In der Wachstumsfalle – Griechenland & Co. (Teil 2): Das Wachstumsmodell und die Krise

von am 29. Februar 2012 in Allgemein


Wettbewerbsfähigkeit und Innovation

In Teil 1 ging es um die Gegenüberstellung von „Wachstum“ und „Entwicklung“. Dabei wurde erklärt, dass die Begriffe „Bruttoinlandsprodukt“ (BIP) und „Wettbewerbsfähigkeit“ im Sinne der neoklassischen Wachstumstheorie definiert und verwendet werden – auch und gerade in der Debatte um die Bewältigung der Krise von Griechenland & Co. –, nicht aber im Sinne einer Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, etwa der von Joseph A. Schumpeter. Dasselbe gilt für den Begriff der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Das heißt, der Begriff „Wettbewerbsfähigkeit“ ist auf der Vorstellung einer wirtschaftlichen Situation aufgebaut, in der Innovationen stetiges Wachstum bewirken, aber keine Umbrüche und Rücksetzer.

Dementsprechend geht es dabei um „Effizienz-„ und „Produktivitätssteigerungen“ sowie um Kostensenkung innerhalb eines bestehenden technologischen Regimes. Es geht darum, etwas Bestehendes (Produkte und Prozesse) besser zu machen – wie oft auch an Produktbezeichnungen zu erkennen ist, z. B. VW „Golf VI“ oder SAP ERP 6.0 –, ein besseres, aber vor allem auch kostengünstigeres Input-Output-Verhältnis (Produktivität) zu realisieren. Insofern entspricht der Innovationsbegriff der neoklassischen Wachstumstheorie einem ganz spezifischen Typus von Innovation, nämlich der Verbesserungsinnovation. Innovationen, die neue, andersartige Produkte und Produktionsprozesse repräsentieren und die dazu führen, dass etablierte Produkte oder, im Extrem, etablierte Industrien verschwinden, was Schumpeter als „Prozess der schöpferischen Zerstörung“ bezeichnete, sind dabei ausgeschlossen.

Wie sehr unsere Wirtschaftsrealität von dieser aus der neoklassischen Wachstumstheorie abgeleiteten Vorstellung davon, wie fortlaufendes Wachstum realisiert werden kann, geprägt ist und wie problematisch es ist, sich daran zu orientieren, verdeutlichen die folgenden, exemplarisch herausgegriffenen Informationen aus aktuellen Presseberichten:

Nach heftigen Auseinandersetzungen in der Frage über die künftige, auf die Erfolgsspur zurückführende strategische Ausrichtung von Hewlett Packard, dem weltgrößten PC-Hersteller, war vor wenigen Monaten Leo Apotheker als Konzernchef von Meg Whitman abgelöst worden. An den Problemen hat sich dadurch bisher nichts geändert. Im ersten Geschäftsquartal (November bis Januar) ist der Gewinn um 44 Prozent eingebrochen, der Gesamtumsatz um 7 Prozent und die Verkäufe von PC sind um 18 Prozent zurückgegangen. (1)

PSA Peugeot Citroën und General Motors loten eine strategische Allianz in der Absicht aus, durch gemeinsame Modell-Plattformen Skalenerträge zu erzielen und die Herstellungskosten zu senken. (2) Durch Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Autos und Antriebssystemen könnten sich beide Seiten die hohen Kosten teilen und gegenseitig von ihrem Know How profitieren. Hintergrund der Pläne sind die Probleme von Peugeot Citroën und der GM-Tochter Opel beziehungsweise deren britischer Schwestermarke Vauxhall. Die Autobauer kämpfen mit rückläufigen Verkäufen, hohen Kosten und Überkapazitäten. (3)

Laut Presseberichten plant der Computerkonzern IBM einen Strategiewechsel, dem weltweit 20.000 Stellen zum Opfer fallen könnten. Aufgaben, die bisher von festangestellten IBM-Mitarbeitern erledigt werden, sollen künftig von Externen erledigt werden. (4)

Solche und ähnliche Nachrichten aus der Konzernwelt gibt es oft. Dabei geht es immer um Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum und natürlich auch um Innovation. Prüfen Sie selbst: Lässt sich darin irgendein Zusammenhang mit der Vorstellung vom „Prozess der schöpferischen Zerstörung“ beziehungsweise mit jenem Typus von Innovation erkennen, der Umbrüche bei Produkten, auf Märkten, in Industrien oder gar Volkswirtschaften bewirkt?

Nein, gewiss nicht.

Wir leben in einer Welt des Wachstums, in der zwar oft von Entwicklung die Rede, aber ausschließlich Weiterentwicklung des Status Quo gemeint ist.

Wenn man das will, wenn man diesen Weg der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit beschreitet, dann sind angesichts der gegebenen Verhältnisse auf den globalen Märkten Produktivitätssteigerungen und niedrige Personalkosten ebenso entscheidend wie auch niedrige Leit- und Kapitalmarktzinsen.


Das Wachstumsmodell

Dafür wird alles getan – in der Wirtschaft, bei den Notenbanken und auch in der Politik. Das folgende Schaubild „Erwarteter Nutzen industrieller Innovation“ verdeutlicht, wie – seit vielen Jahren – das Wachstumsmodell der Industriestaaten funktioniert. Die entsprechenden Zusammenhänge wurden von mir farblich gekennzeichnet.

Die Frage ist dann nur, warum es heute offensichtlich nicht mehr funktioniert?

Doch zunächst zum Schaubild. Darin kommen alle Begriffe vor, die in der Diskussion über die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und vor allem auch in der aktuellen Debatte über die Wettbewerbsfähigkeit von Griechenland & Co. immer wieder fallen.

Industrielle Innovation bewirkt danach Produktivitätssteigerungen, die negative Beschäftigungseffekte haben (Rationalisierung). Auf der anderen Seite verbessert diese jedoch die internationale Wettbewerbsfähigkeit, was volkswirtschaftlich gesehen zu höheren Weltmarktanteilen führt, was wiederum positive Beschäftigungseffekte nach sich zieht und sich vor allem auch in einer verbesserten Zahlungsbilanz niederschlägt (Anmerkung: Zahlungsbilanz = Leistungsbilanz + Kapitalbilanz + Vermögensübertragungen + Restposten (Bereinigung um statistische Ungenauigkeiten)).

