“Deutschland läuft heiß” – der Faktencheck

von am 7. Dezember 2015 in Allgemein

“Job- und Konjunkturboom – Deutschland läuft heiß”, hieß es gestern bei SPON, in einem Artikel der stundenlang die Headline Nummer 1 auf der Webseite war. “Jobs gibt’s in Hülle und Fülle” gipfelte es! Grund genug der Substanz dieser und anderer Behauptungen mit einem Faktencheck auf den Grund zu gehen. Nicht unerwartet bleibt dann von den heißen Thesen, nur viel heiße Luft übrig!

Wirklich verrückt, was Mainstreammedien für Headlines generieren. Ebenso das fast jede aufgestellte These im Artikel ohne Substanz ist bzw. nur eine oberflächliche Sicht zeichnet. “Konjunkturboom – Deutschland läuft heiß”, ……ja ganz sicher, bei einem realen BIP im 3. Quartal 2015 von +0,3% zum Vorquartal und von +1,8% zum Vorjahresquartal, läuft da gar nichts heiß, außer vielleicht der Autor bei Spiegel-Online ……

Weiter bei SPON: “Das deutsche Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr wie früher. Wenn die Globalisierung auf dem Rückschritt ist, wenn Schwellenländer nicht mehr so schnell wachsen, wenn sich die Terrorangst in Managerköpfen festsetzt, dann ist die offene bundesrepublikanische Volkswirtschaft davon stärker betroffen als andere führende Wirtschaftsnationen.” …Das klingt plausibel, ist aber bisher von der Datenlage her nicht zu bestätigen. Im Gegenteil das Nettoexportmodell läuft aktuell ungebrochen, der Außenbeitrag zum BIP ist riesig, der Nettoexportmeister Deutschland in Form, genau diese enormen Ungleichgewichte mit der Welt, sind aber ein Problem:

S554Die Entwicklung des saisonbereinigten Außenbeitrages (Exporte-Importe von Waren, Gütern und Dienstleistungen) seit Q1 1991 bis Q3 2015 in Mrd. Euro im Chart. Nur in Q3 2015 lebte Deutschland um 58,940 Mrd. Euro unter seinen Verhältnissen, man produzierte und exportierte um +58,940 Mrd. Euro in nur 3 Monaten mehr an Waren und Dienstleistungen, als die deutsche Volkswirtschaft selbst verbrauchte, so die Daten der VGR von Destatis, nach EVSG 2010.

S566Die Entwicklung des Exportvolumens 12 Monate rollend, jeweils die letzten 12 Monate aufaddiert, im Chart von Januar 1971 bis September 2015. Im September 2015 lag das Exportvolumen bei aufaddierten 1185,878 Mrd. Euro. Immer noch brummt der Export unter anderem durch einen für die deutsche Leistungskraft permanent unterbewerteten Euro. Gegen eine abkühlende Weltkonjunktur kann Deutschland sonst auch wenig tun, außer seine Binnennachfrage stärken, Löhne, Konsum und vor allem Investitionen!

S556Die Entwicklung des Finanzierungssaldo der inländischen Volkswirtschaft (unbereinigte Originaldaten über vier Quartale gerollt) seit Q1 1992 bis Q3 2015 in Mrd. Euro im Chart.

In Q3 2015 stieg der Finanzierungsüberschuss der inländischen Volkswirtschaft, jeweils die letzten 4 Quartale aufaddiert, auf +254,785 Mrd. Euro!!! Ein neuer Rekordüberschuss ……: “Das deutsche Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr wie früher.”

Der Finanzierungssaldo präsentiert das verfügbare Einkommen der Volkswirtschaft minus den Konsumausgaben und den Investitionen. Der Finanzierungssaldo der inländischen Volkswirtschaft entspricht spiegelbildlich dem Finanzierungssaldo der Übrigen Welt und dem deutschen Leistungsbilanzüberschuss. Dies ist der dahinter stehende Finanzierungsbedarf (Kredit), den das Ausland aufwenden muss, um seine Defizite gegenüber Deutschland zu finanzieren (Ausgaben) und generiert zugleich Einnahmen/ Einkommen in Deutschland. Schon diese Betrachtung führt Argumente zu einem boomenden Konsum in Deutschland ad absurdum, denn ein so kräftiger Finanzierungsüberschuss aller Sektoren der Volkswirtschaft steht immer für Unterkonsum und Unterinvestition im Inland.

