Dritte Weltwirtschaftskrise: Wie Japan & Co. die politische Handlungsfähigkeit verspielen

von am 9. Dezember 2014 in Allgemein

Seit der Veröffentlichung der Daten für das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal am 17. November ist klar, dass Japans Wirtschaft trotz der Abenomics genannten Politik für Wirtschaftswachstum und gegen die Deflation in die Rezession abgerutscht ist.
Weil Premier Shinzo Abe den Märkten signalisieren wollte, dass seine Krisenpolitik funktioniert und auch das Problem der enorm hohen Staatsverschuldung angegangen wird, hatte er die Verbrauchssteuer in einem ersten Schritt mit Wirkung zum 1. April erhöht, was sich als Fehler erwiesen hat. Die Wirtschaft war daraufhin im zweiten Quartal erwartungsgemäß eingebrochen. Doch anders als von der Regierung erhofft, gab es im dritten Quartal keine Erholung. Vielmehr schrumpfte die Wirtschaft, wie sich jetzt bei der zweiten, genaueren Schätzung herausstellte, sogar um 0,5 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal, in dem bereits ein Wachstumsminus von 1,7 Prozent verbucht worden war. (1)

Die Abenomics können immer weniger überzeugen

Die Wirtschaftsentwicklung spricht bis jetzt nicht für diese Politik, wie aus Abbildung 1 zu ersehen ist. Zwar steht unter dem Strich für die bisher sieben Quartale währende Amtszeit Abes´ trotz des jüngsten Einbruchs immer noch ein Wachstum von 1,4 Prozent. Doch die letzten sieben Quartale der Vorgängerregierung, die ganz im Zeichen der Bewältigung der Katastrophe von Fukushima standen, ergeben insgesamt sogar ein Wachstum von 2,1 Prozent und das ohne derart massive Konjunkturspritzen und geldpolitische Maßnahmen, wie Abe sie ergriff beziehungsweise veranlasste.

SLE_Wachstumsrate BIP Japan 2007-2015Abbildung 1

Auch das angestrebte Ziel der Bank of Japan, die Inflationsrate mit Hilfe der extrem lockeren Geldpolitik und dem fortlaufenden Ankauf von Staatanleihen (Quantitative Easing) auf zwei Prozent anzuheben, erweist sich als zunehmend problematisch. Der starke Ölpreisverfall in den letzten Monaten konterkarierte diese Bemühungen zusätzlich.

Seit April (1,9%) verlangsamte sich die saisonal bereinigte Preissteigerungsrate (Consumer Price Index (CPI)) gegenüber dem jeweiligen Vormonat kontinuierlich von 0,5% (Mai), auf 0,2% (Juni), 0,1% (Juli), und 0% im August. Nur im September stieg die Teuerungsrate mit einem Plus von 0,2% wieder leicht an. Allerdings ergab sich dann für Oktober sogar ein Preisrückgang um 0,4%. (2)

Bereinigt um den Einfluss der Verbrauchssteuererhöhung im April ergibt sich für 2014 bis einschließlich Oktober eine jährliche Inflationsrate von lediglich 0,9 Prozent. (3) Das ist weit entfernt vom Zwei-Prozent-Ziel der japanischen Notenbank.

Shinzo Abe flüchtet in Neuwahlen

Ohnehin hatte es in den letzten Monaten zunehmend Zweifel am Erfolg der Abenomics, eine Kombination aus ultralockerer Geldpolitik, großen Konjunkturprogrammen und Strukturreformen, gegeben. Nicht nur viele Experten sehen diese Krisenpolitik kritisch, sondern vor allem auch die japanische Bevölkerung, für die es bisher keine spürbar positiven Effekte gibt.

Abe entschied sich deswegen nach der Veröffentlichung der ersten Schätzung des Wachstums im dritten Quartal für die Flucht nach vorn, stoppte die für Oktober 2015 geplante zweite Stufe der Verbrauchssteuererhöhung vorerst, löste das Parlament auf und rief vorgezogene Neuwahlen aus. Die Wahl des Unterhauses, die am 14. Dezember stattfinden wird, soll nach seinem Bekunden ein Vertrauensvotum über die Abenomics sein. Seine Argumentationslinie: Die Politik wirkt, braucht aber mehr Zeit. (4)