Dieser Zusammenhang ist der Kern des Wachstumsmodells. Insofern könnte man, wenn es nur darum ginge, darstellerisch das Feld „Neue/bessere Produkte“ auch in das Feld „Industrielle Innovation“ in der Mitte integrieren und alles andere, nicht farblich gekennzeichnete, wegfallen lassen. Die These dieses Wachstumsmodells ist, dass die positiven Beschäftigungseffekte infolge steigender Weltmarktanteile die negativen Beschäftigungseffekte infolge von Produktivitätssteigerungen überwiegen. Es ist eine empirisch kaum belegbare und deswegen höchst problematische These.

Was hat das jetzt mit dem Wachstumsproblem Griechenlands & Co. und den Problemen von Hewlett Packard, PSA Peugeot Citroën, General Motors, IBM & Co. zu tun?

Eine Menge.

Denn sowohl die Politik als auch sehr viele Unternehmenslenker glauben daran, dass dieses Wachstumsmodell funktioniert. Mehr noch hat die Politik die Unternehmen in ihren Bestrebungen zur Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit im Sinne dieses Wachstumsmodells gezielt unterstützt, weil sie sich davon Wachstum und positive Beschäftigungseffekte verspricht. Die Politik, die genau das tut, heißt: „Industriepolitik“.


Industriepolitik für internationale Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum

Die klassische Form der Industriepolitik zielt auf die Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Beschäftigung. Weil wir im Zeitalter einer fortgeschrittenen Globalisierung leben und in Wachstumskategorien zu denken gewohnt sind, bedeutet dies, dass auf den wichtigsten globalen Märkten nur die größten und effizientesten Unternehmen eine Chance haben, Weltmarktanteile hinzuzugewinnen und auf dieses Weise die Zahlungsbilanz verbessert werden kann. Das heißt, in der gegenwärtigen Form zielt die Industriepolitik auf die Formung und Förderung von „National Champions“, die Größenvorteile bzw. Skalenerträge realisieren und besonders effizient und kostengünstig produzieren können.

Besonders deutlich konnte man das beispielsweise an der Politik der Bundesregierung unter Gerhard Schröder nachvollziehen. Die „Agenda 2010“ – einschließlich der Hartz-Reformen – ist klassische Industriepolitik gewesen. Es ging dabei vor allem darum, die heimischen „National Champions“ – etwa in der Automobilindustrie, im Energiesektor oder auch im Banken- und Versicherungssektor – bei ihren Bestrebungen, effizient und kostengünstig zu produzieren bzw. ihre Dienste anzubieten, zu unterstützten. Auch die Verschmelzung der Dresdner Bank mit der Commerzbank verdankt sich der industriepolitischen Intention, neben der Deutschen Bank einen weiteren „National Champion“ im Bankensektor zu formen, um auf dem globalen Markt besser mitspielen und – aus volkswirtschaftlicher Sicht – Marktanteile hinzugewinnen zu können. Auch Nicolas Sarkozy betreibt systematisch klassische Industriepolitik für Frankreich und dasselbe gilt etwa auch für die USA und Japan.

Die Kehrseite davon ist, dass Nationen, denen es nicht gelingt National Champions aufzubauen, die sich im globalen von Skalenerträgen, Effizienz und Kosten abhängigen Wettbewerb behaupten können oder wettbewerbsfähige multinationale Konzerne zu attrahieren (so geschehen z. B. in Irland, Portugal, Ungarn), im Hinblick auf Wachstum und Beschäftigung zu den Verlieren gehören. Sofern sie von Importen abhängig sind und so lange andere Staaten das beschriebene Wachstumsmodell erfolgreich anwenden, haben sie keine Chance, ihre Zahlungsbilanzen in Ordnung zu bringen.

Tatsächlich haben aber mittlerweile auch bisher erfolgreiche Anwender des Wachstumsmodells ernst Wachstumsprobleme. Das gilt für Volkswirtschaften – etwa die USA, Großbritannien, Japan, Frankreich und Italien – und es gilt auch für viele am Wachstumskonzept ausgerichtete und damit bisher auf globalen Märkten erfolgreich operierende Konzerne, worauf die eingangs genannten Beispiele hinweisen.

Woran liegt das?


Intention und tatsächliche Wirkungsweise des Wachstumsmodells

Die Gründe dafür werden erkennbar, wenn man zwischen der Intention des Wachstumsmodells und der tatsächlichen Wirkungsweise seiner Anwendung differenziert. Das ist insofern geboten, weil bisher schlicht unterstellt wird, dass seine Anwendung immer genau die intentionierten Wirkungen (Wachstum und Beschäftigung) erzeugt (TINA – There is no alternative) – nicht zuletzt weil es in der Vergangenheit stets so war. Genau das macht ein Paradigma aus. In diesem Fall gründet es auf der neoklassischen Wachstumstheorie, auf der das Wachstumsmodell aufbaut und deren Richtigkeit nicht infrage gestellt wird.

Was die tatsächliche Wirkungsweise der Anwendung des Wachstumsmodells ist, lässt sich verdeutlichen, wenn man einmal auf das Innovationsverhalten im Lebenszyklus eines erfolgreichen, wachsenden Unternehmens blickt. Das folgende Schaubild zeigt, welche Rolle signifikante bzw. herausragende Innovationen (major innovations) – die mit der Wachstumstheorie kompatiblen „Verbesserungsinnovationen“ – bei erfolgreichen, wachsenden Unternehmen im Zeitablauf spielen. Zur Erinnerung: In der Wachstumstheorie und im Wachstumsmodell werden – anders als das obige Schaubild „Erwarteter Nutzen industrieller Innovation“ von Rothwell/Zegveld suggeriert – Innovationen nicht nach ihrer Wirkung differenziert und sie sind lediglich mit dem Typus „Verbesserungsinnovation“ kompatibel (Stichwort: gleichgewichtiger Wachstumspfad).

Unterschieden wird im Schaubild „Three stages in the evolution of a successful enterprise“ zwischen signifikanten Produkt- und signifikanten Prozessinnovationen für den Fall eines Fertigungsunternehmens, wobei sich die dargestellten Kurven aus empirischen Untersuchungen ableiten.

