Erlöst endlich Griechenland!

von am 24. September 2011 in Allgemein

Die Realitätsverweigerung der TINA- (There Is No Alternative) Fraktion der Euro-Retter nimmt abenteuerliche Züge an. Trotz der dramatischen Situation Griechenlands, gibt es keine Strategie hin zu Wachstum, Jobs und Steuereinnahmen, sondern alternativlose Rettungspakete, die den Gläubigern nutzen aber nicht den Griechen, gekoppelt mit Austeritätsmaßnahmen für Griechenland, die zur weiteren Schrumpfung der Wirtschaft, mehr Arbeitslosen und Steuerausfällen führen. Eine Strategie der Versager von der Troika und Wegbereiter einer deflationären Spirale mit Ansteckungsrisiken bereits über die Südperipherie der Eurozone hinaus. In Hinblick auf die nicht vorhandenen Wachstumsaussichten der Volkswirtschaft, der immensen Summen an faulen Krediten in den Bankbilanzen und einer bereits weit fortgeschrittenen Kapitalflucht senkte die Ratingagentur Moody’s die Kreditwürdigkeit von 8 griechischen Banken um weitere zwei Stufen.

Moody’s senkte das Rating für die National Bank of Greece, die EFG Eurobank Ergasias, die Alpha Bank, die Piraeus Bank, die Agricultural Bank of Greece und die Attika Bank von B3 auf ein Caa2-Rating. Die Emporiki Bank of Greece und die General Bank of Greece wurden von B1 auf B3 herabgestuft. Der langfristige Ausblick für alle acht Banken sei negativ, hieß es weiter. Ein Caa2-Rating ist nur noch 3 Stufen vor dem Default (Zahlungsausfall). Das griechische Bankensystem ist, wie auch der Staathaushalt, komplett am Ende und die Banken werden nur noch künstlich von der EZB und den ELA-Injektionen (Emergency Liquid Assistance) der griechischen Notenbank am Leben erhalten. Die Aktienkurse und die Marktkapitalisierung der griechischen Banken haben eine unglaubliche Talfahrt hinter sich:

Die Entwicklung des FTSE ATHEX Banks, der die 9 größten griechischen Banken abbildet seit Januar 2006 im Chart. Der griechische Bankenindex sank gestern um kräftige -8,13% zum Vortag, auf ein neues Tief mit nur noch 473,13 Indexpunkten. Zum Vorjahr brach der FTSE ATHEX Banks um -70,37% ein und zum letzten Hoch am 06.11.2007 mit 7758,07 Indexpunkten um satte -93,9%.

 Die Aktienkurse von gestern der  griechischen 9 größten Banken, der prozentuale Anstieg zum Vortag und die Marktkapitalisierung in Euro.

Die Marktkapitalisierung der 9 größten griechischen Banken im FTSE ATHEX Banks Index sank gestern erneut kräftig auf 6,088 Mrd. Euro und der niedrige Stand zeigt die de facto Insolvenz des griechischen Bankensystems an. Noch beim letzten Hoch am 06.11.2007 betrug die Marktkapitalisierung voluminöse 99,83 Mrd. Euro!

Die Entwicklung des Aktienkurses der National Bank of Greece S.A., der größten griechischen Geschäftsbank, seit Januar 2003 im Dailychart. Gestern sank die Aktie um weitere -7,38% zum Vortag, auf nur noch 2,76 Euro und damit knapp auf ein neues Tief, nach 2,78 Euro am 06.09.2011. Zum Vorjahr hat die Aktie bereits -65,11% verloren! Zum Hoch am 31.10.2007 mit einem Aktienkurs von 47,98 Euro betrug der Einbruch fulminante -94,25%! Selbst die Marktkapitalisierung der größten griechischen Bank ist auf nur noch 2,64 Mrd. Euro abgeschmolzen, beim Hoch waren es 45,86 Mrd. Euro!

Die Entwicklung des Aktienkurses der griechischen TT Hellenic Postbank seit Juni 2006 im Dailychart. Gestern sank die Aktie um -10,68% zum Vortag, auf armselige 0,92 Euro. Allein seit Jahresanfang 2011 hat die Aktie -77,83% verloren. Zum Hoch am 06.02.2007 mit einem Aktienkurs von 21,38 Euro betrug der Verlust brachiale -95,7%!  

Dieser Aktienkurs zeigt deutlich auf welche absurde Annahmen die Technokraten der Troika die vermeintlichen Privatisierungserlöse aus den Staatsbeteiligungen ansetzten. Die Marktkapitalisierung der TT Hellenic Postbank aus allen Aktien betrug heute nur noch 261,709 Millionen Euro, davon Free Float (Streubesitz) 130,854 Millionen Euro. Größter Halter der Aktien im Festbesitz ist der griechische Staat mit einem Anteil von 34% an allen Aktien (Festbesitz inkl. Streubesitz). Die TT Hellenic Postbank als einer der Top-Privatisierungskandidaten, würde momentan gerade mal 88,98 Millionen Euro einbringen, vorausgesetzt es würde sich überhaupt ein Käufer für diesen maroden Laden finden.

