Goldener Konjunktur-Herbst?

von am 23. November 2010 in Allgemein

“Dem großen Aufschwung-Sommer folgt ein goldener Konjunktur-Herbst”, meint Wirtschaftsminster Brüderle und legt nach: “Es wird wieder investiert, die Beschäftigung nimmt dynamisch zu, die Einkommen steigen und der private Konsum trägt zunehmend das Wachstum in Deutschland.”…..Allerdings manche Geschichten werden faktisch nicht besser, auch wenn man sie ständig wiederholt! Deshalb ein Blick auf die Realität der heutigen ausführlichen Daten  zum BIP im 3. Quartal 2010 vom Statistischen Bundesamt:

Im Chart das reale (preis-, saison- und kalenderbereinigte) Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) seit Q1 1990, jeweils im Vergleich zum Vorquartal. In Q3 2010 stieg das reale BIP noch um +0,7% (+2,3% in Q2 1010) und fällt damit in Richtung eines Wachstums, dass im langfristigen Durchschnitt liegt.

Die privaten Konsumausgaben stiegen in Deutschland um +0,4%, die staatlichen Konsumausgaben um +1,1% und die Bruttoanlageinvestitionen zogen um +1,3% an, darunter die Investitionen in Ausrüstungen um +3,7%. Die Bauinvestitionen sanken dagegen leicht um -0,4%. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen stiegen um +2,3% und die Importe um +1,9%. Ins BIP fließt aber nur der Außenbeitrag (Exporte – Importe) ein. Der Außenbeitrag leistete damit zum realen BIP-Wachstum von +0,7% einen Beitrag von +0,3%, genau wie die privaten Konsumausgaben die mit +0,3% zum Wachstum beitrugen.

Nun gut, die privaten Konsumausgaben verbessern sich im Vergleich zum Vorquartal um +0,4% und leisten einen Beitrag zum realen BIP-Wachstum von +0,3%. Nur diese Daten isoliert betrachtet, sagen nichts über die langfristige Entwicklung und vor allem über das erreichte Niveau aus. Ein Bild dafür liefert die langfristige Datenreihe aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung von Destatis, ebenfalls frisch aktualisiert:

Die realen saison- und kalenderbereinigte Konsumausgaben der privaten Haushalte seit Q1 2000. Was zeigen uns diese Daten, seit Q1 2000 bis Q3 2010 ist der private Konsum um sagenhafte +5,1% gestiegen. Eine eher peinliche Veranstaltung, anstelle der postulierten Erfolgsstory, vor allem im Vergleich zu anderen entwickelten Industrienationen.

Im Vergleich, die nominale prozentuale Steigerung bei den privaten Konsumausgaben einiger ausgewählter Volkswirtschaften, laut den letzten verfügbaren Daten von Eurostat (Q1 2000 bis Q2 2010).

Angesichts dieser Daten muss man sich mal an Ludwig Erhard erinnern: “Eine Wirtschaftspolitik darf sich aber nur dann sozial nennen, wenn sie den wirtschaftlichen Fortschritt, die höhere Leistungsergiebigkeit und die steigende Produktivität dem Verbraucher schlechthin zugute kommen läßt.”

“Daß jeder wirtschaftliche Fortschritt und jede Verbesserung in der Arbeitsweise sich nicht in höheren Gewinnen, Renten oder Pfründen niederschlagen, sondern daß alle diese Erfolge an den Konsumenten weitergegeben werden. Das ist der soziale Sinn der Marktwirtschaft, daß jeder wirtschaftliche Erfolg, wo immer er entsteht, daß jeder Vorteil aus der Rationalisierung, jede Verbesserung der Arbeitsleistung dem Wohle des ganzen Volkes nutzbar gemacht wird und einer besseren Befriedigung des Konsums dient.” (aus Wohlstand für Alle)

Von der Verfolgung solcher Ziele sind die heutigen Trittbrettfahrer einer vermeintlich sozialen Marktwirtschaft weit entfernt. Sie verkehren sie ins Gegenteil, sie dient nicht dem Verbraucher, sondern den Banken und den Produzenten, vorzugsweiser derer für den Export. “Wohlstand für Alle” heißt heute: “Sozial ist was Arbeit schafft”…auch wenn man von dem dabei erzielten Einkommen nicht leben kann.

Das die deutschen privaten Konsumausgaben seit Jahren hinterherhinken ist kein Wunder, denn die Einkommensentwicklung von Millionen Arbeitnehmern ist ebenfalls schwach:

Die Summe der saison- und kalenderbereinigten nominalen und realen Arbeitnehmerentgelte in Deutschland seit Q1 2000 bis Q3 2010. Nominal (blau) ging es um moderate +16,3% von Q1 2000 bis Q3 2010 auf 315,97 Mrd. Euro aufwärts. Real (verbraucherpreisbereinigt) hingegen entpuppt sich die moderate nominale Steigerung als eine dauerhafte Nullrunde, denn in Q3 2010 lag die reale Summe aller Arbeitnehmerentgelte um -1,08% unter der von Q1 2000.

Die Arbeitnehmerentgelte spiegeln die Gesamtbruttosumme aller Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer, Angestellten, Beamten, inkl. aller in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis stehenden, inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber wider.

