter Geldvermögenserhöhung in bestimmter Höhe[8] bzw. es fragen die Konsumenten auch anteilig nach ausländischen Produkten.

Lohnsenkungen senken freilich, so wie zunehmende Arbeitslosigkeit, die Möglichkeit(en)  der Konsumenten zu Konsumausgaben und senken damit die Einnahmen der (inländischen wie ausländischen) Unternehmen, womit Phasen hoher Arbeitslosigkeit die Unternehmen (aufgrund ausfallender Einnahmechancen) üblicherweise zu Investitionszurückhaltung veranlassen (siehe Schaubild 2).

A906Grafik: Rainer Maurer nach Daten EU-Kommission (Ameco)

Sparen die Unternehmen nun an Investitionen und Personal weiter ein (einzel- bzw. betriebswirtschaftlich rational), um ihre Profite zu erhalten bzw. um ihre Verschuldung nicht zu erhöhen („Bilanzsanierungen“[9]), verringern sich die Unternehmen selbst (sowie gegenseitig) ihre Einnahmen[10] (und dies riskiert einen negativen Multiplikatoreffekt).

von Christoph

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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[1] Junckers gewählte Begrifflichkeit des „Kickstarts“ erinnert an „Initialzündung“ („Brauns-Kommission, Röpke 1931) und das daraus resultierende Problembewusstsein war immerhin Anfang der Planung von Konjunkturprogrammen.

[2] (Neo-)Klassische Theorie auf Basis der Annahme eines beschränkten „Spartopfes“ („Loanable Funds Theory“).

[3] Um die Konjunktur nicht (weiter) abzuschwächen, ist der Kausalzusammenhang genau umgekehrt zu erkennen – vgl. Lautenbach (1936), Probleme der Überliquidität, S. 7.

[4] Bestärkt auch durch Schachts und Parkers Initiative – vgl. Akten der Reichskanzlei, Dok. 197.

[5] Die Verdrängung der privaten Investitionen sei gegeben, wenn staatliche wie private Ausgaben sich gegenüber der Produktion der Güter stärker beschleunigt, also die jeweilige Zentralbank infolge Inflationsangst ihre Kreditkontingente gegenüber den Geschäftsbanken verteuert bzw. senkt. Auf einen ernstzunehmende, im aktuellen Kontext eher vernachlässigbare, Ausnahme weist Rüdiger Pohl (1981) hin – wenn nämlich „Anleger (inkl. Finanzinstituten)  vorzugsweise Staatsschuldtitel erwerben und in ihrem Portfolio halten, zwingen diese die Unternehmer zu höheren Zinszahlungen, um auf dem „Kapitalmarkt“ Kredit zu erhalten.

[6] Aufgrund staatlicher Ausgabenüberschüsse (Defizite) sinkt freilich per Saldo der Finanzierungsbedarf der Unternehmen – es entfällt also Kreditbedarf zu geplanten Investitionen – diese können dann von den Unternehmen innenfinanziert werden – eine sinkende Kreditnachfrage der Unternehmen deutet in so einem Fall weder auf rückläufige Investitionen hin, noch stellt die Höhe der Nettokreditaufnahme der Privaten (pro Periode) verlässlichen Konjunkturindikator dar.

Vgl. Stützel (1969): Moderne Kreditpolitik. In: Geld- und Bankpolitik (Hrsg. Ernst Dürr).

[7] Wie Steffen auch am Beispiel Spanien andeutet, erhöht die Ausgabenzurückhaltung des spanischen Fiskus die Verschuldung des privaten Sektors bzw. verunmöglicht der Einnahmeüberschuss der öffentlichen Haushalte per Saldo eine Verringerung der Verschuldung (Bilanzsanierung) des Unternehmenssektors (solange das Ausland mit eigenen Defiziten nicht einspringt) in gleicher Höhe.

[8] Wie auch dieser Beitrag von Sebastian nahelegt (Y = C + I + NX, also in der geschlossenen Volkswirtschaft auch: Y = I – S bzw. die Höhe des Finanzierungsbedarfs der Unternehmen resultiert aus der Höhe des Sparens der Privaten (Unternehmen + Konsumenten) + Sparen des Staates – Nettoexporte).

[9] Auch als „Deleveraging“ bezeichnet. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) spricht in ihrem 84. Jahresbericht (2014) auch von Bilanzkorrektur/en und fordert diese sowohl von Privaten wie von Staaten.

[10] Aus systemischer Perspektive handelt es sich bei diesem selbstverschärfenden Vorgang um eine Rationalitätenfalle bzw. um eine Variante des klassischen Konkurrenzparadoxons (Stützel 1953).

 

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22 KommentareKommentieren

  • RedMoe - 30. November 2014

    Schöner Beitrag, aber es wäre schön, wenn die zitierten Quellen (Stützel 1953 usw.) dann auch irgendwo noch genau genannt werden. ;) Und der Link zur Saldenmechanik-Homepage funktioniert nicht. :)

  • Christoph - 30. November 2014

    Hallo Sebastian, danke für deine Hinweise – ist in Arbeit. Herzliche Grüße! Christoph

  • Christoph - 30. November 2014

    Nachtrag: der Link ist repariert und ist direkt auf Stützels Relativierung von 1981 bezogen. Das Konkurrenzparadoxon ist zurückzuführen auf Stützel (1953): Paradoxa der Geld- und Konkurrenzwirtschaft. Und zu Röpkes Initialzündung: „1931 wurde R. Mitglied der sog. Brauns-Kommission, der Gutachterkommission zur Arbeitslosenfrage. Entgegen seiner wirtschafts- bzw. ordoliberalen Grundüberzeugung forderte er in dieser Kommission und in Artikeln als Antwort auf die Sondersituation und zur Rettung der Marktwirtschaft eine aktive Konjunkturpolitik und ein staatliches, kreditfinanziertes Investitionsprogramm als „Initialzündung“, das er erst später in „Crisis and cycles“ (1936) theoretisch eindeutiger begründete.“ (Lt: http://www.deutsche-biographie.de/sfz106346.html) – so viel Röpke-Werbung wollte ich ursprünglich nicht machen, es zeigt aber, dass er zur Konjunkturbelebung durchaus die damals gültige Gleichgewichtstheorie (Doktrin der Selbstheilungskräfte des Marktes, Reinigungskrise, etc.) nicht vertreten wollte/konnte. Rüdiger Pohl (1981) weist auf seinen Aufsatz Staatsverschuldung und die crowding-out-Debatte (die angesprochene Variante wurde in den PDF-Auszug nicht aufgenommen) in: Staatsverschuldung Kontrovers (Hrsg. Simmert/Wagner). Zur Spartopftheorie (Loanable Funds Theory) auch Lindners Kritik (2014): Haben die knappen Weltersparnisse
    die US-Immobilienblase finanziert? Bemerkungen zur „Global Saving Glut“-These
    aus saldenmechanischer Sicht. Hoffe, das reicht mal so in der Form und, dass ich nichts vergessen habe.

