Das Lehman-Szenario der Fed: Genug Stress für oder durch US-Banken?

von am 24. November 2011 in Allgemein

Die Fed hat diese Woche einiges Aufsehen mit den Vorgaben für ihren neuen Stresstest für US-Banken erregt. Einmal müssen sich nun nicht mehr nur die wichtigsten 19 US-Großbanken dem Stresstest unterziehen, sondern insgesamt 31 Banken, darunter auch Regionalbanken. Zudem zeigt das vorgegebene Stress-Szenario, wie ernst die Crashgefahr gegenwärtig von der Fed eingeschätzt wird. Danach sollen die US-Banken unter anderem von Folgendem ausgehen: (1)

  • Negatives BIP-Wachstum
    ab dem 4. Quartal 2011 (- 4,84 Prozent) bis Ende des 3. Quartals 2012 (- 3,51 Prozent), mit in der Spitze Minus 7,98 Prozent (Q1, 2012)

Zum Vergleich: Nach der Lehman-Pleite war das BIP in den USA im 3. Quartal um 3,7 Prozent, in der Spitze um 8,9 Prozent (Q4, 2008), im 1. Quartal 2009 nochmals um 6,7 Prozent eingebrochen und kehrte erst wieder im 3. Quartal 2009 in den positiven Bereich zurück. (2)

  • sinkende verfügbare Realeinkommen
    vom 4. Quartal 2011 (- 6,02 Prozent), mit in der Spitze Minus 6,81 Prozent (Q1, 2012) bis Ende 2012;
  • Anstieg der Arbeitslosigkeit
    von 9,68 Prozent im 4. Quartal 2011 bis auf 13,05 Prozent in der Spitze (Q2, 2013).

Zum Vergleich: Nach der Lehman-Pleite stieg die US-Arbeitslosenquote innerhalb eines Jahres von 6,6 Prozent (Oktober 2008) auf den Höchststand von 10,1 Prozent (Oktober 2009) und ist seitdem nur geringfügig gesunken, auf zuletzt 9,0 Prozent (Oktober 2011). (3)

  • Verfall der Häuserpreise bzw. Verfall des Häuserpreisindexes
    von 135,13 (4Q, 2011) bis auf den Tiefststand von 108,08 Punkten im 1. Quartal 2014

sowie

  • Einbruch des Dow Jones
    von 11 772 Punkten (Q3, 2011) auf den Tiefststand von 6 083 Punkten im 1. Quartal 2013.

Zum Vergleich: Vor der Lehman-Pleite im September 2008 stand der Dow Jones im Maximum bei 13 058 Punkten (Mai 2008) und fiel auf den Tiefststand von 6 547 Punkten (März 2009).

Das Stress-Szenario der Fed ließe sich folglich durchaus treffend als „Lehman-Szenario“ bezeichnen. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Finanzmarktrisiken heute sicher nicht kleiner, aber praktisch immer noch ähnlich schlecht einzuschätzen sind wie 2008. Andererseits ist davon auszugehen, dass sie im Ernstfall nicht mehr in derselben Weise unter Kontrolle gebracht werden können wie nach der Lehman-Pleite. Das liegt vor allem an der mittlerweile verbreitet sehr hohen Staatsverschuldung, das heißt, es existiert kaum mehr finanzieller Spielraum für kostspielige Rettungs- und Stützungsmaßnahmen. Es liegt aber auch an der geschwundenen politischen und gesellschaftlichen Bereitschaft (siehe Occupy Wall Street), strauchelnde Finanzmarktakteure mit Steuergeldern zu retten, zumal wenn Austeritätspolitik der Preis dafür ist. Denn ein Blick auf die Statistik (siehe Tabelle) zeigt, dass die Staatsverschuldung in den meisten Staaten im Zuge und bedingt durch die Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise sprunghaft gestiegen ist. Es dürfte den Bürgern deswegen schwerlich zu vermitteln sein, dass sie allein die Rechnung zu begleichen haben.

Drittens ist aber auch die bisherige Bilanz der Krisenbewältigung miserabel, denn Stabilität oder gar eine durchgreifende Besserung der Lage haben die ergriffenen Maßnahmen bisher nicht erbracht. Im Gegenteil scheint der politische sowie notenbankpolitische Instrumentenkasten weitgehend ausgereizt zu sein. Und wie die anhaltenden Kontroversen über geeignete Maßnahmen, die Krise unter Kontrolle zu bringen, zeigen, sind überzeugende neue Konzepte nicht in Sicht.