Alle im ATHEX Composite versammelten griechischen 42 größten Unternehmen hatten gestern noch eine Marktkapitalisierung von 24,743 Mrd. Euro. Eine absurde Annahme, dass man aus dem Verkauf der teilweise äußerst unlukrativen Staatsbeteiligungen 50 Mrd. Euro an Privatisierungserlösen erzielen könnte. Der ATHEX Composite jedenfalls erzielte gestern ein neues Tief mit -3,87% zum Vortag auf nur noch 797,95 Indexpunkte:

Die Entwicklung des griechischen Aktienleitindex seit Januar 1987 im Dailychart. Seit dem Hoch am 17.09.1999 mit 6’355,04 Indexpunkten war der griechische Aktienleitindex um fulminante -87,44% eingebrochen! Zum Hoch betrug die Marktkapitalisierung der 42 größten Unternehmen 197,105 Mrd. Euro, gestern waren es nur noch 24,743 Mrd. Euro.

Bezeichnend für den Zustand einer griechischen Wirtschaft im vorindustriellen Zeitalter verharrend und damit einer nicht leistungs- und wettbewerbsfähigen Wirtschaft, den höchsten Börsenwert im Lande hält ein Getränkeabfüller, die Coca Cola Hellenic (Eeek) mit einer Marktkapitalisierung von 4,802 Mrd. Euro, gefolgt von der gebeutelten National Bank of Greece S.A. (ETE) mit nur noch 2,639 Mrd. Euro und dem Sportwettenanbieter OPAP mit 2,297 Mrd. Euro.

Zeichen des erbärmlichen Zustands der griechischen Industrie, ist der erreichte Stand und die Entwicklung der realen  Bruttowertschöpfung der breit gefassten Industrie aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR):

Die Entwicklung der realen Bruttowertschöpfung der Industrie (Produktionswert – Vorleistungen) seit Q1 2000 im Chart. In Q2 2011 sank die reale (preisbereinigt 2000=100)Bruttowertschöpfung auf den tiefsten Stand seit Q1 2000, dem Beginn der Datenreihe von ELSTAT, mit nur 3,698 Mrd. Euro. Damit sank die reale Bruttowertschöpfung der Industrie auf nur noch 9,07% des realen BIPs!

Auch die nominale Bruttowertschöpfung der griechischen Industrie lag in Q2 2011 mit 6,643 Mrd. Euro auf dem niedrigsten Stand seit zehn Quartalen und betrug noch 11,96% des nominalen BIPs. Zum Vergleich, in Deutschland betrug die nominale Bruttowertschöpfung der breit gefassten Industrie in Q2 2011 kräftige 145,49 Mrd. Euro bzw. 23,12% des nominalen BIPs. Damit betrug die reale Bruttowertschöpfung der Industrie in Deutschland pro Kopf der Bevölkerung das 3,02-fache der Griechen!

Die Entwicklung des unbereinigten nominalen Export- (blau) und Importvolumen (rot) bei Waren und Gütern in Griechenland seit Q1 2000 bis Q2 2011 im Chart. In Q2 2011 stieg das Exportvolumen bei Waren und Gütern zwar um +14,43% zum Vorjahresquartal, aber das Volumen blieb mit 6,085 Mrd. Euro, absolut betrachtet, sehr niedrig. Das Importvolumen bei Waren und Gütern sank in Q2 2011 um -1,26% zum Vorjahresquartal auf 12,644 Mrd. Euro und war immer noch mehr als doppelt so hoch wie das Exportvolumen.

Um das Exportvolumen Griechenlands bei Waren und Gütern in Q2 2011 mit 6,085 Mrd. Euro und damit die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft mal einzuordnen, in Deutschland lag das unbereinigte nominale Exportvolumen bei Waren und Gütern im gleichen Zeitraum bei 275,41 Mrd. Euro. Damit betrug das Exportvolumen bei Waren und Gütern in Deutschland pro Kopf der Bevölkerung das 6,24-fache der Griechen! Das Exportvolumen bei Waren und Gütern betrug in Griechenland in Q2 2011 nur 10,96% des nominalen BIPs und in Deutschland satte 43,76% des nominalen BIPs!

Auch wenn auf der Verwendungsseite des BIPs, dass schrumpfende Handelsbilanzdefizit über den Außenbeitrag (Exporte-Importe) in Q2 2011 etwas positiv zu Buche schlug, die sinkenden Bruttoinvestitionen, die sinkenden privaten Konsumausgaben und die sinkenden Staatsausgaben stellten die leichte Verbesserung des Außenbeitrags in den Schatten und das reale BIP schrumpfte mit einer brachialen Rate von -7,3% zum Vorjahresquartal:

Das reale Bruttoinlandsprodukt Griechenlands in Prozent zum Vorjahresquartal seit Q1 2001. Mit -7,3% in Q2 2011 ging es weiter abwärts auf 40,736 Mrd. Euro. Im ersten Halbjahr 2011 sank das reale BIP um -7,72% zum Vorjahreszeitraum, ein Desaster pur! Zum Hoch in Q3 2008 betrug der Einbruch des realen BIPs bereits -16,3%.

