Allzeittief bei den realen Einzelhandelsumsätzen

von am 30. Juni 2011 in Allgemein

Allzeittief bei den realen saisonbereinigten Einzelhandelsumsätzen, lautet die Schlagzeile des Tages und dies aus dem XXL-Wirtschaftswunderland Deutschland! Langsam aber sicher wird es peinlich, wie weit Stimmungsindikatoren, die postulierte Propaganda zu den steigenden Ausgaben der privaten Haushalte und die belastbaren harten Daten zu den deutschen Einzelhandelsumsätzen auseinanderlaufen. 

Laut den heutigen Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zu den Einzelhandelsumsätzen für den Monat Mai 2011 stiegen die nominalen Einzelhandelsumsätze um +4,0% und die realen um +2,2% im Vergleich zum Vorjahresmonat. Allerdings hatte der Mai 2011 drei Verkaufstage mehr, als der Mai 2010. Berücksichtigt man die Saison- und Kalendereffekte (Census X-12-ARIMA Verfahren), sieht die Entwicklung nicht positiv aus, denn dann ging es im Vergleich zum Vorjahresmonat nominal um -2,9% und real um -4,5% abwärts. Zum Vormonat ging es bereinigt nominal um -3,0% abwärts und real um -2,8%. Saison- und kalenderbereinigt sanken die realen (verbraucherpreisbereinigten) Einzelhandelsumsätze auf 93,9 Indexpunkte und damit auf den tiefsten Stand seit Beginn der Datenerhebung im Januar 1994. Die lange Datenreihe im Chart dokumentiert das sehr schwache Niveau der deutschen realen Einzelhandelsumsätze:

Die Entwicklung der Saison- und kalenderbereinigten realen Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) seit Januar 1994. Der Chart verdeutlicht das erbärmliche Niveau des angeblichen deutschen Konsumbooms, wenn man die Umsätze Preis-, Saison- und kalenderbereinigt. Die bereinigten Einzelhandelsumsätze lagen im Mai 2011 mit 93,9 Indexpunkten sogar um -6,7% unter dem Jahresdurchschnitt von 1994, dem Beginn der Datenreihe. Selbst das letzte Allzeittief, aus dem Juni 2009, mit damals 94,7 Indexpunkten wurde unterboten!

Im Chart die Saison- und kalenderbereinigten nominalen Einzelhandelsumsätze ohne KFZ-Handel (blau) und die realen Einzelhandelsumsätze ohne KFZ-Handel (rot) seit Januar 1994. Auch die bereinigten nominalen Einzelhandelsumsätze blieben schwach, sie liegen mit 98,5 Indexpunkten nur knapp über dem langfristigen Durchschnitt von 97,7 Punkten. Vom Jahresdurchschnitt 1994 bis April 2011 “zogen” die bereinigten nominalen Einzelhandelsumsätze um erbärmliche +4,7% an, die realen sanken sogar um -6,7%!

Die Indizes zu den Einzelhandelsumsätzen zeichnen die Umsatzentwicklung nach. Da der Einzelhandelsumsatz starken saisonalen Schwankungen unterliegt, werden mit Hilfe des Census-X12-Arima Verfahrens Saison- und Kalendereffekte bereinigt, so dass man eine aussagefähige Datenreihe zur Trendbeurteilung erhält. Dies ist in Anbetracht der Schwankungsbreite bei den Originaldaten auch schlicht eine Notwendigkeit:

Die Indizes mit den unbereinigten Originalwerte bei den nominalen (blau) und realen (rot) Einzelhandelsumsätzen in Deutschland seit Januar 1994 im Chart. Außer, dass es im Mai 2011 zum Vormonat abwärts ging und sich die Indizes der Einzelhandelsumsätze de facto unter starken monatlichen Schwankungen seit 1994 seitwärts bewegen, lässt sich aus den Originaldaten wenig ablesen.

Die Einzelhandelsstatistik ist eine Stichprobenstatistik. 26’000 Unternehmen von rund 423’000 Einzelhandelsunternehmen in Deutschland berichten ihre monatlichen Umsätze an die Statistischen Ämter der Bundesländer und 700 Großunternehmen berichten direkt an das Statistische Bundesamt. Die berichteten Länderergebnisse und die der Großunternehmen werden zusammengefasst und von Destatis veröffentlicht.

Die Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) inklusive dem Versand- und Internet-Einzelhandel machen knapp 30% der privaten Konsumausgaben aus und zeichnen am verlässlichsten das aktuelle Konsumverhalten der privaten Haushalte nach. Mit knapp über 20% der privaten Konsumausgaben folgen die Ausgaben für Mieten von Wohnungen und Häusern inkl. dem Miet-Äquivalent von Eigentümern, diese Ausgaben sind aber relativ unelastisch und nicht aussagefähig in Punkto Konsumverhalten. Der KFZ-Handel, Instandhaltung, Reparatur und die Ausgaben an den Tankstellen tragen zu knapp 10% der Konsumausgaben der privaten Haushalte bei.

Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) lieferte zuletzt gemäß den detaillierten Daten zu den realen Konsumausgaben der privaten Haushalte aus Q1 2011 folgendes Bild:

Die realen Saison- und kalenderbereinigten Konsumausgaben der privaten Haushalte seit Q1 2000 (2000=100). Seit dem Jahr 2000 bis Q1 2011 sind die gesamten privaten realen Konsumausgaben um “sagenhafte” +5,02% gestiegen.

Das ganze schief aufgestellte Wirtschaftsmodell Deutschlands dokumentiert in einem Chart:

Die Entwicklung der realen saisonbereinigten Arbeitnehmerentgelte (grün), des realen Exportvolumens (rot) und der realen privaten Konsumausgaben der privaten Haushalte (blau) von Q1 2000 bis Q1 2011. Während die realen Exporte seit 2000 bis Q4 2010 um +74,96% stiegen, gab es bei den realen privaten Konsumausgaben einen lauen Anstieg von +5,02% und die realen Arbeitnehmerentgelte lagen sogar immer noch um -0,8% unter dem Niveau von 2000!

Alles in allem, Deutschland ist weiterhin nicht für eine nachlassende Dynamik des Wachstum der Weltwirtschaft gerüstet. Ein schwacher privater Konsum und eine schwache Entwicklung der Arbeitnehmerentgelte machen es sehr unwahrscheinlich, dass man eine verblassende Auslandsnachfrage durch eine stärkere Binnennachfrage ersetzen könnte.

 Reloaded: Nichts neues vom deutschen “Wirtschaftswunder”

Quellen Daten: Destatis.de/Pressemitteilung Einzelhandelsumsätze Mai 2011, Genesis.destatis.de/Datenbank, Genesis.destatis.de/Datenbank Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de 

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