Griechenland: der Blick auf die bittere Realität

von am 14. April 2014 in Allgemein

Die Bundeskanzlerin war zu Besuch in Griechenland. In der Öffentlichkeit wurde dieser Besuch als Anlass genommen Fortschritte und Optimismus in Bezug auf die Entwicklung in Griechenland zu verbreiten und/oder eben jede Menge Beschönigendes oder Relativierendes. Diese Propaganda in Verdrängung der harten Fakten ist erschreckend, denn in der wirtschaftlichen Realität Griechenlands hat sich nichts bis wenig wirklich zum Besseren gewendet. Um zu verdeutlichen, wie düster weiter die Lage in Griechenland ist, nun der Blick auf ein umfangreiches offizielles Datenmaterial:

Zunächst zum griechischen Primärüberschuss, dass ist der ohne die Zinszahlungen des Staates, soweit so üblich. Aber auch der ohne die ausstehenden offenen Rechnungen des Staates, den ausstehenden Steuerrückerstattungen und den Einmaleffekten :) wie die Rekapitalisierungen der griechischen Banken. Noch hat Eurostat die berichteten griechischen Daten des Finanzministeriums nicht bewertet, noch steht also aus, ob Eurostat die Buchungen überhaupt so akzeptiert.

Laut dem griechischen Finanzministerium wurde 2013 von der Zentralregierung in Athen ein Primärüberschuss von +603 Millionen Euro erzielt. Abzüglich der geleisteten Zinsen 6,044 Mrd. Euro, der offenen Rechnungen des Staates 5,513 Mrd. Euro und der zurückgehaltenen Steuerrückerstattungen von 642 Millionen Euro betrug das Defizit der Zentralregierung allerdings -11,595 Mrd. Euro.

1aDie Tabelle des griechischen Finanzministeriums zum Haushalt der Zentralregierung in Athen. Quelle: Minfin.gr/PDF STATE BUDGET EXECUTION – 12 MONTHS JANUARY – DECEMBER 2013

Dies sind die Daten, worauf sich alle Berichte zum kolportierten Primärüberschuss beziehen, aber es gibt bereits auch Daten zum General Government vom griechischen Finanzministerium, also zum Haushalt des Gesamtstaates. Hier dokumentiert sich auch kein Primärüberschuss mehr sondern ein kleines Defizit von -450 Millionen Euro, nach Zinsen ein Defizit von -7,049 Mrd. Euro und mit den offenen Rechnungen und den ausstehenden Steuerrückerstattungen von -13,204 Mrd. Euro. Quelle: Minfin.gr/PDF HELLENIC REPUBLIC GENERAL GOVERNMENT DATA, February 2014 MONTHLY BULLETIN DECEMBER 2013

In beiden Rechnungen sind aber noch nicht die Rekapitalisierungen der griechischen Banken enthalten, diese erhöhen aber auf jeden Fall den Bruttostaatsschuldenstand und sie sind im Finanzierungssaldo des Staates auch ausgewiesen:

1aDie Neuschulden des Staates, welche aus den Rekapitalisierungen der Banken resultieren, laut Finanzierungssaldo des Staates, leider bisher nur bis Q3 2013. In den ersten 3 Quartalen 2013 beliefen sich die Rekapitalisierungen der Banken auf 19,626 Mrd. Euro. Quelle: Statistics.gr/PDF Quarterly Non-Financial Accounts of General Government Q3 2013

Nimmt man also das Defizit mit den Zinszahlungen des Gesamtstaates für 2013 und die Rekapitalisierungen der Banken (Q1 bis Q3 2013) ist man bei einem Defizit von -26,675 Mrd. Euro bzw. einem entsprechenden Finanzierungsbedarf, unter der Voraussetzung das in Q4 keine weiteren Gelder an die Banken flossen? Zusammen mit den offenen Rechnungen des Staates und den ausstehenden Steuerrückerstattungen zeigt sich sogar eine Lücke von -32,830 Mrd. Euro.

Also nichts was man wirklich als Fortschritt bezeichnen kann!