Die Basis für den Markterfolg legen demnach signifikante Produktinnovationen, die in der Phase der „Flexibilität“ des Unternehmens im Vordergrund stehen. Das gilt für Ford ebenso wie für Daimler, aber auch für Coca Cola, Microsoft und SAP. Mit zunehmendem Markterfolg rücken signifikante Prozessinnovationen in den Vordergrund. Sie sind in der sogenannten Phase des „Übergangs“ für den Unternehmenserfolg und weiteres Wachstum entscheidend, während signifikante Produktinnovationen an Bedeutung verlieren. In der letzten Phase schmilzt sowohl die Rate signifikanter Produkt- als auch jene signifikanter Prozessinnovationen immer weiter zusammen und insgesamt auf ein Niveau, das beträchtlich unterhalb der dynamisch-innovativen Aktivität desselben Unternehmens in seiner Anfangsphase liegt. Prozessinnovationen behalten jedoch in der Phase der „Spezialisierung“ einen höheren Stellenwert als Produktinnovationen.

Schaut man sich nun einmal in der Tabelle an, was für die Phase der Spezialisierung eines erfolgreichen großen Unternehmens wie z. B. Hewlett Packard, General Motors oder IBM kennzeichnend ist, so stellt man fest, dass es genau dieser Typus erfolgreicher Unternehmen in der Phase der „Spezialisierung“, den das Wachstumsmodell und damit auch die klassische Form der Industriepolitik adressiert. Im Umkehrschluss heißt das, dass das Wachstumsmodell und die daran ausgerichtete Wirtschafts- und Industriepolitik dynamisch-innovative Unternehmen, die am Anfang ihrer Entwicklung stehen, nicht nur nicht fördert, sondern sie systematisch behindert.

Weil aber die Rate signifikanter Produkt- und Prozessinnovationen eines erfolgreichen, etablierten Großunternehmens über die Zeit immer weiter zusammenschmilzt, kann das Wachstumsmodell nicht ewig aufgehen. Je mehr Industriezweige (und Dienstleistungsbranchen) auf globalen Märkten von erfolgreichen Unternehmen (und auch Banken) in der Phase der Spezialisierung dominiert werden (Oligopolisierung), desto stärker schlagen volkswirtschaftlich einerseits die Effizienzsteigerungs- und Kostensenkungsbemühungen durch (Stichworte: Reallohnentwicklung, Schere zwischen Arm und Reich, Nachfrageschwäche) und andererseits der „Innovationsstau“, das heißt die geringe, von signifikanten Innovationen getragene Marktdynamik, die die Basis für Wachstum und Beschäftigung legen könnte.

Das ist der Grund dafür,

  1. warum jetzt nicht nur Griechenland & Co. ein ungelöstes Wachstumsproblem haben, sondern auch die führenden Industriestaaten;
  2. warum die Wirtschaftskrise von Griechenland & Co. nicht losgelöst von den führenden Industriestaaten bzw. von den globalwirtschaftlichen Problemen erfolgen kann;
  3. warum der Versuch, Griechenland im Sinne des Wachstumsmodells international wettbewerbsfähig zu machen, völlig abwegig ist und
  4. warum wir die Probleme ohne einen Paradigmenwechsel und ohne eine Abkehr vom bisher erfolgreichen Wachstumsmodell nicht werden lösen können.

Es ist vor diesem Hintergrund nebenbei bemerkt überhaupt kein Wunder, dass die Finanzmärkte sich so sehr auf Luftnummern bzw. nicht mit der Realwirtschaft verbundene Geschäfte verlegen wollten, um hohe Renditen erzielen zu können und dies (politisch) auch zugelassen wurde. Denn auch im Bankensektor greift das Wachstumsmodell im industriepolitischen Sinne der Förderung der „National Champions“.


Ausblick

Im dritten Teil soll es perspektivisch um die Frage der Lösung des Problems von Griechenland & Co. gehen.
von Stefan L. Eichner
Kontakt: eichner@web.de

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25 KommentareKommentieren

  • Michael - 29. Februar 2012

    Um ehrlich zu sein, das halte ich für nebensächlich. Entscheidend wäre der Kredit- Wechselkurs- und Zinszyklus.

    Vor ein paar Tagen haben wir ein hochmodernes VW-Werk besichtigt. Kurz davor ein Stahlwerk. Wirklich beeindruckend mal die heutige Praxis ganz real zu sehen, zumal ich vor vielen Jahren sowas gelernt habe. Eine unglaubliche Effizienz und Arbeitsorganisation. Bis in das winzigste Detail. Die Japaner und Koreaner sollen dem nicht nachstehen. Aber in der Tat, da werden nicht viele in Menge und Qualität mithalten.

    Das Problem wäre durch einen brutalen Standard zu lösen. 1 kg Mondgestein wäre x Währungseinheiten. Kann auch Platin oder sonstwas für ein Schrott sein. Zum Jahresende wären die Währung um soundsoviel Anteile entsprechend der Handelsbilanz auf- oder abzuwerten. Die, die nur kassieren, kommen unter Aufwertungsdruck, die, die nur Defizite einfahren, werten ab. Dabei ist die Art des Standards unerheblich. Das kann sowas, wie ein Urkilo sein, selbst ein einzelner Diamant oder Gold ginge. Das Teil selbst ist nur der Anker. Diesen Anker kann ich im Preis allgemein als Wachstum x% pro Jahr wachsen lassen. Auf diese Art und Weise verhinderte ich nämlich Dumping. Wer ständig aufwertet, wird seinen Trödel, so gut er auch sei, einfach nicht mehr los. Damit wird er gezwungen nicht nur zu exportieren, sondern auch die Binnenwirtschaft im Rahmen seines geschätzten Mehrwachstums gegenüber der Konkurrenz zu fördern, um die Überschüsse zu drosseln. Genau diese Funktion erfüllten allerlei PIGS für die “Deutschen”. Die machen sich damit freilich nicht grundlos unbeliebt.

    Irgendwelche abstrusen Wachstumstheorien sind nicht so wichtig, es kommt auf die Relationen zwischen den Wirtschafts- und Währungsräumen an. Warum wird sowas nicht gemacht ? Weil es das Ende des Dollars als Weltreservewährung wäre. Es wäre auch das Ende des angloamerikanischen Finanzmarktimperiums.

    • SLE - 29. Februar 2012

      Hallo Michael,

      die Weltbank und China halten das offensichtlich nicht für nebensächlich. Wenn es stimmt, was ich in einem HB-Artikel gelesen habe, dann haben sie das von mir dargelegte Problem erkannt und steuern zielstrebig eine Korrektur an. Siehe hier:

      http://www.handelsblatt.com/politik/international/wirtschaftswachstum-weltbank-warnt-china-vor-crash/6245176.html

      Vor ein paar Jahren hätte niemand gedacht, dass GM, der damalige Weltmarktführer auf dem Automobilmarkt, pleite geht. So etwas kann sich sehr leicht wiederholen. und ich gehe davon aus, dass es sich wiederholt. Es nur die Frage, wann.