Zieht man den Arbeitgeberanteil für die Sozialbeiträge ab, erhält man die Summe aller Bruttolöhne und -gehälter. Nach Abzug des Arbeitnehmeranteils für die Sozialbeiträge und der Lohnsteuer erhält man dann die Summe aller Nettolöhne und -gehälter. Betrachtet man die Entwicklung der durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer und je Monat nach Steuern und Abgaben und dies vor allem preisbereinigt, wird das wahre Ausmaß der miesen Teilhabe der Arbeitnehmer am Produktivitätsfortschritt sichtbar:

Die realen (preis- ,saison- und kalenderbereinigten) durchschnittlichen Nettolöhne und -gehälter je Monat und je Arbeitnehmer seit Q1 1991. In Q3 2010 ging es “stramm aufwärts” auf preisbereinigte durchschnittliche 1423 Euro (2005=100), immer noch beschämende -5,4% unter dem Niveau von Q1 1991! Soviel zum potemkinschen Aufschwung für die Mehrzahl der Konsumenten!

Der Anteil der nominalen Arbeitnehmerentgelte am BIP fällt fast stetig, nur während der Krise gab es eine Erholung im Abwärtstrends.

Was der deutsche Aufschwung bei einer Betrachtung der langfristigen Daten wirklich ist, worauf er basiert und wer davon profitiert, zeigen die folgenden Charts:

Die Entwicklung der realen Arbeitnehmerentgelte (grün), des realen Exportvolumens (rot) und der realen privaten Konsumausgaben der privaten Haushalte (blau) seit Q1 2000 bis Q3 2010.

Die Entwicklung der saisonbereinigten Summe aller nominalen Arbeitnehmerentgelte in Deutschland und der Summe der bereinigten nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen von Q1 1991 bis Q3 2010 (1991=100).

Die Entwicklung beim Exportvolumen und den Unternehmens- und Vermögenseinkommen laufen fast synchron. Blau (linke vertikale Achse) das Exportvolumen, rot (rechte vertikale Achse) die Entwicklung der Unternehmens- und Vermögenseinkommen, jeweils in Mrd. Euro auf Quartalsbasis von Q1 1991 bis Q3 2010.

Unverändert beruht das deutsche “Erfolgsmodell” auf den Export. Nur leider gibt es für den deutschen Leistungsbilanzüberschuss, dessen Hauptbestandteil auf dem Exportüberschuss von Waren und Güter beruht - auch uneinlösbare Schuldscheine. Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit wurde auf dem Rücken der Arbeitnehmer erzielt und als Dank dürfen sie auch als Teil der Steuerzahler, die weitere Defizitfinanzierung diverser Handelspartner per Kreditgarantien absichern und dies bis der Krug bricht. Im Falle der Eurozone wird er brechen, denn zu groß sind die Ungleichgewichte im Handel und zu gewaltig die sonstigen Fehlentwicklungen.

Unter sonstigen Fehlentwicklungen läuft gerade das irische Drama. Die Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), aus dem Quarterly Review vom September 2010 zeigen, wie hemmungslos vor allem auch deutsche Banken, bar jeder Leistungsfähigkeit Irlands, Kredite vergaben:

Die Forderungen der deutschen Banken gegenüber Irland beliefen sich lt. BIZ auf 205,8 Mrd. Dollar. Der geringste Teil, 3,4 Mrd. Dollar besteht gegenüber dem irischen Staat, aber 46,0 Mrd. Dollar gegenüber den maroden irischen Banken und 118,1 Mrd. Dollar gegenüber dem privaten Nicht-Bankensektor und 38,8 Mrd. Dollar aus  Kreditgarantien, derivativen und sonstigen Forderungen.

Die Forderungen der deutschen Banken gegenüber den PIGS-Staaten in einer Gesamthöhe von 521,3 Mrd. Dollar!

Auf “schlappe” 2,566 Billionen  belaufen sich die Forderungen aller ausländischen Banken gegenüber den PIGS-Staaten!

Womit klar wird, was in Wirklichkeit die angekündigten Hilfen an Irland aus dem 750 Mrd. Rettungspaket sind – ein Banken Rettungspaket. 

Angesichts solcher Daten, immerhin betragen die Forderungen aller ausländischen Banken nur gegenüber Irland das 3,9-fache des nominalen irischen BIPs, ist ja der goldene Konjunktur-Herbst  nur missverstanden, denn dem “stabilen” Euro und seinen inkompetenten Erschaffern sei “Dank”,… bahnt sich ein goldenes Jahresende an:

Der Goldpreis in Euro im Chart seit 1990, zieht mit aktuell 1026 Euro je Feinunze am heutigen Handelstag wieder in Richtung Allzeithoch an und dokumentiert das schwindende Vertrauen in die Fehlkonstruktion des Euro.

Und passend zur Entwicklung noch einen Nachschlag von Ludwig Erhard: “Die Verwirklichung des Gedankens der Wohlstandsmehrung zwingt zum Verzicht auf jede unredliche Politik, die dem nur optischen Scheinerfolg den Vorzug vor dem echten Fortschritt gibt. Wem dieses Anliegen ernst ist, muß bereit sein, sich jedweden Angriffen auf die Stabilität unserer Währung energisch zu widersetzen. Die soziale Marktwirtschaft ist ohne eine konsequente Politik der Preisstabilität nicht denkbar. Nur diese Politik gewährleistet auch, daß sich nicht einzelne Bevölkerungskreise zu Lasten anderer bereichern.”

“Ich habe nie einen Zweifel darüber gelassen, daß jedes Einzelinteresse seine Rechtfertigung nur dadurch finden kann, daß es geeignet ist, auch dem Interesse des Ganzen zu dienen.”

Quellen Daten: Genesis.destatis.de/Datenbank, Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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