Irlands Aussichten sind weiter trübe

von am 26. Februar 2012 in Allgemein

Irland würde man noch am ehesten zutrauen, durch den hohen Exportanteil der Wirtschaft, sein Schuldenproblem mittel- bis langfristig in den Griff zu bekommen. Allerdings auch die irische Wirtschaft kühlte sich gegen Jahresende 2011 ab, auch wenn noch keine BIP-Daten für Q4 2011 vorliegen. So sanken z.B. im Dezember 2011 die unbereinigten Exporte von Waren und Güter um -3,7% zum Vorjahresmonat auf 6,955 Mrd. Euro, nach 8,762 Mrd. Euro im Vormonat und nach 7,222 Mrd. Euro im Vorjahresmonat.

Die Entwicklung des irischen Importvolumens (blau) und des Exportvolumens (rot) in Mrd. Euro seit Januar 1990 bis Dezember 2011 im Chart. Genaugenommen geht es beim Export seit dem steilen Anstieg von 1990 bis 2000 seitwärts. Zum Jahresende 2011 schwächt sich der Export ab, zum Vorjahresmonat und noch kräftiger zum Vormonat.

Das Importvolumen betrug im Dezember 2011 4,013 Mrd. Euro, nach 4,052 Mrd. Euro im Vormonat und nach 4,171 Mrd. Euro im Vorjahresmonat. Der Exportüberschuss betrug im Dezember 2011 +2,942 Mrd. Euro, nach +4,710 Mrd. Euro im Vormonat und nach +3,051 Mrd. Euro im Vorjahresmonat.

Die Entwicklung der irischen Handelsbilanz seit Januar 1990 bis Dezember 2011 im Chart. Im Handel von Waren und Gütern mit der Welt erzielt Irland chronische Überschüsse.

Die Entwicklung der irischen Leistungsbilanz seit Q1 1991 bis Q3 2011 im Chart. In Q3 2011 erzielte Irland ein Leistungsbilanzüberschuss von +850 Millionen Euro. Die Leistungsbilanz Irlands sieht bei weitem nicht so positiv aus wie die Handelsbilanz, da in den anderen Teilbilanzen wie der aus den Dienstleistungen, der Bilanz aus Erwerbs- und Vermögenseinkommen sowie der Bilanz aus den laufenden Übertragungen Defizite anfallen.

Auch die Industrieproduktion kühlte sich zum Jahresende kräftig ab:

Die Entwicklung des saisonbereinigten breit gefassten irischen Industrieproduktionsindex (Bergbau, Energieversorgung und Verarbeitendes Gewerbe) seit Januar 1990 bis Dezember 2011 im Chart. Im Dezember 2011 stieg der saisonbereinigte Industrieproduktionsindex zwar um +2,4% zum Vormonat, aber im 4.Quartal 2011 kühlte sich der Output merklich zum Vorquartal saisonbereinigt ab. Unbereinigt sank im Dezember 2011 der Output um -5,2% zum Vorjahresmonat.

Kritisch für den potentiell weiteren Erfolg der irischen Wirtschaft ist der brachiale Rückgang bei den realen Bruttoanlageinvestitionen zu bewerten.

Die Entwicklung der unbereinigten realen Bruttoanlageinvestitionen in Prozent zum Vorjahresquartal seit Q1 1998 bis Q3 2011 im Chart. In Q3 2011 sanken die realen Bruttoanlageinvestitionen um -22,18% zum Vorjahresquartal. Seit 17 Quartalen in Folge geht es abwärts, im Vergleich zum Vorjahresquartal. Zum Hoch in Q3 2007 sind die Bruttoanlageinvestitionen um -65,3% eingebrochen.

Zuletzt in Q3 2011 sank das saisonbereinigte reale BIP (Bruttoinlandsprodukt) bereits um -1,9% zum Vorquartal und unbereinigt um -0,1% zum Vorjahresquartal. Allerdings betrachtet man nicht das BIP sondern das BNE sieht die Entwicklung noch schlechter aus. Das BNE sank saisonbereinigt real um -4,2% zum Vorquartal und um -2,2% zum Vorjahresquartal bei den unbereinigten Daten. Das BNE (Bruttonationaleinkommen) spiegelt die Gewinne der ausländischen Unternehmen in Irland im Gegensatz zum BIP nicht wider. Zuletzt im Gesamtjahr 2010 betrug das reale BIP 159,906 Mrd. Euro (-0,4% zum Vorjahr), aber das reale BNE nur 128,207 Mrd. Euro (-3,0% zum Vorjahr).