In der Verteilungsrechnung des BIPs (Volkseinkommen) schlugen vor allem die sinkenden Arbeitnehmerentgelte negativ zu Buche, die nominale Summe aller Arbeitnehmerentgelte schrumpfte um -9,72% zum Vorjahresquartal auf nur noch 19,006 Mrd Euro und damit auf sehr niedrige 34,23% eines eh schwachen nominalen BIPs (in Deutschland 51,35% des nom.BIPs).

Die Entwicklung der realen (verbraucherpreisbereinigten) Summe aller Arbeitnehmerentgelte im Vergleich zum Vorjahresquartal seit Q1 2001 im Chart. In Q2 2011 ging es zum fünften Mal in Folge abwärts, diesmal um -13,4% zum Vorjahresquartal. 

Die hier präsentierten Daten sind Beleg für eine schwere wirtschaftliche Depression in Griechenlands, u.a. befeuert durch die unverantwortlichen Austeritätsmaßnahmen der Troika, welche in diesem Ausmaß wenig Sinn ergeben, da jeder potentielle positive Spareffekt von der brutalen Schrumpfung der Wirtschaft konterkariert wird!

Die Entwicklung des Bruttoschuldenstandes des Staates in Prozent zum nominalen BIP. Zuletzt in Q1 2011 erreichte die Schuldenquote laut Eurostat offizielle 149,6% des nominalen BIPs. Ende des Jahre dürfte sich der Schuldenstand selbst bei einem geringen Wachstum an die 160%-Marke nähern, sollte die Schulden nicht deutlich gedämpft wachsen, könnte es auf Grund der starken Schrumpfung der wirtschaftlichen Aktivität auch zügig in Richtung 170% gehen!

In den ersten 8 Monaten 2011 wuchs der gesamte staatliche Kreditbedarf gemäß den letzten Daten des griechischen Finanzministeriums auf 23,077 Mrd. Euro, nach 15,492 Mrd. Euro im Vorjahreszeitraum, ein satter Anstieg von +48,96%. Diese Zahl auf das Jahr 2011 hochgerechnet, würde einem Staatsdefizit von 15,8% des auf wahrscheinlich noch 218 Mrd. Euro schrumpfenden nominalen BIPs entsprechen. In diesem Zusammenhang muss man die neue Sparrunde sehen, im Gegenzug für die nächste Kredittranche der Troika, als hilfloser Versuch, das Defizit 2011 auf unter 10% des nominalen BIP zu drücken. Nur mit dem avisierten Sparziel, vor allem bei Beamten und Rentnern von 6 Mrd. Euro, wird auch eine weitere Kontraktion des Konsum, der Hauptstütze des griechischen BIPs einhergehen und daraus wiederum werden sinkende Steuereinnahmen des Staates entstehen. Seit über einem Jahr organisiert man eine beispiellose Abwärtsspirale, zu Lasten der griechischen Bevölkerung, geplagt von hoher Arbeitslosigkeit, sinkenden Einkommen und keinerlei Aussicht auf Besserung der Situation durch die sich drehenden Abwärtsspirale. Von diesem enorm destruktiven Zyklus in Griechenland geht eine immer weiter wachsende Ansteckungsgefahr über die Finanzmärkte aus und die negativen Rückkopplungen gefährden auch die anderen Volkswirtschaften in der Eurozone und den Lebensstandard von Millionen Menschen. Endlich gilt es den Status Quo zu akzeptieren, Griechenlands Leistungsfähigkeit gibt Zins und Tilgung der aufgebauten Kreditpyramide nicht her. Nicht nur der Staat ist pleite, auch das griechische Bankensystem. Das aktuelle Geschäftsmodell Griechenlands, eines erweiterten Agrarstaates, mit Reedereien, einem Getränkeabfüller, Sportwetten und Tourismus eröffnet innerhalb der gemeinsamen Währung keinerlei Chance auf einen Aufbau industrieller Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit. Griechenland hilft nur noch ein kräftiger Schuldenschnitt, eine rabiate Abwertung einer eigenen Währung  und somit die nationale Souveränität, um die im Gewand eines Brüning verkleidete Troika und ihre destruktive Maßnahmen für die Zukunft abzuwenden.

Quelle Daten: Statistics.gr/Portal mit den VGR-Daten, Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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2 KommentareKommentieren

  • Pessimist - 27. September 2011

    @Cangrande,

    ich bin mir sicher, wenn Sie Ihre Statements nochmals gründlich studieren, dass Sie dann von ganz alleine drauf kommen werden, welche Textpassagen diesen Eindruck bei mir hinterlassen haben.

  • Andena - 27. September 2011

    Hut ab!

    Gut recherchierter Artikel, hervoragend aufbereitete Daten und ein absolut berechtigtes Fazit, zu dem ich auch komme – wenn auch auf einem anderen Wege. http://logicorum.wordpress.com/2011/09/23/eurokrise-ursachenfindung-und-losungsweg/

    Gruß, Andena

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