      Viele Grüße
      SLE

  • Bubblegum - 29. Februar 2012

    @SLE,

    vielen herzlichen Dank für diese ausgezeichnete Ausarbeitung!
    Aber: wie paßt das chinesische Modell in dieses Muster?
    Reinweg Produktimitation, Produktvariation und abolute Kostenreduzierung, auf Kosten der
    Arbeitskräfte und der Umwelt haben China zur Werkbank der Welt werden lassen, ohne dass bahnbrechende Basisinnovationen erfolgten. Dieses Modell funktioniert nun schon 30 Jahre relativ erfolgreich, ein Ende ist noch nicht absehbar. Derweil haben sich die Kosten für die dazu benötigten Rohstoffe und die für die Produktion benötigte Energie in Dollar, an den ja der Renmimbi gekoppelt ist, ver-xfacht. Das kann eigentlich über die Skalenerträge nicht mehr auffangbar sein! Was übersehe ich ?

    Viele Grüße Bubblegum

    • SLE - 29. Februar 2012

      Hallo Bubblegum,

      China war lange Zeit eine Planwirtschaft und ist auch jetzt keine reine Marktwirtschaft. Vor nicht langer Zeit hatte es den Status eines Entwicklungslandes und insofern Nachholbedarf. Ganz sicher war dabei ihr Konzept das der Imitation. Auch China macht massiv Industriepolitik. Doch wie schon in der Antwort an Michael angesprochen, haben sie den Pferdefuß des Wachstumsmodells bzw. “Erfolgsmodells” der westlichen Industriestaaten erkannt und korrigieren jetzt ziestrebig ihren Kurs in die Richtung, die mein Aufsaztz nahelegt.

      Siehe dazu: http://www.handelsblatt.com/politik/international/wirtschaftswachstum-weltbank-warnt-china-vor-crash/6245176.html

      Sie mögen viel kopieren, die Chinesen, aber das machen sie sehr klug. Längst nicht alles wird nachexerziert und wenn sie merken, das etwas nicht funktioniert, dann ändern sie es auch – im Gegensatz zu den Industriestaaten. Aber das ist natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass es keine Demokratie ist.

      Grüße
      SLE

  • Gregor - 29. Februar 2012

    Hallo SLE

    Herzlichen Dank für die interessante Analyse.

    Aus meinem Bauchgefühl heraus braucht es zur Erklärung der Krise keine solchen Theorien.

    1. Man kann nur solange handeln, wie man auch etwas anbieten kann. Wenn’s nicht mehr reicht, wird verschuldet….

    2. Die “Klassische” VWL/BWL funktioniert nicht, da sie “jedem” Gewinn verspricht, durch Zentralbanken und Giragelschöpfung auf Halde Produziert. Verschuldungsorgien resultieren durch die “Marktsättigung” und beschränkten Geldmittel der Konsumenten. Finanznotstand – Liquiditätsfalle. Bei “drohendem” Verlust wird die Notenpresse angeworfen…. Wettbewerbsverzerrung oder Insolvenzverschleppung? -> Der Markt funktioniert nicht….. eine Utopie – eine “FICK”tion für “dumme” Bürger…

    Wo bleiben den all die Produktivitätszuwächse? Ich warte schon seit Jahren auf die 20 Stundenwoche … Was mir aber blüht, ist die Inflationierung meines “Alterskapitals” zugunsten von… ? Scheinwohlstand? Hängt die Karrotte als Antrieb für den “Esel” überhaupt? Ist der Geld”WERT??” als Basis eines Modells überhaupt legitim?? Angebot und Nachfragemodell realitätsfern?

    Innovation – “Hin oder Her” – wenn’ s nichts mehr zu verteilen gibt, sollte man es eben lassen.

    Und noch eine weitere Paradoxie bringt mich auf die Palme: Die effizientere Nutzung der Ressourcen … Wenn man für den Müll (chinaware&..) produziert, wird nix besser – effizienter, man braucht einfach mehr…

    Die Triebfeder des “alternativlosen” Wachstums ist ein Sündenfall sondergleichen. Es wird gar nicht mehr wirklich erforscht, wie Sinnvoll es ist – Wachstum um das Waschtum zu sichern. Wenn man nur noch arbeiten geht, um mehr zu haben, anstatt zu leben ist das nur krank….

    Wann gibt es ein “vernünftiges”, nachhaltiges Wirtschaftsmodell, das der Realität entspricht und dem “Menschen” nützt?

  • King Balance - 1. März 2012

    #Gregor: Wann gibt es ein “vernünftiges”, nachhaltiges Wirtschaftsmodell, das der Realität entspricht und dem “Menschen” nützt?

    Gregor erwarte da NIX!!! Demokratiepolitisch ist die EU ein Defizit sondergleichen.
    Diese EU-Retter (Hühner) sind doch so verblödet, dass sie sogar auf das sinkende Schiff zuschwimmen.

  • dicke Bertha - 1. März 2012

    Ob die Iren so glücklich sind?

    30% der irischen Rentner leben in extremer Armut.

    Ein Handelsbilanzüberschuss bedeutet noch nicht viel.

    Es ist schon irre, gegen wieviel ausländische Güter und Dienstleistungen sich ein deutsches Luxusauto tauschen läßt.

    Ob eine Innovation sich erfolgreich am Markt absetzen läßt, hängt doch von vielen Variablen ab.

    Und der Absatz von Luxusautos hängt direkt von Einkommensunterschieden, also sozialen Bedingungen, ab.

    SAP ist auch deshalb erfolgreich, weil viele EDV – Entscheider eine bewährte sichere Dienstleistung bevorzugen.
    Mit der Zahl der SAP – Installationen wächst dieser Druck für diese Investitionsentscheidung stetig.

    Aber zurück.

    Ein Land mit einer Milliarde Menschen wird im Laufe der Zeit mehr Innovationen entwickeln als ein Land mit 80 Millionen Menschen.

    Wer will Indien, China, … daran hindern Maßstäbe zu setzen an die sich die kleineren Länder anpassen müssen?