Irlands Problem ist nicht eines mangelnder industrieller Wertschöpfung und geringen Exportvolumens, im Gegenteil, zuletzt 2010 betrug der Exportanteil bei Waren und Güter satte 57% des nominalen BIPs. Das Problem war die Immobilienblase und der völlig überschuldete private Sektor und die hoffnungslos aufgeblasenen Bilanzen der Banken.

Mit dem Platzen der Immobilienblase wurden die Bankbilanzen zum Moloch fragwürdiger Assets.

Die Entwicklung der irischen Immobilienpreise laut dem Monthly Economic Bulletin – February 2012 des irischen Finanzministerium.

Im Zuge des Bankenbailouts schoss die Bruttostaatsverschuldung auf 162,2 Mrd. Euro im 3.Quartal 2011:

Die Entwicklung der Bruttostaatsschulden Irlands seit Q1 2000 bis Q3 2011 im Chart.

Trotz optimaler Voraussetzungen, wie einer bestens aufgestellten Industrie, gelingt es Irland kaum substanzielle Verbesserungen beim Verschuldungsstand zu erzielen. Auch 2011 wird voraussichtlich das Staatsdefizit -15,6 Mrd. Euro bzw. -10,1% des nominalen BIPs betragen. Dies ist zwar deutlich besser als 2010, als der bedeutendste Teil des Bankenbailouts getätigt wurde und dies zu einem Staatsdefizit von -31,3% des nominalen BIPs führte, aber auch -10,1% Defizit 2011 sind mehr als substantiell! Der gesamte Bruttoschuldenstand des irischen Staates soll Ende 2011 bei voraussichtlich 107% des nominalen BIPs liegen. Nur die aktuell leichte Abschwächung der Wirtschaft konterkariert bereits den Konsolidierungskurs, selbst bei vergleichbar optimaler Struktur und Aufstellung der Wirtschaft. Für Irland gilt, die zuvor aufgebauten Kreditexzesse waren einfach zu hoch, um selbst bei sehr guten Voraussetzungen den Abbau der Schulden voranzutreiben. Wie absurd erst die Strategie, bei eindeutig unterentwickelten Volkswirtschaften wie in Griechenland, mittels Spardiktat zu meinen die Tragfähigkeit der Schuldenpyramiden sichern zu können.

Quelle Daten: Cso.ie/Datenbank, Eurostat.ec.europa.eu/Datenbank

Kontakt: info.querschuss@yahoo.de

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31 KommentareKommentieren

  • Benedikt - 26. Februar 2012

    Irlands Exporte werden zum guten Teil nur durch den Vertrieb künstlich erzeugt. Mit Tricks muss man auf in Irland erzeugte Gewinne deutlich unter 10% Steuern zahlen.

    Beispiel: Unternehmen A in USA verkauft eine Maschine an seine Vertriebsgesellschaft I in Irland für 100€. I verkauft die Maschine an D in Deutschland für 120€. Irland hat damit ein Außenhandelsüberschuss von 20€, ohne das Wertschöpfung in Irland geschaffen wurde.

    Mancher Multi drückt seine Steuerlast auf 3%. Für die Irische Staatskasse bleibt bei den Steuersätzen auch nix übrig. Wenn Irland seine Steuern erhöht, flüchten die ganzen Vertriebs- und Finanzunternehmen. Damit wird das BIP massiv sinken. Ohne kräftigen Haircut kommt Irland nicht mehr auf die Beine.

    • Ert - 26. Februar 2012

      @Benedikt

      Jaja, ja als ich vor über 10 Jahren in Irl war und die “Shrink-Wrap” Wirtschaft für Software (auch Microsoft ist da groß) angesprochen hatte – da bekam ich einen ziemlich zerknüllten Gesichtsausdruck zurück – aber keinen weiteren Kommentar ;)

      Ende 199x war auch alles was irgendwie neu war mit einem blauen Schild und komischen gelben Sternen versehen – sponsored, financed, payed by – YOU, the EU taxpayer :)

  • Bernd Klehn - 26. Februar 2012

    @ Benedikt

    …..und diese Exportüberschüsse und Gewinne werden über Finanzmarkttransaktionen wieder abgezogen. So hat Iralnd trotz Leistungsbilanzüberschuss ca. 100% Nettoauslandsschulden und ist demgemäß pleite. Normalerweise führt das Betreiben eines Finanzkasinos zu Gewinnen, siehe Schweiz, Luxemburg , UK und USA , nicht aber so in Irland. Hierüber sollten die Irländer mal nachdenken.