    • Querschuss - 30. November 2014

      Hallo Christoph,
      Danke für deinen ersten Artikel, dass wird doch hier langsam ein richtiges Team :)

      Gruß Steffen

  • Bubblegum - 30. November 2014

    @Christoph

    Vielen Dank für Ihre Darstellung. Aber was diese Kathedervolkswirte sich da so zusammenfabulieren, ist für mich in sich überhaupt nicht logisch!
    Mathematisch gesehen bedeutet ein Gleichheitszeichen immer ein Gleichgewicht und zusätzlich ein statisches System, d.h. das Gleichgewicht stellt sich erst nach Ablauf einer Wirtschaftsperiode als Ergebnis einer Ex-Post Betrachtung ein.
    Schon durch die Möglichkeiten der Banken, Fiat Geldschöpfung zu betreiben, ist dieses System des Wirtschaftens und des Investierens kein statisches sondern ein rückgekoppeltes, dynamisches System, das von folgenden Größen beeinflusst wird:
    a) Der Eigenkapital- und Spareinlagenbasis der Kreditinstitute und sonstigen Kapitalsammelstellen, wie Versicherungen etc.
    b) Ihr Standing bei den Zentralbanken und potentiellen Kapitalgebern des freien Marktes.
    c) Der Investitions- und Konsumneigung der Unternehmen, des Staates, und der Privaten
    d) Der Steuerbasis des Staates und der damit eng zusammenhängenden Multiplikatoreffekte,
    welche die Investitions-und Konsumneigung der Unternehmen und Haushalte auslösen.
    Denn ab einem bestimmten Zeitpunkt kann ein Staatsgebilde seine Ausgaben, besonders im Personalbereich, nicht weiter reduzieren, will es seine eigene Existenz nicht gefährden.
    Insofern ist das Verdrängungsmodell ein reichlich naives und weltfremdes Modell.
    Viele liebe Adventgrüße Bubblegum

    • Georg Trappe - 2. Dezember 2014

      Hallo Bubblegum,

      ein Gleichheitszeichen impliziert nicht zwingend Statik. Hinter der in den sog. Wirtschaftswissenschaften ueblicherweise gewaehlte Schreibweise stecken ja Stromgroessen, die meistens leicht als solche zu erkennen sind, wenn man praezise ist und das BIP was mit Y bezeichnet wird nicht in der falschen Masseinheit $ sondern in der praezisen $ pro Jahr angibt. Eigentlich muesste da stehen delta Y / delta Zeit = …… mit entsprechenden delta / delta Zeit fuer die anderen Positionen. Eine solche Differenzengleichung laesst sich dann auch in eine Differentialgleichung ueberfuehren.
      Die saldenmechanischen Betrachtungen sind also eine Vorstufe von Stock / Flow konsistenten Modellen, die als Differentialgleichungen geschrieben durchaus dynamische (=zeitabhaengige) Zusammenhaenge darstellen koennen. Wer sich fuer soetwas interessiert wird z.B. bei Steve Keen fuendig, der da auch ein Program entwickelt hat (Minsky) mit dem man solche Modelle auf dem PC aufsetzen und durchrechnen lassen kann.
      Man kommt darueber zu Einsichten, die offenbar nicht Allgemeingut in den sog. Wirtschaftwissenschaften sind. Insbesondere dann, wenn man Banken richtig modelliert ;-).
      -
      Nachdem ich mich mit solchen Ansaetzen eine Weile beschaeftigt habe moechte ich aber auch ein paar Schwaechen, die ich glaube entdeckt zu haben, nicht verschweigen.
      Man muss sich im klaren sein, dass man immer nur die monetaere Seite modelliert. Das ergibt sich daraus, dass die Daten immer in Rechnungseinheiten = $ vorliegen. Die Verknuepfung der Geldstroeme mit den realwirtschaftlichen Gueter und Leistungsstroemen beruht bestenfalls auf (fragwuerdigen) Annahmen. Das wird spaetestens dann klar wenn bestehende Bestaende Bewertungsaenderungen unterworfen sind und dies im monetaeren Modell eine Bestandsaenderung verursacht, die ersteinmal keinen entsprechenden Fluss hat.
      Weiterhin gehen bei Betrachtungen auf der Ebene von volkswirtschaftlichen Sektoren durch die Bildung entsprechender Summen/Aggregate alle Dinge, die sich aus Verteilungen und Verteilungsaenderungen ergeben unter. Es ist aber fuer eine Volkswirtschaft nicht egal, ob Einkommen, Vermoegen, Firmengroessen etc. gleich oder anders verteilt sind. Vielmehr gibt es den begruendeten Verdacht, dass schwerwiegende Funktionsstoerungen und Instabilitaeten ihre tiefere Ursache genau hier haben. In den dynamischen Modellen, die ich kenne, ist das nicht erfassbar. Und so gibt es eine Reihe von weiteren Problemen.
      Das soll nicht heissen, dass solche Betrachtungen wertlos sind. Aber man muss wissen, was man da treibt und wo die Limitationen liegen. Das wirklich Verwunderliche ist, dass durchaus wertvolle Erkenntnisse schon vor Jahzehnten oder gar z.Zt. der grossen Depression im vergangenen Jahrhundert gewonnen wurden und diese einfach ignoriert werden.

  • Thoha - 30. November 2014

    Hallo Christoph,

    vielen Dank für den guten Artikel und seine aktuellen wie historischen Bezüge.

    Für zu „viel Röpke-Werbung“ und seine angeblich der ordoliberalen Grundüberzeugung widersprechende „Initialzündungsidee“ brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, der gute Mann ist ja aus gutem Grund 1961 aus der Mont Pelerin Society ausgetreten. Das hätte ein Walter Eucken vielleicht später auch getan.