“Auch die Regierung gibt wieder mehr Geld aus: Ausgabenprogramme zur Bewältigung der Flüchtlingskrise stützen die Konjunktur.” …Die Bundesregierung gibt sicher mehr Geld aus für Flüchtlinge, spart aber dafür woanders. Immer noch generiert der Staat einen Finanzierungsüberschuss, er nimmt mehr ein, als er ausgibt, was niemals das BIP anschieben kann, gar heißlaufen lassen kann:

S557Die Entwicklung des Finanzierungssaldo des Staates in Mrd. Euro von 1970 bis 2014 und für das 1. Halbjahr 2015 im Chart. Zuletzt im ersten Halbjahr 2015 erzielte der Staat einen Finanzierungsüberschuss von +21,1 Mrd. Euro. Der Bund erzielte einen Überschuss von +10,5 Mrd. Euro, die Bundesländer einen Überschuss von +2,6 Mrd. Euro, die Gemeinden einen Überschuss von +4,2 Mrd. Euro und die Sozialversicherungen einen Überschuss von +3,7 Mrd. Euro.

Während der Staat Überschüsse fährt und eben keinen wirklichen Konjunkturimpuls damit liefern kann, verrottet die deutsche Infrastruktur, tausende Brücken, Kilometer um Kilometer Strassen und Schienen. Der Investitionsrückstau ist in diesem Land brachial. Nur der Investitionsstau bei öffentlichen Schulen beträgt mittlerweile 32 Mrd. Euro, dazu kommen noch jede Menge andere sanierungsbedürftige öffentliche Gebäude. Nahezu 50% aller Bundeswehrkasernen sind sanierungsbedürftig, 9% sogar unbewohnbar! Bei den deutschen Kommunen zeichnet sich ein Investitionsrückstau von 156 Mrd. Euro!!

S704Die Nettoanlageinvestitionen (Bruttoanlageinvestitionen minus Abschreibungen) des deutschen Staates von 1960 bis 2014 und für 2015*, laut der letzten Prognose von AMECO, im Chart. Da läuft nichts heiß, gar nichts, die Nettoanlageinvestitionen sind auch 2015 negativ mit 3 Mrd. Euro und damit mies, denn der Kapitalstock des deutschen Staates (akkumulierte  Nettoanlageinvestitionen), schrumpft!

“Die Bundesbank kalkuliert, dass die Nachfrage inzwischen deutlich schneller wächst als die Produktionsmöglichkeiten…” …Das tut regelrecht weh, denn es wird ja eben nicht investiert, weil die Produktionskapazitäten unterlastet sind und die Nachfrage nicht da ist, um neue, bessere, noch produktivere Produktionsanlagen hochzuziehen:

S558Die Entwicklung der Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland von Q1 1960 im Chart. In Q3 2015 lag die Kapazitätsauslastung der Industrie bei 84,0%. Das ist nicht schlecht, unmittelbar am langfristigem Durchschnitt von Q1 1960 bis Q3 2015 mit 84,1%, aber eben auch noch klar von einer Vollauslastung bzw. nahezu Auslastung entfernt! Die Produktionskpazitäten sind damit schlicht nicht ausgelastet.

Die Bundesbank kalkuliert, dass die Nachfrage inzwischen deutlich schneller wächst als die Produktionsmöglichkeiten, was sich insbesondere in der schnell steigenden Zahl von unbesetzten Stellen niederschlägt. Eine Konstellation, die üblicherweise Kapitalmarktblasen und/oder steigende Verbraucherpreise nach sich zieht.” …Weder die Nachfrage, noch die Verbraucherpreise ziehen relevant an, auch nicht die Kredite an private Haushalte! …..”Währenddessen erlebt Deutschland eine binnenwirtschaftliche Blüte.”