      • Canpichurri - 27. Februar 2012

        @ Detlef

        Na so toll steht Argentinien nun nicht da. Es ist immer noch von der Aussenfinanzierung quasi abgeschnitten, die Rentenkassen wurden geplündert (mit entsprechenden Folgen in Kürze) und die Zeche zahlen immer noch die Kleinen Bürger. Nein, Argentinien kann un darf kein Beispiel sein.
        Ich sage – auch privat – immer: Alles Übel fängt beim Kredit an. Das war auch schon das Motto meiner Mutter, wodurch sie ihr ganzes Leben lang nicht eine Mark/Euro von der Bank geliehen hat.

        Noch was zu den hier immer wieder toll aufbereiteten Graphiken zur Aussenhandelsbilanz von Steffen und Deinen Kommentaren: Es können nicht alle Staaten gleichzeitig auf der Welt Handelsüberschüsse erzeugen. Einige müssen genau um das an negativen Überschüssen erzielen, was andere als positive Bilanz ausweisen. Wir trieben ja kein Handel mit einer extraterrischtischen Lebensform (oder dem Mars).
        “Mathematik lügt nicht”, so sagt man jedenfalls und ich denke da ist was dran. Das ungezügelte Fluten der Märkte mit Geld und Liquidität wird keinen guten Ausgang nehmen – wir sind im Endgame des Papiergeldes angelangt.

        Gruss nach D

  • C.A.Wittke - 27. Februar 2012

    Nicht nur an Irland sondern auch am Beispiel Argentinien kann man ganz aktuell die wahren Erfolgstories der Wege aus der Krise erleben; ohne vergleichen zu wollen so müssen doch beide Volkswirtschaften im Wettbewerb mit allen anderen, oft nicht wettbewerbskonform handelnden, soll heißen, sich lauteren Spielregeln unterwerfenden Konkurrenten behaupten. Im Falle Argentiniens ruft das deutlich nach Verteidigung, nach Protektionismus, etwas, was vielen anderen bald auch einfallen wird weil nur so Arbeit zu halten sein wird.

    Marketwatch

    diepresse

    Nach der Pleite ist immer vor der Pleite; das erklärt im Falle Argentiniens auch das aufflammende Säbelrasseln mit dem lädierten Königreich genügt es doch beiden Volkswirtschaften bzw. dem jeweiligen mainstream zur geflissentlichen Ablenkung.

    caw

    P.S. Übrigens Chinas liebe Antwort u.a. auf den Euro steht hier .

  • Roland - 27. Februar 2012

    Trübe Aussichten auch für die deutsche Konjunktur:

    Viele Vorstände fahren nach wie vor Vollgas in der Produktion, obwohl seit Mitte letzten Jahres schon die Auftragseingänge unterhalb des Produktions-Volumens liegen.
    Da das entprechende Delta seit einigen Wochen immer größer wird, schmelzen die Auftragsbestände immer schneller.

    Diese Vorstände glauben den offiziellen Prognosen und der Medienpropaganda, spätestens Mitte des Jahres sähen wir einen Wedepunkt der Konjunktur. Das wird in 2-3 Monaten ein böses Erwachen geben. Und dann ist es für ein sanftes Herunterfahren der Produktion zu spät.

    • Benedikt - 27. Februar 2012

      Die Kunden wollen ihre Waren auch möglichst schnell bekommen. Da kann man nicht einfach den Auslierungstermin um Monate nach hinten verzögern.
      Ob die Produktion sanft oder schnell heruntergefahren wird ist eigentlich egal. Nachher hat man bei beiden Überkapazitäten.

    • Frank Bell - 27. Februar 2012

      Glauben Vorstände wirklich den offiziellen Prognosen und der Medienpropaganda?

      Es reicht doch ein Blick in den Auftragseingang, um zu wissen, wie es weiter geht.