Letztlich dokumentiert sich die bisherige Brachialität der Entwicklung im Bruttoschuldenstand des Staates in Prozent zum nominalen BIP. Steigenden Staatsschulden stand auch 2013 ein sinkendes nominales BIP gegenüber, Fortschritte?:

1aDie Entwicklung der griechischen Bruttostaatsschulden in Prozent des nominalen BIPs seit 1953 bis 2013 im Chart. Laut Eurostat betrugen in Q3 2013 die Bruttostaatsschulden 171,8% des nominalen BIPs, in der Projektion von AMECO (Datenbank der Europäischen Kommission) sind es Ende 2013 177,3%. Offizielle Daten von Eurostat für Q4 2013 liegen noch nicht vor. Fakt ist, noch nie war es um die Schuldentragfähigkeit so mies bestellt, wie aktuell.  Im Jahr 2013 standen ca. 323 Mrd. Euro Bruttostaatsschulden nur 182 Mrd. Euro an nominalen BIP entgegen.

Kein Fortschritt zeichnet sich auch bei wichtigen Steuereinnahmen des Staates:

1aDie Entwicklung des nominalen Einkommenssteueraufkommens über 12 Monate rollend, von Januar 1999 bis Februar 2014 im Chart. Im Februar 2014 sank das nominale Einkommenssteueraufkommen, über 12 Monate rollend, also die letzten 12 Monate aufaddiert, um -21,0% zum Vorjahresmonat, auf 7,825 Mrd. Euro. Zum Hoch im März 2009 mit 11,005 Mrd. Euro ging es um -28,9% abwärts, ..nominal!

1aDie Entwicklung des Einkommenssteueraufkommens bei realer Betrachtung, abzüglich des offiziellen Anstieges der Verbraucherpreise (2009=100) und über 12 Monate rollend.  Real ging es im Februar 2014 um -20,1% zum Vorjahresmonat, auf 7,210 Mrd. Euro. Zum Hoch im November 2008 ging es real um -35,3% abwärts!

1aDie Entwicklung der nominalen Corporate Income Tax, 12 Monate rollend in Mrd. Euro von Januar 1999 bis Februar 2014 im Chart. Im Februar 2014 sank die nominale Corporate Income Tax um -0,1% zum Vorjahresmonat auf 1,693 Mrd. Euro, wohlbemerkt aufaddiert die letzten 12 Monate. Zum Hoch im Januar 2001 ging es um -66,2% abwärts, …nominal!

Gerade bei den Corporate Income Tax zeigt sich, Griechenlands Wirtschaft war schon immer schwach, die Steuereinnahmen aus den Unternehmen waren und sind von der Höhe her – ein Witz. Diese miesen Steuereinnahmen bei Einkommens- und Unternehmenssteuern dokumentieren sich trotz Steuererhöhungen, die im Zuge der Krise und in Folge der Auflagen beschlossen und umgesetzt wurden.

Wie mies die Lage der Steuereinnahmen weiter ist, zeigt auch eindrucksvoll die Mehrwertsteuer. Die nominalen Mehrwertsteuereinnahmen sanken 2013 um -7,4% zum Vorjahr, auf 13,848 Mrd. Euro. Zum Jahr 2008 mit 18,243 Mrd. Euro an Mehrwertsteuereinnahmen, ging es bis 2013 um -24,1% abwärts und dies obwohl 2013 eine Mehrwertsteuer von 23% zu berappen war, also kräftige 4,0 Prozentpunkte höher als im Jahr 2008. Noch mieser stellt es sich real dar, also nach Abzug der Verbraucherpreissteigerungen:

1aDie Entwicklung der realen Mehrwertsteuereinnahmen in Mrd. Euro, über 12 Monate rollend. Im Februar 2014 ging es zwar real nur noch um -2,6% zum Vorjahresmonat abwärts, auf 12,828 Mrd. Euro, aber zum Hoch im Juli 2008 mit real 18,764 Mrd. Euro ging es um -31,6% abwärts!