S560Die Entwicklung der saisonbereinigten realen Einzelhandelsumsätze seit Januar 1955 (Index 2010=100) im Chart. Bis Dezember 1990 für die alten Bundesländer, ab Januar 1991 bis Oktober 2015 für ganz Deutschland, laut der langen Datenreihe der Deutschen Bundesbank. Da geht seit über 2 Jahrzehnten im Trend fast nichts!

S565Die Entwicklung der PKW-Neuzulassungen (unbereinigte Originaldaten/ rot) und der 12 Monate gleitende Durchschnitt (schwarz) von Januar 1963 bis November 2015 im Chart. Seit über zwei Jahrzehnten gibt es im Trend kein Wachstum der Nachfrage bei PKW.

S561Die Entwicklung der Verbraucherpreis (VPI) von Januar 1955 in Prozent zum Vorjahresmonat im Chart. Im November 2015 stiegen die Preise um +0,4% zum Vorjahresmonat und stiegen um +0,1% zum Vormonat. Es gibt keinen Preisdruck!

S562Die Entwicklung des ausstehenden Kreditvolumens nur der privaten Haushalte und der Unternehmen der Realwirtschaft in Deutschland seit Januar 2003, laut den Daten der EZB, im Chart. Im Oktober 2015 ging es um +1,4% zum Vorjahresmonat aufwärts, auf 2,426800 Billionen Euro. Während das ausstehende Kreditvolumen der Unternehmen in Deutschland um -0,5%, zum Vorjahresmonat sank, stieg das ausstehende Kreditvolumen der privaten Haushalte um +2,5% zum Vorjahresmonat. Die Konsumentenkredite der privaten Haushalte stiegen um +0,7%, nichts was bedrohlich ist! Im Gegenteil trotz niedriger Zinsen und Zentralbankgeldflutung des Bankensystems steigt nicht einmal in Deutschland die Kreditvergabe bedrohlich, in der Realität ist das Wachstum bei den Krediten immer noch eher zu niedrig! Selbst bei Hypotheken ging es im Oktober 2015 nur um +3,7% zu Vorjahresmonat aufwärts, nicht was die Alarmglocken schrillen lässt, nichts was den Wohnungsbau überhitzen lassen könnte!

“Niedrige Zinsen befördern den Wohnungsbau. Für den Moment ist das kein Problem, wohl aber, falls sich dieser Trend verfestigt.”:

S564Die Entwicklung des saisonbereinigten Baugenehmigungen für Wohnungen, Index 2010=100, von Januar 1979 bis September 2015 im Chart. Im September 2015 lagen die saisonbereinigten Baugenehmigungen für Wohnungen  bei 161,1 Indexpunkten. Zum saisonbereinigten Hoch aus Oktober 1994 mit 413,5 Indexpunkten ging es immer noch um -61,0% abwärts. Selbst wenn man nicht den Bauboom der Wiedervereinigung Mitte der 90er als Maßstab nimmt, die aktuellen Baugenehmigungen für Wohnungen liegen auch noch deutlich unter der guten Phase in der alten Bundesrepublik von 1979 bis 1985!

S731Die Entwicklung des saisonbereinigten Auftragseingangs für Wohnungen, Index 2010=100, von Januar 1991 bis Oktober 2015 im Chart. Im Oktober 2015 sank der Auftragseingang im Wohnungsbau um -17,9% zum Vormonat auf 142,4 Indexpunkte. Das bisherige Hoch wurde im März 1994 erzielt mit 354,5 Indexpunkten.

Hier läuft noch gar nichts heiß, hunderttausende Wohnungen fehlen, vor allem preiswerte, in den Ballungsräumen dieser Republik, eine Wohnungssuche in München, Hamburg oder Innenstadtlage von Berlin ist sehr schwierig und die Miete, wie auch der Kaufpreis sehr teuer!