    Da Röpke als liberaler Ökonom eher im Schatten Ludwig von Mises’ oder Friedrich August von Hayeks wahrgenommen wurde und wird, hier noch ein wenig mehr späte Ehrung: http://www.libinst.ch/?i=freiheit-in-vielfalt-leben-und-wirken-wilhelm-ropkes

    Viele Grüße
    Thomas

  • Vogel - 1. Dezember 2014

    Sehr schöner 1. Teil – obwohl alles Binse, man kann es nicht oft genug wiederholen – “There iss no free lunch” (der einzige Satz, den man den “Experten” vom VWL-Voodoo glauben kann) oder, um es mit Stützel zu sagen: “Keine Buchung ohne Gegenbuchung!” auch wenn man’s nich immer direkt sieht weil’s ja nur die Umwelt iss oder die Arbeitsbedingungen anderswo.

  • JL - 1. Dezember 2014

    Sehr schön geschrieben.

    Zuerst einmal ist festzustellen, inwieweit ein Staat in „seinem“ Wirtschaftsraum aktiv ist (Staatsanteil am BIP). Dabei ist die nachgeschobene Frage nach dem Warum ein zentrales Thema. Zum anderen muß man natürlich fragen, wo Privatinvestitionen staatliche Investitionen ersetzen könnten.

    Das einfachste Beispiel sind hoheitliche Aufgaben und entsprechende Investitionen hierzu. Wird beispielhaft die Modernisierung der Panzerbestände verschoben, wird es keinen Privatunternehmer geben (und geben können) der das für den Staat übernimmt. Ausbleibende Investitionen des Staates werden also keinen Umsatz im Privatsektor generieren und damit dort auch keine Investitionen.

    Nun könnte man- wie im Falle z. B. Frankreichs- aber sagen, der Staat solle sich aus deren Wirtschaft zunehmend zurückziehen und sich auf seine Kernkompetenzen beschränken. Aber genau das geht eben auch nicht. Denn üblicherweise hält der Staat nicht Anteile von Unternehmen die florieren, sondern von Unternehmen die ansonsten schon pleite wären. Wer will da schon investieren.

    Zum Schluß könnte man der Idee verfallen, marode Brücken und Straßen von Privat instand setzen zu lassen. Damit wären sie aber auch (zumindest befristet) auch Privat. Das bedeutet wiederum Mautgebühren, zusätzlich zu den staatlichen Steuern. Das damit die staatlichen Steuerbelastungen sinken ist anzuzweifeln. Denn eines ist Fakt, steuerlich betrachtet befinden wir uns immer noch im 1. Weltkrieg (Sektsteuer).

    Wenn der Staat also eigentlich nicht sparen, oder Investitionen delegieren kann, dann lautet die Gretchenfrage, warum will er es trotzdem?

    Vielleicht findet man die Antwort darauf in seiner eigenen Geldbörse.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

  • Franz - 1. Dezember 2014

    Hallo Christoph,

    die deutschen Unternehmen investieren sehr wohl und hohe Beträge. Sehen Sie sich mal die Bilanzen von Auto und Chemie an. Allerdings wird überwiegend nicht in Westeuropa, sondern in Osteuropa, Asien und Lateinamerika investiert. Wie soll dieses “Investionsverhalten” durch Ausgaben/ Investionen des deutschen Staates geändert bzw. gesteuert werden?
    Zum Thema geschlossene Systeme:
    Modelle auf der Basis geschlossener (idealer) Systeme dienen in der Physik dazu, Schüler an sehr viel komplexere Modelle heranzuführen. Die Minimalgröße eines geschlossenen Modells in der VWL einer globalisierte Wirtschaft wäre die Volkswirtschaft der Erde insgesamt.
    Übrigens, das Thema der sog. Globalisierung ist nicht neu. Ob der Startzeitpunkt der Globalisierung bei Marco Polo oder Columbus gesetzt wird, ist egal.

    Grüße

  • Thoha - 2. Dezember 2014

    Hallo Franz,

    mit den Bilanzen von Auto und Chemie dürften sie wohl vor allem VW und BASF im Auge gehabt haben.

    VW hat sich im Wettbewerb mit dem Marktführer Toyota für einen Kompromiss zwischen einem Ausbau der Produktionsstätten in Polen und Mexiko einerseits, und einem gleichzeitigen – auch im Inland verordneten – Sparkurs andererseits entschieden, um zu den höheren Gewinnmargen Toyotas aufschliessen zu können. Relativierend müsste man ehrlicherweise feststellen, dass Herr Winterkorn das Bekenntnis zum Standort Deutschland durchaus aufrecht hält und ein Grossteil der VW-Investitionen auch weiterhin in Deutschland fliessen ( http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/VW-investiert-trotz-Sparkurs-kraeftig,vw1584.html ).

    BASF will vor allem wegen der billigen Schiefergaspreise vom Fracking-Boom in den USA profitieren und plant an der US-Golfküste eine Anlage zur Herstellung von Propylen, um seine „Rückwärtsintegration in den USA stärken” (
    http://www.manager-magazin.de/unternehmen/industrie/basf-prueft-us-milliardeninvestition-wegen-billiger-fracking-gaspreise-a-967193.html ).
    Inwiefern daneben die in der FAZ lancierte Ankündigung, wegen der höheren Energiekosten die Investitionen und z.T. auch die Produktion ins Ausland zu verlagern, auch als Drohgebärde im Poker um die Ökostrom-Umlage zu bewerten ist, ist für einen Aussenstehenden natürlich schwierig zu beurteilen ( http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/hohe-strompreise-basf-will-weniger-in-deutschland-investieren/9463592.html )

    Obwohl die Auslandsinvestitionen im Detail also durchaus unterschiedlich motiviert sind, gibt es doch eine Gemeinsamkeit: Gemeinsames Ziel ist vor allem der weitere Ausbau einer weltweiten Spitzenposition, auf die der deutsche Staat – wie Sie in Ihrer Frage korrekt angedeutet haben – durch Investitionen im Inland in der Tat kaum Einfluss hat. Darum sollten sich die Investitionen des Staates auch gar nicht auf die von Ihnen genannten Großkonzerne konzentrieren. Die kommen heute ohnehin gut ohne seine Hilfe klar. Stattdessen lohnt es sich, den Blick einmal auf die Investitionstätigkeit der kleineren Player vor Ort zu richten ( https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Fokus-Volkswirtschaft/Fokus-Nr.-61-Juni-2014.pdf ).