Abwärtsrevision der BIP-Daten und Herabstufung der Bonität Japans

Doch zwischenzeitlich wurden die Wachstumsdaten für das dritte Quartal nach unten korrigiert. Statt annualisiert 1,7 Prozent (-0,4% gegenüber Q2) schrumpfte Japans Wirtschaft um 1,9 Prozent (-0,5% gegenüber Q2). Zudem hat die Ratingagentur Moody´s Zweifel an der Konsolidierung der Staatsfinanzen angemeldet und die Bonität des Landes um eine Stufe von ‚A1‘ auf Aa3‘ herabgesetzt. (5) Damit befindet sich Japans Kreditwürdigkeit jetzt drei Stufen unter der Bestnote ‚Aaa‘.

Standard & Poor´s Rating für Japan steht zwei Stufen unter der Bestnote (‚AAA‘), das heißt, die Kreditwürdigkeit wird aktuell noch mit ‚AA-‘ bewertet. Unmittelbar nach der Herabstufung durch Moody´s äußerte jedoch auch S&P Zweifel an Shinzo Abes´ Fähigkeit, die Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen und senkte den Ausblick für Japans Bonität auf ‚negativ‘. Eine Herabstufung ist infolgedessen bei der nächsten Bewertung möglich. (6)

Je schlechter die Aussichten, desto besser die Umfragewerte?

Werbung für die Abenomics und die Wiederwahl von Abes´ Liberaldemokraten (LDP) ist das alles nicht. Gleichwohl prognostiziert die jüngste Umfrage der LDP bei der anstehenden Wahl einen fulminanten Sieg – weil die Opposition so schwach und in den Augen der meisten Wähler keine echte Alternative ist.

Bisher verfügt die LDP über 295, zusammen mit dem kleineren Koalitionspartner Komeito über 326 der insgesamt 475 Sitze im Unterhaus. Nach der Prognose könnte die LDP am 14. Dezember 303-320 Sitze erringen. Damit wäre es möglich, dass sie nun eventuell sogar alleine die erforderlichen 317 Sitze gewinnt, um Entscheidungen des Oberhauses aushebeln zu können. (7) Der mit Abstand größten Oppositionspartei, der Demokratischen Partei Japans (DPJ), die bisher über 62 Sitze im Unterhaus verfügt, werden hingegen nur 65 bis 81 Sitze zugetraut. Das wäre deutlich unter dem von der DPJ für die Neuwahlen angestrebten Ziel von 100 Sitzen. (8)

Niemand geht deswegen ernsthaft davon aus, dass Shinzo Abe die Mehrheit verfehlen könnte und dann – wie von ihm für diesen Fall angekündigt – zurücktreten müsste.

Gleichwohl gibt es zwei Faktoren, die die Prognose eines haushohen Sieges der LDP unsicher machen. Denn in den Umfragen hat sich ebenfalls gezeigt, dass deutlich weniger Japaner an der Wahl interessiert sind als vor der letzten Unterhauswahl Ende 2012, die Abe an die Macht brachte. Damals lag die Wahlbeteiligung bei nur 59 Prozent. Das heißt, sie könnte dieses Mal möglicherweise noch geringer sein. Zudem liegt laut Umfragen der Anteil der immer noch unentschlossenen Wähler bei 45 Prozent. (9)

Es erscheint zudem von außen betrachtet widersprüchlich, dass Abes´ Politik und seine LDP in den letzten Umfragen nicht nur ein klarer Sieg, sondern sogar noch eine stärkere Machtbasis im Parlament prophezeit wird, obwohl das BIP-Wachstum nach unten korrigiert und auch die Bonität inzwischen von einer Ratingagentur herabgestuft wurde. Es sei denn, die Japaner lesen keine Zeitungen. Bonitätsherabstufungen bedeuten in jedem Fall, dass Japan tendenziell einen höheren Zins bieten muss, wenn es sich am internationalen Kapitalmarkt Geld besorgen will.

Abe geht mit schweren Hypotheken in die Wahl

Die G20-Staaten, Ratingagenturen und Investoren erwarten von Abe angesichts einer Staatsschuldenquote von inzwischen annähernd 250 Prozent der Wirtschaftsleistung energische Schritte zur Konsolidierung des Staatshaushalts. Es kann dem japanischen Premier nicht egal sein, ob an den Finanzmärkten der Daumen über seine Abenomics gesenkt wird. Gerade auch deswegen hatte er im April die Verbrauchssteuer erhöht. Er warb damit um das Vertrauen der Investoren in seine Politik.

