Im Spiegel der Armut: Aktienhausse, Einkommenskonzentration und Oligopole – das Beispiel USA

von am 2. September 2011 in Allgemein

Vor fast genau einem Jahr erregten die Superreichen mit der Initiative „The Giving Pledge“ Aufsehen, die zwei der reichsten Männer der USA angestoßen haben: Warren Buffet und Bill Gates verkündeten, 40 US-Milliardäre hätten sich bereit erklärt, mindestens 50 Prozent ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. (1) Aktuell stürmt Warren Buffet erneut voran und setzt sich mit Blick auf die US-Staats-schuldenkrise in der Kontroverse um die Besteuerung von Spitzenverdienern und Reichen für eine höhere Besteuerung derselben ein.

Das ist auch aus einem anderen Grund verständlich, denn vor dem Hintergrund des anhaltend vor sich hin dümpelnden US-Wachstums, zunehmender Rezessions-sorgen, anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und der beharrlich steigenden Zahl der Essensmarkenempfänger (Stand Mai 2011: 45,75 Millionen (2)), gleichen die USA mehr und mehr einem sozialen Pulverfass. Das gilt umso mehr, als sich die Aktienkurse an den Börsen scheinbar – abgesehen von den letzten Wochen – völlig unbeeindruckt davon immer weiter nach oben bewegen, was für viele nicht mehr nachvollziehbar ist.

Der amerikanische Traum, sich aus eigener Kraft ganz nach oben zu arbeiten, ist für immer mehr Amerikaner zu einer Illusion geworden.

Doch für die kleine Gruppe an der Spitze der US-Einkommenspyramide sieht die Welt ganz anders aus, wie ein Blick auf die Abbildung zur inflationsbereinigten Einkom-mensentwicklung aus einer Analyse des Center on Budget and Policy Priorities (CBPP) (3) verdeutlicht:

Quelle: Arloc Sherman and Chat Stone, Income gaps between very rich and everyone else more than trippled ..., in: Center on Budget and Policy Priorities, July 25, 2010.

Die Top-1-Prozent der US-Einkommenspyramide realisierten zwischen 1979 und 2007 eine Steigerung ihres Einkommens (nach Steuern) um satte 281 Prozent auf durchschnittlich 1.319.700 Dollar, wobei der Anstieg ab Mitte der 90er Jahre bis zur geplatzten New-Economy-Blase sowie auch danach besonders steil war.

Die Einkommenssteigerung bei den oberen 20 Prozent war mit 95 Prozent auf durchschnittlich 198.300 Dollar immer noch bemerkenswert hoch, aber nicht zu vergleichen mit der Verbesserung bei den Top-Verdienern. Groß ist der Abstand zu den beiden unteren Einkommensgruppen (mit durchschnittlich 38.000 bzw. 17.700 Dollar in 2007), die sich im gleichen Zeitraum um 25 Prozent bzw. sogar nur um 16 Prozent verbessern konnten.

Nach Beginn der US-Hypothekenkrise im Jahr 2007 zeigt sich – ebenfalls anhand einer Analyse des CBPP (4) -, dass die Zugewinne beim durchschnittlichen Einkommen (vor Steuern) sehr ungleich zwischen den Top-1-Prozent und den 90 Prozent im unteren Bereich der Einkommenspyramide verteilt sind.

Quelle: Hannah Shaw and Chad Stone, Tax data show richest 1 percent took a hit in 2008 ..., in: Center on Budget Policy Priorities, revised May 25, 2011. Schwarze und rote Linien eingefügt von SLE.