Da die Steuereinnahmen starken monatlichen Schwankungen unterliegen, wurde  um den Trend besser zu visualisieren, zum statistischen Mittel über 12 Monate rollend (die letzten 12 Monate aufaddiert) gegriffen. Kein anderes Bild als die Mehrwertsteuereinnahmen des Staates bieten die realen Einzelhandelsumsätze:

1aDie Entwicklung der realen und saisonbereinigten Einzelhandelsumsätze ohne Kfz-Handel seit Januar 1963 bis Januar 2014 im Chart (2010=100). Im Januar 2014 sank der saisonbereinigte Index um -0,04% zum Vormonat, auf 71,17 Indexpunkte. Zum Allzeithoch aus April 2008 mit 126,21 Indexpunkten ging es aber um heftige -43,6% abwärts.

Kein wirklich besseres Bild liefern die PKW-Neuzulassungen:

1aDie Entwicklung der Neuzulassungen von Personenkraftwagen in Griechenland als unbereinigte Originaldaten (rot) und als 12 Monate gleitender Durchschnitt (schwarz) seit Januar 1970 bis März 2014 im Chart. Im März 2014 stiegen die PKW-Neuzulassungen zwar um +30,6% zum Vorjahresmonat, aber auf nur schlappe 5’866 neu zugelassene PKW. Zum Allzeithoch im Januar 2008 wurden 33’583 neue PKW zugelassen.

Immer noch wurden selbst in etlichen Monaten ab Mitte der 70er Jahre fast doppelt so viele PKW neu zugelassen wie aktuell! Passend dazu die Neuzulassungen von Nutzfahrzeugen:

1aDie Entwicklung der Neuzulassungen von Nutzfahrzeugen von Januar 1985 bis Februar 2014 laut den Daten von ELSTAT und ACEA und für März 2014 laut AMVIR. Im März 2014 stiegen die NFZ-Neuzulassungen um +40,1 %, aber auf extrem schlappe 356 Einheiten, nach 254 Einheiten im März 2013. Das monatliche Hoch wurde im Juli 1990 mit 3’120 Einheiten markiert.

Im März 2014 wurden nur 16 schwere LKW über 3,5 Tonnen neu zugelassen und nur 4 Busse. Der Rest waren 336 Nutzfahrzeuge unter 3,5 Tonnen. Mit der wirtschaftlichen Aktivität kann es bei solchen Daten einer Volkswirtschaft mit 11,3 Millionen Einwohnern nicht weit her sein. Dies sind immer noch Daten aus einem Land in schwerer wirtschaftlicher Depression!

1aDer saisonbereinigte Output der breit gefassten griechischen Industrie (Bergbau, Energie- und Wasserversorgung und Verarbeitendes Gewerbe) ohne Baugewerbe von Januar 1970 bis Februar 2014 im Chart (Basisjahr 2010=100). Der saisonbereinigte Industrieproduktionsindex sank im Februar 2014 um -0,5% zum Vormonat, auf 85,99 Indexpunkte. Zum saisonbereinigten Allzeithoch im August 2000 mit 127,07 Indexpunkten brach der Output der breit gefassten Industrieproduktion immer noch um -32,3% ein. Der Output dümpelt auf einem Niveau wie Ende der 70er Jahre!

1aDie Entwicklung des nur arbeitstäglich bereinigten (um die Anzahl der Arbeitstage) nominalen Umsatzes der griechischen Industrie seit Januar 2000 bis Januar 2014 im Chart, als Index 2005=100, laut ELSTAT. Zuletzt im Januar 2014 sank der nominale Umsatz um -4,1% zum Vorjahresmonat, auf 94,9 Indexpunkten.

Der Umsatz der Industrie zeichnet die nominalen in Rechnung gestellten Beträge (Ausgangsrechnungen) ohne Mehrwertsteuer. Noch schlimmer sieht der nominale Umsatz im breit gefassten Dienstleistungssektor aus:

1aDie Entwicklung des saisonbereinigten nominalen Umsatzes im griechischen Dienstleistungssektor, auf Quartalsbasis von Q1 2000 bis Q4 2013 im Chart, als Index 2010=100, laut Eurostat. In Q4 2013 lag der nominale Umsatz sogar unter dem Niveau aus 2000. Zum Hoch in Q2 2008 ging es beim Umsatz um unglaubliche -49,6% abwärts, …nominal.