Doch bei der Wahl wirbt er um das Vertrauen der Japaner in die Abenomics. Deren Erwartungen sind anders gelagert und stehen mithin im Widerspruch zu dem, was Ratingagenturen und Investoren fordern. Denn Haushaltskonsolidierung würde nach gängiger Auffassung Steuererhöhungen und/oder Ausgabenkürzungen bedeuten – und für die Japaner sinkende Realeinkommen. Die Realeinkommen sind aber ohnehin bereits gesunken, insbesondere auch bedingt durch die Verbrauchssteuererhöhung. Die Wähler erwarten jetzt aber vor allem steigende Realeinkommen und vor diesem Hintergrund eher noch ein weiteres Konjunkturprogramm. (10) Dies alles unter einen Hut zu bringen, allen Forderungen zu entsprechen, erscheint unmöglich.

Davon abgesehen geht Abe mit weiteren, durchaus schwer wiegenden Hypotheken in die Wahl. Denn die Mehrheit der Japaner ist mit der verteidigungs- und energiepolitischen Linie ihres Premiers nicht einverstanden. Die aktiv von Abe vorangetriebene Abkehr von der pazifistischen Verfassung sowie die Rückkehr zur Nutzung der Kernkraft für die Energieversorgung Japans ist alles andere als populär. Wenig hilfreich für Abe sind zudem mehrere Aufsehen erregende Skandale um Kabinettsmitglieder in jüngster Zeit. Zwei Ministerinnen sahen sich infolgedessen zum Rücktritt gezwungen. (11) Das geschah Ende Oktober.

Wie die Japaner all das am Wahltag gewichten und was von all dem für sie überhaupt eine Rolle bei der Stimmabgabe spielt, ist ungewiss. Nicht immer liegen Umfragen mit ihren Wahlprognosen richtig. Abes´ Trumpf ist letztlich einzig und allein die Schwäche der Opposition. Deren Hoffnung sind wiederum Protestwähler.

Auch Griechenlands umstrittene Regierung geht jetzt Abes´ Weg

Interessant ist im Übrigen, dass sich die wegen ihrer Krisenpolitik stark unter Druck geratene Regierung Griechenlands jetzt ebenso wie Abe für die Flucht nach vorn entschieden hat. Gestern gab sie überraschend bekannt, die Wahl eines neuen Staatspräsidenten nicht wie bisher erwartet zum Ende der Amtszeit von Karolos Papoulias Ende Februar zu starten, sondern bereits am 17. Dezember. (12) Das Problem: Laut Verfassung ist dafür eine Zweidrittel-Mehrheit erforderlich, über die die Regierungskoalition im Parlament jedoch nicht verfügt. Die Opposition hat zudem bereits angekündigt, der Regierung nicht zur erforderlichen Mehrheit verhelfen zu wollen. (13) Der Hintergrund dafür ist, dass die Regierung vorgezogene Parlamentswahlen ansetzen muss, wenn sich nach drei Abstimmungsrunden keine Mehrheit für einen neuen Staatspräsidenten ergibt. Die Opposition und insbesondere die in Umfragen führende linksgerichtete Partei Syriza fordert seit langem vorgezogenen Neuwahlen. Insofern gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Wahl eines neuen Staatsoberhauptes scheitert und in Griechenland Anfang 2015 ein neues Parlament gewählt wird.

Für den konservativen Regierungschef Antonis Samaras, dessen Partei Nea Dimokratia (ND) in Umfragen an zweiter Stelle hinter Syriza liegt, ist das ebenso wie für Shinzo Abe in Japan eine Abstimmung über seine Krisenpolitik. Seine Chancen stehen laut Umfragen jedoch deutlich schlechter.

Neue Normalität: Unklare Mehrheitsverhältnisse als Folge der Krisenpolitik

Dass Regierungen angesichts schwieriger wirtschaftlicher Lage zunehmend den Rückhalt für ihre Politik verlieren respektive Schwierigkeiten haben, Mehrheiten zu bilden, das könnte letztlich die Konsequenz der in den Industriestaaten betriebenen Krisenpolitik sein.

