Deutschland: 7,918 Millionen atypisch Beschäftigte

von am 30. Juli 2012 in Allgemein

Heute berichtete das Statistische Bundesamt (Destatis) die Jahresdaten zu den Beschäftigtenverhältnissen in Deutschland für 2011. Herausgekehrt wurde der Anstieg der Normalarbeitsverhältnisse von +605’000 zum Vorjahr auf 23,674 Millionen auf Basis von Ergebnissen des Mikrozensus. Allerdings unterliegen die Normalarbeitsverhältnisse einer etwas weichgespülten Definition durch Destatis. Es sind unbefristete sozialversicherungspflichtige Stellen, aus Vollzeit oder Teilzeit ab 21 h die Woche Arbeitszeit. Würde man eine höhere Mindest-Wochenarbeitszeit ansetzen, sähen diese Daten anders aus.

Trotzdem steht der Anstieg der Normalarbeitsverhältnisse, auch laut dieser Definition, für eine bessere Qualität beim Beschäftigungszuwachs, sie dürfte aber auch mit Zeitverzug eine Korrektur aus der Schieflage 2010 reflektieren. Denn 2010 gingen 75,5% des abhängigen Beschäftigtenzuwachses auf atypische Beschäftigung, nun 2011 waren es nur 12,1%. Der Chart zu den Normalarbeitsverhältnissen seit 1997 verrät allerdings, der Anstieg der Normalarbeitsverhältnisse, selbst ab 21 Stunden Wochenarbeitszeit, ist alles andere als ein wirkliches Ruhmesblatt.

Die Entwicklung der Normalarbeitsverhältnisse seit 1997 im Chart. Im Jahr 2011 stiegen die Normalarbeitsverhältnisse, laut Destatis unbefristete und sozialversicherungspflichtige Voll- und Teilzeitverträge mit mehr als 21 h Wochenarbeitszeit auf 23,674 Millionen. Zehn Jahre vorher 2001 waren es allerdings mehr, immerhin 23,744 Millionen Normalarbeitsverhältnisse und 1991 sogar noch 26,830 Millionen.

Auch die atypische Beschäftigung stieg an, sogar auf ein neues Allzeithoch mit 7,918 Millionen 2011:

Die Entwicklung der atypisch Beschäftigten seit 1997 mit 5,100 Millionen auf 7,918 Millionen 2011 im Chart. 2011 betrug der Anstieg der atypischen Beschäftigung zum Vorjahr +83’000, nach +243’000 im Jahr 2010.

Unter atypischer Beschäftigung werden nach Definition des Statistischen Bundesamtes alle abhängigen Beschäftigten verstanden, die eines oder mehrere der folgenden Merkmale aufweisen: Befristung, Teilzeitbeschäftigung unter 21 Stunden Wochenarbeitszeit, Zeitarbeitsverhältnisse und geringfügige Beschäftigung.

Sowohl bei den Normalarbeitsverhältnissen als auch bei den atypischen Arbeitsverhältnissen handelt es sich um abhängig Beschäftigte, also um Arbeitnehmer. Bizarrer Weise gibt diesmal Destatis nicht den Anteil der atypischen Beschäftigten in Prozent an den gesamten abhängig Beschäftigten an, sondern an allen Erwerbstätigen – also inklusive Selbstständigen.

“Durch den stärkeren Anstieg der Anzahl der Normalbeschäftigten ging der Anteil der atypisch Beschäftigten an den Erwerbstätigen im Jahr 2011 leicht zurück und zwar von 22,4% auf 22,1%.”

Dieser Satz impliziert sogar eine Falschaussage, denn nimmt man die Selbständigen aus der Zahl der Erwerbstätigen heraus und betrachtet nur den Anteil der atypischen Beschäftigung an den abhängig Beschäftigten, wie es Destatis in der Vergangenheit auch gemacht hat, verharrte der Anteil atypischer Beschäftigung wie im Vorjahr bei 25,4%:

Die Entwicklung des Anteils der atypische Beschäftigung in Prozent zu allen Arbeitnehmern seit 1997 mit 17,5% bis 2011 mit 25,4% im Chart.

Wenn das bereits der Aufschwung war, wie sieht es erst in einer kommenden deutschen Rezession aus?

Passend zu diesen Daten berichtete Destatis bereits am 26.07.2012 das 2010 immerhin 11% aller Beschäftigten zu einem Bruttostundenlohn von weniger als 8,50 Euro malochten. Im Osten des Landes waren es sogar 22%! “Die meisten waren geringfügig entlohnte Beschäftigte (46%), auch Minijobber oder 400-Euro-Jobber genannt. Ein Drittel (33%) waren Vollzeitbeschäftigte, 21% Teilzeitbeschäftigte. Dies sind erste Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes (Destatis) aus der aktuellen Verdienststrukturerhebung für das Jahr 2010 in Betrieben des Produzierenden Gewerbes und des Dienstleistungsbereichs mit zehn und mehr Beschäftigten.”

Während im Westen der Bundesrepublik die Minijobber den Hauptanteil bei den Beschäftigten unter 8,50 Euro ausmachten, waren es im Osten skandalöser Weise Vollzeitbeschäftigte!

“Die meisten Beschäftigten mit einem Stundenverdienst unter 8,50 Euro arbeiteten im Verarbeitenden Gewerbe (14%) und in der Zeitarbeit (10%) – hier vor allem in Vollzeit. Weitere Bereiche waren die Gebäudereinigung/Gebäudebetreuung (12%), der Einzelhandel (10%) oder das Gastgewerbe (9%) – hier arbeiteten diese Beschäftigten meist in Minijobs.” …”Die Mehrheit dieser Beschäftigten (68 %) war bei nicht tarifgebundenen Arbeitgebern beschäftigt, 32 % bei tarifgebundenen.”

Über Zeitarbeit und nicht tarifgebundene Arbeitgeber tragen Billigjobs auch zum Exporterfolg Deutschlands bei und dies weist wieder einmal auf das miese Geschäftsmodell Deutschland hin. Denn die Nichtteilhabe der deutschen Arbeitnehmer am Produktivitätsfortschritt trägt mit zur enormen Wettbewerbsfähigkeit bei, welche etliche Partner in der Eurozone gegen die Wand fahren lässt. Gegen eine hochproduktive deutsche Industrie und deren hochwertigen Produkten, ihren moderaten Belastungen aus schwachen Lohnsteigerungen, dem enormen Puffer für Produktionsspitzen durch billige Leiharbeiter und auch anderen schlecht bezahlten und flexibel vorhaltbaren, prekären Arbeitskräften, verlieren die Partner der Eurozone seit Bestehen des Euro immer mehr an Wettbewerbsfähigkeit.

Die Entwicklung der realen Arbeitnehmerentgelte (grün), des realen Exportvolumens (rot) und der realen privaten Konsumausgaben der privaten Haushalte (blau) von Q1 2000 bis Q1 2012, alle Daten saisonbereinigt (Jahr 2000=100). Während die realen Exporte seit 2000 bis Q1 2012 um +84,44% stiegen, gab es bei den realen privaten Konsumausgaben einen lauen Anstieg von +5,86% und die realen Arbeitnehmerentgelten erzielten endlich ein Niveau von über dem Jahr 2000, mit einem skandalösen Minianstieg von +0,59% seit 2000. So sah sie aus, die Genese des abgelaufenen deutschen XXL-Aufschwungs!

Quelle Daten: Destatis.de/Pressemitteilung: 2011: Zahl der un­be­fris­tet in Voll­zeit Be­schäf­tig­ten steigt deut­lich

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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