1aDie Entwicklung vom griechischen nominalen Importvolumen (blau) und vom nominalen Exportvolumen (rot) bei Waren und Gütern seit Januar 1980 bis Februar 2014 im Monatschart, laut den Daten von ELSTAT. Im Februar 2014 stiegen die Importe um +1,6% zum Vorjahresmonat, auf 4,0310 Mrd. Euro und die Exporte sanken um -6,9% zum Vorjahresmonat, auf 2,0496 Mrd. Euro.

Die hier gezeigten ELSTAT-Daten sind nach dem Versendungslandprinzip erstellt und überzeichnen das Exportvolumen sogar noch etwas, da nicht in Gänze, dass ausgeführte Volumen der Waren auch Griechenland als Ursprungsland hat. Zuletzt im Gesamtjahr 2013 sank das nominale Exportvolumen um -0,2% zum Vorjahr. Seit nun 5 Monaten in Folge sinkt bereits das Exportvolumen wieder zum Vorjahresmonat, vom schwachen, indiskutablen, absoluten Volumen ganz zu schweigen.

1aDie Entwicklung der Handelsbilanz von Januar 1955 bis Februar 2014 im Chart. Im Februar 2014 wurde ein Handelsbilanzdefizit von -1,981 Mrd. Euro generiert. Ein Anstieg von +12,1% zum Vorjahresmonat. Zuletzt im Gesamtjahr 2014 betrug das Defizit bei Waren und Güter noch -19,237 Mrd. Euro.

Wesentlich besser sieht die Leistungsbilanz aus, sie zeichnet Fortschritte, allerdings die Genese und die Nebenwirkungen dieser, mindern den Wert:

1aDie unbereinigte griechische monatliche Leistungsbilanz seit Januar 1997 bis Januar 2014 im Chart. Im Januar 2014 wurde ein Leistungsbilanzdefizit von -0,295 Mrd. Euro erzielt.

Zuletzt im Gesamtjahr 2013 verblieb ein Plus von 1,245 Mrd. Euro, nach -4,615 Mrd. Euro 2012, nach -20,634 Mrd. Euro 2011, nach -22,506 Mrd. Euro 2010, nach -25,819 Mrd. Euro 2009 und nach -34,798 Mrd. Euro 2008, dem Rekorddefizit! Isoliert betrachtet ist die Leistungsbilanz ein Erfolg, immerhin das erste Plus überhaupt auf Jahresbasis seit 1948. Allerdings beinhaltet dieser Fortschritt vor allem einen starken Tourismus, aber auch eine Kontraktion der Importe, eine Kontraktion der Binnennachfrage (Konsum + Investition) sowie exzessive soziale Verwerfungen.

Während die Handelsbilanz 2013 als Teilbilanz der Leistungsbilanz ein Defizit von -17,2295 Mrd. Euro beisteuerte, erzielte die Dienstleistungsbilanz einen Überschuss von +16,8173 Mrd. Euro, die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen ein Defizit von -2,8189 Mrd. Euro und die Bilanz der laufenden Übertragungen einen Überschuss von +4,4757 Mrd. Euro. Zusammen ergaben die Teilbilanzen einen Leistungsbilanzüberschuss von +1,245 Mrd. Euro.

1aDie Entwicklung der unbereinigten Teilbilanzen der Leistungsbilanz seit Q1 1980 bis Q4 2013 auf Quartalsbasis im Chart.

Vor allem der Überschuss aus der Teilbilanz Dienstleistungen zieht die gesamte Leistungsbilanz ins Plus, von den +16,8173 Mrd. Euro im Jahr 2013 gingen +10,1557 Mrd. Euro auf das Konto des Tourismus.

1aDie Entwicklung der Nettoauslandsvermögensstatus (Net International Investment Position/NIIP) Griechenlands in Mrd. Euro seit 1998 bis 2007 auf Jahresbasis und seit Q1 2008 bis Q4 2013 auf Quartalsbasis im Chart. In Q4 2013 betrug die Nettoauslandsverschuldung aller Bereiche der Volkswirtschaft -216,646 Mrd. Euro und damit untragbare -119,0% des nominalen BIP.