  • M.E. - 27. Februar 2012

    Ich habe kürzlich mal gelesen, dass der gesamtgesellschaftliche Verschuldungsstand in Irland 660% des BIP beträgt.
    Das wäre dann OECD-Rekord und noch deutlich mehr, als in Japan oder Großbritannien.
    Also jede Menge zusätzliches Aufschuldungspotenzial für den Staat, als Retter der mittlerweile vorletzten Instanz.
    Allerletzte Instanz sind ja heute die Noten(bad)banken. Was letzten Endes auch wieder bei den Staaten und deren Steuerbürger landet.

  • ö.ä. - 27. Februar 2012

    Die Target 2-Problematik hat es jetzt auch in den Spiegel geschaftt :

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,817004,00.html

  • Lazarus09 - 27. Februar 2012

    Die Irland -situation ist treffend beschrieben allerdings sollte man wenn man das Wort “Kreditexzesse” benutzt auch die nennen die diese abgeschöpft haben und sich so die x-te Goldauflage für ihre Nasen verdient haben gerade im Immo -Bereich sind rund um Dublin die Preise durch die Decke gegangen das man sich in Paris oder Tokio glaubte obwohl es an Infrastruktur hapert an jeder Ecke… heute hocken sie auf unbedienten Finanzierungen des vielfachen dessen was die Immobilie Wert ist oder je wieder Wert sein wird ….

    @Benedikt

    ….genau so schaut das aus, die Konzerne bekommen Steuergeschenke als ” Anreiz” direkt in die Taschen der Anleger und Investoren , während das blanke Überleben für die aus Wertschöpfung lebenden Lohnknechte genug Anreiz darstellt nachdem der Lebensstandart und die Lebensqualität am Boden der Armut aufschlägt ..!

    ..und dann die Scheiße von dem über die Verhältnisse gelebt .. es ödet an

  • gilga - 27. Februar 2012

    “Top-Ökonom Hans-Werner Sinn – Der Mann und die Milliarden-Bombe”:
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,817004,00.html

    Und natürlich kein Hinweis auf Steffens Arbeit in dieser Sache… Sinn könnte man eigentlich nur vorwerfen sich relativ “spät” mit dem Thema beschäftigt und Gehör verschafft zu haben. Aber nicht nur hier war schon sehr viel früher von Target2 zu lesen. Auch soll es im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen bei Fragen zu diesem Thema zu interessanten Reaktionen (keine Beantwortung der Frage und keine weiteren Fragen dieser Person wurden mehr entgegengenommen) gekommen sein. Wer hat also geschlafen? Die Journalisten natürlich… spätestens wenn man so etwas erlebt und an diversen Stellen darüber geschrieben wird, ist es Zeit sich dem Thema anzunehmen.

    • Querschuss - 27. Februar 2012

      Hallo Gilga,
      Prof. Sinn war der Erste, anscheinend ist er von Ex-BUBA-Chef Schlesinger auf Target2 aufmerksam gemacht worden, insofern ist der Spiegel-Artikel richtig. Sinn war definitiv vor mir am Thema dran.

      Gruß Steffen

      • gilga - 27. Februar 2012

        Sorry, da war mein Beitrag unverständlich… Ich meinte damit die “Massenmedien” wie Spiegel usw.

  • Andres Müller - 27. Februar 2012

    @Lazarus “und dann die Scheiße von dem über die Verhältnisse gelebt ..”

    ich sehe das Problem kommt nicht von Individuen die über ihre Verhältnisse leben, sondern von solche die über unsere Verhältnisse leben.

    Erklärung:

    Es gibt derzeit drei zentrale Individuen die über unsere< Verhältnisse leben,

    -das sind erstens Oligarchen deren Besitzstand sich globalisiert hat und deren Geschäftshauptsitz sich an steuergünstigem Standort befindet. Dadurch wird der Gesellschaft Geld entzogen.

    -zweitens die führenden Manager von Grossbanken, sie verdienen viel zu viel.

    -und dann drittens die vielen Börsenspekulanten, sie leben immer über unsere Verhältnisse. Jeder Börsenaufschwung muss von der arbeitenden Bevölkerung bezahlt werden.

    Working poors können eigentlich nie über ihre Verhältnisse leben, und das sind immerhin 99% der Erdbevölkerung.

    • lazarus09 - 27. Februar 2012

      Geh mal raus und höre dich um …dieses “Wir waren alle viel zu teuer ” haben die meisten schon verinnerlicht .