“Wegen der Schwäche auf dem Weltmarkt haben die verarbeitenden Unternehmen im vergangenen halben Jahr ihre Investitionen zurückgefahren. So dürfte es weitergehen, falls eine globale Erholung ausbleibt.” …..Richtig ist, die Investitionen sind zu schwach, aus dem Bestand der bestehenden Produktionsanlagen werden aber über den Außenhandel immense Einnahmen/ Einkommen erzielt, vor allem an diesen gemessen, sind die Investitionen zu schwach, aber auch weil die Produktionskapazitäten immer noch unterlastet sind. Die Nachfrage aus dem Ausland und dem Inland liegt aggregiert unter der Produktionskapazität und dies liegt vor allem an einer zu schwachen Binnennachfrage, denn die fehlende Auslandsnachfrage kann es kaum sein, bei einem Leistungsbilanzüberschuss von über +8,0% des nominalen BIPs!

S567Die Entwicklung der realen Ausrüstungsinvestitionen der Industrie seit Q1 1970 als Index 2010=100  im Chart. Zuletzt in Q3 2015 sanken die saisonbereinigten realen Ausrüstungsinvestitionen um -0,8% zum Vorquartal, auf 109,7 Indexpunkte.

S568Die Entwicklung der realen Bauinvestitionen der Industrie seit Q1 1970 als Index 2010=100  im Chart. Zuletzt in Q3 2015 sanken die saisonbereinigten realen Bauinvestitionen um -0,3% zum Vorquartal, auf 110,38 Indexpunkte.

Da überhitzt noch gar nichts!

“Währenddessen erlebt Deutschland eine binnenwirtschaftliche Blüte. Wegen der guten Beschäftigungslage steigen die Löhne.” und “Jobs gibt’s in Hülle und Fülle” ….Na dann sehen wir Mal noch auf die Blüte bei Löhnen und Jobs, zwar liegt die Arbeitslosigkeit auf einem 24- Jahrestief und das klingt toll, es enstehen also Jobs und die Zahl der Erwerbstätigen liegt auf einem neuen Hoch, nur die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen zieht nicht mit, sprich die Masse an neuen Jobs ist prekärer Natur:

S569Die Entwicklung der offiziellen Arbeitslosenzahlen (unbereinigte Daten) seit Januar 1955 im Chart. Im November 2015 sank die unbereinigte Zahl der Arbeitslosen in Deutschland um -16’120 zum Vormonat und sank um -83’695 zum Vorjahresmonat, auf 2,633157 Millionen, ein 24-Jahrestief. 

Aber diese Daten sind auch massiv geschönt, denn nur noch 52,2% aller erwerbsfähigen Leistungsempfänger werden auch als arbeitslos gezählt:

S571Die Entwicklung der offiziellen Arbeitslosen im Verhältnis zu den Arbeitslosengeldempfängern (Erwerbsfähige mit ALG 1 und ALG 2). Diesen Chart seit Januar 2002 kann man 1:1 auch als Gradmesser der vollzogenen statistischen Beschönigungen mittels der “Arbeitsmarktreformen” nehmen. Noch im Januar 2005 betrug das Ratio über 77,4%. Im November 2015 betrug das Verhältnis 52,2%. 

S570

Rot markiert die erwerbsfähigen Leistungsempfänger aus ALG1 und ALG2 im November 2015, zusammen 5,045194 Millionen, registriert davon als arbeitslos sind 2,633157 Millionen, 52,2%. Von 5,045194 Millionen erwerbsfähigen Leistungsempfängern erhielten im November 2015 nur 747’975 ALG 1, alle anderen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten 4,297219 Millionen mussten sich mit ALG 2 begnügen, sowie zusätzlich noch 1,719977 Millionen Nicht-Erwerbsfähige mit Sozialgeld.

Zusammen sind es 6,765171 Millionen offiziell ausgewiesene Leistungsempfänger, aber auch dies sind noch nicht alle, so fehlen hierbei noch die Leistungsempfänger, die nach Kapitel 3 des SGB XII Sozialhilfe beziehen, u.a. als Hilfe zum Lebensunterhalt (für ein physisches Existenzminimum/ soziokulturellen Mindeststandard), als Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, als Hilfen zur Gesundheit und zur Pflege usw. Dies waren Ende 2014 immerhin 382’473 Personen!

