Einkommens- und Vermögenskonzentration – Teil 5.1: Wer sind die Top 1 Prozent der Einkommenspyramide und was öffnet die Einkommensschere?

von am 11. September 2012 in Allgemein

Es gibt unterschiedliche Erklärungsversuche dafür, warum es seit den späten 70er-80er Jahren zu einer verstärkten Einkommenskonzentration gekommen ist, speziell in den USA (siehe dazu Bakija et al. (2012) (1), S. 2-12, 24-27). Oft wird dies mit der Globalisierung und dem technologischen Fortschritt begründet. Die technologische Entwicklung habe die Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften generell steigen und die nach gering qualifizierten sinken lassen, während die Globalisierung zu einer Verstärkung der Konkurrenz um die knappen hochqualifizierten Arbeitskräfte einerseits und zu einem verstärkten Wettbewerb der gering Qualifizierten um die für sie global insgesamt knapper werdenden Arbeitsplätze führte.

Ganz so einfach scheint es jedoch nicht zu sein.

Denn damit lässt sich beispielsweise nicht erklären, warum die Anteile der Top-Einkommensgruppen am nationalen Einkommen in den USA und Großbritannien seit 1979 bis heute so stark (siehe Teil 3), in anderen Industriestaaten wie z.B. Japan und Frankreich hingegen wesentlich weniger stark gestiegen sind (siehe Teil 4). Denn alle sind gleichermaßen globalisiert und befinden sich technologisch auf einem vergleichbar hohen Niveau.

Ferner spricht auch die gerade in den USA – im Vergleich zum Niveau vor der Krise ab 2008 – hohe und nur begrenzt wieder zurückgegangene Arbeitslosigkeit von Arbeitskräften über 25 Jahren mit Hochschulabschluss nicht unbedingt dafür, dass in den USA eine die Top-Einkommen treibende Knappheit an hochqualifizierten Arbeitskräften existiert (Abbildung 24 „Unemployment Rate for College Graduates“ (2)).

Mehr noch zeigt eine Studie des Center of Economic and Policy Research (CEPR), die sich mit dem Rückgang des Angebotes an “guten Jobs” seit 1979 befasst, dass dieses in den USA nicht nur für die geringer Qualifizierten gesunken ist. (3) Vielmehr gilt das, wenn auch in geringerem Maße, ebenso für die Hochqualifizierten, also all jene mit Hochschul- (Bachelor) und darüber hinausgehendem Abschluss, wie Abbildung 25 („Good Jobs, by Education“) veranschaulicht.

Dabei definieren John Schmitt und Janelle Jones „good jobs“ für diese Analyse als solche mit wenigstens US-Dollar 37 000 Jahreseinkommen, Krankenversicherung und betrieblichen Altersvorsorgeplänen. (4)

Zwischen 1979 und 2010 stieg die Zahl der Arbeitskräfte mit Hochschulabschluss (Bachelor und höher) von 20 auf über 33 Prozent. Der Anteil von US-Arbeitskräften mit „gutem Job“ sank in diesem Zeitraum insgesamt jedoch von 27,4 auf 24,6 Prozent. Diese Entwicklung setzte sich über die Rezessionsphase der USA hinaus fort. Die Forscher schätzen, dass die US-Wirtschaft im analysierten Zeitraum 28-38 Prozent ihrer Kapazitäten für die Generierung guter Jobs verloren hat.

In der Gruppe der US-Beschäftigten mit Hochschul- und höherem Abschluss ging der Anteil derer mit „gutem Job“ jedoch von 43,2 (1979) auf 40,5 Prozent (2010) zurück, obwohl sich zwischen 1979 und 2010 innerhalb dieser Gruppe der Anteil derer mit einer höheren Qualifikation (Master, Ph.D u.ä.) von 6,5 auf 11,8 fast verdoppelte. (5)

Das ist nicht konsistent mit der Hypothese, technologische Entwicklung und Globalisierung seien als Treiber der US-Einkommenskonzentration anzusehen.

Bei der Frage, wohin die US-Jobs verschwunden sind, gibt die folgende Abbildung 26 „Where the Jobs Are“ (6) zwar keine Erklärung, aber zumindest einen Hinweis. Sie zeigt, dass und in welchem Umfang multinationale Unternehmen in den USA Arbeitsplätze ab- und außerhalb der USA aufbauten.

Vor dem Hintergrund der für US-Verhältnisse anhaltend hohen Arbeitslosigkeit von Hochschulabsolventen und den Ergebnisse der zitierten CEPER-Studie ist dieser Verlagerungsprozess zumindest nicht ohne Weiteres in Einklang zu bringen mit dem Argument der Knappheit hochqualifizierter Arbeitskräfte. Insofern stellt sich durchaus die Frage, ob dies nicht viel weniger mit den in anderen Ländern verfügbaren besser ausgebildeten Arbeitskräften zu tun hat, sondern eher mit Bestrebungen zur Kostenreduktion.