      5£ für jedesmal ,wo ich das gehört habe gerade zu Zeiten Schröders ” Reformen” ,,Ahh geh’

  • mitwisser - 27. Februar 2012

    Interessant, dass die Iren seit Jahren solche Exportüberschüsse hin kriegen. Hätte ich erst mal nicht gedacht. Allerdings wundert es mich schon, mit welchen Waren die das hinkriegen. Zumal die im landwirtschaftlichen Bereich Nettoimporteur sind. Unter anderem reicht die Milch nicht. Da kommt die Milch aus dem Allgäu dann wieder als Kerrygold ins hiesige Kühlregal. Mit Rohstoffen siehts ebenfalls mau aus und viele der Fabriken die in den 80 und 90 er Jahren billige und willige Arbeitskräfte dort fanden haben wieder zugemacht, da die Kostenvorteile bald zusammenschnurrten und das Kapital bekanntlich ein flüchtiges Reh ist, schnell weitersprang.
    Das kanns wohl nur aus den Dienstleistungen kommen, Trotzdem bin ich erstaunt.

  • kurzdump - 27. Februar 2012

    Die Probleme Irlands, kann man – genau wie die der restlichen Welt – ganz einfach beschreiben. Ich stelle hier mal ganz provokant einige Thesen auf, vielleicht kann der ein oder andere Wirtschaftsphilosoph, Ökonom oder Soziologe das mal kritisch beleuchten:

    1. Kapitalismus, egal in welcher Form (z.B. Neoliberalismus), hat Akkumulation und Zentralisation von Kapital zur Folge
    2. Kapitalismus kann ohne fortschreitende Akkumulation nicht nachhaltig funktionieren
    3. Dadurch geht die Schere zwischen Arm und Reich im Zeitablauf zwangsweise immer weiter auf, wenn das Bevölkerungswachstum die relativen Verteilungen nicht ausgleichen kann – oder die Ressourcen sich verknappen.
    4. Das führt zu einem Nachfrageproblem und bringt soziale Spannungen mit sich
    5. Da die Akkumulation nicht aufgehalten werden kann, darf jede Gegensteuerung (Regulierungen, Steuern) niemals soweit gehen dass die Schere zwischen Arm und Reich sich in die Gegenrichtung bewegt
    6. Es gibt eine kritische Schwelle an der die sozialen Spannungen durch die Ungleichverteilung zu sozialen Unruhen führen
    7. Ebenso gibt es eine kritische Schwelle an der die sinkende Nachfrage durch Intervention der Notenbanken nicht mehr kompensiert, bzw. kaschiert werden kann, die Deflation nicht mehr verhindert werden kann
    8. Diese Deflation, die trotz Geldmengenausweitung und Leitzins Nahe Null auftritt, führt zu Arbeitslosigkeit, und Insolvenzen – privat wie geschäftlich, in weiterer Folge zu Aufständen und Unruhen.

    Egal wie man es betrachtet, am Ende stehen immer Unruhen.

    Warum wird die ungerechte Verteilung von Geld überhaupt akzeptiert? Und wo liegt die kritische Schwelle?

    Hier lehne ich mich etwas weiter aus dem Fenster und behaupte, dass die Schere zwischen Arm und Reich in unserem Gesellschaftssystem notwendig ist. Geld hat in unserer Gesellschaft die Funktion eines Herrschaftsinstrumentes. Je mehr Geld ein Mensch zur Verfügung hat desto größer ist sein Handlungsspielraum – seine Freiheit. Da im Prinzip jeder Einzelne die Chance hat, durch Ehrgeiz und Leistung sein Einkommen zu erhöhen, entsteht dadurch eine Motivation und eine Illusion der Gleichverteilung von Freiheit und Chancen. Das ist der Motor in unserem System, und es ist die Basis für die Legitimation der Herrschaft.
    Dass wir in einer Demokratie leben ändert an dieser Herrschaft nichts. Unsere gesellschaftliche Ordnung wird primär durch die Verteilung von Geld definiert, die Gesetzgebung, die Exekutive, Politik und Verwaltung sind lediglich „Stabsstellen“ mit Weisungsbefugnissen.
    Draus folgt, je mehr Geld man hat, desto mehr Macht kann man ausüben – sowohl auf die damit implizit (und intransparent) untergeordneten Hierarchieebenen, als auch auf die „Stabsstellen“.

    Die Legitimation unserer Herrschaft basiert daher auf freiwillige Unterwerfung, nicht auf gewaltsame Unterdrückung und auch nicht auf übernatürlichen Glaubensgrundsätzen (wie früher).