Laut der jüngsten Pressemitteilung von Destatis bezogen 2014 insgesamt 7,55 Millionen soziale Mindestsicherung in Deutschland, ein neuer Rekord, 9,3% der Bevölkerung, also Leistungen aus HartzIV, Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB), Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem SGB XII und Regelleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) und gerade beim letzten Punkt wird es durch die Flüchtlinge bei den kommenden Daten für 2015 einen richtigen Anstieg geben.

Des Weiteren gilt es noch die Stille Reserve zu berücksichtigen, am 21.05.2015 berichtete das Statistische Bundesamt zuletzt auf der Basis von Ergebnissen der Arbeitskräfteerhebung für 2014 noch 990’000 Personen in Stiller Reserve. Zur Stillen Reserve gehören u.a. Arbeitskräfte, die beschäftigungslos, aber verfügbar und auf Arbeitssuche sind, ohne als Arbeitslose gemeldet zu sein; Personen, die die Arbeitssuche entmutigt aufgegeben haben, aber bei guter Arbeitsmarktlage Arbeitsplätze nachfragen würden; Personen, die aus Arbeitsmarktgründen vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind und aus Personen in Warteschleifen des Bildungs- und Ausbildungssystems. Laut dieser Pressemitteilung von Destatis betrug 2014 das ungenutzte Arbeitskräftepotential 2014 in Deutschland 5,981 Millionen Menschen. Ungenutztes Arbeitskräftepotenzial steht dafür, das diese Personen Arbeit suchen bzw. mehr Arbeitsstunden leisten wollen!

Von Jobs in Hülle und Fülle zeichnen diese Pressemitteilungen und Daten von Destatis keine Spur!

Mehr Erwerbstätige ja, aber eben nicht mehr insgesamt geleistete Arbeitsstunden und immer weniger Arbeitsstunden je Erwerbstätigen:

S572Die Entwicklung der saisonbereinigten Zahl der Erwerbstätigen (blau) und der von ihnen insgesamt geleisteten saisonbereinigten Arbeitsstunden (rot), laut Erwerbstätigenrechnung der VGR. Von 1991 (=100) = 39,101 Millionen Erwerbstätigen stieg bis Q3 2015 die Zahl der Erwerbstätigen um +11,1%, auf saisonbereinigte 43,806 Millionen Erwerbstätige. Trotz +4,705 Millionen mehr an Erwerbstätigen seit 1991, liegt die gesamte geleistete Zahl der Arbeitsstunden unter dem Niveau von 1991! Die gesamte Zahl der geleisteten saisonbereinigten Arbeitsstunden sank seit 1991 (=100) = 15,048 Mrd. Stunden um -1,9% bis Q3 2015, auf 14,756 Mrd. Arbeitsstunden.

S573Die Entwicklung der saisonbereinigten, geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen und je Quartal im Chart. In Q3 2015 stiegen die saisonbereinigten geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen um +0,06% zum Vorquartal auf 342,48 Stunden, zum Hoch seit der deutschen Einheit in Q1 1992 waren es aber noch 389,2 Stunden und zum Allzeithoch in der alten Bundesrepublik aus Q2 1970 sogar 494,1 Stunden, je Erwerbstätigen und je Quartal!

S574Die realen (preis- ,saison- und kalenderbereinigten) durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat seit Q1 1970 bis Q3 2015 (2010=100), laut VGR. In Q3 2015 stiegen die durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat auf preisbereinigte durchschnittliche 1694 Euro (2010=100). Es geht voran, aber welches durchschnittliches absolute Niveau zeichnet sich aktuell, dieses liegt immer noch unter dem Niveau von 1990. Selbst in der alten Bundesrepublik kam man bereits Ende der 70er Jahre auf so ein Niveau beim realen Nettolohn.