Regierungen und Notenbanken haben den Menschen ihre Krisenpolitik bisher als Erfolg verkauft, obwohl sie von immer mehr Menschen in Krisenstaaten sowie in solchen, denen die Krise droht, nicht so erlebt wird. Die sich verändernde politische und parlamentarische Realität, beispielsweise in Portugal (14) (15), Spanien (16) Italien (5-Sterne-Partei), Großbritannien (Ukip) oder auch Schweden, wo es jetzt ebenfalls vorgezogene Neuwahlen geben wird (17), weist – gemessen an den in Umfragen und Wahlen erkennbar sinkenden Zustimmungswerten etablierter, großer Volksparteien – in diese Richtung.

Was bedeutet das?

Es bedeutet zunächst, dass sich die Orientierungsschwierigkeiten der Politik im Hinblick auf die Bewältigung der Krise bzw. der Krisenfolgen in der wirtschaftlichen Realität der Menschen niederschlagen und sich letztendlich auch in deren Wahlentscheidungen widerspiegeln. Auch die Wähler sind mit Blick auf die Politik orientierungslos.

Unter dem Strich bedeutet es, den parlamentarischen Demokratien der wirtschaftlich längst ausgereiften Industriestaaten fehlt ein überzeugendes, die wirtschaftliche Realität einer wieder größer werdenden Mehrheit der Bevölkerung verbesserndes Politikkonzept.

Gute BIP-Wachstumsdaten können nicht darüber hinwegtäuschen, weil sie die wirtschaftliche Realität nur höchst unvollkommen abbilden können. Dass etwa in den USA seit Jahren anhaltend 44-46 Millionen Menschen bzw. rund 14 Prozent der US-Bevölkerung auf Lebensmittelmarken angewiesen sind (18) und in der Europäischen Union mehr als 122 Millionen Menschen bzw. 24,5 Prozent der EU-Bevölkerung von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sind (19), geht daraus ebenso wenig hervor wie die heute – gerade auch in den Industriestaaten – teils extrem ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung (20) (21).

Wie geht es also weiter?

Handeln erforderlich, aber politische Handlungsfähigkeit verspielt

Es ist nicht erkennbar, dass die führenden Parteien in den Industriestaaten ihre Politik zu ändern und neu zu orientieren beabsichtigen. Sie beharren jeweils darauf, alles richtig zu machen. Vielleicht sind sie auch gar nicht in der Lage, eine alternative Politikkonzeption, einen Plan B zu generieren. Jedenfalls kurz- bis mittelfristig nicht.

In der Wirtschafts- und Krisenpolitik sowie gemessen an den Resultaten derselben unterscheiden sich die großen Volksparteien auf der linken und rechten Seite des politischen Spektrums ohnehin kaum mehr. Zwischen politischem Anspruch und wirtschaftlicher Realität (aus der Perspektive der Menschen betrachtet, für die sie die politische Verantwortung tragen) klafft allerdings inzwischen eine gefährlich große Lücke, die sich nicht durch mediale Absolution oder Selbstbeweihräucherung schließen lässt. Schlimmer noch droht diese Lücke schon deswegen nicht geschlossen zu werden, weil sie ignoriert oder mitunter auch schlicht wegdefiniert wird.

Daraus ergibt sich eine in doppelter Hinsicht fatale Entwicklung: Die politische Handlungsfähigkeit schwindet infolge schrumpfender Mehrheiten, während sich zugleich die gesamtwirtschaftlichen Perspektiven aufgrund der politisch geschaffenen, massiv problembehafteten wirtschaftlichen Realitäten in Richtung Weltwirtschaftskrise bewegen, der nicht notwendigerweise ein Crash an den Börsen vorausgehen muss.

Es mag sein, dass niemand wirklich darüber nachdenken will. Verantwortliche Politiker sollten es jedoch tun. Die wirtschaftliche Realität wird sie ohnehin einholen und zwar eher früher als später, weil ganz einfach schon zu lange auf Zeit gespielt worden ist. Die Behauptung, die jeweilige Politik brauche nur mehr Zeit, um zu wirken, hat jetzt sehr kurze Beine und Wahlerfolge, darauf sei nochmals explizit hingewiesen, haben heute offensichtlich wieder – wie zum Ende der Weimarer Republik – eine zunehmend kürzere Halbwertszeit. Nur – Weimar ist heute überall!
Das Thema „Dritte Weltwirtschaftskrise“ wurde bisher in drei weiteren Aufsätzen behandelt, die mit diesem vierten korrespondieren (siehe dazu: „Wachstumsschub oder neue Weltwirtschaftskrise“, „Ist die dritte Weltwirtschaftskrise noch abzuwenden?“ und „Phase 4 der Krisenbekämpfung“). Weitere werden folgen.