    Und wenn sie klug sind, werden sie die Vorschriften für bestimmte Mindestbedingungen (Energieeffizienz, Haltbarkeit, Materialeigenschaften ,…) die Güter erfüllen müssen sukzessive dem wachsenden Wissen ihrer Bevölkerung anpassen.

    Damit verbleiben den kleineren Ländern immer weniger Nischen in denen sie wettbewerbsfähige Produkte, die die gesetzten Rahmenbedingungen erfüllen können, anbieten können.

    Wir in Europa müssen zusammenwachsen. Damit wir Bedingungen diktieren können. Griechenland ist ein Negativbeispiel weil hier von der unbewältigten Bankenkrise abgelenkt werden soll.

    WAS DRAGHI jetzt macht hat gigantische Umverteilungswirkungen.

    Und es ist auch nicht gut für die Effizienz unserer Gesellschaft.

    Aber Schuld daran trägt die deutsche Politik.

  • Vandermonde - 1. März 2012

    Ich bin ein bisschen skeptisch. Was genau ist der Unterschied zwischen “Innovation” und “Verbesserungsinnovation”? Die Definition der sozusagen “echten” Innovation im Artikel erinnert mich sehr an eine eigentlich romantische Vorstellung des (einzelnen) Erfinders á la Daniel Düsentrieb.

    Der Punkt ist aber, dass “Innovation” i.a. so nicht funktionieren. Auch nicht die “umwälzenden”. So hat z.B. die Computertechnologie Vorläufer die auf Uhrenmechanik basieren. D.h. Innovationen bauen normalerweise auf Millionen anderen Innovationen auf.

    Auch die Unterscheidung zwischen Prozess- und Produktinnovationen ist nicht so einfach. Z.B. in der Softwareentwicklung, wo nicht einmal klar ist, was eigentlich der Prozess und das Produkt ist.

    Ein gutes Beispiel sind Digitalkameras. Der Erfindungsprozess zeigt das “auf einander aufbauen” von Innovationen aus verschiedenen Bereichen bis Kodak selbst die erste richtige Digitalkamera herstellt. Allerdings nur um daran dann schlußendlich selbst “schöpferisch” zugrunde zu gehen. Und sie sind auch ein gutes Beispiel für die schwierige Abgrenzung der Begriffe. Sind Digitalkameras jetzt eine “echte” Innovation oder eine Verbesserungsinnovation?

    • SLE - 1. März 2012

      Hallo Vandermonde,

      es ist richtig, dass es ein Abgrenzungs- und Messproblem gibt. Aber das kann nicht bedeuten, dass eine Differenzierung wirtschaftlicher und vor allem auch wirtschaftsstruktureller Folgen von Innovationen überhaupt nicht vorgenommen wird.

      Das macht vor allem deswegen keinen Sinn, weil es einen klaren Zusammenhang zwischen der “ökonomischen Signifikanz” von Innovationen, Wettbewerbsform und der Entwicklung von Märkten gibt. Das verdeutlicht ja auch das Schaubild zu den Produkt- und Prozessinnovationen im Lebenszyklus erfolgreicher Unternehmen. Dieser Zusammenhang spielt aber in den volkswirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Überlegungen zur Erklärung und Bewältigung der Krise bisher gar keine Rolle. Ich halte das für problematisch.

      Grüße
      SLE

  • dank - 1. März 2012

    Vielen lieben Dank für Teil II!

    Seit einigen Tagen setzt sich bei mir der Gedanke fest, dass
    uns durch das Handeln von Staat, der Finanz, der Medien absichtlich
    suggeriert wird, dass wir „einfach alles“ verlieren können
    (Krise, Pleiten, eventuelle Geldentwertung, etc. pp..)
    Aber auch, dass hier öffentlich nur so wenig Klartext gesprochen wird,
    damit alles in einer dicken Nebelsuppe fest hängt und nur durch eigenen
    Antrieb in Teilen herauszufinden ist, wie schlimm es wirklich steht.
    Wir werden getäuscht und nur unzureichend aufgeklärt.

    Was hat es zur Folge und was bewirkt diese mediale Nonstop-Berieselung
    mit den Negativ-Geld-Meldungen?

    Allgemein: Alles steht und fällt in unserer Industrie/Gesellschaft mit dem Geld –
    so wurden wir erzogen und so haben wir es im frühsten Alter schon
    mitbekommen und im Berufsalltag noch mehr. Geld lässt uns vermeintlich
    besser da stehen und besser fühlen – real kann ich das nur bestätigen;
    abgesehen von kurzen Glücksmomenten, sich etwas zu leisten auf das lange
    gespart wurde. Ansonsten traue ich mich sogar soweit zu gehen zu sagen,
    dass Geld Angst bedeutet. Angst vor Verlust. Mit Geld kann vermeintlich
    jeder Verlust aufgewogen werden. Aber sollte Geld nicht für Hoffnung stehen?
    Hoffung und Sicherheit. Immer mehr empfinden es als Angst und Unsicherheit.
    Oder ebenfalls Angst um das Geld – Angst, dass zuwenig Geld in
    der Gegenwart oder auch im Alter da ist. Angst sich etwas nicht mehr
    leisten zu können, weil es plötzlich zu viel kostet. Angst, nicht
    genug Geld beiseite zu legen. Es verfehlt nun schon seit geraumer Zeit seinen
    Sinn. Es gibt den Spruch: Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt.
    Dem kann ich nicht mehr beipflichten.
    Und auch der hier steht auf wackligen Beinen:
    Wer Geld wie Heu hat, kann sich Stroh im Kopf leisten.
    Dem ist nun nicht mehr so. Bewusst möchte ich hier auch die oberen 1-3%
    ausklammern, da kenn ich niemanden um einschätzen zu können, ob die Angst
    proportional zum Konto ansteigt, oder hier ab einem individuellen Punkt die
    Sorge um das Geld selbst nachlässt.

    Finanztechnisch bezogen befinden wir uns m. E. am Beginn (?) einer neuen Zeit
    der Aufklärung und desto länger die Krise köchelt, desto mehr wird sich das
    Gewicht dieser Aufklärung auf das System legen und damit den
    Untergang/Wandel/Neustart/Wasauchimmer beschleunigen, zusätzlich zum sich
    immer schneller drehenden Rad. Nicht ob – sondern wann.
    Es kann kein Entrinnen geben.