Das NIIP setzt sich zusammen aus dem Vermögensstatus aller Sektoren der Volkswirtschaft, so der öffentlichen Haushalte, von Privaten Haushalten und nichtfinanziellen Unternehmen, den Monetary Financial Institutions (MFIs – Bankensystem) und der griechischen Zentralbank. Das NIIP reflektiert den Saldo der Auslandsforderungen und Auslandsverbindlichkeiten und damit die Vermögenssituation aller Sektoren einer Volkswirtschaft eines Landes und weist ein Nettoauslandsvermögen oder eben auch Nettoauslandsschulden aus. Die Veränderungen des Saldo resultieren aus der Leistungsbilanz, respektive der Kapitalbilanz als Stromgröße, aber auch aus der Entwicklung der finanziellen Vermögenswerte und der finanziellen Verbindlichkeiten im Bestand.

1aDie Entwicklung der Nettoauslandsverschuldung Griechenlands in Prozent des nominalen BIPs von 1998 bis 2013 im Chart. Im abgelaufenen Jahr 2013 lag die Nettoauslandsverschuldung aller Sektoren der griechischen Volkswirtschaft auf einem Rekordniveau von 119,0% des nominalen BIP.

Griechenland bleibt eine de facto insolvente Volkswirtschaft, ausbleibende Investitionen und eine stetig schrumpfende Wirtschaft sowie deflationäre Tendenzen zementieren diesen Zustand.

Zu  den Preisen:

1aDie Entwicklung des griechischen CPIs in Prozent zum Vorjahresmonat seit Januar 1975 bis März 2014 im Chart. Im März 2014 sanken die Verbraucherpreise um -1,3% zum Vorjahresmonat.

1aDie Entwicklung der Produzentenpreise von Januar 1996 bis Februar 2014 im Chart. Zuletzt im Februar 2014 sank der PPI um -3,4% zum Vorjahresmonat.

Klar sichtbar ist der deflationäre Trend, der aber nicht wirklich zu einer preislichen Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft führt.

1aDie Entwicklung der landesweiten Immobilienpreise in Griechenland als Preisindex 1997=100 von Q1 1997 bis Q4 2013 im Chart. In Q4 2013 sanken die Preise um -9,06% zum Vorjahresquartal auf 171,7 Indexpunkte. Zum Hoch in Q3 2008 lag der Index bei 261,4 Indexpunkten (-34,3%).

Noch die Daten zum Bau, welche sich sehr, sehr schwach darstellen:

1aDie Entwicklung des saisonbereinigten Outputs im griechischen Baugewerbe von Q1 2000 bis Q4 2013 im Chart. In Q4 2013 lag der Output bei 50,36 Indexpunkten, zum Hoch in Q4 2002 waren es 286,98 Indexpunkte. Ein Einbruch von -82,4%!

1aDie Entwicklung der griechischen Baugenehmigungen Total Building Activity (private-public) seit Januar 2005 bis Januar 2014 im Chart. Im Januar 2014 ging es um -35,3% zum Vorjahresmonat abwärts, auf 917 Baugenehmigungen. Zum Allzeithoch im Dezember 2005 wurden 16’522 Baugenehmigungen erteilt.

Zuletzt im Gesamtjahr 2013 sanken die gesamten Baugenehmigungen um -27,6% zum Vorjahreszeitraum, auf nur 16’384 Baugenehmigungen (2012: 22’627).

Wie unfassbar brutal der Rückgang der Bautätigkeit in Griechenland war, zeigt auch der Chart zur Zementproduktion:

1aDie Entwicklung der griechischen Zementproduktion von Januar 1998 bis Januar 2014 im Monatschart. Im Januar 2014 sank der Output der griechischen Zementindustrie um -11,8% zum Vorjahr, auf 360’000 Tonnen.

1aDie Entwicklung der griechischen Zementproduktion seit 1951 im Jahreschart. Zuletzt im Jahr 2013 stieg der Output der griechischen Zementindustrie zwar um +3,6% zum Vorjahr, auf 5,293 Millionen Tonnen. Nur zum Hoch im Jahr 2006 wurden 15,882 Millionen Tonnen Zement produziert (-66,3%). Auch 2013 lag der Output unter dem Niveau der 70er Jahre!