von Stefan L. Eichner
Kontakt: info.sle@web.de

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13 KommentareKommentieren

  • Dave - 9. Dezember 2014

    Ein guter Artikel, vor allem der Vergleich zu den immer kürzeren Legislaturperioden in der Weimarer Republik kam mir noch gar nicht (die Suche nach Alternativen rechts und links der Mitte hingegen schon).
    Man sollte das wirklich nicht auf die leichte Schulter nehmen, es könnte nicht “nur” eine Weltwirtschaftskrise oder “nur” ein systemischer Crash sein – die Vergangenheit lehrt, dass immer auch versucht wird Schuldige zu finden (auch wenn sie nichts dafür können) und das endet selten gut.

    • Eurelios - 9. Dezember 2014

      dass immer auch versucht wird Schuldige zu finden (auch wenn sie nichts dafür können) und das endet selten gut.

      Ja das ist genau so. Die jeweiligen Machthaber sind immer darauf bedacht die Schuld
      wenn es zum Abgrund geht den “Anderen“ in die Schuhe zu schieben.

      Ganz menschlich eben. Dies ist auch der Grund für die zurückliegenden Desasters in der
      Geschichte der Menscheit.

      Schuld sind ja immer die Anderen und weil ja die Masse der “Untertanen“ sich
      so leicht manipulieren lässt kommen die wo wegen ihrem persönlichem
      Eigennutzen verursachte Übel für ihr Humankapital (Bevölkerung) meistens unbeschadet
      über die Runde und die Masse der Menschen haben das Elend danach die Scherben
      wieder zu beseitigen.

      • SLE - 9. Dezember 2014

        Ich denke, Dave meint vor allem auch das Thema Ausländerfeindlichkeit. Denn gerade Parteien, die genau das aufgreifen, sind ja auch – zum Beispiel, aber eben keineswegs nur – in der EU auf dem Vormarsch.

        Denken Sie nur an den “Front National” in Frankreich, die “Schweden-Demokraten” in Schweden, die “Goldene Morgenröte” in Griechenland oder auch an weniger radikale Parteien wie etwa die Ukip in Großbritannien. Denken Sie auch daran, wie sehr das Thema Ausländerfeindlichkeit im Tagesgeschehen allein in Deutschland in den Vordergrund gerückt ist.

        Nationalistische Tendenzen gibt es seit ein paar Jahren rund um den Globus, nicht zu vergessen auch in Japan, wo gerade die LDP und Shinzo Abe genau darauf setzen. Es ist kein Zufall, dass es schon wiederholt Skandale in Japan gegeben hat, bei denen es um LDP-Mitglieder, gerade auch Minister und nationalsozialistische Äußerungen oder die Nähe zu entsprechenden Gruppierungen ging.

        Viele Grüße
        SLE

        PS: Und denken Sie auch an die Ukraine! (Beinahe hätte ich das vergessen.)

        • Asetzer - 10. Dezember 2014

          Sorry, aber ich halte dieses Abstimmungsverhalten unter den Randbedingungen von Globalisierung ohne Wachstum und immernoch vorhandener breiter Unterbeschäftigung in den Billiglohnländern, aber auch inzwischen in der EU-Peripherie,nur für natürlich. Wenn die westlichen Hochlohnländer ihre Waren und Arbeitsmärkte für Billigländer öffnen, gleichzeitig Kapital und KnowHow ohne Probleme abfliessen können, ja teilweise noch subventioiert über z.B. implizite Garantien wie dem Euro, aber auch direkte Subventionen via EU, Freihandelsabkommen etc, führt dies unweigerlich zu Ausgleichsströmen von Arbeitsplätzen,Kapital,Knowhow von den Hochlohnländern weg, und billigen Arbeitskräften in sie hinein, was schlussendlich bei mangelndem Wachstum nur zum Angleichen der Kosten für alle Produktionsfaktoren international auf einem im Vergleich zu früheren Wohlstandsniveaus Westeuropas niedrigerem Niveau führen kann. Warum sollte ein Arbeiter oder Angestellter in FR,UK, Ita, der zwar die Abwärtsentwicklung in Zahlen,wie sie hier bei Querschuesse dargestellt wird,nicht kennt, und die fundamentalen Triebkräfte nicht durchblickt, aber gleichwohl mit den eigenen Augen sieht, dass es nur bergab dank dieser Politk geht, nicht für Parteien stimmen, die ich mal unter “Die Interessen und das Wohlergehen der eigenen Bevölkerung geht vor” subsumiere ?