    Das Interesse der „Stabsstellen“ ist der Erhalt der öffentlichen Ordnung im Sinne der Geldverteilung. Wenn eine kritische Menge an Menschen aus den primären Machtstrukturen (Geld) herausfällt und damit nicht mehr der Illusion von Freiheit und Chancengleichheit erliegt, bricht die gesamte Ordnung zusammen – dann geht das Vertrauen in das Geld verloren. Die Legitimation der „Stabsstellen“ als (offizielle) Herrschaft ist dann nicht mehr gegeben. Dann wird die Ungerechtigkeit transparent und muss per Unterdrückung (Polizeistaat?) verteidigt werden. Der Staat, als Inhaber der „Stabsstellen“ wird dann unter schwierigsten Bedingungen dazu gezwungen sein, das Vertrauen in das Geld wiederherzustellen, denn es ist unmöglich eine Gesellschaft in dieser Größenordnung per Unterdrückung dauerhaft zu „motivieren“.

    • Frank Bell - 27. Februar 2012

      Sag mal, wie argumentierst du gegenüber Leuten, die steif und fest behaupten, dass die Probleme, die wir haben, dem zu starken eingreifen der Staaten in die Abläufe der Firmen und Banken herrührt.

      Mit anderen Worten:
      Solchen, die behaupten, wir hätten nicht zu viel Kapitalismus, sondern zu viel Sozialismus (Sozialhilfe, EU, Steuern, einfach zu viel “Staat”, man solle alles privatisieren).
      Bei eigentümlich frei finden sich ja zuhauf solche Meinungen. (Baader wird da gerade wie verrückt gefeiert.)
      Die sind auch der Meinung, dass ein ungehemmter Kapitalismus Reichtum für alle schafft, da dann nicht der “sozialistische” Staat, sondern der Arbeiter durch seine Kaufentscheidung den Kurs der Wirtschaft diktiert.

      • peterb - 27. Februar 2012

        “Die sind auch der Meinung, dass ein ungehemmter Kapitalismus Reichtum für alle schafft, da dann nicht der “sozialistische” Staat, sondern der Arbeiter durch seine Kaufentscheidung den Kurs der Wirtschaft diktiert.”

        Diese Argumentation ist – Entschuldigung – totaler Schwachsinn.
        Denn der “Arbeiter” braucht zum Kaufen erst mal Geld – und für eine wohlüberlegte Kaufentscheidung ausreichend Geld. Und ausreichend Information. Und genau das hat er nicht. Es bleibt ihm zumeist nichts anderes übrig, als zum preiswertesten (billigsten) zu greifen. Also zu den antibiotika-verseuchten Hühnchen zu 2,99 und nicht den gesund aufgewachsenen zu 12,99. Billiger lassen sich die nämlich nicht groß ziehen.
        (Und die nötigen Informationen kriegt er/sie meist auch erst dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist – sprich: Das Hühnchen in den Antibiotika-Eimer). Und wenn der eine Unternehmer ihm tatsächlich eine fürstliches Einkommen bescheren sollte, wird er von der Konkurrenz in Übersee mit Billigarbeitern ausgebootet oder von der Börse abgestraft…

        Und dieser ungebremste Kapitalismus ist ja genau das, was wir schon haben. Zwar nicht überall gleich, aber im Ansatz schon. Schau die China oder Indien an, oder, oder … Ist es da besser?

        Nein, ungebremster Kapitalismus muss aufgrund der schon im Ansatz bedingten völlig unterschiedlichen Kapitalakkumulation zu völlig ungleichen und immer mehr auseinander driftenden Machtverhältnissen führen. In der Theorie (!) behauptet er aber, es gäbe lauter gleich informierte und gleich “mächtige” Marktteilnehmer, die sich dazu auch nie kriminell betätigen. Was es in der Praxis natürlich nicht gibt.

        So ist es einer Frau Klatten durchaus möglich, ihre Finanzen in einem Offshore-Steuerparadies zu “optimieren”. Dem Arbeiter bleibt das verschlossen. Also “ungebremster Kapitalismus” führt zu Reichtum für alle? Eine unglaubliche Lüge.