1aDie Entwicklung der griechischen Rohstahlproduktion von Januar 1990 bis Februar 2014 im Monatschart. Im Februar 2014 sank der Output der griechischen Stahlindustrie um -1,2% zum Vorjahr, auf 80’000 Tonnen.

In Folge der Massenarbeitslosigkeit, den vielen pleitegegangenen Unternehmen und Selbstständigen, den fallenden Immobilienpreisen usw., dokumentiert sich auch eine unfassbare Rate bei den faulen Krediten:

1aDie Entwicklung der Non Performing Loans (notleidende Kredite mit mehr als 90 Tagen Zahlungsverzug) im Verhältnis zur Summe der ausstehenden Kredite an den Privatsektor (private Haushalte und Unternehmen), die sogenannte NPL-Quote, von 2001 bis 2013 im Chart. Zuletzt im Jahr 2013 schoss das NPL-Ratio laut Kreisen der griechischen Zentralbank auf 35,0%. Die letzten offiziellen Daten der griechischen Zentralbank belegen für Q2 2013 eine NPL-Quote von 29,3%.

Die 35,0% für Ende 2013 entsprächen einem Volumen an faulen Krediten in Höhe von 76 Mrd. Euro.

Diese ungeheure NPL-Quote für Ende 2013 erscheint nicht unplausibel, wenn man in die Bankbilanzen der 4 größten Institute blickt, welche gut 90% der Total Assets der griechischen Geschäftsbanken ausmachen. In den Präsentationen der Geschäftsberichten der vier größten griechischen Banken konnte man zuletzt für Q4 2013 folgende NPL-Ratios entnehmen: National Bank of Greece: 27,4%, Piraeus Bank: 36,6% , Eurobank: 31,1%, Alpha Bank: 32,7%, in der Reihenfolge der Größe der Bankbilanzen.

Ungebrochen zeichnet sich auch eine Kontraktion beim ausstehenden Kreditvolumen an den Privatsektor:

1aDie Entwicklung des ausstehenden Volumens von Krediten an den gesamten Privatsektor (private Haushalte und Unternehmen) in Prozent zum Vorjahresmonat, seit Januar 1981 bis Februar 2014 im Chart. Im Februar 2014 sank das ausstehende Kreditvolumen des Privatsektors um -3,7% zum Vorjahresmonat auf 216,693 Mrd. Euro. Seit 33 Monaten in Folge schrumpft das ausstehende Kreditvolumen.

Kredit- und BIP-Kontraktion verlaufen Hand in Hand. Griechenland hat das erste Mal seit über 3 Jahrzehnten mit einer Schrumpfung des ausstehenden Kreditvolumens an den Privatsektor zu kämpfen, was konform geht mit einer bisher nicht gesehenen wirtschaftlichen Depression in Griechenland, auch in Form von schrumpfenden Investitionen der Unternehmen und eines kollabierenden Konsums der privaten Haushalte.

1aDie Entwicklung des realen BIPs seit 1970 bis 2013 im Chart.

Zuletzt im Gesamtjahr 2013 sank das reale BIP um -3,8% im Vergleich zum Vorjahr, auf 160,981 Mrd. Euro. Zum Hoch im Jahr 2007 ging es real um -23,7% abwärts. Bezeichnend für die Schärfe der Rezession, dass nominale BIP sinkt aktuell noch stärker, als das reale BIP. 2013 sank das nominale BIP um -5,8% zum Vorjahr, auf 182,054 Mrd. Euro. Zum Hoch 2008 ging es nominal um -21,9% abwärts.

Die BIP-Schrumpfung kommt primär über die Schrumpfung des Volkseinkommens, insbesondere durch den Kollaps der Summe aller Arbeitnehmerentgelte. 2013 schrumpfte die nominale Summe aller Arbeitnehmerentgelte um -10,8% zum Vorjahr, auf 57,358 Mrd. Euro. Die Gesamtsumme entsprach nur noch 31,5% des nominalen BIPs (182,054 Mrd. Euro). Ein extrem niedriger Anteil der Arbeitnehmerentgelte am nominalen BIP. Real hat die Summe aller Arbeitnehmerentgelte zuletzt in Q4 2013 zum besten Quartal in Q4 2009 um -37,1% verloren, ein Wahnsinn!