        • Dave - 10. Dezember 2014

          Ich hatte ehrlich gesagt (noch) gar nicht an Ausländerfeindlichkeit gedacht, sondern an den “Feind” von außen aka Putin. Der Hinweis drängt sich aber natürlich geradezu auf.
          Zum Thema Ausländerfeindlichkeit im Tagesgeschehen in Deutschland würde ich sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass das sehr bewusst auf die Tagesordnung gebracht wird, damit man sich dran abarbeiten kann. Und das ist hier besonders gut möglich, da beide Seiten etwa bei der PEGIDA Projektionsflächen finden, die zum Teil auch erst von der Presse aufgebaut werden, ganz unabhängig davon, was die ursprünglichen Forderungen waren. Darum und um eine differenzierte Betrachtung soll es aber gar nicht gehen, schwarz-weiß ist das Stichwort, entweder man ist für die einen oder dagegen, aber so oder so ist man beschäftigt…

    • Asetzer - 10. Dezember 2014

      Ehrlich gesagt, finde ich Abes Politik schon durchdacht, wenn man mal die “Rhetorik”,er wolle Japan aus seiner Deflationsspirale in einen neuen neuen Boom treiben, vergisst. Die japanische Binnenwirtschaft hat schlichtweg enorm an relativer Wettbewerbsfähigkeit in ehemaligen Stärken wie Elektronik und Automobil verloren. Unter diesen Randbedingungen sind Wachstum ,geschweige denn Wohlstandsgewinne unmöglich. Er kann also nur den Lebensstandard über Yen-Abwertung an die verminderte Leistungsfähigkeit anpassen, und über negative Realzinsen (was er ja zu realisieren versucht) den Schuldenberg zu reduzieren. Die Logik dahinter,Den Staatshaushalt über Schulden weiter aufzublähen, und dann die Steuern zu erhöhen verstehe ich allerdings auch nicht, Hätte er beides beim alten gelassen, wäre der Staatshaushalt jetzt auch nicht schlimmer dran,aber da steckt wohl auch mit die Japanische Mentalität dahinter, möglichst wenig nachzudenken, und Krisen mit nur noch mehr Arbeit, unsinniger Bürokratie und ökonomischer Verantwortungslosigkeit in den senilen Führungsschichten zu beantworten

  • Stepe - 10. Dezember 2014

    Ich stimme fast allem zu, würde allerdings massiv Widersprechen bei der Behauptung “Ganz menschlich eben” das ist es eben nicht. Wenn dem so wäre könnte dagegen nichts unternommen werden. Das kann es allerdings durchaus und wird auch gemacht.
    Es geht um Ökonomie, das zeigt diese Seit sehr schön. Es geht auch um die Ökonomie der Reproduktion der Lohnabhängigen und da haben die Leute schon eine gewaltige Sorge. Da hilft auch keine Aufklärung, da sollten Linke auch mal eine Zukunft definieren.

  • Asetzer - 10. Dezember 2014

    Die DPJ-Opposition hat sich selbst zerlegt , so hat z.B. Ozawa, einer der Strategen, der die DPJ mit m.M. ziemlich geschmacklosen Mitteln wie Fähnlein-im-Wind-Politik und Aufstellung attraktiver Damen als Kandidaten, also einer Mischung aus Seehofer und Berlusconi, plus typischer japanischer Seilschaften, bis in die Regierung gepusht hat,sich inzwischen abgespalten. Die Bevölkerung sieht m.M. in der DPJ keine Alternative zur LDP, weil sie sie inzwischen als zerstrittene Partei, die auch nur für die eigene Klientel Politik macht, sieht. Dazu gibt’s noch die ehemaligen Bürgermeister von Tokyo (Ishihara) und Osaka, die inzwischen auf Stimmenfang gehen, die aber ausser heisser Luft und starken Sprüchen (Ishihara hat mit seinem Kauf der Sentaku-Inseln überhaupt erst die Inselstreit-Krise mit China ausgelöst !) auch nichts auf dieReihe kriegen. Also resigniert der Wähler und wählt den alten Mist, weil man zumindest weiss, was er zu erwarten hat – nicht viel anders also als der deutsche Michel mit der Merkel…
    Dass Kernkraft so unbeliebt in Japan sein soll, glaube ich auch nicht. Es gibt zwar ein paar lautstarke Gruppen,die diesen Eindruck erwecken wollen, der Normalbürger sieht aber an der eigenen Sttromrechnung und der Zuschläge für die fossilen Brennstoffe, die jetzt verfeuert werden, was das ganze kostet. Generell geht’s den Japanern schon lange nicht mehr so gut wie anscheinend vielen Deutschen, da zählt jeder Yen, die meisten sehen auch den wirtschaftlichen Druck auf die eigenen Arbeitgeber durch die Stromksten etc.