Gut zu erkennen sind in der Abbildung neben der sich seit 1981 immer weiter öffnenden Einkommensschere auch die Einkommensverluste beider Gruppen in 2008 infolge der durch die Hypothekenkrise ausgelösten Rezession in den USA. Die von mir im Chart ergänzend eingefügten schwarzen und roten Linien verdeutlichen, dass die Top-1-Prozent zwar viel stärker verloren als die unteren 90 Prozent der Einkommens-erwerber. Letztere fielen jedoch viel weiter zurück. Während sich die Top-Verdiener 2008 etwa auf dem Niveau von 2004 wiederfanden, warf die Krise die besagten 90 Prozent in etwa auf das Niveau von 1996 zurück. (5)

Zur Erläuterung sei bemerkt, dass die Gruppe der 90 Prozent Einkommen unter 110.000 Dollar und die Gruppe der Top-1-Prozent Einkommen von mehr als 370.000 Dollar umfasst (jeweils vor Steuern p. a.).

Der folgende Chart zeigt, wie sich der Anteil der Top-1-Prozent am gesamten Einkommen (vor Steuern) in den USA historisch entwickelte und welche Höhen er erklomm: Er lag vor dem Platzen der New-Economy-Blase schon bei deutlich über 20 Prozent und stieg nach einem scharfen Rücksetzer bis 2007 noch weiter in Richtung 25 Prozent an. Darüber hinaus ist aus der Abbildung ersichtlich, dass die Entwicklung des Einkommensanteils der Top-1-Prozent in den letzten Jahren ähnlich verlief und dabei ein vergleichbar hohes Niveau erreichte wie zuletzt in der Phase vor dem großen Börsencrash im Oktober 1929. (6 )

Quelle: Hannah Shaw an Chad Stone, Tax data show ... , in: CBPP, revised May 25, 2011. Vertikale schwarze Linien eingefügt von SLE.

Dieser Chart legt die Vermutung nahe, dass ein Zusammenhang zwischen der Einkommensentwicklung der Gruppe der Spitzenverdiener und der Entwicklung der Aktienkurse bzw. –Indizes, wie etwa dem Dow Jones, existiert – ein Blick auf den historischen Chart des Dow Jones lohnt sich. (7)

Allerdings wird man kaum annehmen können, Aktienkurse seien eine ausreichende Erklärung für die hohen Einkommen und den spezifischen Verlauf der Einkommens-entwicklung der Topverdiener. Das nicht. Aber die starke Präsenz großer Konzerne und deren Marktdominanz könnte sowohl im Hinblick auf die Aktienhausse in den beiden historisch markanten Phasen (vor 1929 und heute) als auch bezüglich der Hausse der Spitzenverdiener durchaus als Bindeglied infrage kommen – wie sich wahrscheinlich jeder mit Blick auf die Gewinne/Renditen von Konzernen und den Einkommen ihrer Topmanager heute unschwer vorzustellen vermag.

Sagen wir einfach es ist ein Erklärungsexperiment – mehr nicht.

Die Abbildung unten zeigt die Entwicklung von Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions (M&A)) in historischer Sicht und zwar für die USA in der Zeit zwischen 1897 und 2006. (8) Sie stammt aus einem Aufsatz von Prof. Günter Müller-Stewens, der sich an der Universität von St. Gallen unter anderem intensiv mit dem M&A-Ge-schehen befasst. In der Abbildung werden 5 Fusionswellen unterschieden und der Beginn einer sechsten wird angedeutet. Inzwischen – aufgrund der starken Zunahmen an M&A in 2010 – wird vermutet, dass jetzt seit 2002 oder 2004 entweder die sechste Fusionswelle läuft (9) oder gar schon die siebte Fusionswelle (10) begonnen hat.

So oder so ist, wie auch aus der Beschriftung unter der Abbildung hervorgeht, ein zentrales Kennzeichen der Fusionswellen, dass offenbar quer durch die Branchen die Unternehmenskonzentration steigt und sich marktmächtige Oligopole oder gar Monopole herausbilden.

Quelle: Günter Müller-Stewens, Die Fusionswelle hält an, in: io new management Nr. 11/2006, S. 16.

Was beim Blick auf dieses Schaubild in Bezug auf die historische Entwicklung der Einkommen der Top-1-Prozent sowie die beiden Börsencrashs in 1929 sowie 2008 gesagt werden kann, ist, dass es zeitlich vorgeschaltet definitiv jeweils eine Fusionswelle gab.