    Laut der größten Mittelstandsbefragung in Deutschland ist die Bereitschaft für mehr Investitionen hier durchaus vorhanden, nur wird das Risiko einer Fremdfinanzierung über Kredite gescheut  http://www.wiwo.de/unternehmen/mittelstand/commerzbank-studie-dem-mittelstand-fehlt-der-mut/9878428.html ). Diese eher konservative Zurückhaltung ist für den einzelnen Mittelständler durchaus typisch und verständlich, da sie ihn bisher relativ unbeschadet durch die Finanzkrise geführt hat. Volkswirtschaftlich wird sie allerdings zum Problem.

    Neben der Investition in die öffentliche Infrastruktur könnte der Staat also auch diesen Marktteilnehmern stärker finanziell unter die Arme greifen, anstatt sein Geld und seine Energie durch die Rettung von Zombiebanken zu vergeuden, deren Kredite ohnehin niemand nachfragt. Will man dabei nicht nach dem Giesskannenprinzip Subventionen verteilen – was ich auch okay fände – wären auch staatliche Bürgschaften für zinslose KfW-Darlehen o. ä. denkbar. Und wem auch diese Form der Wirtschaftsförderung aus ideologischen Gründen suspekt ist, der könnte kurzfristig zumindest steuerlich schon mal die Diskriminierung des Eigenkapitals gegenüber dem Fremdkapital aufheben (http://www.bdi.eu/Eigenkapitalausstattung-im-Mittelstand-.htm ).
     
    Nur so sind Arbeitsplätze, die nach Möglichkeit dauerhaft in Deutschland verbleiben sollen, zu fördern. Inhaber- und familiengeführte kleine und mittelständische Unternehmen können ihren Produktionsstandort und ihre Arbeitskräfte schlichtweg nicht so einfach in andere Teile der Welt verlagern, wie ein Großkonzern. Durch das ortsgebundene Management bestehen nicht zuletzt auch persönliche Kontakte und Bindungen zur Arbeitnehmerschaft, die in die Standortscheidungen mit einfliessen. Für die Shareholder internationaler Holdings sind Arbeitsplätze dagegen nichts weiter als eine anonyme Manövriermasse. Dabei ist der Mittelstand auch in der Exportwirtschaft eine tragende Größe (http://www.ifm-bonn.org/studien/mittelstand-und-gesellschaft-staat/studie-detail/?tx_ifmstudies_detailstudy=76&cHash=26f014b2eb09831f0ead7bdbfdf5bda5 ).
     
    Dass sich Deutschland im internationalen Vergleich und vor allem in Europa wirtschaftlich so robust präsentieren kann, liegt vor allem auch an der Tatsache, dass dieses Land nach wie vor von traditionell starken mittelständischen Strukturen zehren kann. Man redet ja in diesem Zusammenhang gerne vom „Rückgrat unserer Wirtschaft“. Um in diesem medizinischen Bild zu bleiben: Ein Staat, der nur auf das Anlocken oder den Verbleib internationaler Konzerne als Garanten für Arbeitsplätze setzt, fördert auf Dauer nur die eigene Atrophie und verliert sein Rückgrat. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist Frankreich, das traditionell durch seine Zentralisierung geprägt ist (http://www.n-tv.de/wirtschaft/Die-Probleme-der-Grande-Nation-article6051661.html ).
     
    Wenn Sie davon schreiben, dass die Globalisierung kein modernes Phänomen sei, sondern schon seit Marco Polos Zeiten bestanden habe, ist dies richtig, sofern sie unter Globalisierung nur den internationalen Handel verstehen. Der bestand auch schon im Altertum. Eine neue Dimension bildet im 21. Jahrhundert aber sicherlich die exzessive internationale Hin- und Herverschiebung von Geldkapital, das sich auf seinem Weg um die Welt genauso verhält, wie die oben erwähnten internationalen Großkonzerne (als Shareholderkapital in Aktieninvestments auch direkt in deren Gefolge). Daneben wird die „Globalisierung“ ja auch gerne von ihren Profiteuren als politischer Kampfbegriff gebraucht, um Angesichts der vermeintlichen „Alternativlosigkeit“ das internationale Steuerdumping voranzutreiben sowie die Arbeits- und Lohnstandards auf ein kleinstes gemeinsames Niveau drücken zu können.

    Dies alles an dieser Stelle auszubreiten würde wohl den Rahmen dieses Posts sprengen. Daher hier als Hinweis zum einen ein Youtube-Link zu einem erhellenden Vortrag der Journalistin Ulrike Herrmann zu „Geld und Kapital“ ( https://www.youtube.com/watch?v=E7efvLgeKP8 )sowie zum anderen dieses Plädoyer von Prof. Dr. Karl Albrecht Schachtschneider „Wider die Freihandelsdoktrin“: http://www.zeit-fragen.ch/index.php?id=1380 .

    Mit freundlichen Grüßen
    Thomas

    • Georg Trappe - 4. Dezember 2014

      Hallo Thomas,

      vielen Dank fuer die vielen interessanten Hinweise. Zum Vortrag von Ulrike Herrmann ist von meiner Seite anzumerken, dass sie dem weit verbreiteten Irrtum unterliegt, dass das Fettaugensyndrom, sie kennzeichnet es durch das Abgleiten von signifikanten Bevoelkerungsanteilen in die Schuldknechtschaft, ein Phaenomen stagnierender Wirtschaft sei. Das ist definitiv nicht so. Das Fettaugensyndrom entwickelt sich vollkommen unabhaengig vom Verlauf der gesamtwirtschaftichen Entwicklung. Also sowohl in schrumpfenden, stagnierenden oder wachsenden Wirtschaften. Frau Herrmann weisst richtigerweise darauf hin, dass unproduktive Verteilungsspiele Nullsummenspiele sind. Das ist immer so, denn das, was zu veteilen ist, ist immer endlich. Auch dann wenn es gegenueber dem Vorjahr mehr, weniger oder gleich ist. Allerdings laesst sich in einer wachsenden Wirtschaft diese Tatsache besser verschleiern, denn dann sind viele offenbar bereit auch ein unterdurchschnittliches Wachstum des eigen Einkommens bzw. Vermoegens hinzunehmen, wenn wenigstens ein Wachstum YoY zu verzeichnen ist. Dieser “Trost” macht es ertraeglicher zu den ewigen Verlierern zu gehoeren, verstellt aber gleichzeitig den Blick darauf, dass dennoch massive Konzentrationsprozesse ablaufen.
      Realwirtschaftliches Wachstum ist also nicht die Loesung fuer Probleme, die aus Konentrationsprozessen entstehen, die ihre Wurzel im Verhalten der Menschen und den dabei auftretenden streuenden Erfolgen haben.
      -
      Dann noch etwas zu den Ausfuehrungen von Herrn Schachtschneider. Er deutet auf ein Problem, dass auf der Ebene der Volkswirtschaften angesiedelt ist. Auf dieser Ebene scheint es fuer die meisten einfacher zu sein, das Problem zu erkennen und auch Loesungsvorschlaege zu bringen, die in die richtige Richtung gehen. Allerdings ist das Problem nicht nur zwischen Volkswirtschaften vorhanden, sondern auch auf der Ebenen der Firmen und der Ebene der Individuen. Es ist skaleninvariant. D.h. die Funktionsstoerungen und Gefahren, die auf der Ebene der Volkswirtschaften durch exzessive und chronische Ungleichgewichte entstehen, sind auch auf der Ebene der Firmen und der Ebene der Individuen vorhanden. Und zwar aus den gleichen Gruenden. Auch in einer kleinen Republik mit sehr vielen kleinen Firmen entsteht ein massives Problem, wenn es einem Individuum gelingt ueber 35 Jahre lang 38% CAGR fuer das eigene Vermoegen und die eigenFirma zu realisieren (Bill Gates) waehrend die Gesamtwirtschaft im Durchschnitt einstellig waechst.