Nichts anderes zeichnet der offizielle Reallohnindex von Destatis, gerade so blickt dieser knapp über dem Level von 1992 und ein Vergleich zur Entwicklung der Arbeitsproduktivität zeigt deutlich, deutsche Arbeitnehmer sind von einer adäquaten Partizipation abgehängt:

S575Die Entwicklung des offiziellen Reallohnindex (blau/ durchschnittliche Bruttolöhne minus VPI), der Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen (rot/ laut VGR) und der Arbeitsproduktivität je Arbeitsstunde (grün) im Chart seit Q1 1991 bis Q2 2015 (1992=100). Nach den letzten Daten zum Reallohnindex lagen in Q2 2015 die Reallöhne in Deutschland um +4,7% über dem Niveau von 1992, die Produktivität je Erwerbstätigen stieg aber um +19,2% und je Arbeitsstunde sogar um +36,0%.

Damit ist alles klar, die Produktivitätsfortschritte werden nicht an die Arbeitnehmer weiter gereicht und verbleiben bei den Eignern, der Produktivitätsfortschritt ist so groß, dass zwingend eine hohe Beschäftigung mit prekären Jobs einhergehen muss, weil für anderes gar kein Arbeitskräftebedarf vorhanden ist, wie die geleisteten Arbeitsstunden insgesamt gezeigt haben, welche immer noch unter dem Niveau von 1991 liegen. Diese Entwicklung zeichnen auch die Daten der Arbeitsagentur, man muss sie nur recherchieren:

S576Die Entwicklung der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Deutschland seit Q1 1992 bis Q3 2015 im Chart. In Q3 2015 stieg die Zahl der sozialversicherten Beschäftigten auf 31,350 Millionen. Das sieht auf den ersten Blick sehr gut aus, aber eben nur, wenn man nicht weiter schaut.

S577Die Entwicklung der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Vollzeit in Deutschland seit 1992 bis 2014 und für Q3 2015 im Chart. Zuletzt in Q3 2015 waren 23,071300 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Vollzeit. Im Jahr 1992 waren es aber noch 25,807 Millionen.

S579Die Entwicklung der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Vollzeit (blau) und in Teilzeit (rot) seit 1992 bis 2014 und für Q3 2015, als Index 1992=100 im Chart. Seit 1992 bis Q3 2015 ging es bei der Vollzeit um -12,9% abwärts, auf 23,071300 Millionen und die Teilzeit bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten schoss dagegen um +135,2% nach oben, auf 8,273200 Millionen.

Nun sind selbst die Daten der Arbeitsagentur, mit denen aus der VGR in Übereinkunft und sie zeigen eben keine Überhitzung, sondern noch mehr als genug unausgeschöpftes Arbeitskräftepotential.

Der deutsche Wirtschaftsjournalismus ist lausig, so wie er sich größtenteils in den Mainstreammedien darstellt, er hält keiner Überprüfung stand, kann so nur zustande kommen, weil man eine kritische Recherche und Datenanalyse bewusst unterlässt.

Quelle: Spiegel.de/Job- und Konjunkturboom: Deutschland läuft heiß, Destatis.de/PortalBundesbank.de/DatenbankStatistik.arbeitsagentur.de/PDF Arbeitsmarktbericht November 2015

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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23 KommentareKommentieren

  • Hartwig - 7. Dezember 2015

    “Wir schaffen das!”

  • JL - 7. Dezember 2015

    Respekt, das Geschwafel der Medienpresse so umfassend zu wiederlegen gelingt nur wenigen aus diesem Fach und offenbart letztlich nur die gnadenlose Unterqualifizierung von Journalismus und Redaktion. Da wird abgeschrieben, irgendetwas hinzugedacht oder Vermutungen als Tatsachen angeboten, nur eines wird nicht; Recherchiert.

    Wenn man selbst bei frei zugänglichen Daten unfähig ist diese zu sichten braucht man sich über den restlichen Müll auch nicht mehr zu wundern- unter diesen Umständen muß man schon heilfroh sein wenn wenigstens die Bundesligatabelle zum Ende eines Spieltages stimmt

    Da lobe ich mir Querschüsse, einschließlich Kommentatoren. :-)

    Mit freundlichen Grüßen

    JL

    • wolli - 7. Dezember 2015

      Hallo JL.
      Oh nein, das sind keine dummen oder unfähigen Journalisten und Wirtschaftsredakteure.
      Das ist System, System der Systemmedien, passend zum System Deutschland.
      Es muss schon sehr schlecht um diesen Staat stehen das die Propaganda und die Durchhalteparolen immer lauter werden.

      mfg
      WW

      • JL - 8. Dezember 2015

        Hallo wolli

        Nein, nicht irgendwelche Systeme setzen Artikel in die Zeitung, sondern Journalisten, Publizisten und Redakteure.