Die Frage nach den Ursachen der seit 1979 außergewöhnlich hohen Anstiegs der Einkommenskonzentration lässt sich vermutlich eher entschlüsseln, wenn man sich anschaut, welchen Berufsgruppen innerhalb der Top-Einkommensgruppe in den USA seit 1979 profitierten und vor allem in welchem Umfang.

Wer sind die Top-1- und Top-0,1 Prozent ?

Die nachfolgenden Charts basieren auf Daten oder stammen aus einer Analyse von US-Steuerdaten von Jon Bakija, Adam Cole und Bradley T. Heim von 2012 mit dem Ziel, besser zu verstehen, was die Ursachen der Einkommenskonzentration in den USA ab 1979 sind. Untersucht wurden nach Berufsgruppen differenzierte Daten für den Zeitraum 1979-2005 für die Top-1- und Top-0,1-Prozent der US-Einkommenspyramide. (7)

Abbildung 27 zeigt zunächst für das Jahr 2005, welchen Anteil die verschiedenen Berufsgruppen am Gesamteinkommen der Top-1-Prozent haben. Für die Zuordnung ist ausschlaggebend, was die Haupteinnahmequelle der jeweiligen Steuerzahler ist.

An der Spitze stehen mit einem Anteil von 31 Prozent die Verantwortungsträger aus der Wirtschaft ohne die aus dem Finanzsektor, die mit einem Anteil von 13,9 Prozent an dritter Stelle liegen. Es folgen die Juristen (8,4 Prozent) und danach die technisch-ingenieurwissenschaftlichen Beruf einschließlich Computerfachleuten. Auf dem zweiten Platz rangieren Mediziner (15,7 %).

Schaut man sich die Gliederung in der Top-0-1-Prozent-Gruppe an (Abbildung 28), ist das Bild noch ausgeprägter – hier kommen die Verantwortungsträger aus der Wirtschaft auf einen Anteil von sogar 42,5 Prozent –, aber auch die Rangfolge hat sich verändert.

Auf dem zweiten Rang liegen in dieser Gruppe die Finanzprofis mit einem Anteil von 18 Prozent, gefolgt von Juristen (7,3 %) und medizinischen Berufen (5,9 %).

Zusammen kommen die Topkräfte in der Wirtschafts- und Finanzwelt der USA innerhalb der Top-1-Prozent auf einen Anteil von 44,9 % und innerhalb der Top-0,1-Prozent der Einkommenspyramide auf 60,5 Prozent. Das heißt, es liegt eine recht klare Konzentration innerhalb der Top-Einkommensgruppe in den USA vor. Allerdings kennzeichnet dies nur die Situation in einem Jahr und zwar in einem – was zu betonen ist – vor der US-Hypothekenkrise (2007) und der Finanzkrise (2008) liegenden.

Insbesondere interessant und aufschlussreich ist aber auch, wie sich die in diesen beiden Gruppen führenden Berufsgruppen einkommensmäßig zwischen 1979 und 2005 entwickelt haben. Das veranschaulichen die Abbildungen 29 und 30.

Sehr deutlich geht aus Abbildung 29 für die Entwicklung der Einkommen in der Top-1-Prozent-Gruppe hervor, dass – ungeachtet des in 2005 erreichten Anteils am gesamten Einkommen der Gruppe (Abbildung 27) – die verschiedenen Berufsgruppen ihren Anteil am gesamten US-Einkommen relativ zum Stand von 1979 in unterschiedlichem Ausmaß steigern konnten, die Entwicklung aber nicht ohne Einschnitte verlief.

Bemerkenswert ist, dass die Verantwortungsträger aus der Wirtschaft ihren Anteil – bezogen auf die betrachteten Berufsgruppen – nur unterdurchschnittlich vergrößern konnten, was auch für die Juristen gilt. Dagegen konnten die Finanzprofis ihren Anteil beträchtlich vergrößern und das seit 1979 nahezu kontinuierlich. Außerordentlich fällt indes die Steigerung der Topleute im Immobiliensektor (Real Estate) aus, deren Anteil bis 1993 konstant blieb dann aber in die Höhe schoss. Ihren Anteil steigerte ebenfalls in bemerkenswerter Weise die Berufsgruppe „Business Operations“ (bzw. unternehmensorientierte Dienste), wozu vor allem auch Managementberater und Wirtschaftsprüfer zählen. Die Topleute aus dem technisch-ingenieurwissenschaftlichen Bereich (Computer, math, engineering, technical) konnten ihren Anteil bis 1999 stark steigern, stagnierten danach aber. Deutlich zurückgefallen sind nach 1999 hingegen die Topverdiener im medizinischen Sektor.

Es fällt darüber hinaus auf, dass die im Jahr 2000 geplatzte New Economy Blase bei Beratern, Wirtschaftsprüfern u. ä. (Business Operations / unternehmensbezogene Dienste) einen sehr starken Rücksetzer auslöste. Deutlich nach unten ging es auch bei den Finanzberufen und – allerdings weniger stark ausgeprägt – bei den Topverdienern im US-Immobiliensektor. Abwärts ging es auch beim Anteil der Spitzenverdiener in der US-Wirtschaft, obwohl in dieser Gruppe der Rückgang schon vor dem Platzen der New Economy Blase einsetzte.