      Gruesse

      Georg

    • Franz - 7. Dezember 2014

      Hallo Thomas,
      vielen Dank für Ihren umfangreichen Kommentar und die links. Ich konnte wieder einiges zu VWL lernen und habe einige Kommentare und Fragen. Zunächst zu den links:
      VW:
      Die Zahlen des Geschäftsberichts zu Personal und Produktion In-/Ausland haben Sie sicher gewürdigt. Interessant ist das im link verlinkte Video (Teile des Originals der Presseerklärung) Winterkorn spricht von einem Bekenntnis zu den 28 VW Werken und den 270.000 Beschäftigten in D. Osterloh (nicht Winterkorn) spricht lt. Text von einem Bekenntnis zum Standort D. Sehr interessant ist die Stimmung. Harmonie sieht anders aus. Interessant ist auch, dass der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen (Anteilseigner) zur Produktionssegmentierung referiert. Das sind ja fast schon französische Verhältnisse. Nun sind über 5 Jahre 36 Mrd. € Invest. in D von 86 Mrd.€ natürlich ein erheblicher Betrag. Um den Beschäftigungseffekt (und in welchem Bereich?) abschätzen zu können, müsste man jetzt noch wissen, in was (FuE, Produktion?) und wie investiert (Automatisierungsgrad?) wird. Ein “Spar“-programm und Investitionen sind übrigens kein Widerspruch, ganz im Gegenteil.
      Frau Herrmann:
      Der Vortrag zum Thema Geld ist eine sehr gute Zusammenfassung. Sehr empfehlenswert, 1 Stunde Video ersparen die Lektüre eines ganzen Buches von Paul C Martin (1992)
      H. Schachtschneider ( Die EU ist gescheitert)
      Dieser Artikel hat mich wegen seiner Einseitigkeit und damit Unausgewogenheit enttäuscht. Beispiel Spanien. Die aktuelle Misere ist nur der EU und dem EURO geschuldet? Die ES Wirtschaftspolitik hat keinen Anteil? EU und EURO haben ES keine Vorteile gebracht? Niedrige Zinsen, niedrige Inflation und eine stabile Währung sind Wettbewerbsnachteile? Zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit wurde die Währung abgewertet? Oder war die laufende Abwertung ggü. der DM etwa eine Folge der höheren Inflation in ES? Der Artikel ist mir zu flach. Von einem deutschen Professor erwarte ich mehr Qualität. Zum Verstehen der Misere in ES sind die Artikel von Steffen deutlich besser geeignet. Da wird Qualität geboten, Daten, Datenreihen und Zusammenhänge, bei denen ich prüfen kann, ob es sich um Korrelation oder Koinzidenz handelt und Aussagen ohne Polemik.
      Zum Verständnis der (aktuellen) Volkswirtschaft interessieren mich Modelle, deren Gültigkeit durch die Wirklichkeit zumindest in Teilen nachgewiesen werden kann. Da Sie anscheinend über umfangreiche Literatur und links verfügen, wäre ich bezgl. der folgenden Themen für Literaturhinweise oder links dankbar. 1. Spanien während der Kolonialzeit Damals hatte die spanische Volkswirtschaft, Staat und Private, einen unglaublichen Zufluss von Kapital in Form realer Werte (Edelmetalle etc.) aus Südamerika. Die Kosten waren für ES wenig höher als die Logistikkosten. Sind die Auswirkungen und Folgen auf die ES Volkswirtschaft verstanden und beschrieben worden? Gibt es hierzu Literatur?
      2. Brasilien ca. 1960 bis 1994
      Brasilien hatte in den 60ern und 70ern einen starken Wirtschaftsaufschwung der ab ca. 1980 durch eine Hochinflation endete, Inflation 1985 30% pro Monat. Viele Versuche, auch Währungsreformen, die Inflation in den Griff zu bekommen, scheiterten, bis 1994 durch F.H. Cardoso der Real eingeführt wurde. Wurde Boom, Inflation und Währungsreform als Modell beschrieben und verstanden? Warum war FHC erfolgreich und seine Vorgänger nicht?
      Viele Grüße
      Franz

  • Thoha - 4. Dezember 2014

    Hallo Georg,

    schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben, den Links in ganzer Länge zu folgen :-) . Es freut mich, dass es Ihnen nicht um Rechthaberei, sondern um echte Kommunikation geht, das ist in Internetforen ja keine Selbstverständlichkeit.