  • Rolmag - 10. Dezember 2014

    Ein wesentlicher Grund für die anhaltende wirtschaftliche Krise in Japan dürfte ganz in deren Nähe liegen. China. Die Zeit, in der China ein Billigproduzent war und in erster Linie fremde Taschen gefüllt hat, die sind aus und vorbei.

    • Asetzer - 10. Dezember 2014

      Genau so ist es, erst in China die grossen Werke hingestellt, Knowhow dorthin transferiert, und jetzt sichwundern, dass Lenovo, HTC, aber auch die Koreaner Samsung,LG etc der eigenen Industrie den Garaus machen. Firmen wie Toyota, die seit Jahrzehnten ihre Produktion in Japan nicht mehr steigern, sondern nur im Ausland wachsen, sind da noch die positiven Ausnahmen.

  • Uwe - 10. Dezember 2014

    Wenn man nichts kann, kann man immer noch Krieg: Der äußere Feind, heute eben Putin
    ist an Allem schuld. Erst ist er kalt, dann wird er wärmer, wie aktuell und zuletzt gelingt doch
    eine False Flag. Die Medien sind jedenfalls konditioniert. Die Politik macht scharf. Sogar die
    Zahl der Kriegsfilme im Fernsehen explodiert.
    Da hilft es wenig, zu sagen: Da gehe ich nicht hin.

  • JL - 10. Dezember 2014

    Japan hat wirtschaftlich betrachtet seit 25 Jahren ein Problem. Dem hat sich seitdem die Politik- bisher erfolglos- angenommen.

    Und dieser Umstand offenbart nun das eigentliche Problem.

    Es ist der Interessenskonflikt an sich- einerseits.

    Die politischen Akteure sind mit der Wirtschaft im Allgemeinen zu stark verwoben, als daß man ausschließlich ökonomischen Sachverstand durchsetzen könnte. Hinzu kommt, daß die großen Player im Wirtschafts- und Finanzdschungel bereits Erdbeben auslösen, wenn sie nur wanken. Man muß also die bisherige Strategie fortsetzen, sonst knallt’s. Das ist in etwa vergleichbar mit absolutistischen Herrschern im Spätmittelalter. Weder Könige oder Fürsten wollten und konnten etwas ändern- jede Änderung währe Systemgefährdend gewesen. Also wurde weitergewurstelt bis es sich ausgewurstelt hatte.

    Andererseits sind heutige Politiker universell einsetzbar. War man gestern noch Familienministerin kann man über Nacht zur Verteidigungsministerin mutieren. Sachverstand wird offensichtlich nicht mehr gebraucht. Das ist allerdings nur die konsequente Fortführung des langjährigen Trends. Politiker haben nun mal keine Visionen zu haben, daß sagte bereits Helmut Schmitt- als Kanzler. Heutige Politiker sind nur noch Verwalter aller möglicher Interessen- mehr nicht. Und sollte doch einer mal einen „Geistesblitz“ haben wird er aussortiert- wegen Systemgefährdung.

    Es ist eben alles alternativlos- sozusagen.

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

  • Freiberufler - 11. Dezember 2014

    Vor 25 Jahren stieg Japan von Koks auf Heroin um.
    Heroin ist ein Wundermittel. Der Fixer verweist stolz darauf, dass es seitdem keine ernsten Entzugserscheinungen gab. Drogen-Päpste wie Paul Krugman predigen die volle Dröhnung: Erst musst du deine Probleme wegfixen – DANN kannst du dir auch eine Therapie leisten!