Bemerkenswert ist aber, dass die Anteile der Berufsgruppen „Real Estate“, „Financial professions“, „Business operations“ und „Executives, managers etc.“ nach dem Rücksetzer in 2001 und 2002 nicht nur wieder rasch ihr Vorkrisenniveau erreichten, sondern weiter anstiegen. Das gilt in besonderer Weise für die Immobilien- und Finanzfachkräfte und in geringerem Maße auch für die Topverdiener im Bereich der Business Operations sowie für die Verantwortungsträger in der Wirtschaft.

In der Gruppe der Top-0,1-Prozent der US-Einkommenspyramide (siehe Abbildung 30) ist das Bild wiederum ein anderes. Relativ zu ihrem Anteil am US-Gesamteinkommen in 1979 in der Einkommensgruppe der Top-0,1-Prozent konnten bis 2005 die Spitzenkräfte aus dem Bereich „Business Operations“ ihren Anteil am stärksten steigern, gefolgt von den Topverdienern im Immobiliensektor und – mit deutlichem Abstand – den Spitzenverdienern im Finanzsektor. Bezüglich letzterer ist zu berücksichtigen, dass ihr Anteil innerhalb der Top-1- und mehr noch in der Top-0,1-Prozent-Gruppe 2005 (siehe Abbildungen 27 und 28) groß war. Das gilt in noch viel stärkerem Maße für die Gruppe der Top-Verantwortungsträger in der Wirtschaft. Dass der Anstieg ihres Anteils relativ zu 1979 nicht so hoch ausfällt, dürfte insofern vor allem auch damit zusammenhängen, dass er auch 1979 schon sehr hoch war.

In Abbildung 30 fällt außerdem auf, dass der Anteil der Top-0,1-Prozent-Kräfte im Unterschied zu dem der Top-1-Prozent-Kräfte in den technisch-ingenieurwissenschaftlichen Berufen nach 1999 drastisch einbrach. Einen starken Rücksetzer gab es auch bei den Topmedizinern, deren Anteil von 1993 bis 1999 auf das Niveau von 1979 zurückfiel.

Die Abbildungen 29 und 30 verdeutlichen somit, welche Berufsgruppen innerhalb der Top-1- und Top-0,1-Prozent in den USA in der Zeitspanne 1979 bis 2005 einkommensmäßig am meisten profitierten.

Die Abbildungen 31 und 32 zeigen, wie sich das Durchschnittseinkommen der wichtigsten Berufsgruppen im Segment der Top-1-Prozent (allerdings ausschließlich der Top-0,5 Prozent) und dem der Top-0.1-Prozent ausgehend von 1979 entwickelt hat. In beiden Abbildungen fällt gleichermaßen auf, dass die Entwicklung für die betrachteten Gruppen im jeweiligen Segment bis Anfang/Mitte der 90er Jahre ähnlich verlief, danach aber auseinanderzulaufen begann und 2005 eine beträchtliche Spreizung vorliegt.

Mehr noch als bei der Top-1-Prozent-Gruppe (ohne die Top-0,5-Prozent) ist bei der Top-0,1-Prozent-Gruppe in Abbildung 32 zu erkennen, wie sehr die Durchschnittseinkommen der Topkräfte im Immobilien- und insbesondere im Finanzsektor denen der anderen Gruppen bis 2005 davoneilten.

Wie weiter oben bereits angesprochen, gab es in den Top-Einkommensgruppen bei den Anteilen für die meisten hier betrachteten Berufsgruppen Rücksetzer infolge der geplatzten New Economy Blase. Sie fielen je nach Profession unterschiedlich stark aus, aber es kam anschließend erneut zu einem steilen Anstieg und zwar speziell bei den Finanz- und Immobilienprofis sowie bei der Gruppe der „Business operations“ und den Verantwortungsträgern in der Wirtschaft über das Vorkrisenniveau hinaus.

Zwar liegen für die Zeit nach 2005 und damit für den Verlauf der Entwicklung der Top-Einkommen nach Berufsgruppen in und nach den Krisenjahren 2007 und 2008 keine Auswertungen vor. Aus der in Teil 2 für die Top-10- und To-1- und Top-0,1-Prozent dargelegten Entwicklung, die die Krisenjahre für die USA datenmäßig einschließt, lässt sich jedoch erkennen, dass es auch infolge der US-Hypotheken- und Finanzmarktkrise in den Top-Einkommenssegmenten starke Einbrüche gab, denen anschließend eine rasche Erholung folgte. Es ist angesichts des nach wie vor desolaten Zustands des US-Immobilienmarktes zwar fraglich, ob es für die Topverdiener im Immobiliensektor zu einer echten Erholung der Einkommen gekommen ist. Für die anderen genannten Berufsgruppen dürfte dies jedoch zutreffen, speziell auch für den Finanzsektor.

Morgen folgt die Fortsetzung von Teil 5.2.

von Stefan L. Eichner
Kontakt: eichner@web.de

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