    Grundsätzlich lässt sich natürlich auch Frau Herrmann hin und wieder vom Mainstream mitreißen. Trotz der einstündigen Dauer des verlinkten Vortrags bei der „New Industries Konferenz“ kann das Video nur einen Ausschnitt ihrer wirtschaftspolitischen Ansichten wiedergeben, da das Thema ja eingegrenzt war. Zu Frau Herrmanns „Ehrenrettung“ sei hier also noch einmal darauf hingewiesen, dass sie sich des von Ihnen kritisierten Irrtums oder Selbstbetrugs zumindest im Ansatz bewusst ist und – nicht nur mit dem Blick auf die realwirtschaftlichen Wachstumsraten – in ihrem Buch „Hurra, wir dürfen zahlen“ (2010) eine steuerliche Umverteilung des Vermögens im Sinne des „New Deals“ von Franklin D. Roosevelt gefordert hat (Wer nicht gleich das ganze Buch kaufen möchte, findet hier auch eine ganz gute Rezension: http://www.nachdenkseiten.de/?p=5626 . Ihr Hinweis auf den „Trost“, der es “erträglicher macht, zu den ewigen Verlieren zu gehören“, wird dort von Frau Herrmann auch in ihrer Mittelstandsbetrachtung deutlich erwähnt). Dass sie die Eindämmung des „Fettaugensyndroms“ nicht mit derselben Konsequenz einfordert, wie Sie oder ich es vielleicht tun, sehe ich allerdings genauso.

    Herr Schachtschneiders Artikel erschien mir im Hinblick auf das Posting von Franz besonders passend, da Schachtschneider als wertkonservativer „Globalisierungsgegner“ (und nicht als plumper Nationalist) nicht die Tatsache an sich ausblendet, dass die Volkswirtschaften untereinander in einem internationalen Wettbewerb stehen. Er zeigt aber auf, dass Protektionismus für diese Volkswirtschaften auf nationaler Ebene durchaus ein legitimes und historisch gewachsenes Mittel ist, um auf wirtschaftliche Herausforderungen oder „Bedrohungen“ von außen reagieren zu können und man sich durch die allgemein propagierte Freihandelsdoktrin konsequent dieser Möglichkeit des Selbstschutzes beraubt. Kritisch sehe ich, dass Herr Schachtschneider genauso mit einem Abwertungskampf der Währungen als allein selig machendem Ausweg aus dem Euro argumentiert, wie leider die meisten Eurogegner aus dem konservativem Lager. Aber das wäre ein anderes Thema.

    Das bis in die „Mikroebene“ hinein auch innerhalb übersichtlicherer Organisationseinheiten wie den Nationalstaaten im Prinzip dieselben Akkumulationsprozesse ablaufen, wie auf globaler Ebene, ist sicher richtig. Auseinandersetzungen um Macht und Besitz wird es wohl geben, solange die Menschheit existiert. Wie sie allerdings auch feststellen, ist es innerhalb kleinerer Einheiten einfacher, sich auf gemeinsame Lösungen zu einigen und dann in diese Akkumulationsprozesse regulierend einzugreifen.

    Grundsätzlich muss man sich von der Vorstellung lösen, ein System zu suchen, das wirklich alle Eventualitäten berücksichtigen und ein perfektes Gleichgewicht herstellen könnte. Diese Vorstellung möchte ich Ihnen nicht unbedingt unterstellen, da Sie in Ihren bisherigen Äußerungen regelmäßig einen gesunde Portion Skeptizismus als persönliche Grundeinstellung zum Ausdruck gebracht haben (vielleicht sogar für meinen Geschmack manchmal etwas zu viel, denn wenn es 5 vor 12 ist, könnte zu langes Zögern irgendwann auch kontraproduktiv sein ;-) ) Trotzdem an dieser Stelle ein kleines Bild, das die große Ökonomie entsprechend der von Ihnen genannten Skaleninvarianz auf eine besonders kleine Ebene projiziert: Auf einen Kinderspielplatz. Dort steht eine Wippe. Mal ist das eine Kind oben, mal das andere. Manchmal lehnt sich Kind 1 auch mit seinem ganzen Gewicht zurück und kostet seine „Macht“ aus, um Kind 2 oben „verhungern“ zu lassen. Das lässt sich das „verhungernde“ Kind 2 natürlich nicht gefallen und so entbrennt ein mitunter tränenreicher Streit, in dessen Verlauf die Kontrahenten wieder zu Spielpartnern und sich über eine gemeinsame Fortsetzung einig werden. Schliesslich würde sich auch Kind 1 irgendwann langweilen, wenn es die ganze Zeit nur an einer Position bliebe. Würden beide Kinder im Gleichgewicht verharren, wäre das Spiel zu Ende.

    Diese Dynamik immer wieder auftretender leichter Ungleichgewichte ist die treibende Kraft des Spiels. Ein perfektes Gleichgewicht, dass nicht hin und wieder durch leichte äußere Einflüsse gestört würde, bedeutet Stagnation. Drastischer ausgedrückt, kennt die Natur nur einen Zustand perfekten Gleichgewichts, den wir i. d. R. aber nicht anstreben: Den Tod.

    Ein perfektes wirtschaftliches Gleichgewicht wird niemals herstellbar sein (selbst beim chemischen bzw. thermodynamischen „Gleichgewicht“ kommt die Reaktion nicht zum Stillstand, wenn Sie in die Naturwissenschaft schauen). Auch so betrachtet, ist das Paradies nicht von dieser Welt und jeder, der es verspricht, muss als Scharlatan scheitern. Aber selbst mit dieser Gewissheit können wir alle zumindest versuchen, uns ihm anzunähern und dabei das bestmögliche Ergebnis rausholen. Und von dem scheinen wir mir momentan viel zu weit entfernt zu sein.

    Viele Grüsse
    Thomas

  • Georg Trappe - 5. Dezember 2014

    Hallo Thomas,

    Ihre “Ehrenrettung” fuer Frau Herrmann ist sicher angebracht. Ich wollte mit meiner Anmerkung auch nicht den Vortrag als Ganzes in Frage stellen. Sie raeumt darin ja richtigerweise mit vielen naiven Vorstellungen auf und weist ja auch darauf hin, wie kritische die Rolle der Banken und insbesondere der Investmentbanken bei den eher unproduktiven Verteilungsspielen zu sehen ist.
    -
    Ihr Bild von der Wippe finde ich sehr treffend. Es zeigt sehr schoen, was Lebendigkeit ausmacht. Und was nicht.