    • ö.ä. - 1. März 2012

      “Aber sollte Geld nicht für Hoffnung stehen?´[…] Es verfehlt nun schon seit geraumer Zeit seinen
      Sinn”

      Geld ist lediglich ein Tauschmittel. M.E. ist die “Romantisierung” des Geldes, die Wurzel der Angst. 1.Man vergisst, dass das Wesentliche nicht-abstrakte Dinge sind, wie Nahrungsmittel, ein Dach über dem Kopf,…
      2. Man lässt sich von der Frage ablenken, warum die wesentlichen Dinge so verteilt sind, wie sie verteilt sind.
      3. Wäre die Welt ohne Geld anders, als sie ist (mal abgesehen von Macht, usw.)? Würden nicht trotzdem Apfelbäume wachsen, Kühe Milch geben, Leute in Häusern wohnen?

      Aber das ist natürlich nur meine Meinung. 🙂

      • ö.ä. - 1. März 2012

        Edit:
        4. Geld ist dazu da, von unten nach oben (Besitzverhältnisse, Zinsen) verteilt zu werden. Hoffnung war nicht im Sinne des Erfinders.

        • dank - 2. März 2012

          “Romantisierung” des Geldes – da wir aber alle dazu neigen mit Dingen Emotionen zu verbinden, wars bei Geld für viele in der westlichen Welt lange Zeit etwas positives und wird im Laufe dieser tollen Krisenstimmung zu etwas negativem.

          Ok.
          Zu 1. Stimmt, aber ohne ein Einkommen (in Form von Geld) wird es bei der Beschaffung der nicht-abstrakten Dinge für viele einen gehörigen Knick machen, und für einen Teil renkt sich das danach wieder ein.
          Zu 2. Ja, gilt für viele, aber so richtig abgelenkt werden sich die wenigsten fühlen.
          Zu 3. Nein – vielleicht in weniger Häusern mehr Leute & zurück zu 1.
          Zu 4. Richtig, aber es wurden beim kleinen Mann absichtlich die Hoffnungen auf Zinsen durch Sparen und “mehr leisten können” durch mehr Gehalt oder Kredit usw. geschürt.

          Die Menschen; alle – waren so leichtgläubig und unvernünftig dem Mammon zu verfallen – da kann jetzt nicht die Vernunft gefordert werden, dass es doch von Anfang an bekannt war.
          Ist und war es nicht.
          Glaube sehr schwer, dass viele (die sich damit beschäftigen) ähnliche Gedanken mit sich herumtragen, dass das was eben mit dem lieben Geld passiert eine schlimme Erfahrung ist. So neutral wie Du können das nur wenige sehen – dazu fehlt mir (noch) die Ruhe.

          • ö.ä. - 2. März 2012

            Nun ich sehe es deshalb gelassen, weil ich kaum etwas habe, was ich verlieren könnte.
            In Bezug auf die älteren Menschen, die jetzt schon wenig haben und keine nennenswerte Unterstützung erwarten können, sollte es ganz haarig kommen, sehe ich das nicht gelassen.
            Ich glaube viele Leute, die solche Sachen nicht rational betrachten, erlegen sich viele unnötige Zwänge auf (z.B. “jedes halbe Jahr ein neues Handy muss schon sein”) und werden sich nach einem langen Leben als Status- und Konsumzombie fragen, warum sie aufeinmal so unglücklich sind.

  • Freiberufler - 1. März 2012

    Vor 10, 15 Jahren rechneten uns alle Automobilanalysten vor, dass DaimlerChrysler dank seiner gigantischen Skaleneffekte Traumrenditen erwirtschaften und den Wettbewerb in Grund und Boden investieren werde.
    BMW wurde ohne Fusion der Untergang voraus gesagt.
    Der Rest der Geschichte ist bekannt.

  • HAJO - 1. März 2012

    Eine beeindruckende Analyse, Stefan!

    Laut Aussage einer Professorin mit griechischen Wurzeln, die an der Uni Trier VWL lehrt, war Griechenland im Konzert der europäischen Staaten noch nie echt konkurrenzfähig. Die Produktivität dieses Landes ist schon seit eh und je unterdurchschnittlich, und Innovationen kamen von dort noch nie. Bis vor der Krise lag das BIP zwar relativ hoch, doch dieses war ein über lange Jahre konstruiertes “Potemkinsches Dorf”.

    http://www.agenda21-treffpunkt.de/lexikon/BIP.htm

    Auszug hieraus:

    “Verwendungsrechnung:
    das BIP ist die Summe aus Konsumausgaben, Investitionsausgaben, Ausgaben des Staates für Güterkäufe und der Differenz aus Export und Import.”

    In Griechenland waren die Konsumausgaben bis zum Beginn der Krise infolge großzügiger Einkommen im Staatsdienst und in staatlichen Unternehmen und infolge eines völlig ineffizienten Fiskus im europäischen Vergleich unverhältnismäßig hoch, doch die Investionsausgaben ausgesprochen niedrig. Die Ausgaben des Staates für Güterkäufe bestanden zum größten Teil in Käufen militärischer Güter, hauptsächlich aus Frankreich und Deutschland, deren Wert weit über den Steuereinkünften des Landes lag. Der Importwert an Rüstungsgütern und anderen industriellen Gütern überstieg regelmäßig den Exportwert meist agrarischer Güter.

    O-Ton der Professorin: “Griechenland war schon immer ein Schmarotzerland, in dem es auf Pfründe ankam, die die jeweils herrschenden Politiker an ihre Klientel verteilten, insbesondere an ihre finanzkräftigen Unterstützer. Der deutsche Spruch ´Eine Hand wäscht die andere´ trifft m.E. in besonderem Maße auf mein Geburtsland zu. Ich bin sehr skeptisch, dass es je gelingen wird, in Griechenland echtes nachhaltiges Wirtschaftwachstum zu erzeugen. Es tut mir sehr leid, aber dieses Land ist ein historischer Loser. Meine Eltern haben dies schon früh erkannt und in jungen Jahren in Deutschland eine neue Existenz aufgebaut. Meine Heimat ist eindeutig Deutschland.”