Hier über 4 Quartale rollend, um die saisonalen Schwankungen zu glätten:

1aDie Entwicklung der Summe aller realen Arbeitnehmerentgelte (preisbereinigt 2009=100), 4 Quartale rollend (die letzten 4 Quartale aufaddiert) von Q4 2000 bis Q4 2013 im Chart. Zuletzt in Q4 2013 und damit für 2013 betrug die Summe aller realen Arbeitnehmerentgelte 52,717 Mrd. Euro. Zum Hoch in Q1 2010 waren es noch 85,743 Mrd. Euro (-38,5%).

Leider sind sinkende Löhne überhaupt keine Gewähr, das Investitionen fließen, dies zeigt die geistige Leere der herrschenden Strategie. Die Bruttoanlageinvestitionen insgesamt, wie auch die Ausrüstungsinvestitionen der Industrie purzelten ebenfalls:

1aDie Entwicklung der realen Bruttoanlageinvestitionen über 4 Quartale rollend  seit Q4 2000 bis Q4 2013 im Chart. In Q4 2013 sanken die realen Bruttoanlageinvestitionen (die letzten 4 Quartale aufaddiert und damit auch für das Gesamtjahr 2013) auf 20,095 Mrd. Euro. Zum Hoch in Q4 2007 waren es 56,468 Mrd. Euro (-64,4%)!

Auch die wichtigen Ausrüstungsinvestitionen der Industrie, als Teil der Bruttoanlageinvestitionen, sanken in Q4 2013 erneut heftig, um -26,8% zum Vorjahresquartal, auf nur 1,163 Mrd. Euro. Das ist nichts, gar nichts um die völlig unterentwickelte griechische Industrie nach vorne zu bringen und mittels handelbarer Waren und Güter die Nettoauslandsverschuldung abzubauen:

1aDie Entwicklung der realen Ausrüstungsinvestitionen über 4 Quartale rollend von Q4 2000 bis Q4 2013 im Chart. In Q4 2013 sanken die realen Ausrüstungsinvestitionen (die letzten 4 Quartale aufaddiert und damit auch für das Gesamtjahr 2013) auf 5,067 Mrd. Euro. Zum Hoch in Q4 2008 waren es 11,195 Mrd. Euro (-54,7%)!

Die griechische Industrie war auch zu Bestzeiten unterentwickelt, umso schwerer wiegt dieser Einbruch bei den Investitionen. Niemals kann man eine unterentwickelte Volkswirtschaft ohne Investitionen wettbewerbsfähig machen und niemals ohne Investitionen wettbewerbsfähige, handelbare Waren und Güter herstellen, mittels derer die Nettoauslandsverschuldung abgebaut werden kann. Eine hohe Arbeitslosenquote (zuletzt im Januar 2013 saisonbereinigte 26,7% und 56,8% bei Jugendlichen), viele hunderttausende Unterbeschäftigte und Entmutigte, 3 Millionen die keinen Zugang mehr zum Gesundheitssystem haben, eine Brachialkur sondergleichen, alles umsonst, denn es fließen trotzdem (oder gerade auch deswegen) keine Investitionen und damit fällt das ganze Argumentationsgebäude der neoliberalen Troika-Agenda in sich zusammen.

Abseits der Tatsachen versuchen Interessen geleitete Politik und Mainstream einem brutalen wirtschaftlichen Niedergang einen positiven Anstrich und Ausblick zu geben. Die vierte Gewalt (publikative Gewalt) versagt völlig, ebenso die gegen die gesamtwirtschaftlichen Interessen gerichtete Politik der Troika, der EU und damit federführend von Deutschland. Simpelste volkswirtschaftliche Zusammenhänge werden ignoriert und dem Altar einer sinnlosen Agenda geopfert. Daran ändern ein paar Milliarden Euro nichts, die vom griechischen Staat am Kapitalmarkt aufgenommen werden können, dies zeigt nur, wie gering die Risikoaversion des privaten Kapitals (zuvorderst Banken) mittlerweile wieder ist, in Zeiten negativer Realzinsen und einer faktischen Garantieübernahme für griechische Schulden durch EZB, EFSF und ESM. Dies ist wiederum kein Beleg für eine Genesung der griechischen Wirtschaft, nur der funktionierenden künstlichen Beatmung durch die Eurozone zum Selbsterhalt der Gläubiger!