        Wenn diese Leute ihre eigene Achtung vor sich selbst verlieren um dem System brav zu dienen bleiben sie letztlich unglaubwürdig, trotz ihrer möglichen Fachkompetenzen. Das seit längeren z. B. der deutsche Blätterwald erhebliche Umsatzeinbrüche verkraften muß ist nicht neu und letztlich nur das Ergebnis der langanhaltenden Lügenparodien.

        Wie es im Leben so ist: Wenn man ständig das Gegenteil von Wahrheit aufgetischt bekommt ist man froh keine Lügen mehr zu hören- ob systemisch bedingt oder auch nicht.

        Mit freundlichen Grüßen

        JL

  • Gundermann - 7. Dezember 2015

    Artikel wie diese sind der Grund, weshalb ich für querschuesse.de bezahle und alle Abos der selbst ernannten “Qualitätsmedien” *mühsamdasLachenunterdrück* mittlerweile gekündigt habe. Allzu oft sind die Artikel in den sogeannten “Qualitätsmedien” lausig recherchiert (wie hier gerade wieder gezeigt) und keinen Pfifferling wert (nicht mal einen Klick auf einen Werbelink!). Wer jemals einem “Reporter” ein Interview gegeben hat und dann mit Erstaunen die diversen Fehler im abgedruckten Interview gelesen hat (für die man einem Fünftklässler eine 5 bei einer Nacherzählung geben würde), weiß wovon ich rede.
    Und den schäbigen Rest (= via copy&paste übernommene Agenturmeldungen) in den “Qualitätsmedien” bekommt man auf diversen Portalen ohnehin kostenlos.

  • Marcito - 8. Dezember 2015

    Top Steffen!

  • Holly01 - 8. Dezember 2015

    Darum aboniere ich Querschuesse gerne und nenne so etwas worauf Steffen hier bezug nimmt wahlweise:
    MM, Systempresse, gleichgeschaltete Presse oder einfach nur Lügenpresse ….. denn genau das sind die Alle.

    Danke für diesen threat!

  • Elke Müller - 8. Dezember 2015

    Danke für diese interessanten Informationen.
    Was ist eigentlich die Rolle der “Stundenproduktivität”, mit der sich Herr Flassbeck gerade zu beschäftigen scheint?
    http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/12/08/oekonom-flassbeck-falsche-euro-politik-ebnet-den-weg-fuer-radikale-parteien/

    • Testbildtester - 9. Dezember 2015

      Relativ einfach: https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsproduktivit%C3%A4t

      Arbeitsproduktivität betrachtet/runtergerechnet auf die Arbeitsstunde. Wenn man jetzt noch weiß, was das jeweilige Lohn-/Gehaltsniveau für den geleisteten Output ist (oder der Durchschnitt), kann man das miteinander vergleichen (wie auch im verlinkten Artikel im Chart).

  • joe frisco - 8. Dezember 2015

    Nebenbei bemerkt ist der Autor des hier vorbildlich widerlegten hanebüchenen Artikels Professor für Wirtschaftsjournalismus und promovierter Volkswirt…

    • Querschuss - 8. Dezember 2015

      scheinbar sind eben offizielle Titel und Qualifikationen keinerlei Gewähr für Sachkompetenz und Qualität :)

      oder, wie in jedem System, muss man auch in diesem, um erfolgreich die Karriere-Leiter zu klettern, die entsprechende Klaviatur klimpern.

      • joe frisco - 9. Dezember 2015

        Da haste natürlich völlig recht.