    Viele Gruesse
    Georg

  • Franz - 7. Dezember 2014

    Hallo Christoph,
    noch eine Verständnisfrage zu den Unternehmensgewinnen in Schaubild 1.
    Handelt es sich hier
    a) um die Gewinne, die durch Leistung (insbesondere Produktion) in D verursacht werden?
    oder
    b) sind hier auch die Gewinne enthalten, die durch Leistung (insbesondere Produktion) im Ausland entstehen, (ausl. Tochtergesellschaften, JV)? D.h., sind bei international tätigen Unternehmen die Gewinne auf Konzernebene verarbeitet?
    Falls a), wer liefert diese Daten?
    Vielen Dank und Grüße
    Franz

    • Querschuss - 8. Dezember 2014

      Hallo Franz,
      es handelt sich im Schaubild 1 ausschließlich um Unternehmensgewinne erzielt im Inland (in Deutschland). Die Daten basieren auf den aufgeschlüsselten Sektorkonten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, die Originaldatei hier:
      https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/VolkswirtschaftlicheGesamtrechnungen/Nationaleinkommen/SektorkontenXLS_5812105.xlsx?__blob=publicationFile

      Gruß Steffen

      • Franz - 9. Dezember 2014

        Hallo Steffen,
        damit ich weiß, ob ich die Bedeutung der Zahlen kapiert habe, folgende Fragen:
        a) die dargestellten Gewinne sind die in D erzielten. Der Produktionsstandort (In- /Ausland) der Produkte ist nicht relevant. Korrekt?
        b) der im Ausland erzielte Gewinn aus dem Verkauf eines in D hergestellten Produkts ist nicht enthalten. Korrekt?
        Grüße
        Franz

        • Querschuss - 9. Dezember 2014

          Hallo Franz,
          weder noch, der Produktionsstandort ist relevant, aber nur der in Deutschland und jeglicher Gewinn eines in D hergestellten Produkts ist enthalten.

          Kern der Betrachtung ist nur der Produktionsstandort, die hier in Deutschland erzielte Nettowertschöpfung, gleich der Produktionswert minus Vorleistungen minus Abschreibungen, abzüglich der Produktions- und Importabgaben zuzüglich der Subventionen. Die Nettowertschöpfung ist gleich den Erwerbs- und Vermögenseinkommen, aus diesen heraus werden die Arbeitnehmerentgelte gezahlt, übrig bleiben der Betriebsüberschuss und die Selbstständigeneinkommen.

          Der Unternehmensgewinn ist der im Inland entstandene Betriebsüberschuss der Kapitalgesellschaften, zuzüglich der empfangenen Vermögenseinkommen (auch aus dem Ausland), abzüglich der geleisteten Vermögenseinkommen (auch ins Ausland, jedoch ohne geleistete Ausschüttungen und Gewinnentnahmen. Die in der VGR ausgewiesenen Unternehmensgewinne entsprechen konzeptionell in etwa den Bilanzgewinnen in den Jahresabschlüssen der Unternehmen, weichen von diesen aber insoweit ab, als Scheingewinne/-verluste eliminiert, außerordentliche Erträge bzw. Verluste nicht berücksichtigt und anstelle der betriebswirtschaftlichen Abschreibungen die im Rahmen der gesamtwirtschaftlichen Kapitalstockrechnung ermittelten Abschreibungen verwendet werden.

          Es ist leider sehr komplex, aber in dieser PDF ist alles deteilliert und damit leider auch sehr umfangreich erklärt.
          https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/VGR/Methoden/Downloads/Einkommen.pdf?__blob=publicationFile

          Gruß Steffen

  • Christoph - 9. Dezember 2014

    @Georg Trappe:
    “Es ist aber fuer eine Volkswirtschaft nicht egal, ob Einkommen, Vermoegen, Firmengroessen etc. gleich oder anders verteilt sind. Vielmehr gibt es den begruendeten Verdacht, dass schwerwiegende Funktionsstoerungen und Instabilitaeten ihre tiefere Ursache genau hier haben.”
    Das sehe ich ähnlich. Auf die Unschärfe, die auf der sektoralen Aggregation beruht, macht Stützel aufmerksam – beschreibt divergierende Stromgrößen (bzw. Richtungen) innerhalb eines Sektors und bezeichnet diese als (positive=+/-verstärkende/negative=+/-reduzierende) Spreizwirkung(en). In zwei SVR-Jahresgutachten (66/67+67/68) hinsichtlich der Rezessionsjahre 1966/1967 wird als Spreizwirkung bezeichnet, wenn (größere) Unternehmen in der Rezession Einnahmeüberschüsse generieren (und kumulieren) und damit komplementäre (kleinere) zu (ungeplanten) höheren Defiziten zwingen. Grüße Christoph

  • Christoph - 9. Dezember 2014

    Richtigstellung: Sorry, beim Beispiel 1966/67 muss es heissen: Spreizeffekt.

  • Thoha - 11. Dezember 2014

    Hallo Franz,

    leider bin ich kein ausgebildeter Ökonom und dürfte in volkswirtschaftlichen Fragen nur über dieselben Quellen verfügen, wie Sie oder jeder andere interessierte Laie auch. Allerdings zählt Geschichte tatsächlich zu meinen Steckenpferden, also werde ich versuchen, Ihre Fragen so gut es geht zu beantworten und dabei von hinten anfangen:

    1. Spanien während der Kolonialzeit

    Da die spanische Kolonialgeschichte eigentlich von Columbus und der Conquista bis zur vollständigen Unabhängigkeit der Kolonien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts reicht, müsste man den genauen Zeitraum zunächst eingrenzen. Lassen sie uns einfach die Jahre zwischen 1500 und 1700 betrachten. Die Edelmetallausbeute der spanischen Kolonien in Amerika bestand im Wesentlichen aus Silber. Von diesem blieb aber nur der kleinere Teil in Spanien, das meiste wurde nicht in die spanische Wirtschaft, sondern in die Kriegskredite des spanischen Königshauses investiert und an seine ausländischen Gläubiger weitergereicht. Das so abgeflossene Silbergeld wurde in Spanien einfach durch Kupfermünzen ersetzt, was dort und auch in Europa allgemein zu einer größeren Inflation geführt hat. Genützt haben ihm die „realen Werte“ in Form seines Amerikasilbers also wenig, das Königshaus war am Ende seiner Kriegspolitik trotzdem pleite. So, wie seine Gläubiger übrigens auch (Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien sind natürlich rein zufällig ;-) )