    Gruß
    Hajo

    • SLE - 1. März 2012

      Hallo HAJO,

      Danke für die Ergänzung. Simon Johnson, ehemaliger IWF-Chefvolkswirt, heute Professor und Vertreter sehr ähnlicher Gedanken wie die von mir geäußerten, hat einmal erklärt, dass der IWF bei seiner Sanierungsarbeit immer zuerst darauf gezielt habe, die korrupten Strukturen in dem jeweiligen Land zu zerschlagen. (siehe dazu den wirklich lesenswerten Artikel: http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2009/05/the-quiet-coup/7364/1/)

      Ich bin überhaupt kein Anhänger des Washington Consensus`, den der IWF anwendet und zwar bisher durchaus nicht selten mit am Ende katastrophalen Ergebnissen. Aber ich muss zugestehen, dass es ihm auch im Falle Griechenlands um die Zerschlagung der korrupten Strukturen gehen könnte. Das Problem sehen wohl auch viele Griechen (siehe dazu: http://www.tagesschau.de/wirtschaft/griechenland2098.html ).

      Das alles ändert aber nichts an meiner Einschätzung des “Sanierungs”-konzepts.

      Viele Grüße
      SLE

  • micdinger - 1. März 2012

    Nicht ganz zum Thema gehörend, andererseits doch wieder. Sehr gut gemachter Film über die “Wirtschaftsberatung” der USA in den Südamerikanischen Ländern. Sehenswert für alle die den Film nicht kennen.

    The Economic Hitman (auf deutsch)

    http://www.youtube.com/watch?v=gMalMJUr35M

  • snozin - 1. März 2012

    Ich bin immer dankbar, wenn es jemand unternimmt, die Begrifflichkeiten der Ökonomie auf das zurückzuführen, was jenseits des Zunftmarketings an Substanz übrig bleibt. Insofern Dank auch für diesen Beitrag.

    Inzwischen bin ich fast überzeugt, dass die leienhafte Betrachtungsweise nach einem Neustart das einzige Mittel sein wird, um den Stacheldraht zu durchdringen, den die sogenannte Wissenschaft Ökonomie um den Kern der Dinge gezogen hat.

    Hier zum Beispiel der Begriff “Skalenertrag”, der in Gestalt von Formeln die letzmöglichen Quetscheinheiten aus der globalen Massenproduktion herausholen und mathematisch darstellen soll. Interessant wäre zu wissen, wie viele Tausend akademische Nachrücker immer aufs Neue zu diesen Girlanden geführt werden, um sie weiter zu flechten. Und noch interessanter zu wissen, wie viele von denen längst ahnen, mit welchem Nonsens sie beschäftigt sind.

  • Wolfgang Waldner - 1. März 2012

    Den Joseph A. Schumpeter sollte man besser nicht positiv im Sinne einer Innovativen Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zitieren. Sein „Prozess der schöpferischen Zerstörung“ war eine durchschaubare Rechtfertigung der Weltwirtschaftskrise 1929-33. So als wäre die damalige deflationäre Depression, die von der Geldpolitik ja bewusst inszeniert wurde und jederzeit beendet werden konnte, ein unvermeidbares Opfer für den Fortschritt und die kommenden Innovationen in der Weltwirtschaft.

    Man hat ja Schumpeter für diese Apologie der Großen Depression den Lehrstuhl in Harvard verschafft und seine Ideen – vor allem die Idee mit dem „Prozess der schöpferischen Zerstörung“ – überall gerühmt. Der Bursche hat damit die Weltwirtschaftskrise gerechtfertigt.

    Zur Aufklärung der Probleme mit unserem heutigen Wachstum muss man auf die Einkommensverteilung sehen. Die neoliberale Politik hat in drei Jahrzehnten eine Umverteilung der Einkommen und die Verarmung der breiten Bevölkerung bewirkt. In den USA entfällt auf das oberste Prozent ein Viertel des Gesamteinkommens der Ökonomie, auf die obersten 10 Prozent die Hälfte des Gesamteinkommens. Bei uns ist es noch nicht ganz so schlimm, aber es hat sich ähnlich entwickelt.

    Unter solchen Bedingungen fehlt natürlich die Massenkaufkraft und es gibt ein sinnloses Gerangel, welches Land sich gegen die anderen Konkurrenten auf dem Weltmarkt durchsetzen kann, also seine Produkte bei fehlender Binnennachfrage überhaupt noch los wird.

    • SLE - 1. März 2012

      Hallo Wolfgang Waldner,

      die Grundidee von Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, zwischen (zumindest zwei) völlig unterschiedlichen Zuständen der Wirtschaft zu unterscheiden, um sie richtig erklären zu können, ist richtig. Diese Theorie wurde 1912 vorgestellt und sie wendet sich im Kern gegen Monopolisierung – ein Problem dieser Zeit, dem sich ja auch Rudolf Hilferding mit seiner Stamokap-Theorie (Das Finanzkapital) von 1910 widmete – er kam zur selben Schlussfolgerung.

      Und wenn man nun das Problem der Schere zwischen Arm und Reich bzw. der Einkommensverteilung nimmt, dann ist die Erklärung dafür die Monopolisierung der Wirtschaft. Denn mit zunehmender Unternehmenskonzentration – und das ist auch heute das Problem – werden die Einkommen und Gewinne immer stärker kanalisiert und fließen einer immer kleineren Gruppe von Vermögenden zu. (siehe dazu meinen Aufsatz “Im Spiegel der Armut”: https://www.querschuesse.de/im-spiegel-der-armut-aktienhausse-einkommenskonzentration-und-oligopole-das-beispiel-usa/) Herausragende innovative Leistungen zu erbringen, ist dann für die Oligopolisten oder Monopolisten nicht nur nicht mehr nötig. Es wäre für sie sogar kontraproduktiv, ein Risiko für ihren Status Quo.

      Und wenn eine solche Situation über einen langen Zeitraum herrscht, dann kommt es irgendwann zu einer Krise mit dramatischen Folgen, weil dieses System instabil ist und dann kollabiert.

      Genau das hat Schumpeter 1912 erklärt und auch Rudolf Hilferding (1910). Und ich würde jetzt daraus den Schluss ziehen, dass wir uns in einer solchen Situation befinden und der Aufsatz oben ist dazu gedacht aufzuzeigen, was man dagegen tun kann – auf einer abstrakten, sehr grundsätzlichen Ebene.

      Was ist daran falsch?

      Viele Grüße
      SLE

      • Wolfgang Waldner - 2. März 2012

        Hallo Stefan L. Eichner

        An Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung ist die Erklärung der Konjunkturzyklen durch das angeblich scharenweise Auftreten von Innovateueren falsch. Der Grund ist einfach der, dass die Geldpolitik die Krisen macht und wieder beendet. Mit den Innovationen hat es also nicht viel zu tun, ob die Notenbanken gerade mal wieder die Inflation bekämpfen möchten und dazu mit Zinsanhebungen eine Rezession auslösen.