        Dennoch wirkt die Bereitschaft, sich wie in diesem Fall als “höchste Lehrinstanz” des Fachbereichs Wirtschaftsjournalismus einer TU unter eklatanter Missachtung beider Komponenten seiner Profession öffentlich derart zu entblöden auf mich immer wieder verblüffend (:

    • Martino - 9. Dezember 2015

      guter Hinweis…

      @ “Am Dortmunder Institut für Journalistik leitet Müller den Bachelor-Studiengang „Wirtschaftspolitischer Journalismus“ und den Master-Studiengang „Economics & Journalismus“.

      Die Forschungsagenda seines Lehrstuhls legt einen Schwerpunkt auf die quantitative Analyse von ökonomischen Narrativen und ihre Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung.”

      wikipedia …

  • jmg - 8. Dezember 2015

    Bravo!

  • kuhle wampe - 9. Dezember 2015

    Das ist ausgezeichnete Arbeit, danke dafür.
    Kw

  • Dieter Hartmann - 9. Dezember 2015

    Exzellente Analyse wird sofort an den gesamten Bekanntenkreis weitergereicht.

  • Ralle - 9. Dezember 2015

    … ah, daher geht es mir so schlecht, weil die “Anderen” unsere “Exporte” zu Dumpingpreisen nicht mehr wollen!?!
    - mit QE1, 2, 3, 4, …. wird doch immer iweder nur der “kleine Mann” enteignet, seines Arbeitslohns geprellt und seiner Ersparnisse betrogen!
    … aber was kümmert dies die “City” oder die “WallStreet” – die benötigen für ihr obskures Vergnügen immer neues Spieelgeld – zusammengesetzt aus Blut, Knöchelchen und vielen, vielen Tränen der Menschen!

    PFUI DEIBEL, PACK!

    vG Ralf

  • paernu - 11. Dezember 2015

    Echt klasse, vielen Dank.

    Ich gehe mal davon aus, dass jeder der den Artikel hier gelobt hat, auch einen kleinen Obolus entrichtet, auch wenn es nur ein Euro im Monat ist.

    ….. wenn nicht, setzen und schämen!

    So eine Qualität gibt es nicht umsonst.

  • kielerin - 12. Dezember 2015

    Die Automatisierung wird noch viel mehr stellen obsolet werden lassen… gerade im mittleren Bereich erodiert die beschäftigung… hier ein aktuelles Bsp….

    es bleiben dannn v.a. Stellen übrig, für die man ein Studium benötigt, der Bereich Ausbildungsberufe wird weiter abgebaut, ist quasi der erste Bereich, der in vielen Branchen wegautomatisiert wird… leider wird es insgesamt dann weniger Stellen für alle geben. Was machen wir, wenn die Polarisierung des Arbeitsmarktes weiter fortschreitet? Wie soll denn so eine Gesellschaft funktionieren, wo es nur noch Gewinner und Verlierer gibt und dazwischen immer weniger?

    http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-12/steuererklaerung-neuerung-2017

    http://doku.iab.de/grauepap/2012/beschaeftigungsentwicklung_Hamburg.pdf

    wird ja dann immer schwerer noch Stellen zu finden. V.a. wenn man das “Falsche” gelernt hat…

    • Holly01 - 12. Dezember 2015

      “Wie soll denn so eine Gesellschaft funktionieren, wo es nur noch Gewinner und Verlierer gibt und dazwischen immer weniger? ”

      Exakt auf den Punkt gebracht. Danke

      • Frank Bell - 26. Dezember 2015

        Diese Gesellschaft wird völlig ohne Probleme funktionieren!

        Warum?

        Weil die Deutschen ihr Maul niemals aufbekommen.

        Und im Zweifelsfall lieber auf die “faulen Arbeitslosen” schimpfen statt auf die, die ihren Reichtum verprassen, weil diese nicht wissen, was sie in ihrer Freizeit tun sollen.

        (Oder wo stehen wir aktuell bei der Hartz IV-Debatte?)

  • webmax - 26. Dezember 2015

    …und ca. 30% sind Munitions- und Waffenverkäufe, wetten?

  • Krau - 26. Dezember 2015

    Chapeau Steffen!
    Besser und deutlicher kann man nicht argumentieren.

    Ich werde den Artikel fleißig teilen.

    Frohe Feiertage
    Till