        Verschwiegen wird immer, dass es gerade die erwähnte systembedingte völlig unterschiedliche Kapitalakkumulation völlig unterschiedliche Machtverhältnisse hervorruft – und zwar dergestallt, dass die Kapitalinhaber sich ihre Macht nicht mehr nehmen lassen. Durch was und von wem denn auch? Wieso haben wir in Steuergesetzgebung etc. einen Sozialismus für Reiche? Wieso werden Banken gerettet, aber Menschen nicht? Und, und, und…

        In einer endlichen Welt – und an die Grenzen der Ressourcen stoßen wir gerade – geht das Wachstum des Einen nur noch mit dem Verlust des anderen einher.
        Genug für alle ist da. Reichtum für alle ist nicht möglich.

      • Russe - 27. Februar 2012

        Ihr habt weder “Sozialismus”, noch “Kapitalismus”. Was passiert, wenn der Staat sich weitgehend raushält, kann man doch am Lehrbuchbsp. “Amiland” genau beobachten.
        __

        Hier trollt noch die (3.) Welt

        “Nicht die liberale Elite ist das Problem, sondern die Unterschicht. Deren Armut ist eine Folge moralischen Verfalls.”
        http://www.welt.de/politik/wahl/us-wahl-2012/article13888831/White-Trash-die-toedliche-Gefahr-fuer-Amerika.html

      • Tourist - 27. Februar 2012

        Ich würde den folgendes entgegenhalten!
        Das sie sowohl vom Sozialismus als auch vom Funktionieren des Kapitalismus so gut wie keine Ahnung haben und somit auch keine Ahnung davon haben, was Freiheit ansich bedeutet.

        • Russe - 28. Februar 2012

          keine Ahnung davon haben, was Freiheit ansich bedeutet.
          __

          Woher auch? An dem Westen hat man ein Exempel statuieren, was passiert wenn die Ex-Sklaven zu Herren werden, Spekulanten und Geldfälscher als angesehe Berufe gelten und die Kinder sein Geschlecht in der Schule “auswählen” dürfen.

  • dank - 27. Februar 2012

    “Sag mal, wie argumentierst du gegenüber Leuten, die steif und fest behaupten, dass die Probleme, die wir haben, dem zu starken eingreifen der Staaten in die Abläufe der Firmen und Banken herrührt.”

    Eigentlich wäre es in meinen Augen wünschenswert gewesen, wenn es kein “too big to fail” gegeben hätte. Der Staat weder bei Automobilherstellern Banken, Versicherungen noch bei den subventionierten Brache eingegriffen hätte, dann wären viele der großen Firmen wieder zerfallen und auch gefallen und hätten so das Feld für die kleineren neuen freigeben müssen. Da wären sicherlich nicht mehr viele der großen vorhanden, nach deren Fehlern.

    Einerseits schreien die NeoLib-Jünger nach weniger Staat und weniger Regeln und weniger Eingriff – auf der anderen Seite stehen sie weinend in der Ecke, wenn der Markt dann doch anders reagiert/funktioniert und sie ihre Lehre von den Staaten durch Schuldenaufnahme retten lassen müssen.

    Ob das gut für die Beschäftigten und den Staat und das ganze Gefüge gewesen wäre steht auf einem anderen Papier.
    Ungehemmter Kapitalismus steht für mich nach 30 Jahren so da, wie wir jetzt nach 60 Jahren – evtl sogar noch schlechter. Wenn alles privatisiert ist, wird der Arbeiter Sklave sein, mehr als das, was jetzt schon viele ausrufen. Die Menschen die “nur” ihre Arbeitskraft haben, werden als ebensolche ausgezerrt vom Kapital der anderen und diese schlachten sich die Sparschweine zu guter Letzt dann gegenseitig um noch Rendite erhalten zu können…

    Desto länger diese ganze Krise dauert und desto mehr ich erfahre, verliere ich den Glauben daran, das Geld und Sparen überhaupt Sinn macht und uns nicht eher hemmt als uns voranbringt.

  • M.E. - 27. Februar 2012

    Richtig, dank,
    das völlig überdehnte Schuldensystem beginnt uns klar zu lähmen. Weil kreditfinanziertes Wachstum der Realwirtschaft immer weniger möglich ist und die Zinslast den Staat, die Bürger und viele Firmen stranguliert.
    Die Liquiditätsflutungen werden schon vom Bankensystem selbst absorbiert. Deshalb klappt es ja auch mit der schuldenabwertenden Inflationierung nicht, weil die neugeschaffene Liquidität nicht in der Realwirtschaft ankommt.
    Das, was es derzeit an Inflation gibt, ist eher auf die Verteuerung von Ressourcen – zuallererst Energie – zurückzuführen.
    Wenn diese leicht preistreibenden Effekte durch eine Rezession auslaufen sollten, rutschen wir ganz schnell in eine Deflation. Musterbeispiel: Japan. Auch dort gibt es eine Liquiditätsflutung nach der anderen, ohne jeglichen inflatorischen Effekt. Genau das steht uns auch bevor.
    Erst wenn zumindest ein Teil der neugeschaffenen Liquidität in die Realwirtschaft Einzug hält, kann Inflation entstehen.