Wie verlief also die Entwicklung des Dow Jones Industrial Average in den Phasen, in denen es Fusionswellen gab sowie unmittelbar danach?

In den folgenden zwei Tabellen ist von mir verkürzt und somit stark vereinfacht für einzelne zeitliche Abschnitte die Entwicklung sowie prozentuale Veränderung des Dow Jones Industrial Average Indexes festgehalten. Für die Zwecke dieses Aufsatzes, das heißt für das Erklärungsexperiment, dürfte dies ausreichen.

Quelle: Dow Jones Industrial Average, histor. Kursentwicklung auf Yahoo! Finanzen, Dow Jones auf StockCharts.com und eigene Berechnungen.

Quelle: siehe Tabelle Fusionswellen I

Eine historische Übersicht über Marktturbulenzen und Börsencrashs findet sich hier (Teil 1) und hier (Teil 2 ).

Von einem Tief Anfang 1942 kletterte der Dow Jones bis Mitte der 60er Jahre kontinuierlich. Ab 1966 bis Anfang der 80er Jahre bewegte er sich nahezu seitwärts und zeigte sich insgesamt sehr volatil. In der Phase, in der die Ölkrise begann, verlor er 45 Prozent (Jan. 1973 – Dez. 1974), wie aus Tabelle I hervorgeht. Ab Anfang 1982 begann dann eine neue, lange Phase des Anstiegs, der sogar noch steiler war als der zwischen 1942 und Mitte der 60er Jahre, bis zum Platzen der New-Economy-Blase Anfang 2000. Einen derart gravierenden Einbruch des Dow Jones wie nach dem Börsencrash von Oktober 1929 (minus 89 Prozent) hat es nie wieder gegeben. Der Absturz nach der Lehman-Pleite im September 2008 war mit einem Minus von 50 Prozent der massivste in der Zeit nach der Großen Depression, kommt aber – relativ betrachtet – bei weitem nicht an das Ausmaß der Kapitalvernichtung von damals heran.

Aus den beiden Tabellen geht im Übrigen hervor, dass der Dow Jones ab der vierten Fusionswelle Rücksetzer nicht nur relativ rasch wieder aufholte, sondern anschließend auch regelmäßig neue Rekordhochs erreichte. Erst nach der Lehman-Pleite war das nicht mehr der Fall. Und Ähnliches gilt auch für die Entwicklung der Einkommen der Top-Verdiener an der Spitze der US-Einkommenspyramide in der Phase ab Anfang der 80er Jahre, wie aus der Abbildung mit der historischen Entwicklung ihres Einkommensanteils (Figure 2) gut ersichtlich ist. Für die mittleren und unteren Einkommensgruppen gilt das offensichtlich nicht. Wie aus der Abbildung „Uneven distribution of gains …“ (Figure 3) hervorgeht, stagnieren die Einkommen der unteren 90 Prozent schon seit etwa Mitte der 70er Jahre.

Ein möglicherweise bezeichnender Unterschied lässt sich mit Blick auf die Unter-nehmenskonzentration im Anschluss an die Fusionswellen und Crashs feststellen:

Am Ende der ersten und zweiten Fusionswelle und nach den Crashs von 1907 und 1929 ist es in den USA zur Zerschlagung bzw. Entflechtung von Konzernen wegen zu großer Marktmacht gekommen.

Zur Erinnerung hier die markanten Fälle:

1906 eröffnete die US Regierung unter Theodore Roosevelt ein Verfahren gegen Rockefellers Standard Oil wegen des Verstoßes gegen den Sherman Antitrust Act. Der Supreme Court gab der US-Regierung in seiner Entscheidung von 1911 recht und verfügte die Entflechtung von Standard Oil, woraufhin die Aktie einbrach. Rockefeller kaufte seine Aktien auf und verdiente kräftig an der anschließend einsetzenden Hausse. (11)

Ebenfalls 1911 erfolgte die Zerschlagung der American Tobacco Company und zwar aus denselben Gründen wie im Fall Standard Oil. (12)