    Nachlesen können Sie dies u.a. bei Vandenhoeck & Ruprecht: „Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft“, Band 9

    https://books.google.de/books?id=20eMkmPdqUkC&pg=PA76&lpg=PA76&dq=V%C3%A9llon-Inflation&source=bl&ots=bDLkSkXsEa&sig=ni8aYffgBcOpJQGHsu76df2m3P0&hl=de&sa=X&ei=12mHVJyQH4m-PZXWgTg&ved=0CD8Q6AEwBg#v=onepage&q=V%C3%A9llon-Inflation&f=false

    oder auch in „Kleine Geschichte des Geldes: vom Mittelalter bis heute“ von Michael North

    https://books.google.de/books?id=n_3UcGo621EC&pg=PA78&lpg=PA78&dq=Kupferpr%C3%A4gung+spanien+1600&source=bl&ots=9SHMdtfOes&sig=NDPIqtX-zU3AnN2Oig1hP0jD-_A&hl=de&sa=X&ei=nmaHVNvqOoO3OPKWgMAB&ved=0CCMQ6AEwAA#v=onepage&q=Kupferpr%C3%A4gung%20spanien%201600&f=false

    2. Brasilien ca. 1960 bis 1994/der „Plano Real“

    Für spezifische Fragen zur brasilianischen Wirtschaft bin ich offen gesagt kein Experte und somit eigentlich nicht Ihr richtiger Ansprechpartner. Ich habe trotzdem mal kurz online nachrecherchiert und konnte neben diesem kommentierenden Text http://archive.today/EIBn auch diese Arbeit der „Forschungsgruppe Politische Ökonomie“ an der Universität Marburg ergoogeln: http://www.fgpoloek.de/download/DP%2003%20–%20www.fgpoloek.de%20–%20Inflationsbekaempfung%20um%20jeden%20Preis.pdf . Über dessen Literaturliste könnten Sie Ihre eigene Recherche fortsetzen.
    Mit aktuell 6 % ist die kontrollierte Inflationsrate in Brasilien ja auch Jahre nach der Einführung des Real nach wie vor nicht besonders klein (http://www.zeit.de/2013/33/brasilien-geldpolitik-inflation ). Dass eine niedrige Inflation allerdings allein noch kein Gradmesser für wirtschaftlichen Erfolg oder soziale Stabilität ist, sieht man derzeit besonders deutlich in der EU bzw. im Euroraum. Das führt uns zu

    3. Prof. Schachtschneider und seine Eurokritik:

    Herr Schachtschneider ist in erster Linie Professor für Staats- und Wirtschaftsrecht und nicht für VWL. Dieser Hintergrund kennzeichnet natürlich auch seine Argumentation z.B. bei seinen Verfassungsbeschwerden gegen den Euro. Statistiken und lange Zahlenreihen werden Sie darum bei ihm kaum finden, da sind Sie bei Steffen sicherlich besser aufgehoben. Das macht Schachtschneiders Argumente – gerade auch zur „Freihandelsdoktrin“ – aber nicht per se falsch.

    Die Währungsunion kam vor allem auf Initiative Frankreichs zustande, um die Dominanz Deutschlands, die es im EWS, dem Vorläufer des Eurosystems zweifellos hatte, durch die Abschaffung der DM zu brechen. Doch hatten Frankreich und seine Nachbarländer mit dem Tunnelblick auf die Entmachtung der Bundesbank übersehen, dass die Union für sie zum Bumerang werden musste, da sie ihre eigenen Dämme eingerissen hatten und Deutschland im Binnenmarkt ihre Märkte nun umso dominanter überschwemmen konnte, da seine Produkte nicht mehr mit drastischen Abwertungen von Lira, Pesete und französischem Franc konfrontiert waren ( http://diepresse.com/home/wirtschaft/hobbyoekonom/611374/Waehrungsunion_Das-Ende-der-deutschen-Atombombe ).
    Sicherlich sind viele Probleme einzelner Euroländer auch hausgemacht. Und dass es in Europa auch ohne den Euro zu ähnlichen Ungleichgewichten gekommen wäre wie heute, schliesse ich nicht aus, es ist sogar wahrscheinlich (hierzu ein Artikel der TAZ vom Juni 2013: http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=me&dig=2013%2F06%2F28%2Fa0094&cHash=4b712f0d1b4d237e38111e732a86cd75 ). Der Schuldenstand von Ländern wie Griechenland wäre heute aber deutlich weniger dramatisch. Hier halte ich es mit dem verstorbenen Prof. Wilhelm Hankel: „Eine real aufgewertete Währung verleitet geradezu dazu, in ganz Europa billig einzukaufen und billige Kredite aufzunehmen.“ ( http://www.onevibe.de/public/transform/contributions/Politik_Recht_&_Gesellschaft/80 ) Durch die o.g. Dominanz Deutschlands in der gemeinsamen Währungszone steigen die Defizite nur noch weiter an und berauben die Defizitländer auch ihrer letzten Handlungsmöglichkeiten. Hierzu finden Sie regelmässig statistische Belege auf Querschuesse.de.

    Zu VW:

    Sowohl aus den Aussagen Winterkorns wie auch Osterlohs geht ziemlich deutlich hervor, dass es vor allem um Sachinvestitionen geht, die nur dem Erhalt und nicht einem großartigen Ausbau der Arbeitsplätze in deutschen VW-Werken dienen. Der Löwenanteil dieser Mittel fliesst laut dem Artikel in die Modernisierung der Produktpalette, schwerpunktmäßig wird hier die „Ausweitung der SUV-Palette“ (“Sport Utility Vehicles”) genannt, also kleine Jeeps, mit denen ich nicht nur protzen, sondern auch im „Dschungel“ der Innenstadt noch einparken kann.
    Hier würde ich Ihnen im Gegenzug gerne die Frage stellen, wo sie bei bereits 28 bestehenden Werken und 270.000 Beschäftigten überhaupt noch realistisches Potential für den Aufbau weiterer Werke in Deutschland sehen? Bei dem Aufbau von Produktionsstandorten in Übersee geht es ja nicht nur um die dortigen billigen Arbeitslöhne, sondern auch darum, marktnah produzieren zu können. Das sehen Sie ja auch daran, dass es verschiedene VW-Modelle gibt, die nur im Ausland und nicht in Europa verkauft werden.
    Über die Details seiner operativen Pläne könnte Ihnen wohl nur Herr Winterkorn selbst Auskunft geben, auch hier bin ich zu wenig Insider.
    Um einen zuverlässigeren Zugang zu Informationen aus erster Hand zu bekommen, könnten Sie vielleicht auch eine VW-Aktie kaufen und mit dieser Teilnahmeberechtigung auf die nächste ordentliche Hauptversammlung fahren (die wäre allerdings erst im Mai 2015). Wenn Sie dort ein paar alte Hasen belauschen oder auf ein Bier einladen, sollten Sie eigentlich alles erfahren, was Sie wissen wollen ;-)

    Viele Grüße
    Thomas