    Zum Bailout-Wahnsinn: klar hätte man nie damit beginnen dürfen. Nur war 2008 der Zug eigentlich schon abgefahren. Ohne die vielen Bailouts wäre das Finanzsystem bis auf die Fundamente zusammengebrochen.
    Nur nutzt das alles nichts. Die Überdehnung des Finanzsektors, die ja durch gelegentliche Kontraktionen notwendigerweise korrigiert werden müsste, schreitet pausenlos weiter voran. Kleine Teilkontraktionen (zum Beispiel der Immobilienmarkt in manchen Ländern) lösen das Problem nicht, weil durch die massiven Liquiditätsausweitungen andere Blasen um so mehr expandieren.
    Die größte Blase ist die Anleihenblase (nicht nur Staatsanleihen). Die ist dermaßen aufgeblasen, dass es eine sanfte Kontraktion nicht mehr geben kann. Das muss irgendwann implodieren, mit verheerenden Auswirkungen auf alle Strukturen des Finanzmarktes.

  • dank - 27. Februar 2012

    Wenn das mal in den oberen Etagen unserer Premium-”Vorzeigeindustrie” nicht für Unruhe sorgt:

    http://www.n-tv.de/wirtschaft/Bonzen-sollen-chinesisch-fahren-article5609521.html

    Würde aus so einer Empfehlung ein Gesetz und macht das Schule – dann wärs ganz schnell vorbei mit dem Lobgehuddel für die BRICS. Die Wachstumsmärkte verschwinden ins Nichts und dann kommt D mal richtig zwischen die Zange und später in die Pfanne.

  • Argonaut - 27. Februar 2012

    Heute im Bundestag vor der Abstimmung waren ja einige voll des Lobes über Irland -
    keine Ahnung ob sie zu viel Baileys intus hatten oder nicht aber sie sahen es u.a. als
    positives Beispiel / Argument für die zweite Griechenlandtranche.

    Generell was es von allen Beteiligten eine ziemlich blasse Vorstellung – kann man auch als Resignation deuten – selbt G.Gysi war heute nicht in “Form” mag aber seinen gegenwärtig
    anderen “diversen” Engagements liegen.

    Wie auch immer, ein langer “Phoenix-Tag” geht zu Ende wie jeder andere auch…….

  • Frank Bell - 27. Februar 2012

    Vielen Dank für eure Argumentationshilfen!

  • Michael - 27. Februar 2012

    Das sieht doch schon erträglicher aus. Die Frage heißt nicht Griechenland, Portugal oder Irland aus dem Euro. (Brenzlig würde es sowieso erst mit Spanien und Italien.) Sie heißt Euro ja oder nein. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, ich kann ohne Euro besser leben. Und zwar ohne Hetztiraden gegen andere Völker. Dieses Europa muß ein Europa der Menschen werden. Das geht mit oder ohne Euro. Jetzt mögen die VÖLKER abstimmen ! 99 % der Menschen Europas haben nichts, außer ihren Ketten zu verlieren ! 99 %, nämlich ALLE, die nicht Millionäre oder Milliardäre sind. WO IST DAS PROBLEM ? Es gibt keins, das man noch ernst nehmen müßte! Die wirklichen Systemprobleme, die es gab, sind durch. Jetzt lasst die Leute ihren Job machen. Sie werden beweisen, dass sie es können.

  • Lenzwer - 27. Februar 2012

    Lebt jemand von euch in Irland oder hat Verwandte und Freunde dort?

    Mich interessiert, wie sich die Lebensverhältnisse verändern und wie die Stimmung dort ist. Beispiel Hausverkauf, Schulden, was so aktuell ist.

    Ich bezweifle, das die Rettungsgelder jemals die Realwirtschaft ankurbeln, die Arbeitslosigkeit senken und den Menschen Hoffnung geben werden. Hier bedinen sich nur die Eliten.