Bereits im März 2011 konnte man in etwa dasselbe in einem Diskussionspapier des Internationalen Währungsfonds lesen, allerdings fällt das Zeugnis für das Krisenmanagement noch schlechter aus:

„Confidence in financial systems is still highly dependent on explicit and implicit central bank and government support. … The policy mix applied in the recent crisis has come at a high overall cost and has intensified moral hazard. The mix is unlikely to be repeated in response to a future crisis because it would be too costly economically and too controversial politically.” (4)

Und weiter:

“In most countries, the structure of the financial system has changed little. In fact, as large banks acquired failing institutions, concentration has increased on average – for the 12 recent crisis countries, the assets of the five largest banks have risen from 307 percent of GDP before the crisis to 335 percent in 2009 – complicating resolution efforts. The large-scale public support provided to institutions and markets – a contingent liability equivalent to one-fourth of GDP at the peak of the crisis – has exacerbated perceptions of “too important too fail” (Goldstein and Vernon, 2011). … The shielding of creditors restored confidence more quickly, but it did so at the cost of more moral hazard and the perpetuation of too-important-to-fail problem (and stretched sovereign balance sheets).” (5)

Mittlerweile ist das Vertrauen wieder verschwunden, so dass sich die Frage stellt, welche nachhaltig positiven Effekte die historisch beispiellos teure Krisenpolitik erbracht hat. Und erst jetzt beginnt die Fed, sich ernsthafter des Problems „too-big-to-fail“ im Bankensektor anzunehmen – wie das für den Stresstest verwendete Szenario zeigt.

Allerdings ist es möglich, dass das Szenario die Crashrisiken immer noch unterzeichnet. So ist beispielsweise nicht klar, ob und wenn ja, in welchem Umfang sich auf dem Finanzmarkt Blasen gebildet haben, was für die Tiefe des Absturzes nicht unwesentlich ist. Die Notenbanken haben mit der Politik des billigen Geldes – nach der Lehman-Pleite – die Basis dafür geschaffen. Sicher ist jedoch, dass es heute mehr Krisenherde gibt als zum Zeitpunkt der Lehman-Pleite, die aus der US-Hypothekenkrise erwachsen war. Zudem sind eine Reihe von Volkswirtschaften heute – rein wirtschaftlich gesehen – in einer gravierend schlechteren Verfassung als noch vor 2008.

Bedenkt man zudem, dass die Krise eine M&A-Welle ausgelöst hat – nicht zuletzt auch durch Notübernahmen -, so kann man davon ausgehen, dass mithin auch die volkswirtschaftliche Abhängigkeit von Konzernen – nicht nur von Banken – gestiegen bzw. das „too-big-to-fail“-Problem heute größer ist. Das wird ja auch im oben zitierten IWF-Papier konstatiert. Ein weiterer, daraus abgeleiteter Aspekt ist, dass sich damit auch die Eigentümer- und Beteiligungsstrukturen des Netzes transnationaler Konzerne weiter verdichtet haben. Wie die ETH-Studie der Eigentümer- und Beteiligungsstrukturen von Vitali, Glattfelder und Battiston anhand von Daten für das Jahr 2007 ergab, sind die (seinerzeit) weltweit insgesamt 43 060 transnationalen Konzerne stark verflochten. Das besondere dieses Netzwerkes ist seine Knotenstruktur. Das heißt, lediglich 737 Konzerne haben die Kontrolle über 80 Prozent des gesamten Netzes und es handelt sich größtenteils um solche aus der Finanzindustrie. (6) Die meisten dieser Konzerne dürften börsennotiert sein und für einen signifikanten Teil des Welt-BIP stehen.

Es gibt infolge der Vernetzung erhebliche, sich im Krisenfall selbst verstärkende Interdependenzen zwischen Finanz- und Realwirtschaft. Darauf weisen auch die Verfasser der ETH-Studie hin. Es spielt keine Rolle, wodurch der Krisenfall eintritt. US-Regierung und Fed verweisen auf die Risiken der europäischen Schuldenkrise für die US-Banken und die Weltwirtschaft. Der Stress kann aber genauso gut von US-Banken auf die Weltwirtschaft ausgehen – man denke nur an das Volumen des Derivatemarktes (601 Billionen Dollar, 2010) und den großen Anteil, den US-Holdings daran haben (knapp 320 Billionen Dollar) oder an noch immer in den Bilanzen versteckte toxische Papiere.

Doch selbst wenn das Crash-Szenario angemessen ist, bleibt nach wie vor unklar, ob Aufseher und Politik in der Lage wären, die vom Kollaps eines systemrelevanten Instituts ausgehenden Risiken für die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft zu beherrschen. Zu diesem Fazit kamen auch die Verfasser des IWF-Papiers von März 2011:

„Much is yet to be done in enhancing supervision of cross-border exposures and related risks. And in all cases, the ability of new regimes to deal with actual failures of large (cross-border) institutions remains an unknown.” (7)

Von welcher Warte aus man es auch immer betrachtet: Die Luft ist seit 2008 eindeutig dünner geworden.

von Stefan L. Eichner
Kontakt: eichner@web.de

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