Die ständige Mär vom deutschen Konsumboom

von am 25. Oktober 2011 in Allgemein

Manche Legenden werden immer wieder neu aufgefrischt, so heute bei SPON: “Deutsche kaufen gegen die Krise an”, bezugnehmend auf den Anstieg des Gfk-Konsumklimaindex von +0,1 Punkten auf 5,3 Indexpunkte für November 2011. Beim Gfk-Konsumklimaindex handelt es sich um einen Stimmungsindikator der Verbraucher, ermittelt bei einer Umfrage bei 2000 Konsumenten. Schon anhand dieses Umstandes ist fragwürdig, ob ein Stimmungsindikator (Meinungsbekundung) überhaupt solche Interpretationen zulässt: “…denn die konsumieren trotz düsterer Wirtschaftsnachrichten munter weiter und stützen so die heimische Konjunktur.” Die harten belastbaren Daten stützen diese These nicht.

Die Entwicklung des Gfk-Konsumklimaindex seit Januar 2006 im Chart. Der Gfk-Index stieg für November 2011 auf 5,3 Punkte, nach 5,2 Punkten im Oktober und nach 5,2 Indexpunkten im November 2010.

Die Entwicklung der Saison- und kalenderbereinigten realen Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) seit Januar 1994 bis August 2011 im Chart. Die saisonbereinigten realen Einzelhandelsumsätze sanken nach den letzten verfügbaren Daten aus August 2011 um -2,9% zum Vormonat, auf 97,0 Indexpunkten, nach 99,9 Punkten im Juli 2011. Der Langfristchart seit Datenerhebung im Januar 1994 zeigt, selbst im August 2011, lange 18 Jahre nach dem Beginn der Datenreihe, liegen die realen saisonbereinigten Umsätze noch um -3,6% unter dem durchschnittlichen monatlichen Niveau von 1994 und unter dem langfristigen monatlichen Durchschnitt von Januar 1994 bis August 2011 mit 99,2 Indexpunkten! 

Auch das Statistische Bundesamt ist sich nicht zu schade punktuelle Beschönigungen der Datenreihe vorzunehmen. Denn der Spike im Juni 2011, wurde weder von der Bewegung beim Konsumklimaindex noch den Umsatzsteuereinnahmen des Staates flankiert, sondern war sehr wahrscheinlich nur der Änderung des Berichtskreises geschuldet war, wo 33 % der Unternehmen in den Repräsentativschichten der Stichprobe gegen neue Unternehmen ausgetauscht wurden, siehe Pressemitteilung von Destatis . Trotzdem ist die Aussage der gesamten Datenreihe verheerend, der reale Umsatz im Einzelhandel verharrt nach Abzug des Anstieges der offiziellen Verbraucherpreise und der Bereinigung der saisonalen Effekte auf einem Stand der Stagnation und der leichten Schrumpfung seit 1994, dem Beginn der Datenreihe.

Die Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) inklusive dem Versand- und Internet-Einzelhandel machen knapp 30% der privaten Konsumausgaben aus und zeichnen am verlässlichsten das aktuelle Konsumverhalten der privaten Haushalte nach. Mit knapp über 20% der privaten Konsumausgaben folgen die Ausgaben für Mieten von Wohnungen und Häusern inkl. dem Miet-Äquivalent von Eigentümern, diese Ausgaben sind aber relativ unelastisch und nicht aussagefähig in Punkto Konsumverhalten. Der KFZ-Handel, Instandhaltung, Reparatur und die Ausgaben an den Tankstellen tragen zu knapp 10% der Konsumausgaben der privaten Haushalte bei.

Einen ungefilterten Eindruck zum deutschen Konsum bieten auch die nominalen Umsatzsteuereinnahmen des Staates:

Die Entwicklung der nominalen Einnahmen aus der Umsatzsteuer gemäß den Quartalsdaten seit Q1 2000 bis Q2 2011. Im 2. Quartal 2011 sanken die Umsatzsteuereinahmen um -6,9% zum Vorquartal auf 33,082 Mrd. Euro. Dies war das schwächste Quartal seit Q3 2008 und dahinter steckt alles andere als ein Konsumwunder, sondern real Stagnation und Schwäche.

Bei der Entwicklung der Daten zum Umsatzsteueraufkommen über den längeren Zeitraum muss man die Erhöhung der Umsatzsteuer (Mehrwertsteuer) zum 1. Januar 2007 von 16% auf 19% beachten und das die gesamte Datenreihe die nominale Umsatzsteuereinnahmen reflektiert, also auch die Effekte aus den Preissteigerungen enthalten.

Noch der Blick auf die monatlichen Daten seit Januar 2008 bis August 2011 beim nominalen Umsatzsteueraufkommen:

Im August 2011 sanken die Umsatzsteuereinnahmen des Staates um -0,2% zum Vorjahresmonat auf 11,683 Mrd. Euro. Von Konsumboom ist selbst bei den nominalen Umsatzsteuereinnahmen keine Spur, sondern eher von Stagnation.

Noch ein Blick auf die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und den darin enthaltenen realen privaten Konsumausgaben, auch diese Daten verdeutlichen eine latente Schwäche und nicht einen Boom:

Die realen saison- und kalenderbereinigte Konsumausgaben der privaten Haushalte seit Q1 2000 bis Q2 2011 (2005=100) im Chart. In Q2 2011 sanken die realen Konsumausgaben um -0,7% zum Vorquartal. Was zeigen uns diese Daten, seit dem Jahr 2000 bis Q2 2011, der reale private Konsum ist um “sagenhafte” +4,31% gestiegen.

Wie einseitig orientiert das deutsche Wirtschaftsmodell grundsätzlich aufgestellt ist, zeigt auch diese lange Datenreihe:

Die Entwicklung der realen Arbeitnehmerentgelte (grün), des realen Exportvolumens (rot) und der realen privaten Konsumausgaben der privaten Haushalte (blau) von Q1 2000 bis Q2 2011, alle Daten saisonbereinigt (Jahr 2000=100). Während die realen Exporte seit 2000 bis Q2 2011 um +79,49% stiegen, gab es bei den realen privaten Konsumausgaben einen lauen Anstieg von +4,31% und die realen Arbeitnehmerentgelten lagen sogar immer noch um -0,36% unter dem Niveau von 2000! 

Quellen Daten: Gfk.com/Pressemitteilung: Konsumklima legt leicht zu, Genesis.destatis.de/Datenbank VGR, Bundesbank.de/Monatsberichte

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de
Wenn ihr die zeitnahe, kritische Aufbereitung von Wirtschaftsdaten und die visuelle Darstellung der Daten bei Querschuesse per PayPal mit einem beliebigen Betrag unterstützen möchtet bitte den Button anklicken:

 

Print article