Mit der Unterzeichnung des Banking Act (Glass-Steagall Act) durch US-Präsident Franklin Delano Roosevelt im Juni 1933 wurde in den USA das Trennbankensystem eingeführt, also die institutionelle Trennung zwischen dem Einlagen- und Kredit-geschäft und dem Wertpapiergeschäft. (13)

Die Radio Corporation of America (RCA) (Radiotechnik, drahtlose Nachrichten-übertragung), die durch Zukäufe später auch die National Broadcasting Company (NBC) formte und im Fernsehsektor dominierte, wurde 1919 als Aktiengesellschaft im Mehrheitsbesitz von General Electric (GE) gegründet. Nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) sahen viele US-Bürger das Radio als ein natürliches Monopol an. Der US-Kongress ließ sich davon überzeugen, General Electric und American Telephone and Telegraph (AT&T) ein internationales Radiomonopol bilden zu lassen. 1926 hatte RCA den Markt für kommerzielles Radio in der Hand.
Im Oktober 1943 wurden RCAs NBC-Radionetzwerke zerschlagen – in NBC (weiter im Besitz von RCA) und die American Broadcasting Company (ABC). (14)

Danach, das heißt im Anschluss an die Fusionswellen ab den 60er Jahren, kam das aber nicht mehr vor, jedenfalls nicht in einer derart durchgreifenden Form – abgesehen von einer markanten Ausnahme, nämlich die Entflechtung des Telekommunikations-konzerns American Telephone & Telegraph Corporation (AT&T) 1984 (15), der aktuell in den USA allerdings erneut als zu mächtig angesehen wird (16) (17).

Die Frage, inwieweit der Zusammenhang von Aktienhausse, Einkommens- und Unternehmenskonzentration als Erklärungshintergrund für die anhaltende Instabilität und Krise wirklich trägt, kann hier nicht beantwortet werden. Das gibt diese eher oberfläch­liche Betrachtung nicht her. Ganz von der Hand zu weisen ist der Zusammenhang jedoch nicht.

Sollten also heute die Spitzeneinkommen sowie die Vermögenden über Steuern stärker am Abbau der Staatsschulden beteiligt werden? Ja, das macht mit Blick auf die Staatsschuldenproblematik gewiss Sinn. Aber es ist leicht, einen Teil seines Vermögens und seines Einkommens abzugeben, wenn man weiß, dass die „Mecha-nismen“, die dafür sorgen, dass es einem doch wieder zufließt, intakt bleiben. Genau diese „Mechanismen“ sind mindestens verdächtig, eine zentrale Ursache für die anhaltende Instabilität und Dauerkrise des Wirtschaftssystems der Industriestaaten zu sein, denke ich.

Dass der Unternehmenskonzentrationsprozess auf breiter Front so weit fortge-schritten ist und viele, volkswirtschaftlich und global bedeutsame Märkte jeweils nur noch von paar großen Konzernen dominiert werden, ist einerseits eine wesentliche Basis für Reichtum. Gleich Schwämmen saugen sie einen ständig wachsenden Anteil des Geschäftsvolumens und der Profite auf den Märkten, auf denen sie tätig sind, auf und schütten diese an die Aktionäre aus, während sie immer weiter an der Kosten-schraube drehen. Auf der anderen Seite geht dies spiegelbildlich einher mit einem fortschreitenden Verfall der Einkommensbasis eines immer größeren Teils der Bevölkerung in den Industriestaaten sowie mit dem Verharren in Stagnation bei zunehmend rezessiven Tendenzen.

Steuern sind eine Umverteilungs- oder salopp ausgedrückt eine „End oft the pipe“-Lösung. Sie können die angesprochene Problematik nicht an der Wurzel packen und wirklich beheben. Wir werden deswegen am Ende wohl nicht darum herum kommen wieder dafür zu sorgen, dass Märkte keine ewigen Gewinner produzieren. Denn genau das scheint der Fall zu sein. Der amerikanische Traum funktioniert nicht mehr.

Stefan L. Eichner
Kontakt: eichner@web.de

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