Quellen Daten: Statistics.gr/ELSTAT-Portal, Bankofgreece.gr/griechische Zentralbank-Portal, Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

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Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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7 KommentareKommentieren

  • RedMoe - 14. April 2014

    “Zuletzt im Gesamtjahr 2013 sank das nominale BIP um -3,8% im Vergleich zum Vorjahr, auf 160,981 Mrd. Euro. Zum Hoch im Jahr 2007 ging es real um -23,7% abwärts. Bezeichnend für die Schärfe der Rezession, dass nominale BIP sinkt aktuell noch stärker, als das reale BIP. 2013 sank das nominale BIP um -5,8% zum Vorjahr, auf 182,054 Mrd. Euro. Zum Hoch 2008 ging es nominal um -21,9% abwärts.”

    Hier sind wohl ein paar Zahlen zum realen und nominalen BIP durcheinander geraten. Wie hoch war das nominale BIP 2013? :)

    Ansonsten top Artikel. Vielen Dank dafür, sehr schöne Arbeit, auch wenn sie leider keine schöne Realität zeigt. Bei den Exporten habe ich so das Gefühl, dass Griechenland hier unter die Räder der Euro-Aufwertung kommt. Nachdem bei Wechselkurs noch viel Luft nach oben ist, wenn man die Leistungsbilanz von Euroland zugrunde legt, dürften die nächsten Monate noch “lustig” werden.

    • Querschuss - 14. April 2014

      Hallo RedMoe,
      im ersten Satz muss natürlich ein real hin, dann passt es: Zuletzt im Gesamtjahr 2013 sank das reale BIP um -3,8% im Vergleich zum Vorjahr, auf 160,981 Mrd. Euro.

      Das nominale BIP sank 2013 um -5,8% zum Vorjahr auf 182,054 Mrd. Euro.

      Gruß Steffen

  • Nicolas - 14. April 2014

    Danke für den tollen Artikel. Man muss zwar fast “leider” hinzufügen aber das ändert ja bekanntlich auch keine Realitäten.

    Zu Troika-Grausamkeiten und GR fällt mir immer dieses Bild von ZH ein…oops!
    http://bit.ly/1gvajFv

    Und das sind bei Weitem nicht die einzigen IWF-”Ooops”es da gibt es auf ZH eine schöne Sammlung. Kann man alles in IWF Archiven nachlesen die machen sich nicht mal die Mühe das zu vertuschen;-)
    Diesen Leuten wird die Rettung von Wirtschaften aufgetragen!!?? Da kann man ja gleich Elefanten zu Nachtwächtern in Glashäusern ernennen.

  • petorho - 14. April 2014

    Super Arbeit!

  • Ackermann - 14. April 2014

    Höchste Anerkennung für diese bravouröse Arbeit. wie verlogen die Politik und die gegängelten Mainstreammedien sind lässt sich kaum mehr toppen. Da bleibt eigentlich nur die Frage, wann das Ganze kippt. In vielen anderen Ländern ist man ja bestens auf dem Weg zu griechischen Verhältnissen. Gefühlte 70 % vom Resten Europas plus USA,Japan etc. Besser warm anziehen und ein paar Notvorräte für Zeiten des beschleunigten globalen Niedergangs.

  • Marcito - 14. April 2014

    Chapeau!

    Brillante Zusammenfassung!

    Bitte so an Schäuble und Merkel senden.

  • Astans - 15. April 2014

    Wenn ich mich nicht täusche sind die Kosten für die Bankenrekapitalisierung aber in den Zahlen enthalten? Das Defizit dürfte also bei rund 16 Mrd. liegen und nicht bei 30 Mrd.