        Die Geschichte mit der kreativen Zerstörung wurde dann von 1929 bis 1933 sehr erfolgreich zur Rechtfertigung der Großen Depression benutzt. Die deutschen Gewerkschaften mussten damals sogar versichern, dass die von ihnen geforderten Beschäftigungsprogramme auf gar keinen Fall die “reinigende Wirkung der Krise” behindern sollten. Daher bin ich auf den Schumpeter nicht gut zu sprechen.

        Generell finde ich auch die Begründung der extremen Einkommensverteilung mit der Monopolisierung problematisch. Denn damit wird der Eindruck erweckt, als habe die neoliberale Politik nicht gezielt seit drei Jahrzehnten mit allen Mitteln der Geldpolitik und der Gesetzgebung und der Steuer- und Sozialpolitik genau auf diese Umverteilung der Einkommen nach oben hingewirkt, sondern es wäre halt irgendwie ein Prozess der Monopolisierung abgelaufen, gegen den niemand etwas machen konnte.

        Vielleicht ist das nicht so gemeint, aber es könnte so verstanden werden.

  • Stefan Siewert - 2. März 2012

    Eine brillante Analyse mit vielen neuen Einsichten.
    Zugleich: mir kommen die makro- und mikroökonomischen Ebenen etwas durcheinander vor. Entwicklungen auf der Unternehmensebene bestimmen nur vage allgemeine Trends. Jenseits des Tagesgeschehens und der Geldpolitik gibt es noch weitere Entwicklungen, die langsamer wirken, aber nicht weniger wirkungsmächtig sind.
    Erinnern wir uns an die industrielle Revolution: England hatte Glück mit Kohle und Eisenerz vor den Stadttoren, seiner Insellage, den hochprofitablen internationalen Handel, der Finanzierung seines Wachstums durch die Niederlande sowie einigen technische Erfindungen. Dann setzte eine Eigendynamik ein. Die englische Industrie wurde global führend, konkurrierte die beginnende Industrialisierung in anderen Weltgegenden nieder, exportierte das Bevölkerungswachstum, konnte den Nutzen seiner institutionellen Anpassungen in vollen Zügen genießen und zementierte schließlich so sein Weltreich, später die wirtschaftliche Dominanz des Westens.
    Bis heute besteht eine ziemliche hierarchische Arbeitsteilung. Grob gesagt bauen die Deutschen vielleicht die besten Autos, aber aufgrund des wachsenden Elektronik- und Softwareanteils verdient auch die USA, die an der Spitze der Nahrungskette stehen. Vielleicht geht es den Deutschen nicht ganz so gut wie den USA, dafür brauchen sie auch den hohen Preis ständiger Innovationen und hoher sozialer Differenzierung nicht zu entrichten, was viel Raum für das Gutmenschentum lässt. Beide Seiten geht es gut (ging es gut).
    Heute findet – aus welchen Gründen auch immer –eine Angleichung statt. Das Wachstum der Weltwirtschaft beträgt ca. 4 %, Hunderte Millionen Menschen kommen aus der Armut. Es ist der Paradigmenwechsel, dass der Zuwachs an Wirtschaftsaktivitäten nicht mehr vom Westen dominiert wird. Wer ist schuld? Einzelne Manager, Unternehmer, Geldpolitik? Oder die Wirtschaftswissenschaft, die sich (noch) vorwiegend mit den US und den entwickelten Volkswirtschaften beschäftigt?
    Ian Morris (Wer regiert die Welt) hat eine plausible Begründunge genannt: die bestehenden Bedingungen. Was vor 200 Jahren zur Monopolisierung führte, stellt sich eventuell heute auf etwas breiter Beine (Gegentendenzen gibt es aber auch.)
    An der Innovationskraft von Unternehmen muss gearbeitet werden. Makroökonomische Schlussfolgerungen daraus sind eventuell etwas überambitioniert. Oder nicht?

    • SLE - 2. März 2012

      Hallo Stefan Siewert,

      richtig, Mikro- ist nicht gleich Makroökonomie. Das ist schon etwas holzschnittartig, was ich hier geschrieben habe. Man kann das alles auch viel länger erklären und dann wird es präziser. Aber die grundgedanken kommen so vielleicht besser heraus. Und im Kern geht es mir um das Funktionieren der Märkte. Märkte entwickeln sich bedingt durch den Wettbewerb und der Motor des Wettbewerbs sind Innovationen. Ihr Hinweis auf die bestehenden Bedingungen (Ian Morris) für die Erklärung ist richtig und sehr wichtig.

      Wenn man davon ausgeht, dass die globalen Märkte heute vielfach von wenigen großen Konzernen dominiert werden und dann erkennt – wie im Schaubild dargelegt, dass es sich dabei ja – der Charakterisierung nach – um erfolgreiche Unternehmen in der Phase der Spezialisierung handelt, dann erkennt man mit Blick auf den Wettbewerb und das Reifestadium von entsprechenden Märkten schon einen klaren Zusammenhang zwischen dem Innovationsgeschehen und geringem Wirtschaftswachstum als Problem.

      Sie meinen, das wäre vielleicht etwas überambitioniert. Das kann man so sehen, weil es nicht ganz so einfach ist, wie ich es hier holzschnittartig dargestellt habe. Aber falsch ist es m. E. nicht. Es geht mir ja schließlich darum etwas sichtbar werden zu lassen. Dafür muss man in der schriftlichen Darlegung immer einen Preis bezahlen, nämlich den Verlust an Genauigkeit. Aber das wissen Sie ja.

      Im Ürigen vielen Dank auch für die vielen guten Fragen, die ja erst einmal gestellt werden müssen, damit man sich damit auseinandersetzen und sich auf die Suche nach Antworten machen kann. Es werden in dieser Krisenzeit viel zu wenig kluge Fragen gestellt.

      Viele Grüße
      SLE

  • dicke Bertha - 4. März 2012

    Woher sollen Innovationen kommen?

    Innovationen müssen finanziert werden.

    Umsätze sinken weil die Preise sinken, aber Spitzenforscher international mobil sind.

    Die Staaten in ihren Haushalten Ausgaben für Bildung und Forschung und Entwicklung streichen.

    Die Oberschicht eine Reformierung des Schulssystems blockiert.

    ….